Schmetterlinge im Bauch, rosarote Brille - wer verliebt ist, erlebt die Welt in einem ganz besonderen Licht. Doch was passiert dabei in unserem Gehirn? Die US-amerikanische Wissenschaftlerin Helen Fisher hat die Gehirne von Verliebten untersucht und ist zu überraschenden Erkenntnissen gelangt. Ihre Forschungsergebnisse bieten einen faszinierenden Einblick in die neurologischen Prozesse, die mit dem Gefühl der Liebe einhergehen.
Liebe: Mehr als nur ein Gefühl?
Entgegen der landläufigen Meinung ist die romantische Liebe laut Fisher keine Emotion im herkömmlichen Sinne. Vielmehr handelt es sich um einen Trieb, der sich vor Millionen von Jahren entwickelt hat. Zwar sind viele Gefühle involviert, doch die Verliebtheit selbst ist ein starkes Hirnsystem, das uns Menschen antreibt.
Um dies zu belegen, führte Fisher eine aufschlussreiche Studie durch. Sie steckte Menschen mit Liebeskummer in einen Computertomografen und bat sie, sich Fotos anzusehen: einmal das Bild einer geliebten Person und einmal das neutrale Bild einer anderen Person gleichen Geschlechts und Alters. Um die Wirkung der Bilder zu isolieren, mussten die Probanden zwischen den Bildbetrachtungen mathematische Aufgaben lösen.
Die Analyse der Scans zeigte, dass bei der Betrachtung des geliebten Menschen bestimmte Hirnareale besonders aktiv waren:
- Ventrales tegmentales Areal (VTA) und Striatum: Diese Regionen sind Teil des Belohnungssystems und schütten Dopamin aus, ein Glückshormon, das für ein Gefühl des Rausches sorgt. Interessanterweise sind dieselben Gehirnregionen auch bei Kokainsüchtigen aktiv.
- Hippocampus, Nucleus caudatus, Putamen und Nucleus accumbens: Diese Hirnareale spielen ebenfalls eine wichtige Rolle im Belohnungssystem.
- Anteriorer Cingulärer Cortex: Diese Region ist für die Verarbeitung von Emotionen zuständig.
Gleichzeitig wurde festgestellt, dass Hirnregionen, die für Angst oder kritische Bewertungen zuständig sind, eine verminderte Aktivität aufwiesen. Dies erklärt, warum Verliebte oft die Fehler ihres Partners ausblenden und ihn idealisieren.
Lesen Sie auch: Gehirn und Verliebtsein
Liebeskummer als Entzugserscheinung
Die Forschung von Helen Fisher zeigt auch, dass Liebeskummer ähnliche Auswirkungen auf das Gehirn hat wie ein Drogenentzug. Bei Menschen, die verlassen wurden, wurden Aktivitäten in Hirnregionen festgestellt, die mit Sucht in Verbindung stehen, sei es Kokain, Morphium, Nikotin oder Spielsucht.
Um Liebeskummer zu bewältigen, empfiehlt Fisher daher einen "Entzug": keinen Kontakt zum Ex-Partner, keine Briefe schreiben oder lesen, keine Fotos anschauen. Stattdessen sollte man Zeit mit Freunden verbringen und andere Dinge tun, die Freude bereiten.
Die ewige Liebe: Mythos oder Realität?
Die Forschung von Fisher deutet darauf hin, dass die leidenschaftliche Verliebtheit nicht ewig anhält. Das anfängliche Highgefühl lässt nach, und die rosarote Brille verschwindet. Doch bedeutet das zwangsläufig das Ende der Liebe?
Nicht unbedingt. Laut Fisher kann sich aus der Verliebtheit eine tiefere Form der Liebe entwickeln, die auf Vertrauen, Intimität und Bindung basiert. Dabei spielen die Hormone Oxytocin und Vasopressin eine wichtige Rolle. Oxytocin, auch bekannt als "Kuschelhormon", stärkt Nähe und Vertrauen, während Vasopressin Bindung und Zusammenhalt fördert.
7 Fragen, um die Haltbarkeit der Liebe zu testen
Helen Fisher hat sieben Fragen entwickelt, die helfen können, einzuschätzen, ob eine Beziehung von Dauer sein kann:
Lesen Sie auch: Gehirnaktivität bei Verliebtheit
- Können wir uns manchmal füreinander aufopfern?
