Neurologische Erkrankungen und psychische Symptome: Ein umfassender Überblick

Einführung

In der modernen Medizin werden psychische Störungen zunehmend als Dysfunktionen des zentralen Nervensystems (ZNS) verstanden. Psychiatrie und Neurologie teilen sich somit eine gemeinsame medizinisch-naturwissenschaftliche Basis, wenngleich sie sich in ihren spezifischen Fragestellungen, Methoden und Traditionen unterscheiden. Dieser Artikel soll einen praxisrelevanten Überblick über psychiatrische Krankheitsbilder geben, mit denen Neurologen häufig konfrontiert werden, und die Zusammenhänge zwischen neurologischen Erkrankungen und psychischen Symptomen beleuchten.

Grundlagen der psychiatrischen Untersuchung

Die Erhebung psychiatrisch relevanter Informationen basiert auf teilstrukturierten ärztlichen Untersuchungen wie dem psychopathologischen Befund, der Eigen- und der Fremdanamnese. Fragebögen mit Selbst- und Fremdratingskalen sowie testpsychologische Verfahren ergänzen die Datengewinnung. Zunehmend gewinnen auch messbare biologische Parameter wie Medikamentenspiegel an Bedeutung.

Der psychopathologische Befund

Der psychopathologische Befund ist ein zentrales Instrument zur Beurteilung des psychischen Zustands eines Patienten. Er umfasst die systematische Erfassung und Beschreibung verschiedener psychischer Funktionen und Phänomene.

Bewusstsein: Quantitative Bewusstseinsstörungen werden auf einer Skala von wach bis komatös angegeben. Qualitative Störungen umfassen Bewusstseinstrübung (Schwierigkeiten, Aspekte von sich und der Umwelt zu verstehen und zu verbinden), Bewusstseinseinengung (eingeschränkte Ansprechbarkeit auf Reize außerhalb eines begrenzten Bereichs) und Bewusstseinsverschiebung.

Aufmerksamkeit und Konzentration: Störungen dieser Funktionen zeigen sich im Gespräch und nonverbal.

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Auffassung: Die Fähigkeit, Erfahrungen in ihrer Bedeutung zu begreifen und sinnvoll zu verbinden.

Merkfähigkeit und Gedächtnis: Die Fähigkeit, sich neue Informationen über einen Zeitraum von etwa 10 Minuten zu merken (Merkfähigkeit) und Informationen über längere Zeiträume abzurufen (Gedächtnis). Störungen können sich in Amnesien, Störungen des Zeitgitters oder Konfabulationen äußern.

Denken: Geschwindigkeit, Kohärenz und Stringenz des Gedankenablaufs. Störungen können als gehemmt, verlangsamt, umständlich, eingeengt, perseverierend, inkohärent oder zerfahren beschrieben werden.

Zwänge und Wahn: Zwänge treten in Form von Zwangsgedanken, Zwangsimpulsen und Zwangshandlungen auf. Wahn ist eine "Privatwirklichkeit", die dem Realitätsverständnis der Umgebung entgegensteht und hartnäckig verteidigt wird. Er kann als Wahnstimmung, Wahngedanke, Wahnwahrnehmung oder Wahneinfall in Erscheinung treten und zu einem Wahnsystem umgestaltet werden.

Sinnestäuschungen: Abweichungen von der normalen Sinneswahrnehmung, unterschieden in Halluzinationen (Wahrnehmungen ohne Reizquelle), Pseudohalluzinationen (Täuschungen, die als solche erkannt werden), illusionäre Verkennungen (Fehlinterpretationen realer Reize) und Wahrnehmungsanomalien (veränderte Wahrnehmung von Objekten).

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Ich-Erleben: Störungen des Ich-Erlebens umfassen Derealisation und Depersonalisation (die Umwelt oder die eigene Person wirkt fremdartig und unvertraut) sowie Störungen der Meinhaftigkeit (eigenes Erleben wird als von außen gemacht wahrgenommen).

