Die neurologische Versorgung im Landkreis Biberach steht vor Veränderungen. Die geplante Schließung des Standortes der Fachklinik für Neurologie Dietenbronn (FND) in Schwendi zum 31. Dezember 2021 und die damit einhergehende gesellschaftsrechtliche Verschmelzung mit den Sana Kliniken Landkreis Biberach GmbH werfen Fragen auf. Ziel dieser Maßnahmen ist es, eine langfristig stabile ambulante und stationäre Versorgung von MS-Patienten in der Region auf hohem Niveau sicherzustellen. Dieser Artikel beleuchtet die Hintergründe, Auswirkungen und Zukunftsperspektiven dieser Entwicklung.
Hintergründe der Standortaufgabe Dietenbronn
Bereits im Juni 2019 wurde die Aufgabe des Standortes der FND kommuniziert. Hauptgrund dafür war der anhaltende Trend zur Ambulantisierung, der zu einer rückläufigen stationären Nachfrage führte. Solitäre Einrichtungen wie die FND stehen dadurch vor großen Herausforderungen, da sie nicht in eine umfassende neurologische Versorgungsstruktur eingebunden sind und keine fachbereichsübergreifenden Synergieeffekte erzielen können. Besonders betroffen ist Dietenbronn mit seinem MS-Schwerpunkt.
Die wirtschaftliche Situation der FND hat sich durch den Rückgang des stationären Betriebs und die Corona-Pandemie, die den Trend zur ambulanten Behandlung noch verstärkte, stetig verschlechtert. Die stationären Fallzahlen sind seit 2016 um fast 1180 gesunken und werden bis Ende 2021 voraussichtlich um über 50 Prozent im Vergleich zu 2016 zurückgehen.
Die Verschmelzung mit den Sana Kliniken Landkreis Biberach
Um die neurologische Versorgung im Landkreis Biberach zukunftssicher zu gestalten, soll die FND auf die Sana Kliniken Landkreis Biberach GmbH verschmolzen werden. Die Sana Kliniken Landkreis Biberach GmbH wird als Rechtsnachfolger in alle bestehenden Verträge, einschließlich der Arbeitsverträge der Mitarbeiter aus Dietenbronn, eintreten. Diese Mitarbeiter werden in die Kliniken in Biberach und Laupheim integriert.
Die neurologische Versorgung im Landkreis Biberach soll über die Sana Klinik Biberach auf hohem medizinischem Niveau sichergestellt werden. Die Kompetenzen aus Dietenbronn sollen zukünftig in Biberach sowohl ambulante Versorgungsangebote als auch die stationäre Versorgung, einschließlich der von MS-Patienten, im Rahmen der bestehenden neurologischen Abteilung ermöglichen.
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Ambulante Leistungen und MS-Versorgung
Die Spezialsprechstunde für entzündliche ZNS-Erkrankungen, einschließlich der Multiplen Sklerose (MS), ist ein wichtiger Bestandteil der ambulanten Leistungen. Diese Sprechstunde umfasst die Diagnostik und Therapie von inflammatorischen Erkrankungen wie MS, Neuromyelitis optica (Devic) und ADEM, Neuroborreliose, anderen ZNS-Infektionen und ZNS-Vaskulitis. Im klinischen Bereich werden Differenzialdiagnose und Differentialtherapie der MS in Abhängigkeit vom Krankheitsstadium durchgeführt.
Die Diagnostik umfasst neben der standardisierten klinischen Untersuchung moderne bilddiagnostische Methoden (standardisierte Messung des Hirnparenchyms, optische Kohärenztomographie (OCT)) und aktuelle neurochemische Untersuchungen im Liquor. Im Bereich der Kausaltherapie der MS werden alle therapeutischen Optionen (Immunmodulatoren, Immunsuppression, Plasmaaustausch, Immunadsorption) angeboten, wobei sich an den Empfehlungen der Therapie-Konsensusgruppe des klinischen Kompetenznetzes für MS (KKNMS) orientiert wird.
Die Klinik ist seit 2007 durch die Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft Bundesverband e.V. als „anerkanntes MS-Zentrum“ zertifiziert und im Rahmen des Klinischen Kompetenznetzwerkes für Multiple Sklerose (KKNMS) als Referenzzentrum anerkannt.
Kooperationen und Spezialisierung
Das Sana Klinikum in Biberach ist die Erstanlaufstelle für Patienten aus dem Landkreis. Im Rahmen der bestehenden Kooperation mit dem Biberacher Sana Klinikum stehen auch die Universitäts- und Rehabilitationskliniken Ulm (RKU) mit ihren hochspezialisierten neurologischen Strukturen inklusive MS-Schwerpunkt und Hochschulambulanz zur Verfügung, insbesondere für medizinisch sehr komplexe MS-Fälle. Am RKU gibt es Überlegungen, den MS-Schwerpunkt mit zusätzlichen Versorgungsangeboten weiter auszubauen.
