Selbstständigkeit in der Neurologie: Erfahrungen, Chancen und Herausforderungen

Die Entscheidung für die Selbstständigkeit ist ein großer Schritt, der wohlüberlegt sein will. Dies gilt auch für den Bereich der Neurologie, wo sich Fachkräfte mit dem Gedanken tragen, eine eigene Praxis zu gründen oder sich anderweitig selbstständig zu machen. Dieser Artikel beleuchtet die verschiedenen Aspekte der Selbstständigkeit in der Neurologie, von den veränderten Aufgaben der Fachpersonen für neurophysiologische Diagnostik (FND) bis hin zu den finanziellen und persönlichen Überlegungen, die eine solche Entscheidung mit sich bringt.

Die Rolle der Fachperson für neurophysiologische Diagnostik (FND) im Wandel

Die Aufgaben der Fachperson für neurophysiologische Diagnostik (FND) haben sich in den letzten Jahren stark verändert. Dies ist auf die erweiterten diagnostischen Möglichkeiten und den gestiegenen Versorgungsbedarf von Menschen mit neurologisch relevanten Gesundheitsproblemen zurückzuführen. Die Arbeit der FND erfordert an den verschiedenen Einsatzorten unterschiedliche Kompetenzlevels, was Konsequenzen für die Ausbildung und den Praxiseinsatz von FND hat.

Fallbeispiele aus der Praxis

  • Kathi Schweizer: Kathi Schweizer arbeitet als ausgebildete FND mit acht Jahren Berufserfahrung in einem großen Zentrumsspital. Zu ihren Aufgaben gehört es, auf Delegation selbstständig Elektroenzephalogramme (EEGs) durchzuführen sowie somatosensorisch evozierte Potenziale (SSEPs) und visuell (VEPs) oder motorisch evozierte Potenziale (MEPs) abzuleiten. Ihr Einsatzort reicht von der Notfallstation über die Intensivstation bis zum Neuro-Ambulatorium. Auch das Spektrum der Patient:innen ist groß und umfasst Menschen mit akutem unklarem Verwirrtheitszustand (Delir), reanimierte Patient:innen, die nicht wieder erwacht sind, bis zu Patient:innen mit Verdacht auf Multiple Sklerose oder Rückenmarkerkrankungen. Kathi Schweizer betreut auch das stationäre Langzeit-Video-EEG bei Patient:innen, die wegen unklarer Anfallsereignisse oder der Frage nach chirurgischen Therapieoptionen einer medikamentös nicht behandelbaren Epilepsie über mehrere Tage abgeklärt werden.
  • Beatrice Wernli: Beatrice Wernli arbeitet als Medizinische Praxisassistentin (MPA) in einer kleinen neurologischen Praxis. Dort übernimmt sie vielfältige administrative Aufgaben, z.B. die Bedienung des Telefons, die Annahme von Patient:innen, die Triage von Zuweisungen, die Führung der Agenda, die Warenwirtschaft und die Kontrolle des Rechnungswesens. Mehrmals pro Woche führt sie zusätzlich EEGs, SSEPs oder VEPs bei ambulanten Patient:innen durch, die bei den Untersuchungen motiviert mitmachen.
  • Stefan Romano: Stefan Romano absolviert den berufsbegleitenden FND-Lehrgang parallel zu seiner Arbeit in einer großen schlafmedizinischen Praxis.

Diese Beispiele zeigen, dass die Tätigkeitsbereiche von FNDs sehr unterschiedlich sein können und unterschiedliche Kompetenzniveaus erfordern.

Ausbildung und Weiterbildung von FNDs

Der berufsbegleitende Lehrgang zur FND wurde ab 2010 mit viel persönlichem Engagement vom Verein Neurophysiologie-Lehrgang (V-N-L) aufgebaut. Zum 10-jährigen Bestehen der eidgenössischen Berufsprüfung für Fachpersonen für Neurophysiologische Diagnostik (FND) hat das Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI) 2021 eine Überarbeitung des Bildungskatalogs der FND-Weiterbildung eingefordert, welche mit vereinten Kräften im Sommer 2023 abgeschlossen wurde. Der Lehrgang zur Eidgenössischen Berufsprüfung FND wird durch den V-N-L berufsbegleitend in 450 Lektionen innerhalb von 17 Monaten unterrichtet und kostet CHF 11090.- (für SFND-Mitglieder CHF 8450.-), die fast ausschließlich von den Arbeitgebenden nachträglich übernommen werden. Die Kandidat:innen müssen dafür von der Arbeit freigestellt werden. Es besteht die Möglichkeit, im Nachhinein Bundesbeiträge zu beantragen, die 50 Prozent der Kosten zurückerstatten (sogenannte Subjektfinanzierung), was den Preis auf CHF 5545.- reduziert (SBFI, n.d).