Affektivität: Affekt (kurze emotionale Reaktion) und Stimmung (längerfristiger Gesamtzustand). Störungen der Vitalgefühle können sich in Depression als Schweregefühl, vermehrte Schmerzempfindlichkeit, Kraftlosigkeit oder Druckgefühl äußern, in der Manie als Leichtigkeit, Spannkraft und Unempfindlichkeit gegenüber Schmerzen. Weitere Begriffe zur Charakterisierung von Auffälligkeiten der Affektivität sind Affektarmut, Affektstarre, Affektlabilität, Affektinkontinenz und Parathymie.

Antrieb: Modulation körperlicher und psychischer Prozesse. Störungen können sich in körperlicher Unruhe oder Stupor, Logorrhö oder Mutismus äußern.

Suizidalität: Psychische Erkrankungen sind ein entscheidender Risikofaktor für Suizidversuche. Der psychiatrische Befund sollte eine Stellungnahme zur Eigen- und Fremdgefährdung beinhalten.

Intellektuelle Leistungsfähigkeit: Beurteilung anhand einfacher Rechenaufgaben, Oberbegriffsbildung, Abstraktionsvermögen und Interpretation von Sprichwörtern.

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** vegetative Symptomatik:** Tagesmüdigkeit, Appetitstörungen und Tagesgang von Symptomen (insbesondere morgendliches Stimmungstief).

Anamnese: Eigen- und Fremdanamnese

Die Eigenanamnese umfasst die Erhebung der Krankheitsgeschichte aus der Sicht des Patienten. Die Fremdanamnese, eingeholt von Angehörigen oder Bezugspersonen, liefert wichtige zusätzliche Informationen, insbesondere zur Beurteilung des Längsschnittbefundes und zur Diagnosefindung.

Besonderheiten der psychiatrischen Anamnese

Nicht immer sind alle psychiatrisch wichtigen Informationen im Erstgespräch erhebbar. Der Arzt sollte abwechselnd eine eher passiv zuhörende Haltung und eine aktiv gestaltende Rolle einnehmen. Der Einhaltung des Datenschutzes ist besondere Beachtung zu schenken.

Häufige psychiatrische Krankheitsbilder in der Neurologie

Die im Folgenden genannten Krankheitsbilder stellen eine Auswahl der häufigsten psychiatrischen Erkrankungen dar, mit denen Neurologen in ihrer Praxis konfrontiert werden. Die Einteilung erfolgt in Anlehnung an die International Classification of Diseases (ICD-10).

Affektive Störungen

  • Depression: Eine Gemütskrankheit, die sich durch gedrückte Stimmung, Interessenverlust, Freudlosigkeit, Antriebsminderung und weitere Symptome äußert.
  • Bipolare affektive Störung: Gekennzeichnet durch manische oder hypomane Episoden, die mit depressiven Episoden abwechseln.

Angststörungen

  • Generalisierte Angststörung: Anhaltende, übertriebene Sorgen über verschiedene Lebensbereiche.
  • Panikstörung: Wiederholte Panikattacken mit intensiven körperlichen und psychischen Angstsymptomen.
  • Soziale Angststörung: Angst vor sozialen Situationen und Bewertungen durch andere.
  • Spezifische Phobien: Angst vor bestimmten Objekten oder Situationen.

Zwangsstörungen

Gekennzeichnet durch Zwangsgedanken (wiederkehrende, aufdringliche Gedanken) und/oder Zwangshandlungen (wiederholte Verhaltensweisen, die ausgeführt werden müssen, um Angst zu reduzieren).

Schizophrenie und andere psychotische Störungen

Schwere psychische Erkrankungen, die mit Realitätsverlust (Psychosen), Halluzinationen, Wahnvorstellungen, Denkstörungen und sozialem Rückzug einhergehen.

