Zusammenarbeit von Neurologie und Geriatrie: Eine umfassende Versorgung älterer Patienten

Die alternde Bevölkerung stellt das Gesundheitswesen vor neue Herausforderungen. Multimorbidität, Gebrechlichkeit und neurologische Erkrankungen sind im Alter häufig anzutreffen. Um diesen komplexen Bedürfnissen gerecht zu werden, ist eine enge Zusammenarbeit zwischen Neurologie und Geriatrie unerlässlich. Dieser Artikel beleuchtet die Bedeutung dieser interdisziplinären Kooperation und stellt verschiedene Ansätze und Modelle vor.

Die Geriatrie: Medizin des alternden Menschen

Die Geriatrie, auch Altersmedizin bzw. Altersheilkunde genannt, ist die Lehre von den Krankheiten des alternden Menschen. Sie berücksichtigt die besonderen Bedürfnisse und Herausforderungen älterer Patienten, die häufig an mehreren Erkrankungen gleichzeitig leiden (Multimorbidität). Ziel der geriatrischen Behandlung ist es, die Lebensqualität und Selbstständigkeit älterer Menschen so lange wie möglich zu erhalten.

Geriatrische Komplexbehandlung

Die geriatrische Komplexbehandlung ist ein Therapieangebot für ältere Patienten mit einem hohen Grad an Gebrechlichkeit und aktiven Mehrfach-Erkrankungen. Sie wird in einem multidisziplinären Team auf einer interdisziplinären Station (Neurologie und Neurologische Frührehabilitation sowie Geriatrie) angeboten.

Neurologie im Kontext des Alters

Die Neurologie befasst sich mit Erkrankungen des Nervensystems, einschließlich des Gehirns, des Rückenmarks, der Nerven und der Muskeln. Im Alter treten neurologische Erkrankungen häufiger auf und können die Lebensqualität erheblich beeinträchtigen. Beispiele hierfür sind Schlaganfälle, Demenzen, Parkinson-Krankheit, Multiple Sklerose und Polyneuropathien.

Neurogeriatrie: Die Schnittstelle von Neurologie und Geriatrie

Die Neurogeriatrie ist ein relativ junges Fachgebiet, das sich mit der Behandlung von älteren Patienten mit neurologischen Erkrankungen befasst. Sie berücksichtigt die spezifischen Herausforderungen dieser Patientengruppe, wie z. B. Multimorbidität, Gebrechlichkeit, kognitive Einschränkungen und soziale Isolation. Ziel der Neurogeriatrie ist es, die neurologischen Symptome zu lindern, die funktionellen Fähigkeiten zu verbessern und die Lebensqualität der Patienten zu erhalten.

Lesen Sie auch: Neurologie vs. Psychiatrie

Gründe für die Zusammenarbeit von Neurologie und Geriatrie

Die Zusammenarbeit von Neurologie und Geriatrie bietet zahlreiche Vorteile für ältere Patienten mit neurologischen Erkrankungen:

  • Ganzheitliche Betrachtung: Durch die interdisziplinäre Zusammenarbeit können die komplexen Bedürfnisse der Patienten umfassend erfasst und behandelt werden.
  • Verbesserte Diagnostik: Neurologen und Geriater können ihr Fachwissen kombinieren, um eine genauere Diagnose zu stellen und die bestmögliche Therapie zu entwickeln.
  • Optimierte Behandlung: Die Zusammenarbeit ermöglicht eine individuelle Anpassung der Therapie an die Bedürfnisse des Patienten, unter Berücksichtigung von Begleiterkrankungen und funktionellen Einschränkungen.
  • Frühzeitige Rehabilitation: Durch die Integration von rehabilitativen Maßnahmen in die Akutbehandlung können die funktionellen Fähigkeiten der Patienten frühzeitig gefördert und die Selbstständigkeit erhalten werden.
  • Verbesserte Lebensqualität: Die interdisziplinäre Zusammenarbeit trägt dazu bei, die Lebensqualität der Patienten zu verbessern, indem neurologische Symptome gelindert, funktionelle Fähigkeiten gefördert und soziale Isolation reduziert werden.

Modelle der Zusammenarbeit

Es gibt verschiedene Modelle der Zusammenarbeit zwischen Neurologie und Geriatrie, die je nach den lokalen Gegebenheiten und Bedürfnissen der Patienten umgesetzt werden können:

  • Interdisziplinäre Stationen: Auf diesen Stationen arbeiten Neurologen und Geriater eng zusammen, um Patienten mit neurologischen Erkrankungen und geriatrischen Begleiterkrankungen gemeinsam zu behandeln.
  • Gemeinsame Sprechstunden: Neurologen und Geriater bieten gemeinsame Sprechstunden an, in denen sie Patienten gemeinsam untersuchen und behandeln.
  • Konsiliardienste: Neurologen und Geriater bieten Konsiliardienste für andere Abteilungen an, um ihr Fachwissen bei der Behandlung von Patienten mit neurologischen Erkrankungen und geriatrischen Begleiterkrankungen einzubringen.
  • Neurogeriatrische Zentren: Diese Zentren sind auf die Behandlung von älteren Patienten mit neurologischen Erkrankungen spezialisiert und bieten ein umfassendes Spektrum an diagnostischen, therapeutischen und rehabilitativen Leistungen.

