Die Geschichte der Neurologie an der Charité

Die Charité, eines der renommiertesten Universitätskliniken Europas, blickt auf eine lange und bewegte Geschichte zurück, in der die Neurologie eine bedeutende Rolle spielte. Dieser Artikel beleuchtet die Entwicklung der Neurologie an der Charité, von ihren Anfängen bis zur heutigen Zeit, und würdigt die Pioniere, die dieses Fachgebiet geprägt haben.

Anfänge und Etablierung der Neurologie

Die Wurzeln der Neurologie an der Charité reichen bis ins frühe 19. Jahrhundert zurück. Zu dieser Zeit waren psychische und neurologische Erkrankungen eng miteinander verbunden und wurden gemeinsam in der "Irrenabteilung" der Charité behandelt. Ernst Horn (1774-1848) wurde 1808 als erster Professor für Psychiatrie in Deutschland an die Charité berufen. Obwohl Horn, wie später Griesinger, der Ansicht war, dass Geisteskrankheiten körperliche Leiden sind, ist er als glühender Verfechter und "phantasievoller" Entwickler von aktiven Zwangsmaßnahmen bekannt geworden. Drehstuhl, Drehbrett, Tretmühle sowie die langfristige Isolation durch Unterbringung in einem Sack waren grausame und sinnlose Therapieversuche, die schon damals Anlass für Angriffe gegen Horn boten.

Heinrich-Moritz Romberg (1795-1873), Leiter der Medizinischen Poliklinik der Charité, begründete durch die Herausgabe des ersten "Lehrbuch der Nerven-Krankheiten des Menschen" (1840) eine Neugestaltung der Medizin, in der der Neurologie neben der Inneren Medizin und Psychiatrie ein eigener Platz zugewiesen wurde. Wilhelm Griesinger (1817-1868) leitete zwischen 1865 und 1868 als erster Direktor die kombinierte neurologische und psychiatrische Abteilung und formulierte in einem klaren Bekenntnis das Dogma der neuen Generation von ´Irrenärzten´: "Geisteskrankheiten sind Hirnkrankheiten". Er konzipierte damit in Berlin eine neue Form der "Irrenanstalt", die nun mehr einem Krankenhaus als einem Gefängnis glich. Sein Schüler und Nachfolger Carl Westphal (1833-1890) war als erster ordentlicher Professor für Neurologie/Psychiatrie (1874) für die Einführung der Nervenheilkunde zum Lehrfach verantwortlich. Seine Name ist unter anderem mit der Entdeckung und Beschreibung des Kniesehnenreflexes des Edinger-Westphal Kernes, der Pseudosklerose (Morbus Wilson) und der Forschungen zu Erkrankungen des Rückenmarks verbunden.

Nachdem also Romberg wenige Jahre zuvor erstmalig die Umrisse einer unabhängigen Neurologie skizziert hatte, versuchte der ebenfalls aus der Inneren Medizin hervorgegangene Griesinger die Neurologie in die Psychiatrie einzuführen. Die Zugehörigkeit der Neurologie zur Psychiatrie oder Inneren Medizin bzw. deren Eigenständigkeit war in den folgenden Jahrzehnten ein heftig und kontrovers diskutiertes Thema der deutschen Universitätspolitik. Carl Wernicke (1848-1905) und Hermann Oppenheim (1858-1919) sind die wohl bekanntesten Mitarbeiter Westphals und Vertreter einer neuen Generation von auch neuropathologisch arbeitenden Neurologen, die sich in besonderer Weise der Korrelation morphologischer Veränderungen im Nervensystem mit klinischen Symptomen widmeten.

Pioniere der Neurologie an der Charité

Zahlreiche bedeutende Ärzte und Forscher haben die Entwicklung der Neurologie an der Charité geprägt. Zu den wichtigsten Pionieren gehören:

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  • Wilhelm Griesinger: Als erster Direktor der kombinierten neurologischen und psychiatrischen Abteilung setzte er sich für eine wissenschaftliche Fundierung der Psychiatrie und Neurologie ein.
  • Carl Westphal: Er war der erste ordentliche Professor für Neurologie/Psychiatrie und trug maßgeblich zur Etablierung der Nervenheilkunde als Lehrfach bei.
  • Carl Wernicke: Seine Forschungen zur Aphasie, einer Sprachstörung, die durch Schädigung bestimmter Hirnareale verursacht wird, waren bahnbrechend für das Verständnis der Hirnfunktionen.
  • Hermann Oppenheim: Er schuf mit seinem Lehrbuch der Nervenkrankheiten ein Standardwerk der modernen Neurologie.

