Neurologie und Psychiatrie: Ein umfassender Leitfaden zu Abkürzungen und Definitionen

Die Bereiche Neurologie und Psychiatrie sind reich an Fachtermini, Abkürzungen und spezifischen Definitionen. Dieser Artikel dient als umfassender Leitfaden, um Licht in den Dschungel dieser Terminologie zu bringen und sowohl medizinischem Fachpersonal als auch interessierten Laien ein besseres Verständnis zu ermöglichen.

Einführung

Die Neurologie befasst sich mit Erkrankungen des Nervensystems, während die Psychiatrie sich auf die Diagnose, Behandlung und Prävention psychischer Erkrankungen konzentriert. Beide Disziplinen verwenden ein breites Spektrum an Fachbegriffen und Abkürzungen, die für eine effektive Kommunikation unerlässlich sind.

Abkürzungen und Definitionen im Überblick

Im Folgenden werden einige der häufigsten Abkürzungen und Definitionen aus den Bereichen Neurologie und Psychiatrie erläutert:

Allgemeine Begriffe

  • ADHS: Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung. Eine Entwicklungsstörung, die sich durch Verhaltensauffälligkeiten, Probleme in der Aufmerksamkeit, Impulskontrolle und körperliche Unruhe äußert.
  • Affekt: Gemütsbewegung, starke Gefühlserregung bis hin zu einer krankhaften Steigerung.
  • Affektive Störung: Sammelbegriff für psychische Störungen, bei denen die Grundstimmung eines Menschen krankhaft gegenüber dem „Normalzustand“ verändert ist. Zu den affektiven Störungen gehören insbesondere die Depression und die Bipolare Störung.
  • Agitation: Ein Syndrom, das durch psychomotorische Unruhe, Erregung und Gespanntheit gekennzeichnet ist und von stillem Negativismus bis hin zu offener Feindseligkeit reichen kann.
  • Akathisie: Sitz- oder Stehunruhe, bei der der Patient nicht in der Lage ist, längere Zeit still zu sitzen oder zu stehen.
  • Akut: Plötzlich auftretend, schnell, heftig verlaufend (Gegenteil: chronisch).
  • Akutphase: Phase, in welcher die Symptome einer Erkrankung erstmals (oder nach vorangegangener Besserung wieder) auftreten und rasch zunehmen.
  • Alzheimer: Fortschreitende, unheilbare Erkrankung des Gehirns, die zu Gedächtnis- und Orientierungsstörungen, Sprachstörungen, Störungen des Denk- und Urteilsvermögens sowie Veränderungen der Persönlichkeit führen kann.
  • Anisokorie: Ungleichheit der Pupillenweite.
  • Aphasie: Sprachstörung aufgrund einer Schädigung des Gehirns.
  • Autismus-Spektrum-Störungen: Tiefgreifende Entwicklungsstörungen, die u.a. durch ein reduziertes Interesse an sozialen Kontakten sowie einem reduzierten Verständnis sozialer Situationen gekennzeichnet sind.
  • Benzodiazepine: Psychopharmaka mit angstlösender, beruhigender, muskelentspannender und krampflösender Wirkung.
  • Bipolare Störung: Kurzbezeichnung für bipolare affektive Störung, früher auch manisch-depressive-Erkrankung genannt. Kennzeichnend ist das abwechselnde Auftreten von depressiven und manischen Phasen.
  • Borderline: Seelische Störung im Grenzgebiet zwischen Psychose und Neurose.
  • Delirium/Delir: Akute organische Psychose mit Bewusstseinsstörung, Desorientiertheit, Halluzinationen, affektiven und vegetativen Störungen und motorischer Unruhe.
  • Demenz: Oberbegriff für eine Vielzahl von Krankheitsbildern, bei denen es zu chronisch fortschreitenden degenerativen Veränderungen des Gehirns mit Verlust geistiger Fähigkeiten kommt.
  • Denkstörung: Störung des Denkprozesses in der Geschwindigkeit, im Ablauf oder in der logischen Struktur. Inhaltliche Denkstörungen betreffen den Inhalt des Denkens.
  • Depressive Episode: Vorübergehende Krankheitsphase mit gedrückter Stimmung, Interessenverlust, Freudlosigkeit und Verminderung des Antriebs.
  • Desorientiertheit: Störung der zeitlichen, räumlichen oder situativen Orientierung.
  • Disposition: Krankheitsbereitschaft; die angeborene oder erworbene Anfälligkeit einer Person für Erkrankungen.
