Neuronen, die zusammen feuern: Die Hebbsche Lernregel

Die Hebbsche Lernregel ist ein grundlegendes Konzept in der Neurobiologie, das beschreibt, wie sich die Verbindungen zwischen Neuronen im Gehirn durch Erfahrung verändern und verstärken können. Sie bildet die Grundlage für unser Verständnis von Lernen und Gedächtnis und hat auch in der künstlichen Intelligenz Anwendung gefunden.

Biologische Grundlagen der Hebbschen Regel

Um die Hebbsche Regel vollständig zu verstehen, ist es wichtig, die biologischen Grundlagen zu betrachten. Diese Regel bezieht sich auf die Funktionsweise der Neuronen in deinem Gehirn und darauf, wie sie miteinander kommunizieren.

Neuronen und Synapsen

Neuronen sind die Nervenzellen, die Informationen in deinem Gehirn und Nervensystem verarbeiten und weiterleiten. Sie bestehen aus folgenden Hauptbestandteilen:

  • Dem Zellkörper
  • Dendriten, die Signale von anderen Neuronen empfangen
  • Dem Axon, das Signale an andere Neuronen sendet

Synapsen sind die Verbindungsstellen, an denen Neuronen Signale austauschen. Über chemische Botenstoffe, sogenannte Neurotransmitter, erfolgt die Signalübertragung zwischen den Neuronen.

Das Prinzip: "What fires together, wires together"

Die Hebbsche Regel besagt: "What fires together, wires together." Dies bedeutet, dass Synapsen stärker werden, wenn sie gleichzeitig aktiviert werden. Wiederholte gemeinsame Aktivierung verstärkt die Verbindung.

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Stell dir vor, du lernst Fahrradfahren. Wenn Neuronen aktiv sind, öffnen sich Calciumkanäle, was zur Aktivierung von Enzymen führt, die Proteine verändern und das synaptische Wachstum fördern. Diese Prozesse beeinflussen die synaptische Plastizität, ein Schlüsselkonzept zur Erklärung, wie das Gehirn sich an neue Erfahrungen anpasst.

Hebbsche Regel des Lernens

Die Hebbsche Regel ist ein zentrales Konzept der Neurobiologie, das die Grundlage dafür bildet, wie Lernen und Gedächtnis in deinem Gehirn funktionieren. Sie beschreibt, wie durch synaptische Veränderungen Informationen gespeichert und abgerufen werden.

Grundprinzip der Hebbschen Regel

Die Hebbsche Regel lautet: "What fires together, wires together." Dies bedeutet, dass die synaptische Verbindung zwischen zwei Neuronen gestärkt wird, wenn diese gleichzeitig aktiv sind, was zum Lernen beiträgt.

Ein klassisches Beispiel für die Hebbsche Regel ist das Lernen einer neuen Sprache. Wenn du Vokabeln regelmäßig wiederholst und in verschiedenen Kontexten verwendest, stärkst du die neuronalen Verbindungen, wodurch das Behalten und Abrufen dieser Informationen erleichtert wird.

Wiederholung und Praxis sind entscheidend für das effektive Lernen, da sie die Grundlage der Hebbschen Regel nutzen.

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Anwendungen der Hebbschen Regel

Die Hebbsche Regel wird in verschiedenen Bereichen angewendet, um das Verständnis und die Verbesserung von Lernprozessen zu fördern. Hier sind einige Beispiele:

  • Künstliche Intelligenz: Algorithmen basieren auf der Stärkung und Schwächung von Verbindungen in neuronalen Netzen.
  • Neuronale Rehabilitation: Techniken zur Wiederherstellung verloren gegangener Fähigkeiten nach neurologischen Verletzungen.
  • Pädagogik: Methoden zur Gestaltung effektiver Lehr- und Lernstrategien.

Ein tieferes Verständnis der Hebbschen Regel zeigt, dass synaptische Plastizität ein Schlüsselkonzept ist. Diese Plastizität ist die Fähigkeit der Synapsen, ihre Stärke als Reaktion auf Aktivität zu ändern. Synaptische Plastizität ermöglicht es dem Gehirn, sich an neue Erfahrungen und Umgebungen anzupassen. Es geht um die Verstärkung der Verbindungen zwischen Neuronen, die gemeinsam aktiv sind, was eine Grundlage für Gedächtnisbildung und Lernprozesse bildet.

