Die Demenz ist eine Erkrankung, die in Deutschland etwa eine Million Menschen betrifft. Die häufigste Form ist die Alzheimer-Demenz, bei der die Betroffenen geistig immer weiter abbauen und schließlich nicht mehr selbstständig leben können. Um eine beginnende Demenz frühzeitig zu erkennen, gibt es verschiedene Tests, die die geistige Leistungsfähigkeit überprüfen. Einer dieser Tests ist der Mini-Mental-Status-Test (MMST), auch bekannt als Mini-Mental-State-Examination (MMSE).
Was ist der MMST?
Der MMST ist ein standardisiertes Screening-Verfahren zur Beurteilung kognitiver Funktionen. Er wurde 1975 von Marshal F. Folstein und Susan Folstein entwickelt und ist ein einfaches Instrument in der Neurologie und Psychiatrie, um kognitive Defizite zu erfassen. Der MMST dient als am häufigsten angewandtes Testverfahren zum Demenz-Screening vor allem der Beantwortung einer Frage: Hat der/die Proband/in Demenz oder handelt es sich nur um Vergesslichkeit? Die frühe Diagnostik der Erkrankung kann den Verlauf beeinflussen und ein schnelles Handeln ermöglichen.
Anwendungsbereiche des MMST
Der MMST wird eingesetzt, um erste Hinweise auf Demenz oder andere kognitive Beeinträchtigungen zu ermitteln. Er dient der Früherkennung und Überwachung von Demenz, um kognitive Beeinträchtigungen zu identifizieren und den Schweregrad der Beeinträchtigung zu bewerten. Der Test wird häufig als Erst-Test angewandt, wenn der Verdacht auf eine Demenz besteht, und auch genutzt, um den Krankheitsverlauf zu verfolgen.
Durchführung des MMST
Der MMST besteht aus verschiedenen Fragen und Aufgaben, die die kognitiven Funktionen des Patienten bewerten. Der Test erfasst verschiedene kognitive Bereiche systematisch und objektiv. Die Durchführung dauert etwa 10 bis 15 Minuten und kann von geschultem medizinischem Personal in Arztpraxen, Kliniken oder auch zu Hause erfolgen.
Testablauf
Der Mini-Mental-Status-Test besteht aus einfachen Fragen und Aufgaben, die alltägliche Denkprozesse abbilden sollen. Die Testperson soll sich beispielsweise drei Begriffe merken, einfache Rechenaufgaben lösen oder das aktuelle Datum nennen. Typisch für die Aufgaben und Fragen ist, dass sie von Menschen ohne kognitive Einschränkungen meist mühelos beantwortet werden können, während Menschen mit einer beginnenden Demenz sich mit der Beantwortung deutlich schwerer tun.
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Hier eine Übersicht über die Aufgabenbereiche:
- Orientierung zur Zeit: Die Person wird gefragt: "Welches Datum haben wir heute?" Dabei werden Jahr, Jahreszeit, Monat, Datum und Wochentag einzeln abgefragt.
- Orientierung zum Ort: Hier wird nach dem aktuellen Aufenthaltsort gefragt: Bundesland, Stadt, Stadtteil, Gebäude und Stockwerk.
- Merkfähigkeit: Der Untersucher nennt drei einfache Wörter (z.B. "Apfel", "Tisch", "Pfennig"), die die Person sofort wiederholen soll. Für jedes korrekt wiederholte Wort gibt es einen Punkt.
- Aufmerksamkeit und Rechnen: Die Person soll entweder von 100 in Siebener-Schritten rückwärts zählen (100, 93, 86, 79, 72, 65) oder das Wort "RADIO" rückwärts buchstabieren.
- Erinnerung: Die drei zuvor genannten Wörter sollen nun aus dem Gedächtnis wiederholt werden.
- Sprache: Benennen von zwei gezeigten Gegenständen (z.B. Stift, Uhr).
- Sprachverständnis: Befolgen einer dreiteiligen Anweisung (z.B. "Nehmen Sie ein Blatt Papier in die Hand, falten Sie es in der Mitte und legen Sie es auf den Boden").
- Visuell-konstruktive Fähigkeit: Die Person soll zwei sich überschneidende Fünfecke abzeichnen.
Hinweise zur Durchführung
Um den MMST Test standardisiert durchführen zu können, ist es sinnvoll, sich als Medizinische Fachangestellte oder Altenpflegekraft an einer festen Vorlage zu orientieren. Auch als Laie kann man eine Testvorlage nutzen, um selbstständig das Testverfahren zu probieren.
