Migräne ist nicht nur ein Problem von Erwachsenen. Immer mehr Kinder und Jugendliche leiden unter quälenden Kopfschmerzen. Oftmals werden in der Schulmedizin lediglich die Symptome behandelt, ohne nach den Ursachen zu forschen. Die Osteopathie bietet hier eine wertvolle Alternative und Ergänzung, um die Schmerzen nebenwirkungsfrei zu lindern, die Ursache zu finden und zu beheben.
Was ist Osteopathie?
Die Osteopathie ist eine eigenständige Heilmethode, bei der Osteopathen ausschließlich mit ihren Händen arbeiten. Trotz spezifischer, manueller Techniken ist die Osteopathie nicht in der Physiotherapie anzusiedeln. Osteopathen betrachten den menschlichen Körper als untrennbare Einheit. Grundlage hierfür ist eine genaue Kenntnis der menschlichen Anatomie und Physiologie. Aus osteopathischer Sicht hängen alle Strukturen des Körpers anatomisch oder funktionell miteinander zusammen. Ursachen liegen nicht zwangsläufig im Bereich des Schmerzes. So können beispielsweise Magenbeschwerden über den Hirnnerven, der den Verdauungsapparat steuert, durchaus Kopfschmerzen auslösen, ebenso wie etwa ein Sturz auf das Steißbein in der Kindheit einen fortwährenden Zug auf die Rückenmarkshaut ausübt, der sich innerhalb der Wirbelsäule bis zur Hirnhaut im Schädel fortsetzt und hier wiederkehrende Schmerzen verursacht.
Die Rolle der Osteopathie bei der Behandlung von Migräne bei Kindern
Die Osteopathie kann bei Kindern und Jugendlichen mit Migräne eine wertvolle Unterstützung sein. Eine Studie hat gezeigt, dass durch osteopathische Behandlungen Häufigkeit, Dauer und Intensität von Migräne-Anfällen verbessert werden können. Bereits nach etwa drei Behandlungen konnten betroffene Kinder und Jugendliche eine deutliche Linderung der Symptome verspüren. Das Gute an der Osteopathie ist, dass die Patienten vollkommen ohne Nebenwirkungen behandelt werden können.
Anamnese und ganzheitlicher Ansatz
Auch bei Kindern steht eine ausführliche Anamnese am Beginn des ersten Osteopathie-Termins. So können sich Osteopathen ein genaues Bild der Beschwerden machen. Hierzu sieht der Osteopath schulmedizinische Befunde ein, erfragt die gesamte Krankengeschichte mit Verletzungen, Unfällen und Operationen, aber auch Lebensgewohnheiten und erkundigt sich nach dem seelischen Befinden. Denn ein Osteopath muss schwerwiegende Ursachen ausschließen können, bevor er mit seiner Behandlung beginnt. Der Osteopath wertet zuerst medizinische Befunde aus und führt eine ausführliche Anamnese durch. In der Osteopathie wird der menschliche Körper als Einheit gesehen, und nicht nur einzelne Organe behandelt. Der Körper wird systematisch abgetastet, die Behandlung erfolgt nur mit Hilfe der Hände.
Aktuelle Studienlage
Weltweit wurden bereits über 70.000 Studien zur Wirksamkeit und den Auswirkungen der Osteopathie durchgeführt. Eine aktuelle Übersichtsstudie von 2022 kommt speziell im Bereich der Kinderosteopathie zu positiven Ergebnissen. Eine Studie aus dem Jahr 2009 hat gezeigt, dass Kindern und Jugendlichen durch osteopathische Behandlungen geholfen werden kann, wobei es zu einer Verminderung der Häufigkeit, der Intensität und der Dauer der Migräne-Attacken kommen kann.
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Ende 2022 wurde die bisher größte Übersichtsstudie zur osteopathischen Behandlung von Kindern veröffentlicht. Im Bereich der Kinderosteopathie gibt es zudem mehrere Studien, die darauf hinweisen, dass die osteopathische Behandlung bei Schreikindern zu einer Verminderung der täglichen Schreidauer und Schreiintensität führt. Gleichzeitig nimmt die tägliche Schlafdauer des Babys zu. Eine aktuelle Studie im wissenschaftlichen Journal BMC Pediatrics berichtet außerdem, dass osteopathische Behandlungen zu statistisch signifikanten und klinisch relevanten positiven Ergebnissen führten, einschließlich positiver Veränderungen der psychischen Belastung von Eltern.
Eine randomisiert kontrollierte klinische Studie hat im Oktober 2009 gezeigt, dass Osteopathie bei jungen Migräne-Patienten wirkt:
- 28 Kinder und Jugendliche mit Migräne im Alter zwischen acht und 15 Jahren wurden in zwei Gruppen eingeteilt, wovon eine Gruppe vier osteopathische Behandlungen innerhalb von zwölf Wochen erhielt und die andere Gruppe unbehandelt blieb.
