Gedächtnisstörungen können viele Ursachen haben und nicht immer handelt es sich um eine Demenz. Verschiedene körperliche Erkrankungen, wie z.B. Entzündungen, Stoffwechselerkrankungen, Durchblutungsstörungen, Stress, Überarbeitung und eine Vielzahl psychischer Erkrankungen, etwa Depressionen, können zu Gedächtnisstörungen führen. Um Klarheit zu erhalten, ist eine zeitnahe Diagnostik hilfreich.
Ursachen von Gedächtnisverlust
Wenn man bei sich selbst oder bei einem Angehörigen eine gesteigerte Vergesslichkeit oder andere kognitive Probleme bemerkt, können sich dahinter zahlreiche Ursachen verbergen, die einer unterschiedlichen Behandlung bedürfen.
Differenzierung der Gedächtnisstörung
Es ist wichtig zu differenzieren, ob es sich um eine Demenz, ein Delir, eine leichte kognitive Störung (LKS) oder eine Pseudodemenz handelt. Die wichtigste Ursache ist die „leichte kognitive Störung“ (LKS), die oft gutartiger Natur ist und dann im Verlauf zu keinen schwereren kognitiven Ausfällen führt. Eine LKS kann sich aber im Verlauf durchaus auch in eine Demenz wandeln, die durch mehr oder weniger starke Beeinträchtigungen im Alltag gekennzeichnet ist.
Kognitive Störungen können bei älteren Menschen auch im Rahmen schwerer körperlicher Erkrankungen wie Lungenentzündungen oder Stoffwechselentgleisungen auftreten. Dann spricht man von einem Delir, das oft (aber nicht immer) mit erfolgreicher Behandlung der Grunderkrankung wieder verschwindet. Schließlich können auch Depressionen oder Stressfaktoren die geistige Leistungsfähigkeit in Mitleidenschaft ziehen (sogenannte Pseudodemenz).
Treten jedoch im Alter erste Gedächtnisstörungen und Vergesslichkeit auf und lässt die mentale Leistungsfähigkeit nach, kann dies ein deutliches Zeichen für eine Demenzerkrankung sein. „Eine Demenz umfasst verschiedene Krankheitsbilder und zieht nach und nach das ganze Sein des Betroffenen in Mitleidenschaft: ihre oder seine Wahrnehmung, Verhalten und Erleben“, sagt der Experte. Bis zu 1,6 Millionen Menschen sind in Deutschland an Demenz erkrankt. „Die Alzheimer-Demenz beginnt schleichend, wird aber von den Betroffenen bewusst registriert und oft aus Scham, Wut und Angst verdrängt. Leichte Gedächtnislücken, Stimmungsschwankungen, erste Sprachschwierigkeiten, örtliche und zeitliche Orientierungsstörungen werden oft nach außen verharmlost. Hier sollte sich die oder der Betroffene aber unbedingt einer Ärztin bzw. einem Arzt vorstellen.
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Transiente globale Amnesie (TGA)
Die transiente globale Amnesie (TGA) ist eine vorübergehende Störung der Merkfähigkeit, die zwar harmlos ist, aber für Betroffene und Angehörige sehr beunruhigend sein kann. „Patient*innen mit TGA sind im Akutstadium bezüglich Zeit, Ort und Situation desorientiert und fragen immer wieder nach, was gerade passiert ist oder nach dem aktuellen Datum“, sagt PD Dr. Jochen Brich, Oberarzt an der Klinik für Neurologie und Neurophysiologie des Universitätsklinikums Freiburg und Sektionsleiter Neurologie im Universitäts-Notfallzentrum.
Bei einer TGA erleben Betroffene vor allem eine antero- und weniger stark auch eine retrograde Amnesie. Das bedeutet, dass das Gehirn in dieser Phase keine neuen Informationen abspeichern kann und sie deshalb immer wieder dieselben Fragen stellen. Gleichzeitig haben sie Schwierigkeiten, vorhandene Erinnerungen abzurufen - vor allem aus der jüngeren Vergangenheit. Andere kognitive Fähigkeiten bleiben davon unberührt.
Am Häufigsten sind Menschen zwischen 50 und 70 Jahren betroffen. Bei rund 75 Prozent der Patient*innen unterstützen mögliche Auslöser der TGA die Diagnosestellung: Emotionaler Stress, ausgeprägte körperliche Anstrengungen, Geschlechtsverkehr oder ein Sprung ins kalte Wasser. So schnell, wie die Erkrankung auftritt, verschwindet sie auch wieder: In der Regel bilden sich die Symptome langsam nach vier bis fünf Stunden zurück, maximal halten sie 24 Stunden an. Ist die Episode vorüber, kommen auch die Erinnerungen zurück. Lediglich die Zeit während der Akutphase der TGA hinterlässt bei den Betroffenen eine Erinnerungslücke.
