Die Neuritis Vestibularis, auch bekannt als Neuropathia vestibularis, manifestiert sich als akuter, einseitiger Ausfall des Vestibularorgans, der entweder partiell oder vollständig sein kann. Drehschwindel stellt das Hauptsymptom dieser Erkrankung dar. Nach dem benignen paroxysmalen Lagerungsschwindel (BPLS) und dem Morbus Menière ist die Neuritis Vestibularis die dritthäufigste Ursache für peripher-vestibulären Schwindel. Sie tritt mit einer Inzidenz von etwa 3,5 pro 100.000 Menschen auf, wobei vor allem Erwachsene im Alter zwischen 30 und 60 Jahren betroffen sind.
Ursachen und Entstehung
Die Ätiologie der Neuritis Vestibularis ist bis heute nicht vollständig geklärt, jedoch wird eine virale Genese vermutet. Auch die Pathogenese ist derzeit noch unklar. Eine angenommene Theorie ist eine Durchblutungsstörung, insbesondere eine Einschränkung der Mikrozirkulation, die im Rahmen einer Infektion mit neurotropen Viren auftreten kann. Dies wird durch die Beobachtung gestützt, dass in etwa 60% der Fälle eine Reaktivierung von Herpes simplex Typ 1 Viren im Bereich des Nervus Vestibularis nachweisbar ist.
Akute Symptome und klinische Präsentation
Patienten mit Neuritis Vestibularis erleben plötzlich und ohne Vorwarnung aus völliger Gesundheit heraus einen starken Drehschwindel. Typische Prodromi oder spezifische Auslöser sind nicht bekannt. Der Schwindel ist in der Regel von Übelkeit und Erbrechen begleitet. Anders als beim Lagerungsschwindel ist der Schwindel permanent und nicht von der Körperlage abhängig, verstärkt sich aber bei Kopfbewegungen. Betroffene suchen instinktiv Ruhe. Zusätzlich können Scheinbewegungen der Umgebung, sogenannte Oszillopsien, auftreten.
In der klinischen Untersuchung zeigen sich eine Gangabweichung und eine Fallneigung zur betroffenen Seite. Häufig ist bereits ohne Frenzelbrille ein horizontal-rotierender Spontannystagmus sichtbar. Wichtig für die Differenzialdiagnostik ist das Fehlen von akuter Hörminderung oder Tinnitus, da diese Symptome eher auf andere vestibuläre Erkrankungen hindeuten. Die Diagnose der Neuritis Vestibularis erfolgt in der Regel durch Ausschluss anderer möglicher Ursachen.
Anamnese bei Schwindelbeschwerden
Eine sorgfältige Anamnese ist der erste und wichtigste Schritt bei der Diagnostik von Schwindel. Dabei sollten vier Hauptkategorien erfasst werden:
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- Art des Schwindels: Ist der Schwindel drehend oder schwankend? Ein Drehschwindel deutet eher auf eine peripher-vestibuläre Genese hin. Es ist auch wichtig, zwischen Gangunsicherheit (ohne Schwindelgefühl) und Benommenheit zu differenzieren.
- Zeitdauer des Schwindels: Dauert der Schwindel Sekunden, Minuten, Stunden oder Tage an? Die Dauer gibt wichtige Hinweise auf die zugrunde liegende Ursache.
- Modulierende Faktoren: Welche Faktoren beeinflussen den Schwindel? Tritt er nur beim Laufen, bei bestimmten Kopfbewegungen, beim Aufrichten des Körpers, bei körperlicher Anstrengung oder beim Heben/Arbeiten mit den Armen über dem Kopf auf? Auch Medikamenteneinnahme, neue Brillen oder bedeutende Lebensveränderungen können modulierend wirken. Hungerperioden bei Diabetikern können ebenfalls eine Rolle spielen.
- Zusätzliche Symptome: Treten neben dem Schwindel weitere Symptome auf, wie Erbrechen, Hörstörungen, Ohrenschmerzen, Druckgefühl im Ohr, Gefühllosigkeit oder Brennen in den Beinen, Sehstörungen, Tachykardie oder ängstliche/traurige Stimmung?