Therapiestudien und Forschung
In der Ambulanz Multiple Sklerose (MS) haben in den letzten Monaten klinische Studien begonnen. Die wissenschaftlichen Schwerpunkte umfassen sowohl den diagnostischen als auch den therapeutischen Bereich. Im diagnostischen Bereich liegt der Fokus auf der Identifizierung und Evaluation von objektivierbaren Verlaufsparametern für die Krankheitsaktivität mittels Bildgebung (MRT, OCT) und Biomarkern im Liquor und im Serum (z. B. neuronale, gliale und immunologische Marker).
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Für die weitere Entwicklung wirksamerer Therapiestrategien werden im Studienzentrum klinische Prüfungen durchgeführt, die entweder monozentrisch durchgeführt werden oder Teil multizentrischer nationaler und internationaler Therapiestudien sind (Beta-Interferone, Glatirameracetat, monoklonale Antikörper (Natalizumab, Rituximab, Alemtuzumab), orale Immunmodulatoren (Fingolimod, Teriflunomid, 3,4-Aminopyridin, Fumarsäure, Laquinimod)). Ziel dieser Studien ist die Untersuchung der Verträglichkeit sowie der Wirksamkeitsnachweis neuerer einzelner oder kombinierter Präparate, die aufgrund ihrer günstigeren Anwendbarkeit oder anderem Wirkmechanismus eine Alternative oder Ergänzung zu den etablierten Immunodulatoren darstellen können.
Regelmäßig werden Informationsveranstaltungen für Betroffene und Angehörige (in Kooperation mit der Selbsthilfegruppe AMSEL, der Fachklinik Dietenbronn und MS-Schwerpunktpraxen) und Symposien für Ärzte über aktuelle Entwicklungen auf dem Gebiet der Multiplen Sklerose durchgeführt.
Herausforderungen und Kritik
Trotz der Bemühungen um eine zukunftssichere Lösung gibt es auch kritische Stimmen. Einige Patienten bemängeln die Organisation und das Wissen der Stationsärzte in der Klinik Dietenbronn. Es wird von dilletantischer Arbeit, nicht nachvollziehbaren Abläufen und falschen Arztbriefen berichtet. Auch hygienische Mängel und Personalüberlastung werden kritisiert.
Einige Patienten berichten von positiven Erfahrungen mit der ärztlichen Betreuung und dem Pflegepersonal, während andere negative Erfahrungen gemacht haben. Es gibt Berichte über lange Wartezeiten, fehlende Erklärungen zu Medikamenten und mangelnde Empathie.
Die Schließung des tagesklinischen Angebots für MS-Patienten in Dietenbronn könnte sich negativ auf den Zustrom von überregionalen Patienten auswirken.
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Positive Aspekte und Erfahrungen
Viele Patienten berichten von positiven Erfahrungen in der neurologischen Klinik Dietenbronn. Sie loben die fürsorgliche, freundliche und kompetente Betreuung durch Ärzte und Pflegepersonal. Die Ärzte nehmen sich Zeit für die Diagnostik und erklären alles ausführlich. Das Pflegepersonal ist liebevoll und hilfsbereit.
Besonders hervorgehoben wird die gute Physiotherapie und Ergotherapie. Einige Patienten kommen seit Jahren regelmäßig nach Dietenbronn, um von diesen Therapien zu profitieren.
Die Zimmer sind großzügig und das Essen ist für ein Krankenhaus in Ordnung. Die Atmosphäre im Haus wird als angenehm empfunden.
Zukünftige Perspektiven
Die neurologische Versorgung im Landkreis Biberach steht vor einem Wandel. Die Schließung des Standortes Dietenbronn und die Verschmelzung mit den Sana Kliniken sollen die Versorgung zukunftssicher gestalten. Es bleibt abzuwarten, wie sich die ambulanten Leistungen und die MS-Versorgung in Biberach entwickeln werden.
Es ist wichtig, dass die Kompetenzen aus Dietenbronn erhalten bleiben und in die Sana Klinik integriert werden. Die Kooperation mit den Universitäts- und Rehabilitationskliniken Ulm (RKU) bietet die Möglichkeit, auch weiterhin hochspezialisierte neurologische Leistungen anzubieten.
Die Therapiestudien und die Forschung im Bereich der Multiplen Sklerose sind von großer Bedeutung für die Entwicklung neuer und wirksamerer Therapien.
Es ist entscheidend, dass die Patienten weiterhin eine gute und umfassende neurologische Versorgung erhalten. Die kritischen Stimmen sollten ernst genommen werden, um die Qualität der Versorgung kontinuierlich zu verbessern.
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