Die Pubertät ist eine turbulente Zeit des Wandels, in der sich Jugendliche nicht nur körperlich, sondern auch geistig und emotional stark verändern. Diese Veränderungen manifestieren sich oft in impulsiven Reaktionen, Melancholie oder Begeisterung für ungewöhnliche Idole, was Erwachsene vor Rätsel stellt. Um diese Phase besser zu verstehen, ist es hilfreich, die neurologischen Prozesse zu betrachten, die im Gehirn von Jugendlichen ablaufen.
Die Großbaustelle im Gehirn
Die Entwicklung des Gehirns während der Pubertät ähnelt einer Großbaustelle. Einzelne Teile müssen erst ihre richtige Form entwickeln, bevor sie sich in das Gesamtbild einfügen. Dieser Umbauprozess verläuft nicht gleichmäßig, sondern in unterschiedlichen Geschwindigkeiten.
Ab dem zehnten bis zwölften Lebensjahr setzen die Geschlechtshormone die körperliche Entwicklung zur geschlechtlichen Reife in Gang. Da jedoch alle Verhaltensweisen, die über Reflexe hinausgehen, mit der Hirnstruktur zusammenhängen, beeinflusst dieser Umbau auch die Persönlichkeit, den Charakter und das Ich-Bewusstsein der Jugendlichen. Es ist daher nicht verwunderlich, dass sich das Verhalten der Jugendlichen im Laufe dieses Prozesses verändert, manchmal unvorhersehbar und von einem Moment zum anderen.
Die Reifung der grauen und weißen Substanz
Zu Beginn der Pubertät kommt es zu einer "Reifung" der grauen Substanz der Großhirnrinde, die von den Nervenzellen und den Synapsen gebildet wird. Während der Kindheit werden viele dieser Verbindungen zwischen den Nervenzellen ausgebildet, insbesondere während Lernprozessen. Bei Jugendlichen wird jedoch ein großer Teil dieser Verbindungen wieder aufgelöst. Nur diejenigen, die tatsächlich immer wieder verwendet werden, bleiben erhalten.
Gleichzeitig werden die Nervenfasern ausgebaut, über die die Informationen zwischen den Nervenzellen schneller vermittelt werden. Dieser Ausbau führt zu einer Zunahme der sogenannten weißen Substanz. Dadurch wächst die Geschwindigkeit der Hirn- und damit der Denkprozesse - die Rechenleistung des Gehirns - um ein Vielfaches. Die Jugendlichen entwickeln die Fähigkeit, genauso "schnell" zu denken wie Erwachsene.
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Das limbische System übernimmt die Führung
Zu Beginn der Pubertät betrifft diese beschleunigte Denkfähigkeit zunächst Hirnteile, die für die Kontrolle der Bewegungen, für die Wahrnehmung, die Orientierung und die Sprache zuständig sind. Aufgrund der Reihenfolge, in der sich die verschiedenen Regionen verändern, unterliegt das Verhalten der Jugendlichen zunächst noch besonders stark dem Einfluss des sogenannten limbischen Systems.
Das limbische System ist eng mit den Emotionen verbunden. Insbesondere der Mandelkern (Amygdala), der Informationen von außen verarbeitet, spielt dabei eine wichtige Rolle. Ebenfalls starken Einfluss hat der Nucleus accumbens mit seinen Dopaminrezeptoren. Wird der Botenstoff Dopamin ausgeschüttet, so kommt es zu Glücksgefühlen. Menschen streben Umstände an, die diese Reaktion hervorrufen, wie gutes Essen oder Treffen mit Freunden. Aber auch Situationen, die aufgrund des Risikos einen "Kick" oder "Thrill" geben, können Dopamin freisetzen.
Da die Zahl der Dopaminrezeptoren bei Jugendlichen offenbar noch relativ klein ist, scheinen sie Situationen, die Erwachsene schon für aufregend halten, als wenig spannend wahrzunehmen. Sie brauchen stärkere Auslöser, was eine gewisse Neigung zu Drogen- und Alkoholkonsum erklären könnte, da Rauschmittel zur Ausschüttung von Dopamin führen.
Der unfertige Präfrontalcortex
Ein weiterer Grund für das leichtsinnige Verhalten von Jugendlichen ist die Tatsache, dass der Präfrontalcortex als eine der letzten Hirnregionen ausreift. Dieser Bereich hinter der Stirn ist für die Impulskontrolle und die Fähigkeit, längerfristig zu planen, zuständig. Er führt uns vor Augen, welche Konsequenzen unser Handeln haben kann, rät zur Vorsicht und lässt uns abwägen.
