Die Neurologische Klinik des Universitätsklinikums Essen (UK Essen) zeichnet sich durch ein breites Spektrum an Forschungsschwerpunkten und eine moderne, teamorientierte Struktur aus. Die Klinik verfolgt einen interdisziplinären Ansatz, der Grundlagenforschung, krankheitsorientierte Forschung und patientenorientierte klinische Forschung vereint. Dies ermöglicht es, neueste wissenschaftliche Erkenntnisse schnell in innovative Behandlungsmethoden umzusetzen.
Schwerpunkte der Forschung
Die Neurologische Klinik des UK Essen hat eigenständige Bereiche in der Schlaganfall- und Notfallmedizin, der Neuroonkologie, der Neuroimmunologie, der peripheren Neurologie und bei den neurodegenerativen Erkrankungen geschaffen. Darüber hinaus wurde das überregional bekannte Kopfschmerz-, Schwindel- und Rückenschmerzzentrum weiterentwickelt und ein neuer Bereich Epilepsie eröffnet. Die Forschungsschwerpunkte der Klinik sind vielfältig und umfassen unter anderem:
Neurochemische Grundlagen neurologischer Erkrankungen
Eine Arbeitsgruppe am Forschungszentrum Jülich untersucht metabolische und neurochemische Prozesse, die neurologischen und psychiatrischen Erkrankungen wie Alzheimer, Depression und fundamentalen Funktionen des Gehirns zugrunde liegen. Dabei kommen bildgebende und analytische Techniken zum Einsatz. Ein besonderer Fokus liegt auf der Analyse der Verteilung und Regulation von Neurotransmitterrezeptoren im menschlichen Gehirn mittels multimodaler Bildgebung. Ziel ist die Entwicklung hochspezifischer neurochemischer Indikatoren für Hirnerkrankungen, die eine sichere Diagnose in frühen Krankheitsstadien ermöglichen. Diese Indikatoren sollen als diagnostische Instrumente bei Alzheimer, Parkinson, Huntington, Multipler Sklerose, Depression, Epilepsie und Schizophrenie dienen.
Klinische und Experimentelle Neuroimmunologie
Die Arbeitsgruppe Klinische und Experimentelle Neuroimmunologie beschäftigt sich mit Aspekten entzündlicher Neuropathien wie der Chronischen Inflammatorischen Demyelinisierenden Polyradikuloneuropathie (CIDP). Ziel ist es, immunregulatorische Ko-Faktoren zu untersuchen, um in Serum und Liquor paraklinische Surrogatparameter für die Diagnosestellung und Verlaufsbeurteilung von neuroimmunologischen Erkrankungen zu identifizieren.
Schlaganfallforschung
Im Bereich der klinischen Schlaganfallforschung liegt der Fokus auf der Akuttherapie des Schlaganfalls, der Neurosonologie, der Diagnostik autonomer Funktionsstörungen sowie intensivmedizinischen Aspekten in der Schlaganfallversorgung. Die Arbeitsgruppe konzipiert und plant klinische Schlaganfallstudien, die in der Regel überregional multizentrisch durchgeführt werden. Dies umfasst medikamentöse Therapieansätze und den Einfluss moderner Kommunikationswege.
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Die Arbeitsgruppe Thrombo-Inflammation untersucht das Zusammenspiel thrombotischer und inflammatorischer Prozesse an der neurovaskulären Einheit beim ischämischen Schlaganfall. Besonderes Augenmerk gilt der Erkennung von Schlüsselmechanismen für neue Therapieansätze. Die Forschergruppe FOR 2879 ImmunoStroke widmet sich ebenfalls diesem Forschungsfeld.
Mit dem Ansatz der Systemmedizin werden Schlaganfälle und ähnliche neurovaskuläre Krankheiten erforscht. Systemmedizin definiert krankheitsauslösende Mechanismen mittels computerbasierten Datenbankanalysen neu.
Schmerz und Kognition
Die Arbeitsgruppe unter der Leitung von Univ.-Prof. Dr. beschäftigt sich mit der Interaktion zwischen Schmerz und kognitiven Prozessen. Sie verfügt über langjährige Expertise in der Erforschung der ZNS-Mechanismen der Schmerzverarbeitung und -modulation. Dabei werden Verhaltensparadigmen, pharmakologische Interventionen sowie funktionelle und strukturelle Bildgebung des Gehirns eingesetzt. Ein starker Fokus liegt auf translationalen Fragestellungen, wie der Rolle von Erwartungen und Vorerfahrungen auf analgetische und andere Behandlungen. Die interdisziplinäre Arbeitsgruppe umfasst Neurologen, Neurowissenschaftler, Psychologen, Biologen und Informatiker.
