Lamotrigin: Nebenwirkungen, Schlafstörungen und neurologische Aspekte

Lamotrigin ist ein Antiepileptikum der zweiten Generation, das in der Neurologie und Psychiatrie breite Anwendung findet. Es wird hauptsächlich zur Behandlung von Epilepsien und zur langfristigen Prophylaxe bipolarer Störungen eingesetzt. Obwohl es sich um ein wirksames Medikament handelt, ist es wichtig, sich über die möglichen Nebenwirkungen, insbesondere Schlafstörungen, zu informieren.

Anwendungsgebiete von Lamotrigin

Lamotrigin findet vor allem in der Therapie von Epilepsien Anwendung. Wichtige Anwendungsgebiete sind:

  • Grand-Mal-Anfälle
  • Fokale Anfälle (Mittel erster Wahl)
  • Psychomotorische Anfälle bei Patienten ab 12 Jahren
  • Lennox-Gastaut-Syndrom (bereits ab dem 2. Lebensjahr)

Es kann als Monotherapie oder als ergänzendes Arzneimittel zu anderen Präparaten eingesetzt werden.

Darüber hinaus wird Lamotrigin auch zur Behandlung von Depressionen und zur Langzeitprophylaxe von bipolaren Störungen angewendet, insbesondere wenn eine Vorbeugung mit Lithium nicht möglich oder nicht ausreichend wirksam ist.

Off-Label wird Lamotrigin mitunter zur Linderung der Symptome von Parkinson, Chorea Huntington und Migräne eingesetzt.

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Wirkmechanismus von Lamotrigin

Lamotrigin unterscheidet sich von vielen herkömmlichen Antiepileptika in seinem Wirkmechanismus. Anstatt die Konzentration von Gammaaminobuttersäure (GABA) zu erhöhen, fördert Lamotrigin die Inaktivierung spannungsabhängiger Natrium- und Calciumkanäle in den Nervenzellen. Dies dämpft die Erregbarkeit der Nervenzellen und verhindert gleichzeitig die Freisetzung der erregenden Neurotransmitter Aspartat und Glutamat. In der Folge wird die Erregungskaskade von vielen epileptischen Anfällen unterbrochen.

Die positiven Effekte von Lamotrigin auf psychische Erkrankungen, motorische Störungen und Schmerzen werden vermutlich ebenfalls durch die verringerte Reizweiterleitung verursacht.

Pharmakokinetik von Lamotrigin

Lamotrigin wird im Darm schnell und vollständig resorbiert. Etwa 55 % des Lamotrigins sind an Plasmaproteine gebunden, und die Bioverfügbarkeit liegt bei 98 %. Die maximale Plasmakonzentration wird nach 1,4 bis 4,8 Stunden erreicht. Die Halbwertszeit beträgt 15 bis 60 Stunden, abhängig von weiteren, parallel gegebenen Arzneimitteln.

Die Elimination erfolgt vorrangig über Biotransformation mit UDP-Glukuronyltransferasen in pharmakologisch unwirksame Metaboliten. Die Ausscheidung erfolgt über den Urin.

Dosierung von Lamotrigin

Lamotrigin wird überwiegend in Tablettenform angewendet, wobei Dosierungen von 5 mg, 25 mg, 50 mg, 100 mg und 200 mg verfügbar sind. Die Dosierung wird individuell an das Alter der Patienten angepasst und langsam auf die Ziel- oder Erhaltungsdosis gesteigert. Es wird zwischen einer Monotherapie und einer Zusatztherapie unterschieden.

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Epilepsie

Bei einer Monotherapie erhalten Erwachsene in den ersten beiden Wochen einmal täglich 25 mg Lamotrigin. In der dritten und vierten Woche wird die Dosis auf einmal täglich 50 mg gesteigert, bis die Ziel- oder Erhaltungsdosis von 100 bis 200 mg pro Tag erreicht ist, entweder als Einzeldosis oder in zwei Einzeldosen aufgeteilt. Dosissteigerungen sollten im Abstand von ein bis zwei Wochen angesetzt werden und maximal 50 bis 100 mg betragen. In Einzelfällen können Erhaltungsdosen von 500 mg pro Tag notwendig sein.

Kinder und Jugendliche zwischen zwei und zwölf Jahren erhalten als Monotherapie bei typischer Absence-Epilepsie in Woche eins und zwei 0,3 mg pro Kilogramm Körpergewicht und Tag. In der dritten und vierten Woche wird die Dosis auf 0,6 mg pro Kilogramm Körpergewicht und Tag erhöht. Anschließend kann die Dosis in Schritten von maximal 0,6 mg/kg/Tag alle ein bis zwei Wochen erhöht werden, bis entweder der gewünschte Effekt erreicht wurde oder eine Erhaltungsdosis von 1 bis 10 mg/kg/Tag erreicht ist. Die Medikation kann einmal täglich erfolgen oder in zwei Einzeldosen aufgeteilt werden.

Wird Lamotrigin als Zusatztherapie eingesetzt, ist die Dosierung abhängig von der Kombination mit anderen Arzneimitteln.