Hebbsche Regel in der Psychologie

In der Psychologie wird die Hebbsche Regel zur Erklärung von Lernprozessen und der Bildung von Erinnerungen genutzt. Sie unterstreicht, wie gleichzeitige neuronale Aktivitäten zu stärkeren synaptischen Verbindungen führen, was das Lernen erleichtert.

Ein Beispiel findest du in der Erkennung von Mustern. Wenn du das Gesicht eines Freundes immer wieder siehst, verstärken sich die synaptischen Verbindungen, die mit der Gesichtserkennung verbunden sind, sodass du die Person leichter identifizieren kannst.

Die Hebbsche Regel ist nicht nur auf das Bewusste Lernen beschränkt, sondern betrifft auch unbewusste Prozesse.

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Langzeitpotenzierung und Hebbsche Regel

Ein wichtiger Mechanismus, der die Hebbsche Regel unterstützt, ist die Langzeitpotenzierung (LTP). LTP bezeichnet die langanhaltende Verstärkung einer Synapse aufgrund wiederholter Aktivierung und ist entscheidend für das Lernen und Gedächtnis.

Langzeitpotenzierung (LTP) ist ein Prozess, bei dem Frequenz und Dauer der synaptischen Aktivität die Effektivität der synaptischen Übertragung dauerhaft erhöhen.

Einen genaueren Blick auf die LTP wirft die wissenschaftliche Forschung, die zeigt, dass LTP von der Freisetzung von Neurotransmittern und der Influx von Calcium-Ionen in die postsynaptische Zelle abhängt. Dieser Calcium-Einstrom aktiviert Enzyme, die strukturelle und funktionelle Veränderungen in den Synapsen herbeiführen. Die Hebbsche Regel wird im Biologiestudium angewendet, um zu erklären, wie Synapsen durch gleichzeitige Aktivierung gestärkt werden. Sie verdeutlicht Lernprozesse im Gehirn und die plastischen Veränderungen der neuronalen Verbindungen.

Wer war Donald O. Hebb?

Donald O. Hebb war ein kanadischer Psychologe, der die Hebbsche Regel formulierte.

Die Rolle der Erfahrung und Umwelt

Im unreifen Hirn sieht man die Netze mitunter vor lauter Synapsen nicht. Erst der Austausch mit der Umwelt sorgt dafür, das bestimmte Verbindungen gestärkt werden und sich effiziente Strukturen bilden. Prof. Dr. Manche funktionellen Netzwerke entstehen allein durch genetische Programme noch vor der Geburt - zum Beispiel für überlebenswichtige Fähigkeiten wie die Atmung. Die Entstehung vieler anderer Netzwerke gleicht hingegen der Bildhauerei: Aus einer Fülle von verknüpften Neuronen meißeln Erfahrungen bestimmte Verbindungen heraus, bis ein schlankes Zellnetzwerk übrig bleibt.

Kindheit und Jungend sind sensible Phasen, in denen intensive Umbauarbeiten im Gehirn stattfinden. Netzwerke bleiben auch im Erwachsenenalter formbar. Neu erlernte Fähigkeiten und Erinnerungen können Netzwerke neu bilden, sie umformen, stärken oder hemmen. Die Netzwerk-Formung beschreibt die Hebbsche Lernregel: Gemeinsame Aktivität stärkt die Verbindung zwischen Zellen: Cells that fire together wire together. Hinter der Lernregel verbirgt sich ein Genprogramm, das angeworfen wird, wenn zwei verknüpfte Zellen zeitnah aktiv werden. Auf diese Weise wird zum Beispiel die Synapsenstruktur und die Überlebensfähigkeit von Neuronen gestärkt.