Neuromuskuläre Erkrankungen
Die Forschung im Bereich der neuromuskulären Erkrankungen umfasst grundlagenwissenschaftliche, klinische und translationale Ansätze. Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf Motoneuronerkrankungen wie SMA und ALS, neurotoxischen Wirkungen von Zytostatika sowie Störungen der neuromuskulären Endplatte.
Verhaltensbiologische Mechanismen neurologischer Störungen
In dieser Arbeitsgruppe werden die verhaltensbiologischen Mechanismen verschiedener funktioneller Störungen in der Neurologie erforscht. Dabei kommen testpsychologische, elektrophysiologische und bildgebende Verfahren zur Anwendung. Zusätzlich werden innovative transdisziplinäre Versorgungskonzepte erarbeitet, die einen besseren Behandlungsstart innerhalb der Akut-Neurologie ermöglichen. Ein Fokus liegt dabei auf dissoziative Anfälle, Bewegungsstörungen und Empfindungsstörungen.
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Klinische Neuroonkologie
Der Schwerpunkt Klinische Neuroonkologie bietet Patienten neueste medikamentöse Therapieentwicklungen und Studien mit vielversprechenden Medikamenten an. Durch die intensive Zusammenarbeit mit dem Westdeutschen Tumorzentrum profitieren Patienten von neuesten Erkenntnissen der Hirntumorforschung.
Kopfschmerz und Schwindel
Die Arbeitsgruppe „Kopfschmerz und Schwindel“ beschäftigt sich mit grundlagenwissenschaftlichen und klinischen Ansätzen zur Erforschung von Kopfschmerz- und Schwindelerkrankungen. Ein besonderer Schwerpunkt liegt dabei auf bildgebungstechnischen und elektrophysiologischen Forschungsansätzen.
Bewegungsstörungen und Neuromodulation
Eine enge Kooperation zwischen dem Bereich Bewegungsstörungen und Neuromodulation der Neurologischen Klinik und der Funktionellen Neurochirurgie und Stereotaxie ermöglicht ein breites therapeutisches Spektrum. Neben individuell angepassten medikamentösen und Pumpentherapien stellt die Hirnschrittmachertherapie einen besonderen Schwerpunkt dar. Forschungsschwerpunkte sind die Untersuchung funktioneller Netzwerke des erkrankten Gehirns, die strukturelle Charakterisierung von Alterungsprozessen des Gehirns in Kooperation mit dem Forschungszentrum Jülich sowie die Untersuchung motorischer, kognitiver, emotionaler und psychosozialer Effekte der tiefen Hirnstimulation.
Auszeichnungen und Anerkennung
Die Forschungsleistungen der Neurologischen Klinik werden auch überregional gewürdigt. So erhielt Prof. Dr. Tim Hagenacker, Wissenschaftler der Medizinischen Fakultät der Universität Duisburg-Essen, den Felix-Jerusalem-Forschungspreis der Deutschen Gesellschaft für Muskelkranke (DGM) für seine Forschung zu neuen Therapieoptionen bei der Spinalen Muskelatrophie (SMA).
Struktur und Team
Die Neurologische Klinik des UK Essen legt großen Wert auf moderne Führungsstrukturen mit flachen Hierarchien und einem starken Teamansatz. Der kollegiale Austausch mit allen Berufsgruppen, insbesondere den Pflegenden, wird gefördert. Ein ärztliches Führungsteam vertritt die verschiedenen Bereiche klinisch und wissenschaftlich eigenständig. Die gute personelle Ausstattung der Klinik ermöglicht planbare Freistellungen für Forschungsaktivitäten und die Umsetzung moderner Arbeitszeitmodelle. Strukturierte Clinician Scientist Programme sind vorhanden.
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Aus- und Weiterbildung
Die Klinik bietet eine umfassende Aus- und Weiterbildung für Assistenzärztinnen und -ärzte auf höchstem Niveau. Der Erwerb der Zusatzbezeichnungen Intensivmedizin, Schmerztherapie und Geriatrie ist möglich, ebenso wie der Erwerb des EEG, EP, EMG und Ultraschall Zertifikats. Es besteht die Möglichkeit, basierend auf den speziellen Interessen der Kandidatinnen und Kandidaten, individuell einzelne Bereiche der spezialisierten Neurologie auszuwählen und zu vertiefen. Hier stehen u.a. eine umfassende Ausbildung in unserem Epilepsiezentrum, dem Neuromuskulären Zentrum, der Neuroimmunologie, dem Kopf- und Schwindelzentrum, der speziellen Neuroonkologie, der Neurologischen Intensivmedizin und Schlaganfallmedizin oder auch in der Behandlung von Bewegungsstörungen inkl. tiefen Hirnstimulationsverfahren zur Auswahl.
