Neurologische Sprach- und Sprechstörungen: Ursachen, Therapie und umfassende Informationen

Sprach- und Sprechstörungen stellen eine erhebliche Beeinträchtigung der Kommunikationsfähigkeit dar und können die Lebensqualität der Betroffenen stark mindern. Diese Störungen können unterschiedliche Ursachen haben, von erworbenen Hirnschädigungen bis hin zu neurologischen Erkrankungen. Eine frühzeitige Diagnose und eine individuell abgestimmte Therapie sind entscheidend, um die Kommunikationsfähigkeit zu verbessern und den Betroffenen ein selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen.

Einführung in neurologische Sprach- und Sprechstörungen

Sprach- und Sprechstörungen umfassen ein breites Spektrum von Beeinträchtigungen, die das Sprechen, Verstehen, Lesen und Schreiben betreffen können. Sie entstehen durch Schädigungen oder Funktionsstörungen des Gehirns oder des Nervensystems, die für die Sprachproduktion und -verarbeitung verantwortlich sind. Zu den häufigsten Ursachen zählen Schlaganfälle, Schädel-Hirn-Traumata, Hirntumore und neurologische Erkrankungen wie Parkinson oder Multiple Sklerose.

Definition und Abgrenzung: Sprach- und Sprechstörungen

Es ist wichtig, zwischen Sprach- und Sprechstörungen zu unterscheiden, da sie unterschiedliche Bereiche der Kommunikation betreffen und somit unterschiedliche Therapieansätze erfordern.

  • Sprachstörungen (Aphasien): Beeinträchtigen die Fähigkeit, Sprache zu verstehen oder zu produzieren. Dies kann sich in Schwierigkeiten äußern, die richtigen Wörter zu finden, Sätze zu bilden oder den Sinn von Gesprochenem oder Geschriebenem zu erfassen.

  • Sprechstörungen (Dysarthrien, Sprechapraxien): Beeinträchtigen die motorischen Fähigkeiten, die für das Sprechen erforderlich sind. Dies kann zu einer undeutlichen Aussprache, verändertem Sprechtempo oder Schwierigkeiten bei der Koordination der Sprechmuskulatur führen.

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Ursachen von Sprach- und Sprechstörungen

Die Ursachen für Sprach- und Sprechstörungen sind vielfältig und können sowohl erworbene als auch neurologische Ursachen haben.

Erworbene Ursachen

  • Schlaganfall: Ein Schlaganfall ist die häufigste Ursache für Aphasien. Durch die Unterbrechung der Blutversorgung im Gehirn werden Sprachzentren geschädigt, was zu Sprach- und Sprechstörungen führen kann. In Deutschland erleiden jährlich etwa 270.000 Menschen einen Schlaganfall, wobei ein erheblicher Teil davon Aphasien entwickelt.
  • Schädel-Hirn-Trauma (SHT): Ein SHT kann durch Unfälle oder Stürze verursacht werden und zu vielfältigen Funktionsstörungen des Gehirns führen, einschließlich Sprach- und Sprechstörungen. In Deutschland erleiden jährlich ca. 270.000 Menschen eine Schädel-Hirn-Verletzung, von denen viele unter Aphasie leiden.
  • Hirntumore: Tumore im Gehirn können die Sprachzentren direkt schädigen oder durch Druck auf umliegende Hirnstrukturen Sprach- und Sprechstörungen verursachen.
  • Entzündliche Erkrankungen des Gehirns (Enzephalitis): Entzündungen des Gehirns, meist durch Viren oder Bakterien verursacht, können ebenfalls Sprach- und Sprechstörungen auslösen.
  • Vergiftungen: Bestimmte Vergiftungen können das Gehirn schädigen und zu Sprach- und Sprechstörungen führen.

Neurologische Ursachen

  • Parkinson-Erkrankung: Diese neurologische Erkrankung kann zu Störungen der Atmung und Stimmbildung führen, was sich in einer monotonen und leisen Sprechweise äußern kann (Dysarthrie).
  • Multiple Sklerose (MS): MS kann verschiedene neurologische Symptome verursachen, einschließlich Sprach- und Sprechstörungen.
  • Amyotrophe Lateralsklerose (ALS): ALS ist eine fortschreitende neurologische Erkrankung, die zu Muskelschwäche und -lähmung führt, was auch die Sprechmuskulatur betreffen kann.
  • Alzheimer-Erkrankung: Im Verlauf der Alzheimer-Erkrankung können Sprachstörungen auftreten, die sich in Wortfindungsstörungen und Schwierigkeiten beim Sprachverständnis äußern.

Weitere Ursachen

  • Redeflussstörungen: Stottern und Poltern können die flüssige Sprachproduktion beeinträchtigen.
  • Psychische Erkrankungen: Sprechstörungen können auch auf psychische Erkrankungen zurückgehen.
  • Akinetischer Mutismus: Eine schwere Antriebsstörung kann dazu führen, dass Betroffene nicht sprechen.
  • Epileptische Anfälle: Anfälle können vorübergehend die Sprachfunktion beeinträchtigen.