- Bin ich bereit, mein ganzes Leben mit meinem Partner zu teilen?
- Sorgt mein Partner dafür, dass ich mich besser fühle, wenn es mir schlecht geht?
- Ist mein Partner ein wichtiger Teil meiner langfristigen Pläne?
- Kennen wir uns wirklich?
- Kann ich über die Fehler von meinem Partner hinwegsehen?
- Kann ich mich an den Erfolgen von meinem Partner erfreuen und sie feiern?
Vorsicht vor toxischen Beziehungen
Fisher warnt auch vor toxischen Beziehungen, in denen ein Partner den anderen manipuliert oder ausnutzt. Ein Warnsignal ist das sogenannte "Love Bombing", bei dem man mit Komplimenten und Aufmerksamkeiten überschüttet wird, um einen zu blenden und gefügig zu machen.
Die Bindungstheorie: Ein Schlüssel zum Verständnis von Beziehungen
Die Bindungstheorie bietet einen weiteren Ansatz, um Beziehungen zu verstehen. Sie unterscheidet drei Haupt-Bindungsstile: sicher, ängstlich und vermeidend. Menschen mit einem sicheren Bindungsstil fühlen sich mit Intimität wohl und sind warmherzig und liebevoll. Ängstliche Menschen sehnen sich nach Intimität, sind aber oft unsicher und besorgt um ihren Partner. Vermeidende Menschen setzen Intimität mit einem Verlust an Unabhängigkeit gleich und versuchen, Nähe zu minimieren.
Je nach Bindungsstil können Partner besser oder schlechter zusammenpassen. Beziehungen, in denen ein Partner ängstlich und der andere vermeidend ist, sind oft schwierig.
Der Michelangelo-Effekt: Partnerschaft als Formungsprozess
Der Michelangelo-Effekt beschreibt, wie enge Partner sich gegenseitig formen, indem sie ihre Fähigkeiten und Charaktereigenschaften ausprägen und sich gegenseitig bei der Verfolgung ihrer individuellen Ziele unterstützen.
Sex und Liebe: Ein natürlicher Rausch
Sex spielt eine wichtige Rolle in Beziehungen. Jede Berührung beim Sex schüttet Dopamin aus, was zu tiefer romantischer Liebe führen kann. Auch der Orgasmus ist ein natürlicher Rausch, der die Bindung zwischen Partnern stärkt.
Lesen Sie auch: Liebe aus neurowissenschaftlicher Sicht
Liebe im Wandel der Zeit
Die Forschung von Helen Fisher hat unser Verständnis von Liebe grundlegend verändert. Sie hat gezeigt, dass Liebe nicht nur ein Gefühl ist, sondern ein komplexer neurologischer Prozess, der von Hormonen und Neurotransmittern gesteuert wird.
Gleichzeitig betont Fisher, dass Liebe mehr ist als nur Biochemie. Sie ist auch ein soziales und kulturelles Phänomen, das von unseren Erfahrungen, Werten und Überzeugungen geprägt wird.
Die Liebe entzaubert?
Entzaubern die wissenschaftlichen Erkenntnisse über die Liebe das schönste Gefühl der Welt? Andreas Bartels, ein weiterer Hirnforscher, glaubt das nicht: "Die Empfindung wird nicht dadurch beeinträchtigt, dass man weiß, wie sie entsteht."
Tipps für eine erfüllte Beziehung
Abschließend einige Tipps, wie man eine erfüllte Beziehung führen kann:
- Offenheit und Vertrauen: Sprechen Sie offen über Ihre Gefühle und Bedürfnisse.
- Gemeinsame Erlebnisse: Brechen Sie aus dem Alltag aus und erleben Sie gemeinsam Neues und Aufregendes.
- Freiräume: Achten Sie darauf, dass jeder Partner genügend Freiraum für seine eigenen Interessen und Hobbys hat.
- Beziehungsarbeit: Eine glückliche Beziehung entsteht nicht von selbst, sondern erfordert kontinuierliche Arbeit und Engagement.
- Die richtige Wahl: Wählen Sie einen Partner, der auch langfristig interessant bleibt und mit dem Sie sich auf einer tiefen Ebene verbunden fühlen.