Fluorchinolon-induzierte Neuropathie: Eine unterschätzte Gefahr

Die Fluorchinolon-Therapie, einst als Hoffnungsträger im Kampf gegen bakterielle Infektionen gefeiert, rückt zunehmend in den Fokus der Kritik. Grund dafür sind schwerwiegende Nebenwirkungen, die das Nervensystem schädigen und zu chronischen Beschwerden führen können. Dieser Artikel beleuchtet die Problematik der Fluorchinolon-induzierten Neuropathie, ihre Ursachen, Symptome und die Herausforderungen bei der Anerkennung und Behandlung dieser oft übersehenen Erkrankung.

Antibiotika-Krise und Sicherheitsbedenken

Die Medizin befindet sich in einer "Antibiotika-Krise", da die Entwicklung multiresistenter Bakterien das Arsenal wirksamer Medikamente dramatisch reduziert. Diese Krise wird durch Sicherheitsbedenken gegenüber einer wichtigen Klasse von Antibiotika, den Fluorchinolonen, weiter verschärft. Fluorchinolone sind synthetische Antibiotika, die gegen ein breites Spektrum von Bakterien wirken, aber auch unerwünschte toxische Effekte haben können.

Was sind Fluorchinolone?

Fluorchinolone sind Breitbandantibiotika, die gegen grampositive und gramnegative Bakterien wirken. Sie blockieren wichtige Enzyme (Gyrase und Topoisomerasen), die Bakterien zur Vermehrung benötigen. Bekannte Vertreter sind Ciprofloxacin, Levofloxacin, Moxifloxacin, Norfloxacin und Ofloxacin. Medikamente dieser Wirkstoffklasse enden auf „-floxacin“. Wegen ihrer guten Bioverfügbarkeit sind sie äußerst wirksam. Resistenzen gegen Fluorchinolone nehmen weltweit zu. Lange Zeit gehörten die Fluorchinolone zu den am häufigsten verschriebenen Antibiotika. Ärztinnen und Ärzte behandelten damit beispielsweise Lungenentzündungen, Entzündungen der Nasennebenhöhlen oder der Bronchien und Harnwegsinfekte.

Die Entwicklung von Fluorchinolon-Antibiotika begann in den 1960er Jahren. Seit den 1980er Jahren wurden verschiedene „Generationen“ dieser Substanzklasse zur Behandlung von bakteriellen Infektionen zugelassen.

Einschränkung der Anwendungsgebiete und unnötige Risiken

Mit dem Bekanntwerden von teils schweren, teils langwierigen Nebenwirkungen wie Schädigungen des Nervensystems, der Blutgefäße oder Sehnenrissen schränkten Behörden die Anwendungsgebiete dieser Antibiotika stark ein. Sie sollen als Reserveantibiotika nur noch in Einzelfällen zum Einsatz kommen - dann, wenn es bei schweren Infektionen keine alternativen Behandlungsoptionen gibt. Die Verschreibungen sind in den letzten Jahren zwar zurückgegangen, aber noch immer setzen Mediziner:innen die Medikamente außerhalb des empfohlenen Anwendungsgebiets ein. Damit liefern sie Patient:innen einem unnötigen Risiko aus.

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Fluorchinolon-induzierte Neuropathie: Symptome und Diagnose

Fluorchinolone können eine periphere Neuropathie verursachen, die sowohl nach oraler als auch intravenöser Therapie auftreten kann. Die Symptome können Schmerzen, Brennen, Kribbeln, Benommenheit und/oder Schwäche in den Extremitäten umfassen. Auffällig ist, dass die Komplikation oft schon nach wenigen Tagen Therapie auftritt und nach dem Absetzen über ein Jahr oder länger anhalten kann. In schweren Fällen können die Schäden sogar irreversibel sein.

Die von Nebenwirkungen Betroffenen kämpfen für eine Anerkennung ihrer Symptome, die häufig mehrere Körpersysteme betreffen. Dazu gehört die Forderung nach einer eigenständigen Diagnose über die so genannte ICD-Kodierung, die eine korrekte Erfassung und medizinische Versorgung ermöglicht.

Weitere Antibiotika mit Polyneuropathie als Nebenwirkung

Es gibt neben etlichen anderen Medikamenten auch Antibiotika, welche eine Polyneuropahtie begünstigen bzw. auslösen können. Hierzu zählen neben Fluorchinolonen auch Linezolid, Nitrofurantoin, Metronidazol und Dapson. Eine Polyneuropathie kann bereits nach einer einmaligen Gabe bzw. nach längeren Gaben auftreten. Zudem sind die Dosierungen und auch die Länge der Einnahme entscheidend. Bei Einnahme der Antibiotika kann es passieren, dass teilweise irreversible Nervenschäden auftreten.

Linezolid

Linezolid (z.B. Zyvoxid®) wird bei nosokomialen (im Krankenhaus erworbene) sowie ambulant erworbenen Lungenentzündungen sowie schweren Haut- und Weichteilinfektionen eingesetzt. Neben Kopfschmerzen, Übelkeit, Durchfall und Erbrechen kann es auch zu schweren Nervenschäden der peripheren Nerven sowie des Sehnervs Nervus opticus kommen (hier vor allem, wenn es lokal als Salbe angewandt wird).

