Nikotin und seine Auswirkungen auf Spastik: Eine umfassende Betrachtung

Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems, die eine Vielzahl von Symptomen verursachen kann. Funktionell besonders einschränkende Symptome sollten einer Therapie zugeführt werden. Körperliches Training und Physiotherapie helfen gegen Fatigue, Muskelschwäche, Ataxie und Spastik. Die Spastik, ein häufiges und oft beeinträchtigendes Symptom bei MS, manifestiert sich durch eine erhöhte Muskelspannung und kann die Mobilität erheblich einschränken. Während einige medikamentöse Behandlungen zur Verfügung stehen, um die Spastik zu lindern, ist die Rolle von Nikotin komplex und nicht vollständig verstanden. Dieser Artikel untersucht die Wirkung von Nikotin auf Spastik im Zusammenhang mit MS, wobei sowohl positive als auch negative Aspekte berücksichtigt werden.

Multiple Sklerose und Spastik

Multiple Sklerose ist eine Erkrankung mit tausend Gesichtern. In Deutschland sind ca. 250.000 Menschen an einer Multiplen Sklerose erkrankt. Die Erkrankung tritt zumeist im jungen Erwachsenenalter auf. MS ist eine chronisch entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems, die das gesamte Gehirn und Rückenmark betreffen kann. Symptome sind oft Gefühlsstörungen, Lähmungen, Seh- und Gleichgewichtsstörungen und Müdigkeit (Fatigue). Entscheidend ist, dass sich Entzündungsherde an mehreren Stellen im Gehirn oder Rückenmark nachweisen lassen. Dafür wird eine Magnetresonanz-Tomographie (MRT) des Kopfes durchgeführt.

Eines der häufigsten Symptome der MS ist die Spastik. Bei einer Spastik kann der Muskeltonus permanent (= tonische Spastik) oder intermittierend (=phasische Spastik) erhöht sein. Sie kann mit erheblichen Schmerzen einhergehen und schränkt die Mobilität zum Teil soweit ein, dass sogar -etwa bei starker Adduktoren-Spastik der Beine- die Körperpflege und Intimhygiene beeinträchtigt sein kann. Die Spastik kann sich auf verschiedene Weisen äußern, von leichter Muskelsteifheit bis hin zu schweren, unkontrollierbaren Krämpfen. Sie kann die Bewegungsfähigkeit einschränken, Schmerzen verursachen und die Lebensqualität erheblich beeinträchtigen.

Therapieansätze bei Spastik

Spastik-auslösende Faktoren wie Schmerzen, urogenitale Infekte, Magen-Darm-Störungen, Debukitalulzera oder nicht entsprechend angepasste Hilfsmittel sollten vermieden werden. Eine Physiotherapie, bei der auch Körperhaltung, Bewegung und Lagerung trainiert werden, ist in jedem Fall anzuraten. Zur Verringerung einer Spastik stehen verschiedene Arzneistoffe/ Arzneistoffgruppen zur Verfügung. Besonders etabliert sind als orale Antispastika der GABAB-Agonist Baclofen und der α2-Agonist Tizanidin. Das Antiepileptikum Gabapentin, ein Strukturanalogon von GABA, gewinnt zunehmend an Bedeutung bei tonischer Spastik. Andere mögliche Arzneistoffe und Arzneistoffgruppen wie Dantrolen, Tolperison oder Benzodiazepine haben wegen des deutlich ungünstigeren Nutzen-Risiko-Profils weniger Bedeutung. Weiterhin kann ein Therapieversuch mit Nabiximol, einer Pflanzenextraktmischung aus Cannabis sativa mit Tetrahydrocannabinol (THC) und Cannabidiol erfolgen. 30-40 % der Patienten sprechen innerhalb von 3-4 Wochen auf eine Behandlung mit Cannabinoiden an. Bei Erfolg kann die Therapie fortgesetzt werden.