Die Berliner Gesellschaft für Psychiatrie und Neurologie

Ein wichtiger Meilenstein in der Geschichte der Neurologie in Berlin war die Gründung der "Berliner medicinisch-psychologischen Gesellschaft" im Jahr 1867. Zu den Gründungsmitgliedern gehörten Wilhelm Griesinger und Carl Westphal. Die Gesellschaft widmete sich zunächst vor allem psychiatrischen Fragen, doch ab 1879 überwogen die neurologischen Themen. Dies führte 1879 zur Umbenennung in "Berliner Gesellschaft für Psychiatrie und Nervenkrankheiten". Die Dominanz der neurologischen Themen setzte sich bis in die 1930er Jahre fort.

Die Zeit des Nationalsozialismus

Die Zeit des Nationalsozialismus war ein dunkles Kapitel in der Geschichte der Charité und der deutschen Neurologie. Zahlreiche jüdische Ärzte und Forscher wurden verfolgt, vertrieben oder ermordet. Im Exodus ab 1933 mussten eine Reihe bedeutender jüdischer Wissenschaftler, Neurologen und Psychiater wie z.B. Paul Schuster, Franz Kramer, Erwin Straus, Arthur Kronfeld, Kurt Goldstein, Robert Hirschfeld, Max Bielschowski die Berliner Universität verlassen und emigrierten zumeist in die USA, nach England und Kanada. Nach Karl Bonhoeffers Emeritierung 1938 wurde ein Mitglied der NSDAP und der SS, Max de Crinis (1889-1945), neuer Leiter der Klinik. De Crinis war einflussreichster Nationalsozialist im Establishment der deutschen Psychiatrie. Er war ein Protagonist der "Aktion Gnadentod" vom Anfang bis zum Ende. Dieses Programm hatte zum Ziel, geistig Behinderte umzubringen und es wird vermutet, dass De Crinis die Worte in Hitlers Ermächtigungsschreiben vom 1. September 1939 zur Euthanasieaktion formuliert hat.

Die Verbrechen des Nationalsozialismus führten zu einem moralischen und disziplinären Trümmerfeld in der deutschen Neurologie. Entsprechend dem Beschluss der Beiratssitzung des "Vereins zur Geschichte der Psychiatrie an der Berliner Charité e.V." vom 14. Mai 2007 konnte am 9. April 2008 der umgestaltete Hörsaal und das Foyer der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie/ Neurologie eingeweiht werden. Mit einem kleinen Akt wurde die Skulptur von Frau Dorothea Buck (1917 - 2019; Nachruf auf Dorothea Buck in der New York Times), einer Künstlerin, die in der Zeit des Nationalsozialismus Opfer der Zwangssterilisation geworden ist, während der Klinikleitung von Prof. Heinz (Link zum CV ) eingeweiht. Sie steht jetzt direkt im Eingangsbereich der Klinik. Frau Buck schrieb dazu in einem Brief: "Die kleine Bronze Mutter und Kind als Modell einer 10- mal größeren Bronzegruppe drückt die Beziehung zwischen zwei Menschen aus, die auch in der heutigen Psychiatrie durch die immer noch unzureichenden Gespräche fehlt." Natürlich hoffen wir, dass Gespräche und Rücksicht auf den Willen der Patienten heute zum psychiatrischen Alltag gehören. Die bis dahin im Foyer befindliche Galerie der ehemaligen Lehrstuhlinhaber wechselte in diesem Zusammenhang ihren Ort. Entsprechend dem oben genannten Beschluss waren die Portraits danach im Hörsaal zu besichtigen, da die Auseinandersetzung über die Geschichte der Psychiatrie und die Verbrechen im Nationalsozialismus auch eine über den Ge- und Missbrauch der Wissenschaften ist. Die Galerie wurde im Zuge der Reproduktion der einzelnen Portraits im Sinne der Ehrlichkeit und Vollständigkeit des Umgangs mit der Geschichte entsprechend dem Beschluss des Beirats um die bis dahin fehlenden Portraits der Lehrstuhlinhaber in der Zeit des Nationalsozialismus ergänzt. 2013 wurde der Hörsaal umgestaltet, um die Idee der Aktion "Zerstörte Vielfalt" zu unterstützen, die an die im NS vertriebenen Kolleginnen und Kollegen erinnert.