Neuronale Netze und die Hebbsche Lernregel

Künstliche neuronale Netze, die in der Psychologie auch als konnektionistische Modelle bezeichnet werden, sind Modelle, deren Entwicklung ursprünglich durch das biologische Vorbild natürlicher Neurone inspiriert wurde. Die wohl grundlegendste Gemeinsamkeit zum Gehirn liegt in der Fähigkeit zu lernen. So könnte zum Beispiel ein künstliches neuronales Netz ebenso wie der Mensch ein ihm bekanntes Bild einer Katze wiedererkennen (im Sinne von richtig zuordnen). Darüber hinaus sind beide Systeme in der Lage, über Bekanntes hinaus zu generalisieren. Ein Kind, welches bisher nur seine gefleckte Hauskatze kannte, kann auch die einfarbige Katze des Nachbarn auf den ersten Blick als Katze einordnen. Hier spielt auch die Fähigkeit zur Mustererkennung eine Rolle. Sowohl Menschen als auch neuronale Netzwerke können Regelmäßigkeiten in Daten erkennen, so zum Beispiel, dass alle Katzen vier Beine haben. Sollten gerade nur drei davon zu sehen sein - kein Problem. Das Gehirn ist tolerant gegenüber Fehlern wie unvollständigem oder verrauschtem Input, sodass die Katze trotzdem erkannt wird. Auch diese Fähigkeit des Gehirns imitieren künstliche neuronale Netze.

Aufgrund ihrer funktionellen Ähnlichkeit mit dem Gehirn liefern neuronale Netze ein Modell zur Erklärung von Funktionen wie Lernen und Gedächtnis. Angelehnt an die neuronale Struktur des Gehirns bestehen künstliche neuronale Netze aus miteinander verknüpften Knoten, die simulierten Neuronen bzw. Verbänden von Neuronen, sogenannten Assemblies, entsprechen. Die Knoten kommunizieren miteinander über gewichtete Verbindungen, welche simulierten Synapsen entsprechen. Der Einfluss von Knoten aufeinander hängt von der Stärke ihrer Verbindung ab. Verbindungen können ein positives oder ein negatives Gewicht haben und damit sowohl exzitatorische als auch inhibitorische Synapsen nachahmen. Verändern sich die Verbindungsgewichte, spricht man von Lernen. Dies kann durch verschiedene Verfahren, sogenannte Lernregeln, realisiert werden. Die einfachste Lernregel, die sogenannte Hebb’sche Regel, besagt zum Beispiel, dass die Verbindung zwischen zwei Neuronen dann gestärkt wird, wenn diese gemeinsam aktiv sind. Dadurch werden assoziative Lernvorgänge erzielt.

Neuroplastizität und die Kultivierung von Bewusstseinszuständen

Der Begriff Neuroplastizität bezieht sich gewöhnlich auf mehrere Eigenschaften des Gehirns. Aus diesem recht komplexen Postulat wurde die Hebbsche Lernregel gebildet: Neuronen, die zusammen feuern, verbinden bzw. verdrahten sich (Orig. „neurons that fire together, wire together“). Umgekehrt gilt dies auch: Neuronen, die weniger zusammen aktiviert werden, bauen ihre Verbindungen ab. Die neuronale Aktivität wird teilweise durch menschliche Handlungen bestimmt: Unterschiedliche Handlungen und Bewusstseinszustände bewirken unterschiedliche Aktivitätsmuster. Außerdem gilt: Je häufiger ein bestimmtes Aktivitätsmuster hervorgerufen wird, desto stärker werden die neuronalen Verbindungen, die diesen Zustand repräsentieren.

Die Hebbsche Lernregel in der Forschung

Zwei Forschungsteams um Prof. Dr. Stefan Rotter vom Bernstein Center der Universität Freiburg haben nun eine neue Variante lernender Netzwerke vorgeschlagen und deren Leistungsfähigkeit mit Hilfe von Computersimulation demonstriert. Das neue Modell geht von der vielfach bestätigten experimentellen Beobachtung aus, dass sich Nervenzellen immer wieder neu vernetzen. Laut den Wissenschaftler*innen passiert das ständig - auch in reifen Gehirnen, und in einem viel stärkerem Maße, als die meisten Lehrbücher vermuten lassen.