Bei schwerer Spastik kommen invasive Therapiemaßnahmen zum Einsatz. So kann Baclofen besonders bei der spinalen Spastik mittels einer Pumpe intrathekal (= innerhalb des Liquorraums) appliziert werden. Bei ausgeprägter lokaler Spastik kann das Botulinumtoxin Typ A intramuskulär gegeben werden. Die maximale Wirkung dieses Neurotoxins wird nach 5-6 Wochen erreicht. Eine Wiederholung der Behandlung erfolgt normalerweise nach 3 Monaten.

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Die komplexe Rolle von Nikotin

Nikotin ist eine chemische Verbindung, die natürlich in der Tabakpflanze vorkommt und hauptsächlich durch Rauchen von Zigaretten, Zigarren oder Pfeifen konsumiert wird. Es wirkt als Stimulans und kann sowohl positive als auch negative Auswirkungen auf den Körper haben.

Mögliche positive Einflüsse von Nikotin auf das Nervensystem

Dr. med. Stefan Rieg äusserte sich dazu, dass Nikotin selber zwar auf das Nervensystem einige positive Einflüsse hat, die negativen Wirkungen jedoch überwiegen.

Es gibt Hinweise darauf, dass Nikotin eine gewisse Schutzwirkung bei der Entstehung von MS haben könnte. Studien haben gezeigt, dass Schnupftabak-Nehmer ein geringeres Risiko haben, an MS zu erkranken, als diejenigen, die nie feuchten Schnupftabak verwendet haben. Es wurde sogar eine inverse Dosis-Wirkungs-Korrelation zwischen der kumulativen Dosis des Schnupftabakkonsums und dem Risiko der Entwicklung der Krankheit festgestellt.

Überwiegende negative Auswirkungen von Nikotin

Trotz der potenziellen positiven Einflüsse überwiegen die negativen Auswirkungen von Nikotin auf das Nervensystem und die allgemeine Gesundheit deutlich. Rauchen ist ein Risikofaktor und die Betroffenen sollten alles daran setzen, die Nikotinsucht zu überwinden.

Nikotin kann die Symptome der MS verschlimmern und zu einer schnelleren Progression der Erkrankung führen. Es kann Entzündungen im Gehirn verstärken und die Nervenschäden beschleunigen. Darüber hinaus hat Nikotin eine Vielzahl von negativen Auswirkungen auf den Körper, darunter ein erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs und Atemwegserkrankungen.

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Nikotin vs. THC bei Spastik: Ein Vergleich

Im Kontext der Spastik-Behandlung ist es wichtig, Nikotin von Tetrahydrocannabinol (THC) zu unterscheiden, einem der Hauptwirkstoffe in Cannabis. Während Nikotin hauptsächlich negative Auswirkungen hat, zeigt THC potenziell positive Wirkungen auf die Spastik.

THC als Alternative zur Spastik-Behandlung

Eine positive Wirkung entfaltet THC bei der MS in erster Linie auf die Spastik. Eine Erklärung hierfür steht aber noch aus, zwar sind die "THC"-Rezeptoren im Gehirn identifiziert, deren Funktion ist aber noch recht unklar. Ob ein zusätzlicher spinaler Mechanismus vorliegt, ist ebenfalls nicht geklärt. THC zeigt bei anderen Erkrankungen ansonsten folgende pos. Wirkungen: HIV: Steigerung des Appetits ZNS: Spastikminderung Chemotherapie: Verminderung unstillbaren Erbrechens

THC wirkt unter anderem schmerzlindernd, entspannend und kann Übelkeit reduzieren, während CBD entzündungshemmend ist, Krämpfe lösen und Angstzustände mindern kann. Viele Patient*innen berichten über weniger Krämpfe und bessere Beweglichkeit. Seit 2011 ist Cannabisextrakt für die Behandlung bei mittelschwerer oder schwer therapierbarer Spastik bei Multipler Sklerose zugelassen. In einer Studie aus dem Jahr 2011 profitierten knapp die Hälfte der Patienten von einer subjektiven Verbesserung bei Spastik, Spasmenhäufigkeit und Schlafqualität. Die Wirkung ist gegenüber Placebo nachgewiesen, jedoch nicht im Vergleich zu Standardmedikamenten.