  • Dopamin: Botenstoff (Neurotransmitter) des Gehirns, dessen gestörte Aktivität nachweislich mit Schizophrenie zusammenhängt.
  • Dopaminagonist: Wirkstoff, der wie Dopamin wirkt und Dopamin-Rezeptoren stimuliert.
  • DSM-5: Abkürzung für „Diagnostisches und Statistisches Manual psychischer Störungen“ in der 5. Auflage.
  • Dysarthrie/Dysarthrophonie: Sprechstörung aufgrund einer Koordinationsstörung der Sprechmuskulatur.
  • GABA: Abkürzung für Gamma-Aminobuttersäure, wichtigster hemmender Botenstoff (Neurotransmitter) im Zentralnervensystem.
  • Generalisiert: Auf den gesamten Körper oder ein Organsystem ausgebreitet, das Gegenteil von örtlich begrenzt (lokal).
  • Generalisierte Angststörung: Angst, die sich verselbständigt hat und nicht auf bestimmte Situationen beschränkt ist.
  • Gliazellen: Zellen im Nervengewebe, die nicht an der Erregungsleitung beteiligt sind, sondern wichtige Hilfs- und Unterstützungsfunktionen haben.
  • Halluzinationen: Sinneswahrnehmungen ohne entsprechenden Sinnesreiz, die für einen wirklichen Sinneseindruck gehalten werden.
  • Hebephrene Schizophrenie: Unterform der Schizophrenie, die vor allem durch Störungen des Antriebs und Affekts sowie durch formale Denkstörungen charakterisiert ist.
  • Hyperkinesie: Gesteigerte Bewegungsaktivität, psychomotorische Unruhe.
  • Hypomanie: Abgeschwächte Form der Manie.
  • ICD-10: Weltweit anerkanntes, medizinisches Klassifikationssystem der Krankheiten und verwandten Gesundheitsprobleme in der 10. revidierten Fassung. Nach diesem Katalog werden in Deutschland Diagnosen verschlüsselt.
  • Katatone Schizophrenie: Unterform der Schizophrenie, die vor allem durch Störungen der willentlichen Bewegungen charakterisiert ist.
  • Miosis: Pupillenverengung.
  • Negativsymptomatik: siehe Minussymptome.
  • Neuroleptika: siehe Antipsychotika.
  • Neuron: Nervenzelle, spezialisierter Zelltyp, der für die Reizaufnahme sowie Weiterleitung und Verarbeitung von Nervenimpulsen zuständig ist.
  • Neurose: Bezeichnung für verschiedene seelische Störungen ohne nachweisbare körperliche Ursachen, bei der im Gegensatz zur Psychose der Realitätskontakt wenig oder gar nicht gestört ist.
  • Paranoia: Seltene Form der Psychose, in deren Mittelpunkt ein lang andauernder Wahn steht.
  • Paranoid: wahnhaft.
  • Paranoide Schizophrenie: Unterform der Schizophrenie, die durch beständige Wahnvorstellungen gekennzeichnet ist, meist begleitet von akustischen Halluzinationen und Wahrnehmungsstörungen.
  • Pharmakotherapie: Behandlung mit Arzneimitteln.
  • Phasenprophylaxe: Behandlung bei bipolaren Störungen, um manischen und depressiven Phasen vorzubeugen, zum Beispiel mit Lithium.
  • Plussymptome: Bei Schizophrenie neu zum vorbestehenden psychischen Zustand hinzutretende Krankheitssymptome, zum Beispiel Halluzinationen, Wahn, Ich-Störungen, Unruhe, Antriebssteigerung, gleichbedeutend mit Positivsymptomatik.
  • Positivsymptomatik: siehe Plussymptome.
  • Postschizophrene Depression: Depression, die im Verlauf der Schizophrenie, insbesondere nach Abklingen der akuten Krankheitsphase, auftritt.
  • Posttraumatisch: nach einer seelischen oder körperlichen Verletzung (Trauma) entstanden.
  • Posttraumatische Belastungsstörung: Entsteht Wochen bis Monate nach einem belastenden Ereignis mit außergewöhnlicher Bedrohung oder katastrophenartigem Ausmaß.
  • Prodromalsymptome: Frühsymptome, die auf eine Erkrankung, zum Beispiel eine Psychose, hinweisen.
  • Psychoedukation: Aufklärung von Patienten und Angehörigen über physische und psychische Erkrankungen.
  • Psychomotorik: Bezeichnet den Einfluss der Psyche auf alle willkürlichen und unwillkürlichen Bewegungen des menschlichen Organismus.
  • Psychose: Sammelbegriff für eine Gruppe schwerer psychischer Störungen, die durch einen vorübergehenden weitgehenden Verlust des Bezugs zur Realität und eine weitgehend fehlende Krankheitseinsicht gekennzeichnet sind.