Die Nachkriegszeit und die Teilung Berlins

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Charité wiederaufgebaut und die neurologische Forschung und Lehre neu organisiert. Die Teilung Berlins führte jedoch zu einer Spaltung der neurologischen Gemeinschaft. Im Westteil der Stadt wurde 1953 eine eigene "Berliner Gesellschaft für Psychiatrie und Neurologie" gegründet.

Die Neurologie an der Charité heute

Nach der Wiedervereinigung Berlins wurden die neurologischen Kliniken der Charité neu strukturiert. Heute ist die Neurologische Klinik der Charité eine der größten und renommiertesten neurologischen Einrichtungen Deutschlands. Sie deckt das gesamte Spektrum neurologischer Erkrankungen ab und bietet eine umfassende Patientenversorgung, Forschung und Lehre. Die Neurologische Klinik der Charité wird seit 1993 von Karl Max Einhäupl geleitet.

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Die Klinik und Poliklinik für Neurologie und Klinische Neurophysiologie der Freien Universität Berlin war 1969 am Universitätsklinikum Steglitz (ab 1994: UKBF) unter Leitung von Hans Schliack eröffnet worden, der 1972 dort auch die erste ordentliche Professur für Neurologie als eigenständiges Fach an den Berliner Universitäten übernahm.

In enger räumlicher, personeller und inhaltlicher Verzahnung mit der Neurologischen Klinik widmet sich die Abteilung unter der Leitung von Ulrich Dirnagl insbesondere der Schlaganfallforschung, der Erforschung der Mechanismen der Regulation der Hirndurchblutung sowie der Etablierung und Validierung von funktionellen und molekularen hirnbildgebenden Verfahren. Als weitere Forschungsschwerpunkte etablierte die Arbeitsgruppe Neurophysik unter Leitung von Gabriel Curio, die neuromagnetische Messtechnik (mit der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt Berlin), das Berliner EEG-basierte Brain-Computer Interface (mit der TU Berlin) sowie die Koordination der Charité-Projekte im Bernstein Center for Computational Neuroscience Berlin. In der ersten Runde der Exzellenzinitiative wurde die Graduiertenschule "Mind and Brain" bewilligt; sie wird von Arno Villinger und Michael Pauen geleitet. Sie ist eine gemeinsame Initiative der Geistes- und Sozialwissenschaften sowie der Lebenswissenschaften. Seit dem 1. September 2008 nimmt Karl Max Einhäupl das Amt des Vorstandsvorsitzenden der Charité wahr.

Ehrungen und Gedenken

Die Charité erinnert an die Opfer des Nationalsozialismus und ehrt die Verdienste ihrer bedeutenden Neurologen. Im Eingangsbereich der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie/Neurologie steht eine Skulptur von Dorothea Buck, einer Künstlerin, die Opfer der Zwangssterilisation wurde. Texttafeln informieren über die Auseinandersetzung um die Geschichte der Psychiatrie und die Verbrechen im Nationalsozialismus.

Prof. Dr. med. Hans Schliack hat am 26. Oktober 1999 seinen 80. Geburtstag gefeiert. Aus Anlass dieses besonderen Ereignisses wurde Hans Schliack von seiner letzten Wirkungsstätte, der Neurologischen Klinik der Medizinischen Hochschule Hannover, am 5. November 1999 mit einer akademischen Feier geehrt, und in Berlin wurde unter der Schirmherrschaft der Deutschen Gesellschaft für Neurologie e.V. am 12. und 13. November 1999 das Symposium "Geschichte der Neurologie in Berlin" veranstaltet. Die wissenschaftliche Laudatio der beiden Jubilare hielt Peter Marx, Berlin.

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