Typische Anamnese bei Neuritis Vestibularis
Ein Patient mit Neuritis Vestibularis berichtet typischerweise über einen plötzlich auftretenden Drehschwindel mit starker Übelkeit und Erbrechen. Oszillopsien können ebenfalls vorkommen. Der Schwindel wird meist durch Bewegung verstärkt, ist aber nicht lageabhängig. Die Beschwerden halten typischerweise tagelang an.
Klinische Untersuchung
Die hausärztliche Untersuchung umfasst die Erhebung eines allgemeinen Status, die Beurteilung der Kreislaufsituation inklusive Blutdruckmessung und eine Herzauskultation. Es sollte auf Zeichen von Herzinsuffizienz und Stauung geachtet werden. Auch eine Untersuchung der Halswirbelsäule ist wichtig.
Eine klinisch-neurologische Untersuchung sollte mindestens einen Reflexstatus, eine Sensibilitätsprüfung an den Beinen sowie die Durchführung eines Romberg-Stehversuchs und Unterberger-Tretversuchs umfassen. Zudem sollte überprüft werden, ob der Patient eine Diadochokinese, den Finger-Nase-Versuch und den Knie-Hacken-Versuch durchführen kann.
Die HNO-ärztliche Untersuchung umfasst neben der Spiegeluntersuchung eine Untersuchung auf Nystagmus einschließlich einer Lagerungs-Provokation. Ein horizontaler Kopfimpulstest sollte ebenfalls durchgeführt werden. Dieser Test überprüft den vestibulo-okulären Reflex (VOR). Ein pathologisches Ergebnis deutet mit hoher Wahrscheinlichkeit auf eine peripher-vestibuläre Ursache des Schwindels hin. Der Patient kann bei Fixation die Blickrichtung während passiver, rascher Kopfbewegung in Richtung der betroffenen Seite nicht halten, was zu Korrektursakkaden (sogenannten "Catch-up"-Sakkaden) führt.
Untersuchungsergebnisse bei Neuritis Vestibularis
Die HNO-Spiegeluntersuchung zeigt in der Regel keinen spezifischen pathologischen Befund, insbesondere ist das Trommelfell reizlos. Bei der Untersuchung mit der Frenzelbrille zeigt sich meist ein horizontaler oder rotatorischer Spontannystagmus zur gesunden Seite, der sich durch visuelle Fixation unterdrücken lässt und bei Aufhebung der Fixierung verstärkt. Der Kopfimpulstest ist pathologisch. Bei der Prüfung der vestibulospinalen Funktion im Romberg-Test fällt eine Fallneigung zur kranken Seite auf.
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Apparative Untersuchungen
Wenn der Kopfimpulstest keinen eindeutigen Befund liefert, empfiehlt die Leitlinie die Durchführung einer Elektronystagmographie (ENG) mit kalorischer Prüfung. Diese zeigt bei Neuritis Vestibularis eine Unter- oder Unerregbarkeit des ipsilateralen horizontalen Bogengangs. Bei Hinweisen auf eine zentrale Genese des Schwindels ist eine Bildgebung (z.B. MRT des Schädels) oder eine Liquorpunktion (bei Verdacht auf Hirnstammenzephalitis) indiziert. Vestibulär evozierte myogene Potentiale (VEMPs) des Musculus sternocleidomastoideus zur Überprüfung der Sakkulusfunktion sind in 30-50% der Fälle pathologisch.
Differentialdiagnosen
Wichtige Differentialdiagnosen zur Neuritis Vestibularis sind zentrale Ursachen wie Kleinhirninfarkte, Multiple Sklerose, Akustikusneurinome oder Läsionen der vestibulären Nervenkerne. Unauffällige Kopfimpulstests oder auffällige Abdecktests können den Verdacht auf eine zentrale Genese lenken.