Bipolare Störungen

Bei bipolaren Störungen ist eine Behandlung mit Lamotrigin ab dem 18. Lebensjahr möglich. Für eine Monotherapie wird mit Dosen von einmal täglich 25 mg in Woche eins und zwei begonnen. Ab der dritten Woche wird die Dosierung auf 50 mg pro Tag erhöht, entweder einmal täglich oder als zwei Einzeldosen aufgeteilt. Ab der fünften Woche werden 100 mg pro Tag empfohlen, bis in der sechsten Woche die stabilisierende Zieldosis von 200 mg pro Tag erreicht ist. In klinischen Studien wurden zum Teil Dosen von 100 bis 400 mg/Tag eingesetzt, bis der gewünschte Effekt erreicht war.

Für Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren liegen keine ausreichenden Daten vor. Eine Gabe von Lamotrigin wird deshalb nicht empfohlen, um bipolare Störungen zu behandeln.

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Nebenwirkungen von Lamotrigin

Zu den häufigsten Nebenwirkungen von Lamotrigin zählen Hautreaktionen mit Ausschlägen, Fleckenbildungen und Juckreiz sowie Sehstörungen, Müdigkeit, Kopfschmerzen, Schwindel, starke Reizbarkeit und Aggressivität. Häufige Nebenwirkungen von Lamotrigin sind sedierende wie psychomotorisch aktivierende Effekte, Magen-Darm-Beschwerden sowie Rücken- und Gelenkschmerzen.

Eine schwerwiegende Nebenwirkung ist das DRESS-Syndrom (Drug Rash with Eosinophilia and Systemics Symptoms). Dabei handelt es sich um eine seltene heftige Medikamentenreaktion, die meist zwei bis spätestens 8 Wochen nach Therapiebeginn mit Fieber, starken Gelenkschmerzen und Hautausschlägen sowie Funktionsstörungen von Nieren und Leber einhergeht. Andere Wirkstoffe, die ein DRESS-Syndrom auslösen können, sind beispielsweise Allopurinol, Carbamazepin, Dapson und Phenytoin. In gut 10 % der Fälle verläuft das DRESS-Syndrom tödlich.

Im Folgenden sind Nebenwirkungen von Lamotrigin nach ihrer Häufigkeit aufgelistet:

  • Sehr häufig: Kopfschmerzen, Hautausschlag.
  • Häufig: Aggressivität, Reizbarkeit, Somnolenz, Schwindel, Tremor, Insomnie, Agitiertheit, Übelkeit, Erbrechen, Diarrhö, Mundtrockenheit, Arthralgie, Müdigkeit, Schmerzen, Rückenschmerzen.
  • Gelegentlich: Ataxie, Diplopie, Verschwommensehen.
  • Selten: Nystagmus, aseptische Meningitis, Konjunktivitis, Stevens-Johnson-Syndrom.
  • Sehr selten: Blutbildveränderungen einschließlich Neutropenie, Leukopenie, Anämie, Thrombozytopenie, Panzytopenie, aplastischer Anämie und Agranulozytose, Überempfindlichkeitssyndrom (einschließlich Symptomen wie Fieber, Lymphadenopathie, Gesichtsödem, abnorme Blut- und Leberwerte, disseminierte intravaskuläre Gerinnung, Multiorganversagen), Verwirrtheit, Halluzinationen, Tics, Standunsicherheit, Bewegungsstörungen, Verschlimmerung der Parkinson-Krankheit, extrapyramidale Nebenwirkungen, Choreoathetose, Zunahme der Anfallsfrequenz, Leberversagen, Leberfunktionsstörungen, erhöhte Leberfunktionswerte, toxisch epidermale Nekrolyse, Lupus-ähnliche Reaktionen.
  • Nebenwirkungen mit unbekannter Häufigkeit: Lymphadenopathie, Arzneimittelexanthem mit Eosinophilie und systemischen Symptomen (DRESS).

Schlafstörungen als Nebenwirkung

Psychopharmaka können als Nebenwirkung den Schlaf stören, was sich in Ein- und/oder Durchschlafstörungen (Insomnie), Parasomnien oder im Auftreten von schlafbezogenen Atmungsstörungen (SBAS) oder Restless-Legs-Beschwerden äußern kann.

Während Lamotrigin selbst nicht primär als schlafstörend bekannt ist, können einige der häufig berichteten Nebenwirkungen wie Agitiertheit, Insomnie (Schlaflosigkeit) und Reizbarkeit indirekt zu Schlafproblemen führen. Es ist wichtig zu beachten, dass die Wirkung von Medikamenten individuell variieren kann.