Diagnose von Gedächtnisverlust
Um die Ursache von Gedächtnisstörungen zu ermitteln, ist eine umfassende Diagnostik erforderlich.
Anamnese und neurologische Untersuchung
„Es ist wichtig, andere mögliche Ursachen für Gedächtnisverlust auszuschließen, wie zum Beispiel Schlaganfälle oder epileptische Anfälle. Die genaue Anamnese und eine sorgfältige neurologische Untersuchung mit speziellen Amnesie-Tests sind entscheidend für die Diagnose einer TGA", sagt Brich.
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Gedächtnisambulanz
In einer Gedächtnisambulanz erwartet Sie eine umfassende Diagnostik mit anschließender Beratung und Behandlungsempfehlungen nach neusten wissenschaftlichen Erkenntnissen und gemäß aktueller klinischer Leitlinien. Der universitäre Standort ermöglicht eine interdisziplinäre Zusammenarbeit und eine moderne apparative Diagnostik.
Ablauf in der Gedächtnisambulanz
Zunächst findet eine ausführliche ärztliche Untersuchung statt, in welcher Ihre Beschwerden, Ihre Vorgeschichte und Vorerkrankungen erfasst werden. Ihr Einverständnis vorausgesetzt, befragen wir dazu auch Ihre Bezugspersonen, z.B. Verwandte oder Ihnen nahestehende Bekannte. Um einen ersten Eindruck über Ihre Beschwerden zu erhalten, führen wir mit Ihnen einige standardisierte Tests durch. Routinemäßig findet eine Blutentnahme und eine Untersuchung des Herzens (EKG) statt.
Weitere Untersuchungen können sich zusätzlich individuell aus den bereits vorliegenden Befunden und aktuellen Untersuchungsergebnissen ergeben. Nach Abschluss der Diagnostik werden wir Sie in einem ärztlichen Gespräch über die Ergebnisse und die Behandlungsvorschläge informieren.
Mögliche Untersuchungen
Über die jeweils erforderlichen Untersuchungen werde Sie vorab ausführlich aufgeklärt und erhalten selbstverständlich hierfür auch eine angemessene Bedenkzeit. Sämtliche Untersuchungen werden nur mit Ihrem Einverständnis durchgeführt.
- Ausführliche Untersuchung durch Fachärzte für Psychiatrie und Psychotherapie und Fachärzte für Neurologie
- Befragung von Bezugspersonen (Verwandte oder nahe stehende Bekannte)
- Fachärztliche Beurteilung der Vorbefunde
- Untersuchung von Blut, Urin und bei Bedarf auch Nervenwasser (Liquor)
- Herzuntersuchung (EKG)
- kognitiven Leistung
- Messung der Gehirnströme (EEG)
- Untersuchung der Gehirnversorgung (Duplex)
- Bildgebung des Gehirns (cCT, cMRT, Kernspintomographie) - Kooperation mit der Klinik für Diagnostische und Interventionelle Neuroradiologie am UKS
- Untersuchung des Energieverbrauchs des Gehirns (FDG-PET) - Kooperation mit der Klinik für Nuklearmedizin am UKS
- Darstellung demenztypischer Stoffwechselablagerungen im Gehirn (sog. „Amyloid-PET“) - Kooperation mit der Klinik für Nuklearmedizin am UKS
Gedächtnissprechstunden
Gedächtnissprechstunden sind spezialisierte Einrichtungen zur Untersuchung von Gedächtnisstörungen. Hier findet eine differenzierte Diagnostik statt. Die Angliederung an eine Krankenhausabteilung ermöglicht ambulante und auch teilstationäre Untersuchungen. Für die Untersuchung in einer Gedächtnissprechstunde ist eine Überweisung durch den Hausarzt oder Neurologen erforderlich.
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Diagnostischer Ablauf in der Uniklinik Köln
Um einen reibungslosen Ablauf mit möglichst geringen Wartezeiten zu gewährleisten, sind die Untersuchungen auf mehrere Termine verteilt.
1. Termin
Der erste Termin findet montags oder dienstags in der Gedächtnissprechstunde der Klinik und Poliklinik für Neurologie der Uniklinik Köln statt. An diesem Termin wird durch einen Arzt oder eine Ärztin die Anamnese erhoben, geprüft welche Untersuchungen bereits veranlasst wurden und welche weiteren Untersuchungen sinnvoll und noch notwendig sind. Das ärztliche Gespräch nimmt ungefähr 30-45 Minuten in Anspruch. Da Informationen von Angehörigen sehr wichtig sind, sollten diese wenn möglich auch an diesem Termin teilnehmen.
