Parkinson ist eine fortschreitende neurologische Erkrankung, die vor allem das motorische System betrifft. Obwohl es keine Heilung gibt, können verschiedene Behandlungen helfen, die Symptome zu lindern und die Lebensqualität zu verbessern. Neben medikamentösen Therapien und der Tiefenhirnstimulation gibt es eine Reihe alternativer Behandlungsmethoden, die eine wichtige Rolle bei der Bewältigung der Parkinson-Krankheit spielen können.
Aktivierende Therapien
Aktivierende Therapien sind ein wichtiger Bestandteil der Parkinson-Behandlung und ergänzen die medikamentöse Therapie. Sie helfen, der zunehmenden Bewegungsverarmung entgegenzuwirken und die Lebensqualität zu verbessern.
Bedeutung aktivierender Therapien
Viele Parkinson-Patienten leiden im Verlauf der Erkrankung unter Störungen von Gleichgewicht, Gehen, Sprechen und Schlucken, die für die Lebensqualität von wesentlicher Bedeutung sind. Aktivierende Therapien wie Physiotherapie, Ergotherapie, Logopädie und psychologische Interventionen spielen hier eine wichtige Rolle.
Frühzeitiger Beginn
Schon unmittelbar nach der Diagnose Parkinson ist es wichtig, mit aktivierenden Therapien zu beginnen, um der fortschreitenden Bewegungsverarmung entgegenzuwirken. Auch wenn die Medikamente gut wirken, können schleichende Veränderungen der Beweglichkeit auftreten, wie z.B. vermindertes Mitschwingen der Arme beim Gehen, Verkleinerung der Schrift oder leiseres Sprechen.
Regelmäßiges und intensives Training
Regelmäßiges und möglichst intensives körperliches Training ist entscheidend, um die Möglichkeiten, die sich durch die Wirksamkeit der Medikamentenbehandlung ergeben, voll auszunutzen. Die Einsicht des Betroffenen, dass er "seinem Parkinson" aktiv und wirksam entgegentreten kann, ist entscheidend für den Krankheitsverlauf.
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Stärkung des Bewegungssinns
Für das Verständnis von aktivierenden Therapien bei Parkinson ist es wichtig zu wissen, dass nicht nur die Bewegung verändert ist, sondern auch die Wahrnehmung der Bewegung, der "Bewegungssinn". Viele Betroffene merken nicht, wenn sie zu kleine Schritte machen, zu leise sprechen oder "vergessen", den Arm beim Gehen mitzuschwingen. Trainingsverfahren, bei denen großamplitudige Bewegungen, Bewegungsrhythmus und Schnelligkeit geübt werden, eignen sich besonders gut zur Stärkung des Bewegungssinns.
LSVT-LOUD und LSVT-BIG
Das Lee Silverman Voice Training (LSVT-LOUD) ist eine spezifisch für Parkinson-Patienten entwickelte aktivierende Therapie, bei der in intensiver Einzeltherapie eine Verbesserung der Sprechlautstärke geübt wird. Eine starke und lang anhaltende Wirkung der LSVT-LOUD Therapie wurde in mehreren wissenschaftlichen Untersuchungen nachgewiesen. Ausgehend vom LSVT-LOUD hat eine amerikanische Forschungsgruppe das neue Behandlungskonzept LSVT-BIG entwickelt, das speziell auf die Verbesserung der Bewegungen bei Parkinson ausgerichtet ist. LSVT-LOUD und LSVT-BIG beinhalten schwerpunktmäßig das Einüben lauten Sprechens bzw. großräumiger Bewegungen. Durch intensives Wiederholen der Übungen und kontinuierliche Rückmeldung über die erzielten Ergebnisse werden ungenutzte Möglichkeiten des Übenden aktiviert und ausgebaut. Der Therapeut motiviert den Patienten, jede Bewegung mit möglichst großem Einsatz ("mindestens 80% der maximalen Energie") und spürbarer Anstrengung auszuführen. Durch ständige Rückmeldung des Therapeuten lernt der übende Patient, die Wahrnehmung seiner eigenen Sprechlautstärke oder Bewegungen neu zu "kalibrieren".
Gleichgewichtstraining
Gleichgewichtsstörungen gehören neben Muskelsteifigkeit (Rigor), Zittern (Tremor) und Bewegungsverlangsamung (Bradykinese) zu den Hauptsymptomen der Parkinson-Krankheit. In fortgeschrittenen Krankheitsstadien kommt es häufig zu schweren Gleichgewichtsstörungen mit Stürzen und Frakturen.
Analyse der Gleichgewichtsprobleme
Am Anfang der Maßnahmen zur Verbesserung des Gleichgewichts steht die Frage nach den individuellen Gleichgewichtsproblemen. Kommt es zu Stürzen, sollten deren Umstände genau analysiert werden, um auslösende Faktoren vermeiden zu können. Da bei Parkinson vermehrt Aufmerksamkeit benötigt wird, um das Gleichgewicht zu kontrollieren, sollten Ablenkungen vermieden werden.