Größere Spitäler mit Notfallambulanz, Intensivstation, Neurochirurgie oder Epilepsiespezialisierung zeigen großen Bedarf an ausgebildeten FNDs. Dort werden sie für die Durchführung eines breiten Spektrums neurophysiologischer Diagnostik auch bei bewusstseinsgestörten, frischoperierten oder schwerkranken Patient:innen benötigt (Kathi Schweizer). Für neurologische Praxen, die vorwiegend Routinekontrollen vornehmen, ist die umfassende FND-Ausbildung hingegen eher überdimensioniert (Beatrice Wernli). Eine gezielte Grundausbildung für die Kernuntersuchungen EEG, SSEPs und VEPs unter einfacheren Bedingungen wird benötigt, aber bisher nicht strukturiert angeboten.

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Herausforderungen und Lösungsansätze

Es gibt einen großen Mangel an geeigneten Fachkräften der drei dargestellten Berufsprofile. Im Rahmen des vollständig nebenamtlich, durch den V-N-L geführten Lehrgangs konnten bis 2023 alle zwei Jahre nur 30 Kandidat:innen primär mit dem Profil von Kathi Schweizer oder Stefan Romano weitergebildet werden. Dies reicht jedoch bei Weitem nicht aus, um den Bedarf zu decken. Ab 2024 sollen jährlich immerhin 30 Kandidat:innen ausgebildet werden. Dies dürfte jedoch angesichts des steigenden Bedarfs in einem wachsenden Fachgebiet immer noch knapp ausfallen. Das IOM und die Schlafabklärungen sind ein wachsendes Feld. Personelle Engpässe führen in den Akutkliniken und Schlafpraxen zu einer Überlastung des bestehenden Personals, was die Gefahr birgt, dass diese Personen in allgemeine neurologische Praxen wechseln. Hier können die Fachpersonen jedoch ihr Wissen, das sie mit dem Lehrgang erworben haben, nur begrenzt einsetzen. Eine attraktivere Gestaltung der Arbeitsbedingungen und Löhne im Spital ist notwendig, um diese Abwanderung zu verhindern. In der Romandie und in Grenzregionen arbeiten viele ausländische Fachkräfte (die Ausbildung in Frankreich, Italien, Portugal und Deutschland ist hochwertig), insbesondere in der Romandie, aber auch viele angelernte Fachkräfte ohne formale Ausbildung. Die Anerkennung ausländischer Ausbildungen und eine bessere Gehaltssituation sind hier zentrale Anliegen. Der Dachverband SFND ist in der Romandie kaum bekannt, und die angebotenen Weiterbildungen werden nicht ausreichend besucht («Röstigraben-Effekt»). Der jährliche Vereinsbeitrag von CHF150.-wird als zu hoch empfunden. Der komplett übersetzte und organisierte FND-Lehrgang konnte aufgrund fehlender Anmeldungen im letzten Moment nicht durchgeführt werden. Die SGKN und SNG unterstützen eine starke FND-Weiterbildung, um die Qualität der auch juristisch relevanten neurophysiologischen Untersuchungen zu gewährleisten, hängen doch wie zuvor dargelegt medizinische Entscheidungen wie Aufhebung der Fahreignung, Therapierückzug nach Reanimation oder Arbeitsunfähigkeit von ihren Befunden ab. Eine organisatorische Unterstützung der FND-Weiterbildung durch bestehende grosse Bildungseinrichtungen für Gesundheitsberufe ist ebenfalls wünschenswert (entsprechendes Interesse wurde bereits signalisiert), wobei dort durch die interprofessionelle Vernetzung mit anderen Lehrgängen ebenfalls eine verbesserte Visibilität des Berufsbildes der FND entstehen würde. Die Entlastung würde dann wiederum den heutigen Lehrpersonen des FND-Lehrganges zugutekommen, die ihre Fachkompetenz vermehrt in die Lehre beider Stufen einbringen könnten, ohne sich gleichzeitig um die Organisation und Vermarktung des Lehrgangs kümmern zu müssen.

Der Weg in die Selbstständigkeit: Eine persönliche Entscheidung

Die Frage, ob sich der Weg in die Selbstständigkeit lohnt, ist eine sehr persönliche. Viele Faktoren spielen eine Rolle, darunter die eigenen Ziele, die Risikobereitschaft und die finanzielle Situation.

Motivation und Ziele

Warum möchte man sich selbstständig machen? Geht es darum, mehr Geld zu verdienen, die eigenen Therapievorstellungen zu verwirklichen oder einfach nur, dem Angestelltenverhältnis zu entfliehen? Die Antwort auf diese Frage ist entscheidend für den Erfolg der Selbstständigkeit. Wer nur des Geldes wegen selbstständig wird, wird schnell die Lust verlieren, wenn die ersten Schwierigkeiten auftreten.

Finanzielle Aspekte

Die finanzielle Seite der Selbstständigkeit ist nicht zu unterschätzen. Neben den Gründungskosten müssen auch die laufenden Kosten gedeckt werden, wie Miete, Personal, Material und Versicherungen. Es ist wichtig, einen realistischen Businessplan zu erstellen und sich über Fördermöglichkeiten zu informieren.