Bei Jugendlichen führt dieses Ungleichgewicht in der Entwicklung der Hirnregionen dazu, dass Gefühle schneller und stärker auf Entscheidungen und Verhalten - auch riskantes Verhalten - wirken als Vernunft und abgewogene Argumente. In der Folge reagieren Jugendliche während der Umbauarbeiten stärker als Erwachsene spontan mit Erregungszuständen wie Wut, Angst oder Aggressivität.
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Die Entwicklung des Selbstbewusstseins
Eine weitere wichtige Etappe während der Umbauarbeiten im Gehirn ist die Entwicklung des Selbstbewusstseins, die einigen Forschern zufolge mit Veränderungen bei den Rezeptoren im Gehirn für Oxytocin zusammenhängen soll. Dieses Hormon verstärkt offenbar soziale Bindungen und spielt in der Pubertät eine Rolle bei der Selbstwahrnehmung. Jugendliche haben zunehmend das Gefühl, im Zentrum der Welt zu stehen und diese ihren Wünschen entsprechend gestalten zu wollen. Dieses Gefühl geht einher mit dem Wunsch, selbstbewusst aufzutreten und etwas Besonderes zu sein. Da Gelassenheit ein Zeichen von großem Selbstbewusstsein ist, versuchen viele Jugendliche, dies mit Coolness und einer "Mir egal"-Haltung zu erwecken.
Mit der wachsenden Bedeutung der eigenen Identität wächst das Bestreben, sich von bisherigen Autoritäten wie den Eltern zu emanzipieren. Der Wunsch, Einfluss auf die Welt zu nehmen, führt bei manchen dazu, sich zu engagieren. Das Gefühl von Respekt und Aufmerksamkeit in der Gruppe sowie der Emanzipation von den Erwachsenen lässt sich aber auch erzeugen, indem man gegen Regeln verstößt. Wenn das Bedürfnis nach dem Kick dazukommt, kann es gefährlich werden. Hier liegt möglicherweise auch die Ursache dafür, dass Jugendliche vor allem in der Gruppe besondere Risiken eingehen, und nicht allein oder in Anwesenheit von Erwachsenen.
Schlafstörungen und psychische Probleme
Ein weiterer Punkt, der mit den Modifikationen im Gehirn zusammenhängen dürfte, ist die Neigung, lange wachzubleiben. Dahinter stecken offenbar Veränderungen im System des Hormons Melatonin bei Pubertierenden. Müssen die jugendlichen Nachteulen trotzdem früh aufstehen, kommt es zu Schlafmangel, der wiederum zu einer erhöhten Reizbarkeit und sogar zu einer Anfälligkeit für Depressionen führen kann.
Es darf jedoch nicht übersehen werden, dass bei einer Reihe von Jugendlichen gefährliche psychische Störungen und Erkrankungen auftreten können, wie Depressionen und Essstörungen. Extremer Alkoholkonsum in der Pubertät scheint bei manchen Jugendlichen das Risiko für eine spätere Alkoholabhängigkeit zu erhöhen. Experten raten Eltern und Bezugspersonen deshalb einerseits zur Gelassenheit gegenüber Jugendlichen, andererseits dürfen sie aber auch nicht allein gelassen werden.
Glück und Zufriedenheit in der Pubertät
Glücklichsein hat viele Gesichter. Manchmal ist es nur ein kurzer Augenblick der Hochstimmung, manchmal eine längerfristige, stille Zufriedenheit. Um zu verstehen, was im Gehirn passiert, wenn wir glücklich sind, ist es wichtig, zwischen „Glück“ und „Zufriedenheit“ zu differenzieren.
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Zufriedenheit ist ein positiv motivierter Zustand, das Gefühl innerer Ausgeglichenheit. Sie ist teils genetisch bestimmt, teils durch die Umwelt geprägt, etwa durch Bindungserfahrungen in der Kindheit. Wie zufrieden ein Mensch ist, kristallisiert sich bereits zwischen dem fünften und zehnten Lebensjahr heraus und bleibt zeitlebens weitgehend gleich. Biochemisch sind insbesondere drei Hirnbotenstoffe beteiligt: Serotonin, Dopamin und Oxytocin.