- Das Ergebnis: Dauer, Häufigkeit und Intensität der Migräneattacken der osteopathisch therapierten Patienten blieben deutlich hinter denen der unbehandelten Patienten zurück. Auch sechs Monate nach Ende der Studie war der Erfolg noch beachtlich.
Uta Wijnen, eine der an der Studie beteiligten Osteopathen und Mitglied im Verband der Osteopathen Deutschland: „Ich habe noch Kontakt zu teilnehmenden Kindern. Alle haben wesentlich weniger Probleme als vor der Studie. Einige sind bis heute beschwerdefrei geblieben.“
Details zur Studie von 2009
Ziel: Untersuchung der Effektivität der osteopathischen Behandlungen bei Kindern und Jugendlichen mit Migräne.
Design: Randomisierte kontrollierte klinische Studie mit Follow-up.
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Setting: Die Studie wurde von drei am College Sutherland ausgebildeten Osteopathen in Ihren Praxisräumen durchgeführt.
Patienten: 28 Kinder und Jugendliche mit Migräne im Alter zwischen 8 und 15 Jahren (im Mittel 11,6 ± 2,2 Jahre) nahmen an der Studie teil. Mittels Randomisierung wurden 13 Kinder der Interventionsgruppe und 15 der Kontrollgruppe zugeteilt. Während der Studienphase kam es in jeder Gruppe zu jeweils einem Drop-out.
Intervention: Die Kinder der Interventionsgruppe erhielten 4 osteopathische Behandlungen in Abständen von je 3 Wochen. Ein Follow-up erfolgte 6 Monate nach Behandlungsbeginn. In beiden Gruppen konnte die Einnahme von Medikamenten weiter geführt werden, der Beginn einer Migräne-prophylaktischen Medikation musste mehr als 12 Monate zurückliegen. Die Kinder der Kontrollgruppe blieben ansonsten unbehandelt.
Zielparameter: Die Häufigkeit, Dauer und Intensität der Migräne-Anfälle wurde als primärer Zielparameter über die Führung eines Kopfschmerztagebuchs, erweitert durch eine visuelle Analogskala, erfasst. Als sekundäre Zielparameter wurden Lokalisation der Kopfschmerzen/Migräne, andere Beschwerden vor oder während der Migräne, Übelkeit/Erbrechen, Sehstörungen, Lichtempfindlichkeit, Lärmempfindlichkeit und die Medikamenteneinnahme über das Kopfschmerztagebuch sowie spezielle Fragebögen erhoben.
Ergebnisse:
- Während der 12-wöchigen Studienphase lag die Anzahl der Migräne-Tage in der Kontrollgruppe mit einem Mittel von 26 Tagen mehr als doppelt so hoch als in der Behandlungsgruppe mit 11 Tagen (p=0,07).
- Im letzen Erfassungszeitraum der Studienphase ergibt sich eine statistisch signifikante Differenz, mit 1,5 Migräne-Tagen in der Behandlungsgruppe und 7,5 in der Kontrollgruppe (p=0,01).
- Die Dauer der Migräne-Anfälle verringerte sich in der Behandlungsgruppe von 0,8 auf 0,3 Stunden und die maximale sowie durchschnittliche Intensität sank.
- Während der Follow-up Erfassung nach 6 Monaten zeigte sich die prozentuale Verbesserung hinsichtlich der Anzahl der Migräne-Attacken nur leicht rückläufig verglichen mit dem letzen Zeitraum der Studienphase.
- Die Ergebnisse der sekundären Zielparameter zeigten, dass in der Behandlungsgruppe während der gesamten Studienphase weniger Medikamente bei Migräne-Anfällen eingenommen wurden (3 Migräne-Tage mit Medikation vs. 11 Tage in der Kontrollgruppe). Bezüglich der anderen Parameter ergaben sich keine auffälligen Gruppenunterschiede.
Schlussfolgerung: Vier osteopathische Behandlungen innerhalb eines Zeitraums von 12 Wochen führen zu einer Verbesserung der Häufigkeit, Dauer und Intensität von Migräne-Anfällen bei Kindern zwischen 8 und 15 Jahren.