- Stellen Sie der Testperson die Fragen und notieren Sie die Antworten. Um die Auswertung können Sie sich später kümmern.
- Ab der sechsten Frage geht es um den aktuellen Aufenthaltsort.
- Fragen Sie die Testperson, ob sie mit einem kleinen Gedächtnistest einverstanden ist. Sie soll sich drei Begriffe merken. Nennen Sie die Begriffe laut und deutlich. Danach hat die Testperson sechs Versuche, um alle drei Begriffe zu wiederholen.
- Die Testperson soll angefangen bei 100 fünfmal in Folge 7 abziehen. Alternativ zum Rechnen kann die Person auch das Wort „S-T-U-H-L“ rückwärts buchstabieren.
- Die Testperson soll jetzt noch einmal die drei Begriffe nennen, die sie sich in Aufgabe 2 merken sollte. Im Idealfall weiß die Person vorher nicht, dass die Begriffe jetzt ein zweites Mal abgefragt werden.
- Sie benötigen nun den Stift und die (Armband-)Uhr. Was ist das? Was ist das?
- Wiederholen Sie den Satz höchstens dreimal. Die Person muss genau diesen Satz wiederholen und hat dafür nur einen Versuch.
- Die Person erhält ein Blatt Papier und dazu nacheinander drei Kommandos, die Sie nur einmal wiederholen.
- Schreiben Sie auf ein Blatt Papier die Anweisung „AUGEN ZU“ zeigen Sie es der Testperson und prüfen Sie, ob sie darauf reagiert und die Augen schließt. Die Buchstaben müssen so groß sein, dass sie auch bei eingeschränktem Sehvermögen noch gut lesbar sind.
- Es wird kein Satz diktiert, die Testperson muss spontan irgendeinen vollständigen Satz schreiben. Der Satz sollte mindestens aus Subjekt und Prädikat bestehen, also zum Beispiel „Ich gehe“.
- Auf einem Blatt Papier sind zwei sich überschneidende Fünfecke dargestellt. Die Testperson soll diese so exakt wie möglich nachzeichnen. Dabei muss sie explizit alle zehn Ecken und die Überschneidung darstellen.
Wichtige Hinweise bei der Durchführung
- Natürlich können Sie den Test selbst bei Angehörigen und Bekannten durchführen lassen. Grundsätzlich wird empfohlen den Test zusätzlich durch medizinisch-psychologisches Personal durchführen zu lassen (wie zum Beispiel beim Hausarzt).
- Bei der eigenständigen Durchführung des Tests sollte beachtet werden, dass die Person Ihre Defizite bei der Beantwortung der Fragen unmittelbar spürt (als Reaktion könnte daraufhin eine Verweigerung der Beantwortung weiterer Fragen erfolgen).
- Klären Sie die Person im Vorhinein gründlich und ausführlich darüber auf, welchen Sinn und Zweck der Test hat (Messung der kognitiven Beeinträchtigung).
- Ebenfalls ist zu vermerken, dass die Sensitivität dieses Verfahrens bei leichtgradiger Demenz begrenzt ist (es kann also faktisch bereits eine Demenz bei der Person vorliegen und das Testergebnis fällt positiv in Bezug auf die kognitive Leistungsfähigkeit aus).
Auswertung des MMST
Die MMST Auswertung erfolgt durch Addition aller erreichten Punkte. Die maximale Punktzahl beträgt 30 Punkte. Das Ergebnis macht man schließlich an der erreichten Punktzahl fest.
Bewertungsskala
Die Interpretation der Punktzahl ist wie folgt:
- 27-30 Punkte: gelten als unauffällig, höchstens leichte Beeinträchtigungen des Denkvermögens. Komplett gesunde und geistig fitte Menschen sollten 30 Punkte erreichen.
- 24-26 Punkte: deuten auf leichte kognitive Beeinträchtigung hin.
- 18-23 Punkte: auf leichte Demenz.
- 10-17 Punkte: auf mittelschwere Demenz.
- 0-9 Punkte: auf schwere Demenz.