Das eigentliche Glücksgefühl entsteht durch einen Cocktail gehirneigener Opioide wie Endorphine. Es handelt sich dabei um eine kurzfristige positive Abweichung vom individuellen Zufriedenheitslevel, die sowohl Optimisten als auch Pessimisten kennen. Allerdings haben Optimisten mehr davon.
Veränderungen im Belohnungssystem
In der Pubertät verändern Jugendliche nicht nur ihr körperliches Aussehen, sondern auch das Gehirn durchläuft verschiedene Umbauprozesse, um effizienter arbeiten zu können. Mit der Pubertät gehen z.B. etwa 30% der Rezeptoren für den ‚Glücksbotenstoff’ Dopamin verloren. Er ist verantwortlich für das Belohnungssystem im Gehirn, d.h. dafür, welche Dinge Freude machen. Gefühle wie Desinteresse und Lustlosigkeit überwiegen deshalb häufig.
Um frühe Alarmzeichen einer krankhaften Störung zu erkennen, sollten Eltern die Hilfe ihres Kinder- und Jugendarztes in Anspruch nehmen. Wenn ein Teenager sich isoliert, sehr impulsiv reagiert und immer wieder die Aussichtslosigkeit betont, sollten Eltern Hilfe suchen.
Die Rolle von Dopamin und Oxytocin
Der Schlüssel dazu, warum gerade Teenager so belohnungsorientiert sind, liegt möglicherweise im sogenannten mesolimbischen System. Es ist auch bekannt als das Belohnungssystem des Gehirns, und der Hauptakteur in diesem System ist der Botenstoff Dopamin. Wird das Belohnungssystem gereizt, etwa durch Schokolade, oder mit einem Gewinn, wird der Botenstoff ausgeschüttet - und es stellt sich ein Glücksgefühl ein.
Auch das Hormon Oxytocin spielt eine Rolle bei der Selbstwahrnehmung und dem Wunsch nach sozialer Akzeptanz. Jugendliche haben zunehmend das Gefühl, im Zentrum der Welt zu stehen und diese ihren Wünschen entsprechend gestalten zu wollen. Dieses Gefühl geht einher mit dem Wunsch, selbstbewusst aufzutreten und etwas Besonderes zu sein.
Materielle vs. soziale Belohnungen
Entscheidend für die Neurobiologie und die Qualität des Glücks ist auch die Quelle der Freude. Materielle Belohnung wie Geldgeschenke oder Sex aktiviert vor allem den Nucleus accumbens im Zentrum des so genannten Belohnungssystems. Dieses Glücksgefühl ist nur von kurzer Dauer und verlangt schnell nach mehr. Länger wirken soziale Belohnungen, etwa Anerkennung und Freundschaft. Sie aktivieren Areale der Hirnrinde wie den orbitofrontalen und den insulären Cortex, in denen auf bewusster Ebene positive und negative Erfahrungen verarbeitet werden. Die beständigsten Glücksgefühle entstehen durch Tätigkeiten, in denen wir völlig aufgehen. Wenn es läuft, wie geschmiert - Psychologen und Neurologen sprechen vom Flow-Erlebnis - kommen Basalganglien ins Spiel. Sie sind Speicherort aller Gewohnheiten und Automatismen und sorgen dafür, dass reichlich gehirneigene Opioide rieseln, wenn wir Dinge „gekonnt“ ausführen und uns als selbstwirksam erleben.
Die Rolle der Eltern und Bezugspersonen
Die Metamorphose vom Kind zum Erwachsenen folgt also einer Art Programm, bei dem massive Umbauprozesse im Gehirn stattfinden. In dieser Zeit arbeitet das Gehirn - gemessen an den Vorstellungen und Erfahrungen eines Erwachsenen - nicht "normal". Die allermeisten Jugendlichen überstehen diesen geistigen Ausnahmezustand ohne negative Folgen - und umso besser, je verständnisvoller Eltern sie dabei unterstützen.
Tipps für Eltern
- Erkennen Sie an, dass viele Verhaltensweisen Ihres Kindes auf neurologische Veränderungen zurückzuführen sind.
- Trotz des Bedürfnisses nach Unabhängigkeit benötigen Jugendliche weiterhin klare Regeln und Strukturen. Diese geben Sicherheit und Orientierung.
- Führen Sie offene und ehrliche Gespräche mit Ihrem Kind. Zeigen Sie Interesse an seinen Gedanken und Gefühlen, ohne zu urteilen.
- Geben Sie Ihrem Kind die Möglichkeit, eigene Erfahrungen zu machen und Verantwortung zu übernehmen.