Beispiele für die Umsetzung der Zusammenarbeit

  • Klinikum Bremen-Nord: Hier besteht ein besonderes Konzept der neuro-geriatrischen Zusammenarbeit zwischen der Klinik für Geriatrie und Frührehabilitation und der Neurologischen Klinik. Ziel ist es, eine kontinuierliche neurologische und geriatrische Betreuung mit entsprechenden Problemstellungen über die Abteilungsgrenzen hinweg zu gewährleisten. Auf der Station G1 wurde ein neuro-geriatrischer Schwerpunkt eingerichtet, und eine erfahrene Fachärztin für Neurologie arbeitet sowohl in der neuro-geriatrischen Schwerpunktstation G1 als auch der Neurologischen Klinik.
  • Johannes Wesling Klinikum Minden: Auf der Station A2g werden ältere Patienten nach verschiedenen Erkrankungen medizinisch, physiotherapeutisch, ergotherapeutisch, logopädisch und pflegerisch behandelt, um eine Rückkehr in die gewohnte häusliche Lebenssituation zu ermöglichen. Seit April 2008 betreut die Neurologische Klinik diesen Bereich zusammen mit der Universitätsklinik für Geriatrie, die ein umfangreiches Rehabilitationsprogramm für ältere Patienten anbietet.
  • Universitätsmedizin Göttingen (UMG): Die Geriatrie an der UMG wurde mit dem Fokus errichtet, geriatrische Forschung an der Schnittstelle der Spezialgebiete Neurologie und Kardiologie zu etablieren.

Herausforderungen und Lösungsansätze

Die Zusammenarbeit von Neurologie und Geriatrie ist nicht ohne Herausforderungen. Dazu gehören:

  • Unterschiedliche Fachkulturen: Neurologen und Geriater haben unterschiedliche Ausbildungshintergründe und Arbeitsweisen.
  • Kommunikationsprobleme: Die Kommunikation zwischen den Fachdisziplinen kann durch unterschiedliche Fachsprachen und Perspektiven erschwert werden.
  • Ressourcenmangel: Die interdisziplinäre Zusammenarbeit erfordert zusätzliche Ressourcen, wie z. B. Personal, Räumlichkeiten und Geräte.

Um diese Herausforderungen zu bewältigen, sind folgende Lösungsansätze erforderlich:

  • Gemeinsame Fortbildungen: Neurologen und Geriater sollten gemeinsam an Fortbildungen teilnehmen, um ihr Wissen über die jeweils andere Fachdisziplin zu erweitern und die Kommunikation zu verbessern.
  • Interdisziplinäre Teams: Die Bildung von interdisziplinären Teams, in denen Neurologen, Geriater, Pflegekräfte, Therapeuten und andere Fachkräfte zusammenarbeiten, fördert die Zusammenarbeit und den Wissensaustausch.
  • Klare Verantwortlichkeiten: Die Verantwortlichkeiten der einzelnen Fachdisziplinen sollten klar definiert werden, um Missverständnisse und Doppelarbeit zu vermeiden.
  • Unterstützung durch die Klinikleitung: Die Klinikleitung sollte die interdisziplinäre Zusammenarbeit aktiv unterstützen, indem sie die notwendigen Ressourcen bereitstellt und die Zusammenarbeit fördert.

Forschung in der Neurogeriatrie

Die Forschung spielt eine wichtige Rolle bei der Weiterentwicklung der Neurogeriatrie. Sie trägt dazu bei, Krankheitsmechanismen besser zu verstehen, neue Behandlungsmöglichkeiten zu entwickeln und die Versorgung älterer Patienten mit neurologischen Erkrankungen zu verbessern.

Lesen Sie auch: Expertise in Neurologie: Universitätsklinik Heidelberg

Forschungsschwerpunkte

  • Grundlagenforschung: Die Grundlagenforschung untersucht die biologischen Mechanismen, die zu neurologischen Erkrankungen im Alter führen.
  • Klinische Forschung: Die klinische Forschung untersucht die Wirksamkeit neuer diagnostischer und therapeutischer Verfahren bei älteren Patienten mit neurologischen Erkrankungen.
  • Versorgungsforschung: Die Versorgungsforschung untersucht die Qualität und Effizienz der Versorgung älterer Patienten mit neurologischen Erkrankungen.

Forschungsinitiativen

  • Universitätsmedizin Göttingen (UMG): Die Forschung in der Abteilung für Geriatrie erfolgt in Zusammenarbeit mit mehreren anderen Abteilungen, Instituten und Klinken im Herzzentrum, an der UMG und anderen Partnern.
  • PRECOVERY: Priv.-Doz. Carolin Steinmetz ist als wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Klinik für Geriatrie der UMG tätig und koordiniert das Projekt PRECOVERY, das die interdisziplinäre Zusammenarbeit in der Geriatrie mit Fokus auf neurologische Erkrankungen und Syndrome fördert.

Lesen Sie auch: Aktuelle Informationen zur Neurologie in Salzgitter

tags: #neurologie #und #geriatrie