Bei Alzheimer, der weitaus häufigsten Form von Demenz, wird das Ergebnis wie folgt beurteilt:
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- 20 - 26 Punkte: leichte Alzheimer-Demenz
- 10 - 19 Punkte: mittelschwere Alzheimer-Demenz
- < 10 Punkte: schwere Alzheimer-Demenz
Wichtige Hinweise zur Auswertung
- Da es sich lediglich um einen Demenz-Screening-Test handelt, beweist ein schlechtes Ergebnis beim MMST Test noch lange keine Demenz. In jedem Fall sollte in einem fachlichen Setting eine körperliche Untersuchung auf den Test folgen. Zahlreiche Erkrankungen und auch Mangelzustände können eine schlechtere Punktzahl zur Folge haben. Auch die Durchführung eines anderes Demenz-Screening-Tests kann ein Ergebnis bestätigen oder anzweifeln.
- Wichtig zu beachten ist, dass die MMST Auswertung durch verschiedene Faktoren beeinflusst werden kann. Dazu gehören das Bildungsniveau (Personen mit höherer Bildung erreichen tendenziell höhere Werte), die Muttersprache, Seh- oder Hörbeeinträchtigungen sowie die aktuelle Tagesverfassung.
- Diese Werte sind Richtwerte und müssen immer im Kontext von Bildungsniveau, Alter und weiteren Faktoren interpretiert werden.
Grenzen des MMST
Der MMST ist eine erste Orientierung, keine sichere Diagnose. Bildungsniveau, Muttersprache, psychische Belastungen oder andere Erkrankungen können das Ergebnis beeinflussen.
So kann es beispielsweise vorkommen, dass Menschen mit einem sehr hohen Bildungsniveau trotz beginnender Demenz die volle Punktzahl erreichen, während andere, aufgrund geringerer Bildung oder Sprachbarrieren schlechter abschneiden, ohne an Demenz erkrankt zu sein. Auch wird von Menschen mit einer Depression häufig nicht die volle Punktzahl erreicht, obwohl sie keine Demenz haben.
Ebenso kann der MMST bei bestimmten Demenzformen wie der Frontotemporalen Demenz oder der Lewy-Körperchen-Demenz unauffällig ausfallen, obwohl kognitive Veränderungen bestehen. Nicht zuletzt können auch Tagesform oder persönliche Anspannung eine Rolle spielen.
Schwächen des MMST
Weil der MMST so einfach und schnell durchführbar ist, ist er in der Demenzdiagnostik weit verbreitet. Er hat aber auch Mängel. So ist der MMST wenig sensitiv gegenüber geringen kognitiven Defiziten, das heißt: Leichte kognitive Beeinträchtigungen lassen sich damit nur schwer feststellen.
Außerdem führt der MMST bei Menschen mit hohem Bildungsstand leicht zu falsch-negativen Ergebnissen (also dass eine Demenz nicht erkannt wird). Umgekehrt kann es bei Patienten mit niedrigem Bildungsstand schnell zu einem falsch-positiven Ergebnis kommen.
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Eine weitere Schwäche des MMST ist, dass sich die verschiedenen kognitiven Fähigkeiten nicht differenzierter beurteilen lassen. Er wird deshalb oft mit weiteren Testverfahren kombiniert.
Mögliche Fehlerquellen bei der Durchführung
- Ungeeignete Testumgebung: Lärm, Ablenkungen oder schlechte Lichtverhältnisse können die Testergebnisse verfälschen.
- Zeitdruck: Wenn die zu testende Person sich gehetzt fühlt, kann dies die Leistung negativ beeinflussen.
- Fehlende Standardisierung: Die Anweisungen müssen exakt nach Vorgabe gegeben werden.
- Seh- oder Hörprobleme nicht berücksichtigt: Wenn die Person schlecht sieht oder hört, kann dies die Ergebnisse verfälschen.
- Bildungsniveau ignorieren: Menschen mit höherer Bildung erreichen tendenziell höhere Werte im MMST.
- Kulturelle Faktoren übersehen: Manche Aufgaben sind kulturabhängig.
- Einzeltest als Diagnose: Ein kognitiver Test Demenz allein reicht niemals für eine Diagnose aus.
- Tagesform nicht beachten: Müdigkeit, Stress, Schmerzen oder Medikamente können die kognitive Leistung temporär beeinträchtigen.
- Depression als Demenz fehlinterpretieren: Depressionen können zu kognitiven Einschränkungen führen, die einer Demenz ähneln (Pseudodemenz).
- Unsensible Mitteilung der Ergebnisse: Die Diagnose einer Demenz ist für Betroffene und Angehörige ein Schock.
- Keine Differenzialdiagnose: Der MMST kann nicht zwischen verschiedenen Demenzformen unterscheiden (Alzheimer, vaskuläre Demenz, Lewy-Körperchen-Demenz, frontotemporale Demenz).