- Seien Sie präsent und bieten Sie Unterstützung an, ohne sich aufzudrängen.
Die Bedeutung von Vorbildern
Eine kanadische Studie hat ergeben, dass sich mehr als 70 Prozent aller Pubertierenden Eltern mit Vorbildcharakter wünschen (auch wenn sie es vielleicht nicht offen zugeben). Wie Eltern das gelingt?
- Aufklärung betreiben: Mit dem Kind offen über Sexualität zu reden, verringert die Wahrscheinlichkeit, dass sich emotionale Blockaden bilden. Regelmäßig die Gefühle des Pubertierenden zu erörtern, kann beiden Parteien helfen, einander besser zu verstehen.
- Feste Regeln einhalten: Klare Anweisungen und geregelte Anforderungen an das Kind helfen ihm dabei, sich in der Welt Verpflichtungen zu stellen, geregelte Abläufe einzuhalten und damit entgegen seiner Gefühlswelt Verantwortung zu übernehmen. Zu den Regeln gehört aber auch, dem Kind Freiheiten zu lassen - wie etwa eine gesicherte Privatsphäre.
- Streit lösen: Wichtig ist es, als autoritärer Elternteil die Oberhand zu behalten, ohne dabei handgreiflich zu werden. Am meisten lernt das Kind, wenn stattdessen gemeinsam eine Lösung gefunden und der Streit nicht langfristig fortgeführt wird.
- Vergesslichkeit akzeptieren: Während der Pubertät fällt einiges aus dem gedanklichen Raster. Wichtig ist es, von Elternseite keinen zusätzlichen Druck oder Stress aufzubauen - sondern gemeinsam Konzepte, wie zum Beispiel Wochenpläne, zu entwickeln.
Psychische Störungen in der Pubertät
In der Pubertät können auch psychische Störungen auftreten, die das Wohlbefinden und die Lebensqualität der Jugendlichen beeinträchtigen.
Prävalenz und Geschlechterunterschiede
Nach internationalen Studien leidet jeder fünfte Jugendliche an einer psychischen Störung. Während psychische Störungen vor der Pubertät häufiger beim männlichen als beim weiblichen Geschlecht auftreten, ändert sich dieses Verhältnis mit der Pubertät. Insbesondere die Häufigkeit introversiver Störungen nimmt in dieser Lebensphase beim weiblichen Geschlecht zu. Dagegen treten extroversive Störungen auch nach der Pubertät häufiger beim männlichen Geschlecht auf, nehmen aber während der Adoleszenz deutlicher beim weiblichen Geschlecht zu, so dass der geschlechtsbedingte Unterschied geringer wird.
Angststörungen
Auf der Basis der Bremer Jugendstudie leiden knapp 19 % aller Jugendlichen an einer Angststörung, meist an Phobien. Während sich die so genannte „Trennungsangst“ in der Adoleszenz zurückbildet, nehmen andere Angststörungen, insbesondere die soziale Phobie, die Agoraphobie und die generalisierte Angststörung zu. Die soziale Phobie birgt die Gefahr einer sekundären depressiven Entwicklung, Schulverweigerung, Alkohol- und Drogenmissbrauch sowie problematischer Internetnutzung.
Depressive Störungen
Die Lebenszeitprävalenz für 14- bis 24-jährige Jugendliche und junge Erwachsene wird mit circa 12 % angegeben. Neurobiologische Erklärungsmodelle für den Anstieg der Depression in der Adoleszenz weisen auf das Ungleichgewicht zwischen präfrontalen Hirnarealen und dem limbischen System hin.
Für die Entstehung einer Depression in der Adoleszenz werden spezifische und nichtspezifische Risikofaktoren verantwortlich gemacht. Zu den spezifischen Risikofaktoren gehören eine familiäre Belastung mit affektiven Erkrankungen, ein negativer kognitiver Stil sowie bedeutende Verlusterfahrungen. Zu den unspezifischen Risikofaktoren gehören Armut, Gewalt- und negative Lebenserfahrungen sowie soziale Isolation.
Essstörungen
Wenn auch die Essstörungen im Kindesalter in jüngster Zeit zugenommen haben, liegt ihr Inzidenzgipfel dennoch in der Adoleszenz. Ursache hierfür ist möglicherweise eine weitere Vorverlegung der Pubertät. Ein Menarchealter vor dem 12. Lebensjahr gilt als Risikofaktor für Anorexia nervosa.
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