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Weitere Forschungsergebnisse
Italienische Wissenschaftler haben die Wirksamkeit osteopathischer Behandlungen bei Migräne untersucht. In ihrer 3-armigen klinischen Studie konnten sie zeigen, dass eine osteopathische Behandlung Schmerzen und die Anzahl von Migränetagen deutlich reduziert. Insgesamt wurden 105 Patienten der neurologischen Klinik eines Krankenhauses in Ancona, Italien, in diese Studie eingeschlossen. Bei allen lag die Diagnose einer chronischen Migräne (nach Kriterien der International Classification for Headache Disorders) vor: primäre Kopfschmerzen mit einer Dauer von mind. 15 Tagen im Monat, seit mindestens 12 Monaten; die Patienten waren stationär aufgenommen und zwischen 18 und 60 Jahren alt. Die Behandlung dauerte jeweils 6 Monate. Dabei wurden für die osteopathische Behandlung, die insgesamt acht Termine umfasste, folgende Techniken angewandt: myofascialer Release, BLT, BMT (Membranspannungsausgleich) und Kraniosakraltherapie. Die Behandlungen erfolgten bedarfsbasiert, orientierten sich also an den jeweiligen Befunden. Die Scheinbehandlung bestand aus leichtem Berühren verschiedener Bereiche des Körpers mit dem Patienten in Rückenlage. Die Auswirkungen der Kopfschmerzen auf den Alltag der Patienten verringerten sich in der Osteopathiegruppe signifikant. Auch in der Scheinbehandlungsgruppe kam es zu einer signifikanten, aber geringeren, Reduktion der Beeinträchtigung. Ein weiteres interessantes Ergebnis ist, dass sich die durchschnittliche Anzahl der Migränetage im Monat in der Osteopathie-Gruppe kontinuierlich von etwa 22,5 Tagen auf 1,2 Tage am Ende des Behandlungszeitraums verringerte. Die Patienten in der Scheinbehandlungsgruppe hatten ebenfalls zu Beginn durchschnittlich 22,3 Migränetage im Monat, am Ende der Behandlung immer noch durchschnittlich 18,6 Migränetage im Monat, in der Kontrollgruppe gab es keine Reduktion. Diese deutlichen Unterschiede zwischen den Gruppen waren auch statistisch signifikant.
Sicherheit und Verträglichkeit
Studien belegen, dass nach einer osteopathischen Behandlung kaum Nebenwirkungen auftreten. Eine Studie aus 2018 ergab: Bei knapp 2.000 Patienten kam es bei nur 45 Fällen (ca. 2 %) zu Schmerzen, Kopfschmerzen, Müdigkeit, Muskelkater und Übelkeit - zu ernsteren Symptomen aber nicht.
Osteopathie als Selbstzahler-Leistung
Grundsätzlich ist die Osteopathie eine Selbstzahler-Leistung, doch viele Krankenkassen bezuschussen die Behandlungen durch einen Osteopathen. Welche Modalitäten dafür gegeben sein müssen, erfahren Sie von Ihrer Krankenkasse. Der Bundesverband Osteopathie e.V. - BVO rät, dass sich Patienten bereits vor der Behandlung direkt mit ihrer Kasse in Verbindung setzen. Völlig außen vor sind dabei die Folgekosten. So hat die BKK Advita berechnet, wie hoch die Ausgaben für jedes Mitglied vor und nach einer osteopathischen Behandlung waren. Gab es in den letzten sechs Monaten vor der osteopathischen Behandlung Ausgaben von 875 Euro pro Versicherten, beliefen sich die Zahlungen nach der Behandlung auf 703 Euro - und in diesem Betrag sind die Kosten für die Osteopathie bereits eingerechnet.
Spezialisierung auf Kinderosteopathie
Kinderosteopathen haben eine spezielle Weiterbildung abgeschlossen und sind auf der Therapeutenliste des BVOs mit einem Kinderwagensymbol gekennzeichnet. Die Kinderosteopathie ist eine spezielle Zusatzausbildung für Therapeuten, die bereits eine Osteopathie-Ausbildung abgeschlossen haben. Auf der Therapeutenliste des BVOs sind jene, die diese Ausbildung gemäß unseren Richtlinien abgeschlossen haben, mit einem Kinderwagen-Symbol gekennzeichnet.
Fazit
Die Osteopathie stellt eine vielversprechende Behandlungsoption für Kinder und Jugendliche mit Migräne dar. Studien deuten auf eine Reduktion von Häufigkeit, Dauer und Intensität der Migräneanfälle hin. Es ist ratsam, sich vor einer Behandlung mit der Krankenkasse in Verbindung zu setzen, um die Möglichkeiten einer Kostenbeteiligung zu klären.
Die Bedeutung der berufsgesetzlichen Regelung
„Nicht nur Umfragen unter Patienten, sondern auch Studien beweisen, dass die Osteopathie ein wertvoller Teil der Integrativen Medizin ist und längst aus dem deutschen Gesundheitssystem nicht mehr wegzudenken. Es gilt nun, die Osteopathie berufsgesetzlich zu regeln - zur Sicherstellung des Patienten- und Verbraucherschutzes“, fordern Christine Berek und Prof.
2025 war ein Wendepunkt für die Osteopathie: Erstmals wurde ihre berufsgesetzliche Regelung im Koalitionsvertrag verankert - ein großer Erfolg für den Bundesverband Osteopathie e.V. - bvo.
Zufriedenheit der Patienten
Mittlerweile haben sich bereits 19 Millionen Deutsche in osteopathische Behandlung begeben - und deren Zufriedenheit ist hoch. Laut einer aktuellen Forsa-Umfrage aus 2024 gaben 75 % an, dass sie zufrieden seien, 55 % waren sogar sehr zufrieden und 87 % würden die Osteopathie weiterempfehlen. Bei Kindern ist dieser Wert noch höher: Über 83 % sind zufrieden mit der kinderosteopathischen Behandlung - und würden diese sogar weiterempfehlen.
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