- Begrenzte Sensitivität bei frühen Stadien: In sehr frühen Stadien einer Demenz können die Tests noch unauffällig sein, obwohl bereits erste Veränderungen vorliegen.
- Keine Aussage über Ursachen: Kognitive Tests zeigen, dass Einschränkungen vorliegen, aber nicht warum.
- Keine Verlaufsprognose: Ein einzelner Test erlaubt keine Aussage darüber, wie schnell die Demenz fortschreiten wird.
Weitere Demenz-Tests
Neben dem MMST gibt es noch weitere Tests, die zur Demenz-Früherkennung eingesetzt werden können:
- Uhrentest (Clock Drawing Test): Die Person erhält ein leeres Blatt Papier und wird gebeten, das Zifferblatt einer Uhr zu zeichnen. Dabei sollen alle Zahlen von 1 bis 12 eingetragen werden. Der Uhrentest ist besonders sensitiv für Beeinträchtigungen der exekutiven Funktionen, die häufig bei frontotemporaler Demenz und vaskulärer Demenz auftreten. Der Vorteil des Uhrentests liegt in seiner Unabhängigkeit von Sprache und Bildung. Er kann auch bei Menschen mit Migrationshintergrund oder geringer formaler Bildung aussagekräftige Ergebnisse liefern.
- DemTect (Demenz Detection Test): Der DemTect wurde speziell für die deutsche Sprache entwickelt und ist besonders sensitiv für leichte kognitive Beeinträchtigungen. Der Test besteht aus den fünf Subtests: Wortliste, Zahlen umwandeln, semantische Wortflüssigkeit, Zahlenspanne rückwärts und verzögerter Abruf. Ein umfassender neurologischer test demenz geht über reine Gedächtnistests hinaus und untersucht das gesamte neurologische System.
Kosten und Erstattung
Die Kosten für kognitive Tests wie den MMST werden in der Regel von der gesetzlichen Krankenversicherung übernommen, wenn ein begründeter Verdacht auf eine Demenzerkrankung besteht. Sie werden im Rahmen eines geriatrischen Assessments durchgeführt, mit dem altersbedingte Probleme aufgedeckt werden sollen. In allen anderen Fällen müssen Versicherte Hirnleistungs-Checks aus eigener Tasche als IGeL bezahlen. Ein Test kostet in der Regel zwischen 7 und 21 Euro.
Was tun bei Verdacht auf Demenz?
Wenn Sie Sorge um die kognitiven Fähigkeiten eines Angehörigen haben, vereinbaren Sie besser einen Termin beim Hausarzt oder Neurologen. Ein Demenz Screening Test wie der MMST ist dann sinnvoll, wenn erste Anzeichen kognitiver Veränderungen auftreten. Je früher eine Demenz erkannt wird, desto besser können therapeutische Maßnahmen wirken.
Nach einem auffälligen MMST oder anderen kognitiven Test sollte eine umfassende Demenz-Diagnostik erfolgen. Diese umfasst:
- Ausführliche Anamnese (Krankheitsgeschichte, Symptomverlauf)
- Körperliche und neurologische Untersuchung
- Labordiagnostik zum Ausschluss reversibler Ursachen
- Bildgebung des Gehirns (MRT oder CT)
- Umfassende neuropsychologische Testung
- Gegebenenfalls weitere Spezialuntersuchungen
Therapie und Unterstützung
Obwohl es keine Heilung für Demenz gibt, können Medikamente und andere Therapien die Entwicklung einzelner Aspekte der Krankheit verlangsamen. Bei Alzheimer-Demenz können Acetylcholinesterase-Hemmer (Donepezil, Rivastigmin, Galantamin) in frühen bis mittleren Stadien den Verlauf verlangsamen und Symptome lindern. Bei mittelschwerer bis schwerer Alzheimer-Demenz wird Memantin eingesetzt. Diese Medikamente können die Demenz nicht heilen, aber die Lebensqualität verbessern und den Zeitpunkt des Umzugs ins Pflegeheim hinauszögern. Wichtig ist der frühzeitige Therapiebeginn.
Für Familien, die mit einer Demenzdiagnose konfrontiert sind, gibt es heute vielfältige Unterstützungsmöglichkeiten. Die 24-Stunden-Betreuung bei Demenz ermöglicht es vielen Menschen, trotz kognitiver Einschränkungen in ihrer vertrauten Umgebung zu bleiben.
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