Pharmazeutisches THC vs. Rauchen von Cannabis

Nikotin selber hat zwar auf das Nervensystem einige positive Einflüsse, die negativen Wirkungen überwiegen jedoch. Es sollte deshalb pharmazeutisches THC angewendet werden. 1. Weil dies legal ist 2. Weil die Qualität überprüfbar ist 3. Weil die Quantität überprüfbar ist Für die Kassen wäre zwar das Kiffen billiger, für den Patienten kommt es aber in aller Regel recht teuer (im rechtlichen Sinne).

Es ist wichtig zu beachten, dass der Konsum von illegalem THC mit erheblichen Risiken verbunden ist. Der Wirkstoffgehalt kann beträchtlich schwanken, und die Strafe für den Besitz und Konsum von illegalem THC kann erheblich sein.

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Weitere Aspekte der THC-Anwendung

Auswirkungen auf die Psyche

Bei einer angeschlagenen Psyche sollte auf jeden Fall auf THC verzichtet werden. Bei Depressionen sind Antidepressiva deutlich besser, Psychosen können durch THC ausgelöst werden. Bei THC besteht der Verdacht auf Erbgutschädigung.

Wann sollte man THC absetzen?

Wenn es längere Zeiten ohne Spastik sind sollte man absetzen und nur bei kurzen Pausen THC weiter nehmen. THC hebt zwar etwas die Stimmung, aber mit Medikamenten geht dies deutlich besser (wenn nötig). Während der THC Einnahme darf man auch kein KFZ steuern!

THC und Entzündungen

Da Die THC Rezptoren CB1 und CB2 die Arachidonsäurebildung kontrollieren, ist auch eine Auswirkung auf Entzündungsvorgänge anzunehmen, welche eher in Richtung Aktivierung geht. Dem entgegen stehen die positiven Wirkungen des THC z.B. auf die Spastik, wobei es da prinzipiell keinen Unterschied macht ob synthetisches oder natürliches THC verwendet wird.

THC und Müdigkeit

Kiffen kann die extreme Müdigkeit der MS noch verstärken.

THC und Gedächtnis

THC hat enorm ungünstige Wirkung auf Gedächtnis, Konzentration und Antrieb.

Darreichungsformen von THC

Legale Darreichungsformen sind Kapseln mit öliger Lösung mit 2,5-15mg.

Wann sollte man über die Einnahme von THC nachdenken?

Wenn andere Antispastika nicht wirken oder wegen gravierender Nebenwirkungen nicht eingesetzt werden können.

Wie wirkt Dronabinol?

Dronabinol wird 2 - 3 mal tgl. als Kps. eingenommen. Es wirkt dann nach ca. 1 Std. auf die "Anandamidrezeptoren" im Gehirn (CB1 und CB2). Diese haben u.a. einen antispastischen Effekt. Rezeptoren Rückenmark (wie bei Lioresal) sind nicht bekannt. Die Wirkung hält ca. 12 Stunden an, da sich THC aber im Fettgewebe speichert, kann die Wirkung im Einzelfall auch viel länger anhalten.

Beeinflusst THC auch "Nervenschmerzen" positiv?

Ja, durch die Aktivierung des körpereigenen Opioidsystems.

Wirkt THC auch bei der Ataxie?

Die Ataxie wird auf keinen Fall besser. Auch auf Sensibilitätsstörungen ist keine Wirkung zu erwarten.

THC wirkt "nur" bei der Spastik?

Für die MS gilt: Im wesentlichen Ja. Es wirkt aber zudem noch bei chron. Schmerzen, Appetitlosigkeit, starker Übelkeit und evtl. bei restless legs.

Genmanipulation von Cannabis

Durch Genmanipulation und auch durch Züchtung wird in erster Linie der WS Gehalt erhöht. In den letzetn 30 Jahren hat so die Konzentration in den beschlagnahmten Planzenteilen um das 5-10! fache zugenommen. Der Haupt-Wirkstoff bleibt der gleiche.

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