Nitrofurantoin

Das Antibiotikum Nitrofurantoin wird vorrangig bei unkomplizierten Harnwegsinfekten eingesetzt. Zu den sehr häufigen Nebenwirkungen zählen Schwindel, Ataxie, Nystagmus und allergische Reaktionen. Weiterhin sind hämolytische (Auflösung roter Blutkörperchen) Anämien sowie eine Leber- und Lungentoxität bekannt.

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Metronidazol

Als weiteres Antibiotikum ist hier noch das Metronidazol zu nennen. Handelsnamen sind z.B. Clont®, Arilin®, Metrogel® oder Anaerobex®. Metronidazol kann topisch d.h. auf der Haut, als Augentropfen und als orale Einnahme Anwendung finden. Die Einsatzgebiete umfassen Vaginalinfektionen (Trichomonaden), Darminfektionen (Giardia lamblia), Rosacea oder auch infektionsbedingte Akne. Nebenwirkungen sind z.B. Durchfall, Ataxie, Kopfschmerz, Muskelschwäche, Mundentzündungen, starker Juckreiz und Polyneuropathie, wobei das Risiko für Nervenschäden bei bis zu 85 % liegt! Bei der Einnahme von Metronidazol sollte darauf geachtet werden, dass zeitgleich kein 5-Fluorouacil (Zytostatikum) verabreicht wird. Die Wirkung des toxischen Zytostatikums wird hierdurch verstärkt.

Dapson

Als letztes Mittel soll hier noch Dapson (Diaminodiphenylsulfon, auch unter dem Handelsnamen Dapson-Fatol® bekannt) genannt werden. Dapson ist ein Antirheumatikum mit antibiotischer Wirkung. Meist wird es bei speziellen Hauterkrankungen sowie bei Rheuma eingesetzt. Da Dapson eine starke Resistenzentwicklung zeigt, wird es meist mit anderen Antibiotika kombiniert. Neben Magenbeschwerden können auch Kopfschmerzen und starke Überempfindlichkeiten auftreten.

Risikofaktoren und Prävention

Bei der Verordnung von Fluorchinolonen sollte insbesondere bei Patienten über 60 Jahre an Polyneuropathien als Nebenwirkung gedacht werden. Eine große Fall-Kontroll-Datenbankanalyse hat die Risiken quantifiziert. Mono- und Polyneuropathien sind bekannte, wenngleich eher seltene Nebenwirkungen von Fluor­chinolonen.

Um das Risiko einer Fluorchinolon-induzierten Neuropathie zu minimieren, sollten Ärzte Fluorchinolone nur dann verschreiben, wenn es keine anderen wirksamen Medikamente mehr gibt. Patienten sollten über die möglichen Nebenwirkungen aufgeklärt und angewiesen werden, bei Auftreten von Neuropathiesymptomen sofort den Arzt zu informieren. In diesem Fall sollte die Behandlung mit Fluorchinolonen sofort abgebrochen werden, um der Entwicklung einer irreversiblen Schädigung vorzubeugen.

Aktuelle Warnungen und Empfehlungen

Die US-amerikanische Arzneimittelbehörde FDA und die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) haben Warnungen bezüglich der schwerwiegenden Nebenwirkungen von Fluorchinolonen herausgegeben und empfehlen eine restriktive Verordnung dieser Antibiotika. In den USA sollen Fluorchinolone bei akuter bakterieller Sinusitis, akuter Exazerbation einer chronischen Bronchitis oder unkomplizierten Harnwegsinfektionen Mittel der letzten Wahl sein, wenn andere Behandlungsmöglichkeiten nicht zum Erfolg führen.

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Fluorchinolone im Apothekenalltag

Fluorchinolone sind im Apothekenalltag keine Rarität. Doch Pharmazeuten sollten kritisch nachhaken beim Arzt, denn laut einem Beitrag der Tagesthemen setzen Ärzte Fluorchinolone viel zu inflationär ein.

Keine Milchprodukte zu Ciprofloxacin, die Sonne meiden und bei einem Ziehen in der Achillessehne sofort dem Arzt Bescheid geben: Das sind wohl die Beratungs-Basics zu Antibiotika vom Typ der Fluorchinolone oder Gyrasehemmer. Neben Ciprofloxacin zählen auch Levofloxacin, Norfloxacin, Moxifloxacin und Ofloxacin zu diesen Antiinfektiva. Sie werden häufig bei Nasennebenhöhlenentzündung, Bronchitis und Harnwegsinfekten eingesetzt.

Schwere Nebenwirkungen von Fluorchinolonen

Antibiotika aus der Gruppe der Fluorchinolone sind tatsächlich nicht unkritisch. Nebenwirkungen wie Sehnenrupturen der Achillessehne oder QT-Zeit-Verlängerungen am Herzen sind seit langem bekannt. Risse der Achillessehne treten insbesondere bei einer gleichzeitigen systemischen Therapie mit Corticoiden auf. QT-Zeit-Verlängerungen am Herzen können zu Herzrhythmusstörungen führen, was vor allem dann gefährlich wird, wenn der Patient gleichzeitig weitere Arzneimittel einnimmt, die die QT-Zeit verlängern - wie Neuroleptika (zum Beispiel Risperidon, Melperon), Antidepressiva (zum Beispiel Citalopram, Fluoxetin), Antiasthmatika wie Salbutamol oder Antiarrhythmika wie Amiodaron.

Fluorchinolone haben auch ein neurotoxisches Potenzial: Im Zentralnervensystem (ZNS) kann sich dies durch Krampfanfälle oder psychotische Reaktionen äußern; für das periphere Nervensystem sind Neuropathien beschrieben.

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