Wichtige Publikationen
Die wissenschaftliche Arbeit der Neurologischen Klinik spiegelt sich in zahlreichen Publikationen in renommierten Fachzeitschriften wider. Einige ausgewählte Beispiele sind:
- Jost ST, * Strobel L,* Rizos A, Loehrer PA, Ashkan K, Evans J, Rosenkranz F, Barbe MT, Fink GF, Franklin J, Sauerbier A, Nimsky C, Sattari A, Ray Chaudhuri K, Antonini A, Timmermann L, Martinez-Martin P, Silverdale M, Kalbe E, Visser-Vandewalle V & Dafsari HS (2022). Gender gap in deep brain stimulation for Parkinson’s disease. npj Parkinson’s Disease, 8(47), doi: 10.1038/s41531-022-00305-y *geteilte Erstautorenschaft
- Jost ST, Visser-Vandewalle V, Rizos A, Loehrer PA, Silverdale M, Evans J, Samuel M, Petry-Schmelzer J, Sauerbier A, Gronostay A, Barbe MT, Fink GR, Ashkan A, Antonini A, Martinez-Martin P, Ray Chaudhuri K, Timmermann L & Dafsari HS (2021). Non-motor predictors of 36-month quality of life after subthalamic stimulation in Parkinson disease. npj Parkinson’s Disease, 7(1): 48, doi: 10.1038/s41531-021-00174-x.
- Schedlich-Teufer C,* Jost ST,* Krack P, Witt K, Weintraub D, Baldermann JC, Sommerauer M, Amstutz D, van Eimeren T, Dafsari HS, Kalbe E, Visser-Vandewalle V, Fink GR, Kessler J & Barbe MT (2021). Assessment of affective-behavioral states in Parkinson's Disease patients: toward a new screening tool. Journal of Parkinson’s Disease, 11(3): 1417-1430, doi: 10.3233/JPD-202375. *geteilte Erstautorenschaft
- Kaesberg, S., Flitsch, L. J., Kalbe, E., Kessler, J., Fink, G. R. (2021). NP-KISS. Neuropsychologisches Kitteltaschen Schlaganfall-Screening. Göttingen: Hogrefe.
- Jost ST, Ray Chaudhuri K, Ashkan K, Loehrer PA, Silverdale M, Rizos A, Evans J, Petry-Schmelzer J, Barbe MT, Sauerbier A, Fink GR, Visser-Vandewalle V, Antonini A, Martinez-Martin P, Timmermann L & Dafsari HS (2021). Subthalamic stimulation improves quality of sleep in Parkinson disease: a 36-month controlled study. Journal of Parkinson’s Disease, 11(1):323-335, doi:10.3233/JPD-202278.
- Kalbe, E., Calabrese, P., Kessler, J. (2021). Parkinson Neuropsychometrie Dementia Assessment. Köln: ProLog.
- Kessler J, Linden P & Folkerts AK (2021). Der andere Anti-Demenz-Ratgeber: Wie Sie mit falscher Ernährung, wenig Bewegung und Einsamkeit Ihren Verstand schädigen. Berlin: Springer.
- Jost ST, Sauerbier A, Visser-Vandewalle V, Ashkan A, Silverdale M, Evans J, Loehrer PA, Rizos A, Petry-Schmelzer J, Reker P, Fink GR, Franklin J, Samuel M, Schnitzler A, Barbe MT, Antonini A, MartinezMartin P, Timmermann L, Ray Chaudhuri K & Dafsari HS (2020). A prospective, controlled study of non-motor effects of subthalamic stimulation in Parkinson's disease: results at the 36-month follow-up. Journal of Neurology, Neurosurgery, and Psychiatry, 91(7):687-694, doi: 10.1136/jnnp-2019-322614.
- Scheffels J, Kräling H, Jeschke M, Kalbe E & Kessler J (2020). Kölner Exekutiv-Test. Diagnostikum zur Erfassung exekutiver Funktionsstörungen unter Einbeziehung von Emotionserkennungsleistungen und Verhaltensauffälligkeiten. Köln: Prolog.
- Kaesberg, S., Kalbe, E., Finis, J., Kessler, J. & Fink, G.R. (2014). Kölner Neuropsychologisches Screening für Schlaganfall-Patienten (KöpSS). Göttingen: Hogrefe.
- Weiss-Blankenhorn, P., Kalbe, E., Kessler, J. & Fink, G.R. (2013). Der Kölner Apraxie-Test.
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