Das Forschungsteam ermittelt durch Experimente eine zeitliche Abfolge von synaptischen Ab- und Aufbauprozessen im Hirn, die es, analog zu einem „Fingerabdruck“, als starkes Indiz für die Richtigkeit ihres neuen Netzwerk-Modells betrachtet. „Entscheidend ist, wie Nervenzellen im Hirn miteinander kommunizieren, wie sie sich mit Hilfe von Synapsen untereinander verbinden und größere Einheiten bilden“, sagt Rotter, Professor für theoretische und computergestützte Neurowissenschaften an der Fakultät für Biologie.

Schon 1949 hatte der Psychologe Donald O. Hebb postuliert: „Neuronen verdrahten sich, wenn sie gemeinsam aktiv sind“ („Neurons wire together if they fire together“) - bekannt geworden als Hebbsche Lernregel. Bisher geht man davon aus, dass der Schlüssel für diesen Prozess hauptsächlich in der elektrochemischen Feineinstellung bereits vorhandener Synapsen zu suchen ist. Die Regelung einer Synapse nimmt dabei Bezug auf die Aktivität der beiden beteiligten Nervenzellen.

Gemeinsam mit Dr. Júlia Gallinaro und Nebojša Gašparović hat Rotter nun ein Konzept entwickelt, das deutlich weniger komplex ist und robusteres Lernverhalten zeigt. Der Ausgangspunkt: Jede Nervenzelle hat erst einmal nur sich selbst im Blick - mit dem Ziel, ihr eigenes Aktivitätsniveau aufrecht zu erhalten. Dabei funktioniere sie wie ein Thermostat, bei dem man „Temperatur“ durch „Aktivität“ ersetze, so Rotter: Ist die Aktivität einer Nervenzelle zu hoch, wird die Anzahl der eigenen ein- und ausgehenden, erregenden Synapsen reduziert. Ist ihre Aktivität zu niedrig, werden neue erregende Synapsen angelegt. Der Clou dabei: Die Eliminierung von bestehenden und die Bildung von neuen Kontakten im zellulären Netzwerk erfolgt ansonsten nach dem Zufallsprinzip. Suchen Neuronen nach dem Ende einer Stimulation nach neuen Partnern, um ihr Aktivitätsniveau aufrecht zu erhalten, stoßen sie dabei zwangsläufig auf die Nervenzellen, mit denen sie zuvor gemeinsam stimuliert wurden - und die jetzt ebenfalls auf der Suche nach neuen Kontakten sind.

Eine direkte experimentelle Überprüfung dieses auf ständiger Umverdrahtung basierenden Modells ist mit aktueller Technik nicht möglich - dennoch gibt eine zweite Forschungsarbeit deutliche Hinweise auf seine Richtigkeit. Sie wurde von Dr. Han Lu, Júlia Gallinaro und Stefan Rotter gemeinsam mit Prof. Dr. Claus Normann vom Universitätsklinikum Freiburg und Dr. Auch hier entwickelten die Wissenschaftlerinnen zunächst eine Computersimulation, die nach einer Stimulation von Nervenzellen eine massive Umverdrahtung zeigt, verbunden mit einer Neuorganisation ihres gesamten „sozialen“ Netzwerks. Anschließend setzten die Forscherinnen im Labor so genannte optogenetische Stimulation in den Hirnen von Mäusen ein. Dabei werden künstlich lichtempfindlich gemachte Nervenzellen wiederholt mit Licht stimuliert. Und tatsächlich lassen sich die durchgeführten Messungen so interpretieren, dass die Stimulation der Nervenzellen in den Mäusehirnen zunächst zu einem Abbau von Synapsen führt - vermutlich, weil die Zellen auf das erhöhte Erregungsniveau reagierten - und nach dem Ende der Stimulation dann zum Neuaufbau von Verbindungen der zuvor gemeinsam stimulierten Zellen. Und nicht nur das: „Wir haben dabei genau denselben charakteristischen Zeitverlauf beobachtet, den wir vorher in der Computersimulation gesehen hatten“, sagt Rotter. Die Struktur des Netzwerks ändert sich und die Funktion passt sich an, ohne alles bisher Gelernte zu vergessen: Laut Rotter könnte das neue Modell dazu beitragen, diesen faszinierenden Prozess besser zu verstehen. „Ich denke, künftige Forschung sollte die strukturelle Plastizität viel stärker in den Blick nehmen“, sagt er.

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