Formen von Sprach- und Sprechstörungen

Je nach Art und Lokalisation der Schädigung im Gehirn können sich Sprach- und Sprechstörungen unterschiedlich äußern.

Aphasien (Sprachstörungen)

Aphasien werden in verschiedene Formen unterteilt, die jeweils spezifische Symptome aufweisen:

  • Globale Aphasie: Die schwerste Form der Aphasie, bei der sowohl die Sprachproduktion als auch das Sprachverständnis stark beeinträchtigt sind. Die Betroffenen können kaum oder gar nicht sprechen, verstehen Sprache nicht und haben Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben.
  • Broca-Aphasie (motorische Aphasie): Die Sprachproduktion ist stark beeinträchtigt, während das Sprachverständnis in der Regel weitgehend erhalten ist. Die Betroffenen sprechen langsam und mühsam, oft im Telegrammstil, und haben Schwierigkeiten, grammatikalisch korrekte Sätze zu bilden.
  • Wernicke-Aphasie: Der Redefluss ist gut erhalten, manchmal sogar gesteigert, aber das Sprachverständnis ist stark beeinträchtigt. Die Betroffenen sprechen flüssig, aber ihre Äußerungen sind oft inhaltsleer und unverständlich. Sie haben Schwierigkeiten, den Sinn von Wörtern und Sätzen zu erfassen, und sind sich ihrer Sprachstörung oft nicht bewusst.
  • Amnestische Aphasie: Hauptsymptom sind Wortfindungsstörungen. Die Betroffenen haben Schwierigkeiten, die richtigen Wörter zu finden, obwohl sie wissen, was sie sagen wollen. Sie verwenden oft Umschreibungen oder Platzhalterwörter wie "Ding" oder "das da". Das Sprachverständnis und die Sprachproduktion sind in der Regel weniger stark beeinträchtigt.

Dysarthrien (Sprechstörungen)

Dysarthrien sind Störungen der Sprechmotorik, die durch Schädigungen des zentralen oder peripheren Nervensystems verursacht werden. Die Symptome können je nach betroffenem Bereich variieren:

  • Veränderte Artikulation: Schwierigkeiten bei der präzisen Bildung von Lauten, was zu einer undeutlichen Aussprache führt.
  • Veränderte Stimmgebung: Veränderungen der Stimmqualität, wie z.B. eine heisere, raue oder gepresste Stimme.
  • Verändertes Sprechtempo: Verlangsamtes oder beschleunigtes Sprechtempo.
  • Veränderte Sprechmelodie (Prosodie): Monotone oder unnatürliche Sprechmelodie.
  • Beeinträchtigung der Sprechatmung: Schwierigkeiten bei der Koordination von Atmung und Sprechen.

Sprechapraxie

Eine Sprechapraxie ist eine Störung der Planung von Sprechbewegungen, ohne dass eine Muskellähmung vorliegt. Die Betroffenen haben Schwierigkeiten, die richtigen Laute in der richtigen Reihenfolge zu bilden, und beginnen ihre Sätze oft mehrmals von vorn.

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Diagnose von Sprach- und Sprechstörungen

Eine umfassende Diagnose ist entscheidend, um die Ursache, Art und Schwere der Sprach- oder Sprechstörung zu bestimmen und einen individuellen Therapieplan zu entwickeln.

Anamnese

  • Gespräch mit dem Patienten und den Angehörigen: Erhebung der Krankengeschichte, Beschreibung der Symptome und ihres Verlaufs.
  • Erfassung des spontanen Sprachverhaltens: Beurteilung der Sprachflüssigkeit, des Wortschatzes, der Grammatik und des Sprachverständnisses.
  • Abklärung weiterer Symptome: Erfassung von Begleitsymptomen wie Lähmungen, Schluckstörungen oder kognitiven Beeinträchtigungen.

Körperliche und neurologische Untersuchung

  • Überprüfung der Mundmotorik: Beurteilung der Beweglichkeit von Zunge, Lippen und Gaumen.
  • Untersuchung der Stimmfunktion: Beurteilung der Stimmqualität, Stimmhöhe und Stimmstärke.
  • Neurologische Tests: Überprüfung der Reflexe, der Muskelkraft und der Sensibilität.

Spezielle sprachdiagnostische Tests

  • Aachener Aphasie Test (AAT): Ein standardisierter Test zur umfassenden Beurteilung der Sprachfunktionen bei Aphasie.
  • Token Test: Ein Test zur Überprüfung des Sprachverständnisses.
  • Weitere Tests: Je nach Bedarf können weitere Tests zur Beurteilung der Artikulation, der Sprechflüssigkeit, der Lese- und Schreibfähigkeit eingesetzt werden.