Im Anschluss findet durch unsere Neuropsychologen und Neuropsychologinnen eine ausführliche neuropsychologische Testung statt, die je nach Fragestellung etwa 0.5-2 Stunden dauert. Bei der Testung werden verschiedene Verfahren angewendet, die Gedächtnis, Aufmerksamkeit und weitere kognitive Bereiche überprüfen.
Es ist hilfreich, wenn der Patient bzw. die Patientin zu diesem Termin Vorbefunde, bereits durchgeführte Aufnahmen vom Kopf (CT, MRT) und - falls benötigt - die Brille und das Hörgerät mitbringt. Am Ende dieses Termins wird festgelegt, welche weiteren Schritte folgen.
2. Termin
Der zweite Termin findet in Abhängigkeit von den Ergebnissen des ersten Termins statt. Sollte am ersten Termin festgestellt werden, dass eine Untersuchung des Nervenwasser (Liquorpunktion) zur Klärung der Fragestellung nötig sein, kommt es zu einem ambulanten Aufenthalt in der Neurologie (morgens bis nachmittags). Zunächst erfolgt eine erneute ärztliche Untersuchung, dann wird Blut für eine ausführliche Blutuntersuchung entnommen, um sicher zu stellen, dass eine Liquorpunktion ohne erhöhtes Blutungsrisiko durchgeführt werden kann. Sind die Ergebnisse der Blutuntersuchung normwertig, erfolgt im Anschluss die Liquorpunktion zur Analyse von speziellen Demenzmarkern. Nach einer kurzen Abschlussuntersuchung erfolgt die Entlassung.
Eine MRT (Magnetresonanztomographie), bzw. eine CT (Computertomographie) falls eine MRT aus unterschiedlichen Gründen (z. B. Herzschrittmacher) nicht möglich sein sollte, ist ambulant in einer radiologischen Praxis oder Klinik durchzuführen. Die Bilder sollten auf CD mit zu den Terminen mitgebracht werden (der Befund ist nicht ausreichend).
3. Termin
Der dritte Termin findet ambulant erneut im Rahmen der Gedächtnissprechstunde statt. An diesem Termin bespricht ein Arzt oder eine Ärztin mit dem Patienten bzw. der Patientin und seinen Angehörigen die Ergebnisse der Untersuchungen.
Sollten die bisherigen Untersuchungen eine klare Ursache der Beschwerden erbracht haben, werde mögliche Behandlungsansätze besprochen. Neben einer medikamentösen Therapie bietet sich von Fall zu Fall die Möglichkeit zur Teilnahme an Interventionsstudien, in denen z. B. mittels Gedächtnistrainings, körperlicher Aktivität und/ oder Transkranieller Magnetstimulation positive Effekte auf die Gedächtnisleistung zu erzielen sind.
Sollte die Ursache weiterhin unklar verblieben sein, wir geprüft ob weitere diagnostische Schritte wie z. B. eine PET (Positronenemissionstomographie) durchgeführt werden sollte.
Klärung der Gedächtnisstörung
Ein Demenzverdacht stützt sich auf die Berichte des Patienten und seiner Angehörigen, die neurologische Untersuchung inklusive einer orientierenden Einschätzung der Kognition. Bei Auffälligkeiten im Sinne einer Demenz oder LKS bieten wir eine gründliche neuropsychologische Untersuchung an, in der ggf. die subjektiv geklagten Beschwerden objektiviert werden können. Im Falle eines Demenzverdachtes sind dann in der Regel weitere Untersuchungen wie Kernspintomographie (MRT), Labor- und Liquoranalysen erforderlich, um die eigentliche Demenzursache (zum Beispiel Alzheimerkrankheit, Parkinsonkrankheit, vaskuläre Demenz, frontotemporale Demenz) zu erkennen.
Therapie von Gedächtnisverlust
Die Behandlung von Gedächtnisstörungen richtet sich nach der zugrunde liegenden Ursache. Viele dieser Erkrankungen können erfolgreich behandelt und, sofern sie rechtzeitig erkannt sind, zum Teil auch vollständig geheilt werden.
Behandlungsmöglichkeiten
Je nach Erkrankung stehen eine Vielzahl medikamentöser und nicht-medikamentöser Therapieansätze zur Verfügung. Unser Team aus Ärzten, Psychologen, Sozialarbeitern und Pflegekräften erarbeitet für Sie ein individuelles Behandlungskonzept.