Neurologische Untersuchung

Die neurologische Untersuchung ist ein wichtiger Bestandteil der Diagnostik neurologischer Erkrankungen. Sie umfasst die Beurteilung verschiedener Funktionen des Nervensystems:

  • Hirnnerven: Prüfung der Funktion der 12 Hirnnerven, die Auskunft über die Funktion des Hirnstamms und der peripheren Leitungsbahnen im Bereich des Kopfes geben.
  • Motorik: Beurteilung von Muskelkraft, Muskeltonus und Koordination.
  • Reflexe: Prüfung von Muskeleigenreflexen und Fremdreflexen.
  • Sensibilität: Beurteilung der Oberflächen- und Tiefensensibilität.
  • Koordination: Prüfung der Feinmotorik und der Fähigkeit zu rasch aufeinander folgenden Bewegungen (Diadochokinese).
  • Sprache: Beurteilung von Sprachverständnis und Sprachproduktion.

Fachabteilungsschlüssel

Jede Fachdisziplin bzw. Fachabteilung ist durch einen vierstelligen Fachabteilungsschlüssel klassifiziert. Diese Schlüssel sind für die Zuordnung von Krankenhausfällen in Leistungsgruppen relevant und werden von der Deutschen Krankenhausgesellschaft e.V. (DKG) und dem GKV-Spitzenverband verwaltet.

Lesen Sie auch: Neurologie vs. Psychiatrie

Besondere Aspekte

Autismus-Spektrum-Störungen

Autismus-Spektrum-Störungen sind tiefgreifende Entwicklungsstörungen, die sich in unterschiedlichen Symptomen, Ausprägungen und Schweregraden äußern können. Zu den häufigsten Formen gehören:

  • Frühkindlicher Autismus (Kanner-Syndrom): Auffällig vor dem 3. Lebensjahr.
  • Asperger-Syndrom: Leichter ausgeprägte Form des Autismus, bei der das Sprachvermögen weniger beeinträchtigt ist.
  • Atypischer Autismus: Einschränkungen in zwei der drei zentralen Bereiche soziale Interaktion, Kommunikation oder stereotypes Verhalten.

Schlaganfall-Mimics

"Stroke Mimics" sind Erkrankungen, die Symptome eines Schlaganfalls imitieren können. Die korrekte Diagnose ist entscheidend, da eine unnötige Thrombolyse (medikamentöse Auflösung eines Blutgerinnsels) vermieden werden muss. Beispiele für Schlaganfall-Mimics sind:

  • Migräne mit Aura
  • Anfälle
  • Hypoglykämie
  • Multiple Sklerose
  • Funktionelle neurologische Störungen

ICD-10

Die Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme (ICD-10) ist ein weltweit anerkanntes Klassifikationssystem für die Verschlüsselung von Diagnosen. In Deutschland wird die ICD-10-GM (German Modification) für die Morbiditätsverschlüsselung in der ambulanten und stationären Versorgung verwendet.

Hessisches PsychKHG und Stigmatisierung

Die Änderung des Hessischen Psychisch-Kranken-Hilfe-Gesetzes (PsychKHG) im Jahr 2025 durch den Hessischen Landtag birgt laut DGPPN (Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde) ein erhebliches Stigmatisierungspotenzial und ist nicht mit der ärztlichen Schweigepflicht vereinbar.

Lesen Sie auch: Expertise in Neurologie: Universitätsklinik Heidelberg

Lesen Sie auch: Aktuelle Informationen zur Neurologie in Salzgitter

tags: #neurologie #psychatrie #abkurzung #wv