Bildgebende Verfahren

  • Computertomographie (CT) und Magnetresonanztomographie (MRT): Diese Verfahren ermöglichen die Darstellung von Hirnschädigungen, wie z.B. Schlaganfällen, Tumoren oder Entzündungen.
  • Angiographie: Darstellung der Blutgefäße im Gehirn, um Durchblutungsstörungen zu erkennen.

Therapie von Sprach- und Sprechstörungen

Die Therapie von Sprach- und Sprechstörungen zielt darauf ab, die Kommunikationsfähigkeit der Betroffenen zu verbessern und ihnen ein möglichst selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen. Die Therapieansätze sind vielfältig und werden individuell auf die Bedürfnisse und Fähigkeiten des Patienten abgestimmt.

Sprachtherapie (Logopädie)

  • Aphasietherapie: Übungen zur Verbesserung des Sprachverständnisses, der Wortfindung, der Satzbildung und der Lese- und Schreibfähigkeit.
  • Dysarthrietherapie: Training der Sprechmuskulatur, Atemübungen und Artikulationstraining zur Verbesserung der Sprachverständlichkeit.
  • Therapie bei Sprechapraxie: Schrittweises Erlernen der Lautbildung durch motorische und kognitive Übungen.
  • Computergestützte Therapie: Einsatz von Software und Apps zur Unterstützung der Sprachtherapie.

Neuropsychologische Therapie

  • Training von Aufmerksamkeit und Gedächtnis: Verbesserung der kognitiven Fähigkeiten, die für die Kommunikation wichtig sind.
  • Strategietraining: Erlernen von Kompensationsstrategien für sprachliche Defizite.

Weitere Therapieformen

  • Physiotherapie: Bei Lähmungen und Bewegungseinschränkungen.
  • Ergotherapie: Übungen zum Wiedererlernen von Alltagsfähigkeiten.
  • Physikalische Therapien: Elektrotherapie, Massage, Bäder.

Medikamentöse Therapie

  • Medikamente zur Verbesserung der Hirnfunktion: In einigen Fällen können Medikamente eingesetzt werden, um die Hirnfunktion zu verbessern und die Therapie zu unterstützen.

Operative Therapie

  • Gaumensegelprothese: Bei Gaumensegellähmung kann eine Prothese eingesetzt werden, um die Sprechfunktion zu verbessern.

Interdisziplinäre Zusammenarbeit

Die Behandlung von Sprach- und Sprechstörungen erfordert oft die Zusammenarbeit verschiedener Fachbereiche, wie Neurologie, Logopädie, Physiotherapie, Ergotherapie und Neuropsychologie.

Unterstützung der Angehörigen

Die Einbindung der Angehörigen ist ein wichtiger Bestandteil der Therapie. Sie erhalten Informationen und Schulungen, um die Betroffenen im Alltag zu unterstützen und die Kommunikation zu erleichtern.

Tipps für den Umgang mit Menschen mit Sprach- und Sprechstörungen

  • Nehmen Sie sich Zeit: Lassen Sie dem Betroffenen ausreichend Zeit zum Sprechen.
  • Sprechen Sie langsam und deutlich: Verwenden Sie einfache Sätze und vermeiden Sie komplizierte Wörter.
  • Seien Sie geduldig: Unterbrechen Sie den Betroffenen nicht und korrigieren Sie ihn nicht.
  • Verwenden Sie nonverbale Kommunikation: Gesten, Mimik und Zeichnungen können die Kommunikation erleichtern.
  • Schaffen Sie eine ruhige Umgebung: Vermeiden Sie Ablenkungen wie laute Geräusche oder Fernsehen.
  • Beziehen Sie die Angehörigen ein: Fragen Sie die Angehörigen nach Tipps und Strategien zur Kommunikation.
  • Respektieren Sie die Einschränkungen: Akzeptieren Sie, dass der Betroffene möglicherweise nicht in der Lage ist, alles zu verstehen oder auszudrücken.
  • Ermutigen Sie zur Teilnahme am sozialen Leben: Fördern Sie die Teilnahme an Aktivitäten und Gruppen, um soziale Kontakte zu pflegen.

Seelische Folgen von Sprach- und Sprechstörungen

Sprach- und Sprechstörungen können erhebliche seelische Belastungen verursachen. Die Betroffenen fühlen sich oft isoliert, frustriert und hilflos. Sie können unter Depressionen, Angstzuständen und einem Verlust des Selbstwertgefühls leiden. Es ist daher wichtig, auch die seelischen Folgen der Störung zu berücksichtigen und den Betroffenen psychologische Unterstützung anzubieten.

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Bedeutung der Früherkennung und -therapie bei Kindern

Für Kinder ist es besonders wichtig, dass Sprach- und Sprechstörungen frühzeitig erkannt und behandelt werden. Eine frühzeitige logopädische Unterstützung kann verhindern, dass sich die Kinder in ihrer psychosozialen Entwicklung einschränken und Schwierigkeiten beim Erlernen von Lerninhalten haben.

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