Weitere Differentialdiagnosen sind:
- Benigner paroxysmaler Lagerungsschwindel (BPLS): Plötzlich einsetzender, starker Drehschwindel bei Lageänderung, der nur kurz anhält.
- Morbus Menière: Drehschwindelattacken, einseitiges Ohrgeräusch (Tinnitus) und einseitige Hörminderung.
- Bilaterale Vestibulopathie: Bewegungsabhängiger Schwankschwindel und Gangunsicherheit, die sich im Dunkeln und auf unebenem Boden verstärken.
- Vestibularisparoxysmie: Kurzzeitige Drehschwindelattacken, die durch Gefäß-Nerven-Kontakt verursacht werden.
- Phobischer Schwankschwindel: Wiederkehrendes Schwindelgefühl mit subjektiver Stand- und Gangunsicherheit ohne Sturz, oft ausgelöst durch typischen Situationen.
- Somatoformer Schwindel: Diffuser, unklarer Schwindel.
- Vestibuläre Migräne: Rezidivierende Schwindelattacken in Verbindung mit Migräne.
Therapie
Die Therapie der akuten Neuritis Vestibularis basiert auf drei Prinzipien:
- Symptomatische Therapie: Antivertiginosa sollten nur innerhalb der ersten Tage und bei schwerer Übelkeit/Erbrechen gegeben werden, da sie die zentrale Kompensation eines Vestibularausfalls verzögern können.
- Kausale Therapie: Glukokortikosteroide (z.B. Methylprednisolon) können die Erholung der peripher-vestibulären Funktion verbessern.
- Verbesserung der zentralen vestibulären Komponente: Förderung der zentralen Kompensation durch physikalische Therapie (vestibuläres Training).
Vestibuläres Training
Vestibuläre Trainingsprogramme umfassen willkürliche Augenbewegungen und Fixation zur Verbesserung der Blickstabilisation sowie aktive Kopfbewegungen zur Neueinrichtung des vestibulookulären Reflexes. Eine Mobilisation der Patienten ohne Erbrechen sowie Gehen ohne Hilfestellung ist meist innerhalb von 3-4 Tagen möglich. Die Beschwerden klingen nach 2-4 Wochen langsam ab. Viele Patienten benötigen 1-2 Monate, bis sie wieder voll arbeitsfähig und beschwerdefrei sind.
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Das vestibuläre Training (VRT) ist wissenschaftlich gut belegt und umfasst:
- Blickstabilisationstraining
- Gang- und Balanceübungen
- Stimulierung der Kopfbewegungen
- Verbesserung der posturalen Kontrolle
- Training bei Reizüberflutung (visuelles Training)
Ziel ist es, dass das Gehirn lernt, die Schwäche des Gleichgewichtsorgans zu kompensieren und andere Systeme (Sehen, Propriozeption) stärker zu nutzen. Individuell angepasste Heimübungen mit Kopfbewegungen mit Fixpunkt, Gleichgewichtsübungen und Gangtraining im Alltag unterstützen den Therapieerfolg.
Medikamente wie Dimenhydrinat oder Betahistin sind bei vestibulärer Hypofunktion nicht empfohlen, da sie die Anpassung behindern können. Bei schwerer beidseitiger Störung können technische Hilfen wie Sturzprophylaxe, Stock oder Rollator sinnvoll sein.
Prognose und Komplikationen
In 40-50% der Fälle tritt eine vollständige Restitution der Gleichgewichtsfunktion ein, während 20-30% nur eine partielle Restitution erreichen. In der Regel bilden sich die statischen Symptome wie Spontannystagmus, Schwindel und Fallneigung zurück, während dynamische Funktionsstörungen (z.B. Oszillopsien bei raschen Kopfbewegungen) bestehen bleiben können. Rezidive der Erkrankung sind selten und treten meist auf der vorher nicht betroffenen Seite auf (ca. 1,9% der Fälle).
Komplikationen können sein:
- Benigner paroxysmaler Lagerungsschwindel (BPLS) auf dem betroffenen Ohr (10-15% der Fälle).
- Übergang in einen phobischen Schwankschwindel.
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