Medikamentöse Therapie
Im Falle einer Demenzerkrankung können Medikamente ein rasches Fortschreiten der Erkrankung teilweise bremsen. Je nach Demenzursache empfehlen wir therapeutisch den Einsatz von sogenannten Antidementiva (vor allem bei Alzheimer-Demenz). Medikamente wirken vorrangig in einem leichten Stadium, wenn also eine Demenzerkrankung noch nicht fortgeschritten ist.
Nicht-medikamentöse Therapie
Auch hier wirkt sich neben der medikamentösen Therapie geistige Aktivität aus. Intellektuell tätige Menschen erkranken zwar nicht seltener an der Alzheimer-Krankheit, können aber der Erkrankung länger etwas entgegensetzen, wenn sie ihre Aktivitäten beibehalten.
Behandlung der TGA
Eine akute Therapie gibt es nicht. „Das Wichtigste ist, die Betroffenen und die Angehörigen zu beruhigen und ihnen zu erklären, dass die Symptome vorübergehend sind und keine bleibenden Schäden hinterlassen“, so Brich.
Studien und Forschung
Unsere Klinik ist federführend bei multiplen nationalen/internationalen Forschungsverbünden zum Thema Genetik, (Früh)-Diagnostik und Therapie neurodegenerativer Erkrankungen. Sollten Sie für eine Teilnahme an einer unserer Studien geeignet sein, stehen Ihnen zudem innovative und erfolgversprechende Therapieoptionen zu Verfügung.
Cogniket-Studie
Eine leichte kognitive Beeinträchtigung (LKB) wird diagnostiziert, wenn bei einer Person ein leichter Rückgang der Gedächtnis- und Denkfähigkeit auftritt, der über dem durch das typische Altern erwarteten, Niveau liegt.
Der Hauptzweck der Cogniket Studie ist die Beurteilung der Wirkungen eines Nahrungsergänzungsmittels (BrainXpert) im Vergleich zu Placebo auf die kognitive Funktion bei Teilnehmern mit einer leichten kognitiven Beeinträchtigung. BrainXpert besteht aus mittelkettigen Fettsäuren (Medium Chain Triglycerides, MCT) und Proteinen, um möglicherweise die Menge an Ketonen im Körper zu erhöhen und das Gehirn mit Energie zu versorgen. Basierend auf den Ergebnissen einer früheren klinischen Studie verbessert der MCT-Teil von BrainXpert das Gedächtnis, das Denken, das Wortgedächtnis und Multitasking. Darüber hinaus enthält BrainXpert B-Vitamine, die für die Unterstützung der normalen Gehirnfunktion wichtig sind.
Für die Studienteilnahme gelten folgende Voraussetzungen:
- Mindestalter 60 Jahre
- Diagnose einer leichten kognitiven Beeinträchtigung
- Ein Studienpartner (z. B. Betreuer, Verwandter, Freund), der bereit und in der Lage ist, an den Studienbesuchen teilzunehmen
Die Teilnehmer werden bis zu 18,5 Monate lang an dieser Studie teilnehmen. Während dieser Studie nehmen die Teilnehmer Besuchstermine im Prüfzentrum wahr und führen Telefongespräche mit dem Studienpersonal.
Zu Beginn der Studie werden geeignete Teilnehmer nach dem Zufallsprinzip (randomisiert) dem Erhalt von BrainXpert oder Placebo in den ersten 52 Wochen zugewiesen. In den letzten 26 Wochen der Studie nehmen alle Teilnehmer (unabhängig von der anfänglichen Zuweisung) BrainXpert ein. Im Rahmen dieser Studie werden Laboruntersuchungen, körperliche Untersuchungen, kognitive Beurteilungen und Fragebogen sowie andere Verfahren durchgeführt.
Weitere Studien
- Geistig fit bis ins höhere Alter: Gesunde Studienteilnehmende ab 50 J. In unserer Studie nehmen Sie an einer kognitiven Testung teil, die verschiedene Aufgaben zur Überprüfung der Gedächtnisleistung und weiterer kognitiver Funktionen umfasst. Die Daten werden in pseudonymisierter Form genutzt. Die Testung wird max. eine Stunde dauern und findet an einem Termin in Jena Lobeda statt.
- Das wecare-TEAM-Projekt richtet sich an Menschen mit einem erhöhten Risiko für Gedächtnisstörungen und weiteren kognitiven Abbau.
An wen wende ich mich?
Der erste Ansprechpartner hierfür ist der Hausarzt. Dieser wird erste Untersuchungen durchführen und eine Überweisung zu einem Facharzt ausstellen. Die zuständigen Fachärzte sind in diesem Fall Neurologen und in Berlin gibt es spezialisierte Zentren: die Gedächtnissprechstunden.
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