Wechselwirkungen von Lamotrigin

Bekannte Wechselwirkungen treten bei folgenden Wirkstoffen auf und machen unter Umständen eine Dosisanpassung notwendig:

  • Kontrazeptiva mit Ethinylestradiol oder Levonorgestrel: Erhöhte Clearance von Lamotrigin um ca. das Zweifache.
  • Valproat: Erhöhte Halbwertszeit von Lamotrigin. Die Kombination von Lamotrigin mit Valproat kann klinisch sinnvoll sein, sie ist aber schwierig. Zum einen steigt in dieser Kombination das Risiko für das Auftreten eines Stevens-Johnson-Syndroms. Zum anderen kann die gleichzeitige Gabe von Valproat den Lamotrigin-Spiegel erhöhen.
  • Phenytoin, Carbamazepin, Phenobarbital, Primidon, Rifampicin, Lopinavir/Ritonavir, Ethinylestradiol/Levonorgestrel-Kombinationen, Atazanavir/Ritonavir: Beschleunigter Abbau von Lamotrigin.
  • Carbamazepin: Mögliches Auftreten von zentralnervösen Störungen; verschwindet nach Dosisreduktion von Carbamazepin.
  • Oxcarbazepin: Möglicherweise erniedrigte Lamotrigin-Spiegel.
  • Topiramat: Anstieg der Topiramatkonzentration.
  • Olanzapin: Um 20 bis 24 % reduzierte AUC und Cmax von Lamotrigin möglich.

Es ist wichtig, den Arzt über alle eingenommenen Medikamente zu informieren, um mögliche Wechselwirkungen zu vermeiden.

Kontraindikationen von Lamotrigin

Bei einer Überempfindlichkeit gegen Lamotrigin oder sonstige Bestandteile des jeweiligen Präparates ist die Anwendung von Lamotrigin kontraindiziert.

Besondere Vorsicht ist geboten bei:

  • Vorliegen des Brugada-Syndroms oder anderer Herzprobleme
  • Asiatischer Herkunft (aufgrund des Risikos einer Genvariante HLA-B*1502)

Lamotrigin in Schwangerschaft und Stillzeit

Behandlungen mit Lamotrigin erhöhen das Risiko von kongenitalen Fehlbildungen. Eine Beratung durch den Facharzt wird empfohlen. Ist eine fortgeführte Therapie mit Lamotrigin während der Schwangerschaft notwendig, sollte die niedrigste mögliche Dosis gewählt werden. Unter Umständen ist auch eine zusätzliche Gabe von Folsäure ratsam. Da der Plasmaspiegel von Lamotrigin durch die Schwangerschaft und Entbindung beeinflusst werden kann, wird ebenfalls empfohlen, regelmäßige Kontrollen anzusetzen.

Da Lamotrigin in die Muttermilch übergehen kann, sollten die Nutzen und Risiken des Stillens beim Säugling während einer Lamotrigintherapie abgewogen werden.

Wichtige Hinweise zur Einnahme von Lamotrigin

  • Hautausschlag: Bei Auftreten eines Hautausschlags muss Lamotrigin sofort vollständig abgesetzt werden, da sonst die Gefahr besteht, dass ein Stevens-Johnson-Syndrom ausgelöst wird, das lebensbedrohlich sein kann.
  • Vergessene Dosis: Wenn eine Dosis vergessen wurde, sollte sie nicht nachgeholt werden. Stattdessen sollte die nächste Dosis zur gewohnten Zeit in der normalen Menge eingenommen werden. Eine doppelte Dosis erhöht das Risiko für Nebenwirkungen erheblich.
  • Generika-Wechsel: Der Wechsel zwischen verschiedenen Generika des Antiepileptikums Lamotrigin hat in Studien keine Auswirkungen auf die Wirkstoffspiegel oder auf die Anzahl der epileptischen Episoden gezeigt.
  • Dosierung: Die Dosierung von Lamotrigin darf nicht schneller als vom Arzt angegeben gesteigert werden, da sonst häufig Hautveränderungen auftreten können. Wenn das Medikament 5 Tage oder länger pausiert worden ist, muss eine neue Eindosierung entsprechend des ursprünglichen Schemas erfolgen.

Lamotrigin und Suchterkrankungen

Lamotrigin hat kein bekanntes Missbrauchspotenzial, da es nicht auf das Belohnungssystem im Gehirn wirkt und keine Euphorie oder einen Rausch erzeugt. Es ist jedoch relevant für Menschen mit Suchterkrankungen, da viele von ihnen auch eine bipolare Störung haben (Doppeldiagnose). Lamotrigin kann für diese Menschen das entscheidende Medikament sein, das ihre Stimmung so weit stabilisiert, dass sie ihre Sucht überhaupt erst erfolgreich bekämpfen können.

Lamotrigin bei älteren Patienten

Als Mittel der ersten Wahl wird bei älteren Patient:innen mit einer neu aufgetretenen fokalen Epilepsie Lamotrigin empfohlen, da es diese Substanz wenig Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten hat und gut verträglich ist. Wenn die Gabe von Lamotrigin nicht infrage kommt, sollten Gabapentin, Lacosamid oder Levetiracetam eingesetzt werden. Bei älteren Patient:innen sollen bei der initialen Therapieeinstellung Carbamazepin, Oxcarbazepin, Phenobarbital, Phenytoin, Primidon, Topiramat und Valproat nicht zum Einsatz kommen.

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