Persönlichkeitsstörungen

  • Borderline-Persönlichkeitsstörung: Gekennzeichnet durch Instabilität in zwischenmenschlichen Beziehungen, Selbstbild, Affekten und Impulsivität.

Funktionelle neurologische Störungen

Verursachen echte Symptome ohne klare organische Ursache, oft seelisch bedingt. Sie entstehen durch eine Fehlanpassung der Informationsverarbeitung im Gehirn.

Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS)

Entsteht nach einem traumatischen Ereignis und äußert sich in wiedererlebten Erinnerungen, Vermeidungsverhalten, negativen Kognitionen und erhöhter Erregbarkeit.

Neurologische Erkrankungen mit psychischen Symptomen

Viele neurologische Erkrankungen, insbesondere solche, die das Gehirn betreffen, können psychische Beschwerden hervorrufen.

Multiple Sklerose (MS)

Eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems, die neben neurologischen Symptomen auch psychische Symptome wie Depressionen, Angststörungen, kognitive Defizite und Wesensveränderungen verursachen kann.

Parkinson-Syndrom

Eine neurodegenerative Erkrankung, die neben motorischen Symptomen auch Depressionen, Angststörungen, psychotische Symptome und kognitive Beeinträchtigungen verursachen kann.

Epilepsie

Eine neurologische Erkrankung, die sich durch wiederholte Anfälle äußert. Psychische Symptome können vor, während oder nach einem Anfall auftreten.

Demenz

Eine fortschreitende Verschlechterung der kognitiven Funktionen, die auch mit psychischen Symptomen wie Depressionen, Angststörungen, Verhaltensauffälligkeiten und psychotischen Symptomen einhergehen kann.

Schlaganfall

Eine plötzliche Durchblutungsstörung des Gehirns, die neben neurologischen Ausfällen auch psychische Symptome wie Depressionen, Angststörungen und emotionale Labilität verursachen kann.

Fibromyalgie

Eine chronische Schmerzerkrankung, die mit Müdigkeit, Schlafstörungen und psychischen Symptomen wie Depressionen und Angststörungen einhergehen kann.

Diagnostik und Therapie

Eine sorgfältige ärztliche Untersuchung, einschließlich neurologischer und psychiatrischer Untersuchung, ist die Grundlage für eine gezielte Therapie. Ergänzend können Bildgebung, elektrophysiologische Untersuchungen und Laboruntersuchungen durchgeführt werden.

Psychiatrische Diagnostik

Die psychiatrische Diagnostik umfasst die Erhebung der Eigen- und Fremdanamnese, die Durchführung eines psychopathologischen Befundes und den Einsatz von Fragebögen und testpsychologischen Verfahren.

Therapie

Die Therapie psychischer Symptome bei neurologischen Erkrankungen kann verschiedene Ansätze umfassen:

  • Psychopharmakotherapie: Einsatz von Medikamenten zur Behandlung psychischer Symptome wie Depressionen, Angststörungen und Psychosen.
  • Psychotherapie: Einsatz psychologischer Verfahren zur Behandlung psychischer Symptome und zur Krankheitsbewältigung.
  • Bewegungstherapie und Entspannungsmethoden: Können bei funktionellen neurologischen Störungen und anderen psychischen Beschwerden hilfreich sein.
  • Soziotherapie: Unterstützung bei der sozialen Integration und Bewältigung von Alltagsproblemen.
  • Vernetzung und Zusammenarbeit: Enge Zusammenarbeit mit Neurologen, Hausärzten, Psychiatern und Therapeuten, Einbeziehung des sozialen Umfelds in die Behandlung.

Bedeutung der interdisziplinären Zusammenarbeit

Die Behandlung von Patienten mit neurologischen Erkrankungen und psychischen Symptomen erfordert eine enge interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen Neurologen, Psychiatern, Psychologen und anderen Fachkräften. Nur so kann eine umfassende Diagnostik und Therapie gewährleistet werden, die sowohl die neurologischen als auch die psychischen Aspekte der Erkrankung berücksichtigt.

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