Einkommenspotenzial

Als Selbstständige/r kann man potenziell mehr verdienen als im Angestelltenverhältnis. Allerdings hängt das Einkommen stark vom Erfolg der Praxis ab. Es ist wichtig, die Einnahmen und Ausgaben permanent im Blick zu haben und sich betriebswirtschaftliche Kenntnisse anzueignen.

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Unternehmerisches Risiko

Die Selbstständigkeit ist immer mit einem unternehmerischen Risiko verbunden. Es gibt keine Garantie für Erfolg, und es kann auch zu finanziellen Verlusten kommen. Es ist wichtig, sich dessen bewusst zu sein und sich entsprechend abzusichern.

Persönliche Voraussetzungen

Nicht jeder ist für die Selbstständigkeit geeignet. Es braucht Durchhaltevermögen, Organisationstalent, Kommunikationsfähigkeit und die Bereitschaft, viel Zeit und Energie zu investieren. Auch Konfliktfähigkeit und die Fähigkeit, mit Stress umzugehen, sind wichtige Eigenschaften.

Erfahrungen aus der Praxis: Pro und Contra

Die Meinungen darüber, ob sich die Selbstständigkeit lohnt, gehen auseinander. Einige berichten von großer Zufriedenheit und finanziellen Erfolg, während andere von viel Arbeit und wenig Gewinn berichten.

Positive Aspekte

  • Freie Gestaltungsmöglichkeiten: Als Selbstständige/r kann man seine eigenen Therapievorstellungen verwirklichen und die Praxis nach seinen Wünschen gestalten.
  • Unabhängigkeit: Man ist sein eigener Chef und kann seine Arbeitszeiten selbst bestimmen.
  • Höheres Einkommenspotenzial: Bei erfolgreicher Praxisführung kann man deutlich mehr verdienen als im Angestelltenverhältnis.
  • Persönliche Weiterentwicklung: Die Selbstständigkeit fordert und fördert die persönliche Entwicklung.

Negative Aspekte

  • Hoher Arbeitsaufwand: Die Selbstständigkeit ist mit viel Arbeit verbunden, oft auch am Wochenende oder in der Nacht.
  • Finanzielles Risiko: Es gibt keine Garantie für Erfolg, und es kann auch zu finanziellen Verlusten kommen.
  • Hohe Verantwortung: Man trägt die Verantwortung für die Praxis und das Personal.
  • Bürokratie: Die Selbstständigkeit ist mit viel Bürokratie verbunden.
  • Geringe Wertschätzung: Selbstständige erfahren oft wenig Wertschätzung, sowohl von Mitarbeitern als auch von der Gesellschaft.

Alternative Karrierewege in der Ergotherapie

Wer als Ergotherapeutin viel Geld verdienen will, kann auch andere Wege einschlagen, z.B. eine Schule für Ergotherapie gründen, Unternehmensberaterin für Ergotherapiepraxen werden oder ein Fortbildungsinstitut für Ergotherapeuten gründen. Auch der Wechsel auf einen Arbeitsplatz mit Tarifvertrag kann eine Option sein, um bessere Arbeitsbedingungen zu erhalten.

Selbstständigkeit als Arzt: Eine praxisnahe Betrachtung

Nach dem Studium stellt sich für Mediziner die Frage, ob sie als Angestellter arbeiten oder eine eigene Praxis eröffnen bzw. übernehmen wollen. Dabei sind verschiedene Aspekte zu berücksichtigen, von den formalen Voraussetzungen bis hin zu den strategischen Grundsatzentscheidungen.

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Formale Voraussetzungen

Grundvoraussetzung für die Selbstständigkeit als Arzt sind ein abgeschlossenes Hochschulstudium sowie der Besitz einer Approbation. Der angehende Vertragsarzt muss im Arztregister eingetragen sein und einen schriftlichen Zulassungsantrag beim Zulassungsausschuss einreichen. Darüber hinaus sind bestimmte Voraussetzungen zu erfüllen, um als Vertragsarzt zugelassen zu werden, wie etwa eine erfolgreich abgeschlossene Weiterbildung in einem Fachgebiet.

Strategische Grundsatzentscheidungen

Ist die Entscheidung gefallen, sich als Arzt selbstständig zu machen, so sollte der Plan konkrete Konturen erlangen. Zunächst stellt sich die Frage, ob eine vorhandene Praxis übernommen werden oder eine eigene neu gegründet werden soll. Der Vorteil einer vorhandenen ist, dass auf belastbare Daten, einen großen Patientenstamm sowie eine funktionale Einrichtung zurückgegriffen werden kann. Wer eine Praxis neu gründet, kann sich ein Team aufbauen und alle Abläufe im Sinne der eigenen Ziele optimieren. Auch der Standort spielt eine entscheidende Rolle für den Erfolg der Praxis.

Die Rolle des Internets für die Vermarktung der eigenen Praxis

Das Internet hat auch auf Ärzte und deren Reputation einen immer größeren Einfluss. Eine moderne Webseite kann für Patienten eine erste vertrauenserweckende Anlaufstelle sein, um sich mit den Leistungen, den Praxisräumen und dem Personal vertraut zu machen. Insofern spielt das Internet eine zentrale Rolle für die Gewinnung von Patienten.

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