Schubs-Training
Besonders einfach und wirkungsvoll ist das sogenannte "Schubs-Training", das auch in der häuslichen Umgebung durchgeführt werden kann. Bei dieser Therapie werden die Betroffenen wiederholt durch einen Therapeuten mit plötzlichem nach hinten gerichtetem Zug an den Schultern aus dem Gleichgewicht gebracht.
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Weitere Übungstechniken
Weitere Übungstechniken basieren auf dem Training des Gleichgewichtes auf wechselnden Unterstützungsmodalitäten und -flächen. Hierbei können Plattformen mit walzenförmiger oder runder Auflage eingesetzt werden. Das Gleichgewichtstraining kann durch Krafttraining der Beinmuskulatur ergänzt werden. Ein Aufbau von Muskelmasse durch Kraftübungen führt zusätzlich zur Verbesserung der Balance auch zu einem geringeren Frakturrisiko bei Stürzen.
Sturzprophylaxe
Bei sturzgefährdeten Patienten sollte darauf geachtet werden, die Verletzungsmöglichkeiten in der häuslichen Umgebung so gering wie möglich zu halten (Kanten polstern, Engpässe vermeiden, Türschwellen beseitigen, Haltegriffe anbringen). Ausreichende Beleuchtung (auch nachts!) und offene Türen können das Sturzrisiko senken. Gemeinsam mit einem Physiotherapeuten sollte bei starker Sturzgefahr eine Hilfsmittelversorgung, z. B. mit einem Rollator, besprochen werden.
Freezing
Unter "Freezing" versteht man ein plötzliches "Einfrieren" des Gehens, häufig ausgelöst durch Umgebungsreize (Hindernisse, Türrahmen) oder bestimmte Manöver (Losgehen, Drehbewegungen).
Trickmanöver
Hier ist es Aufgabe des Therapeuten, gemeinsam mit dem Betroffenen Trickmanöver zu entwickeln, durch die sich das Freezing überwinden lässt. Grundsätzlich sollte jeder von Freezing betroffene Patient in der Physiotherapie mit dem ganzen Spektrum der Trickmanöver vertraut gemacht werden. Nicht selten haben Patienten auch eigene sensorische oder motorische Techniken zur Überwindung von Blockaden entwickelt, die in der Therapie eingesetzt und weiterentwickelt werden sollten.
Vermeidung von Stürzen
Patienten mit Freezing sollten zur Vermeidung von Stürzen angehalten werden, die motorischen Blockaden nicht durch forcierte Vorverlagerung des Körperschwerpunktes zu durchbrechen.
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Körperhaltung
Die meist auf Medikation unzureichend ansprechenden Probleme der Körperhaltung machen in der Regel eine intensive, hochfrequente und dauerhafte physiotherapeutische Begleitung erforderlich. Bei Kamptokormie (vorgebeugter Rumpf), Pisa-Syndrom (Seitneigung des Rumpfes) oder Antekollis (Vorneigung des Kopfes) können durch Dehnlagerung, gezieltes Krafttraining und Wahrnehmungsschulung vermindert werden. Nachhaltige Besserungen sind wahrscheinlich nur durch langfristiges und hochfrequentes Training zu erreichen.
Weitere aktivierende Therapien
Neben den bereits erwähnten aktivierenden Therapien gibt es weitere Ansätze, die bei Parkinson-Patienten eingesetzt werden können:
Lee Silverman Voice Treatment (LSVT)
Hier üben die Betroffenen mit speziell ausgebildeten Therapeuten lautes Sprechen (LSVT-LOUD) oder das Ausführen von Bewegungen mit großer Amplitude (LSVT-BIG).
Tanz- und Musiktherapie
Musik erleichtert Menschen mit Parkinson, das durch die Krankheit gestörte Rhythmusgefühl zu verbessern. Allein das Hören von lauter und rhythmischer Musik führt zu einer messbaren Verbesserung der Beweglichkeit.
Tai Chi
Tai Chi ist eine Kampf- und Bewegungskunst, die ihren Ursprung in China des 17. Jahrhunderts hat. Tai Chi zielt auf Entschleunigung, Konzentration und Entspannung bei körperlicher Aktivität ab. Mit dieser Technik können Menschen mit Parkinson Körperwahrnehmung und Bewegungskontrolle trainieren.
Medikamentöse Therapien
Bei der Parkinson-Krankheit liegt ein Ungleichgewicht der Botenstoffe Dopamin und Glutamat im Gehirn vor. Die medikamentöse Therapie zielt darauf ab, dieses Ungleichgewicht so weit wie möglich wieder herzustellen.
Levodopa (L-Dopa)
Der Wirkstoff Levodopa wird im Gehirn zu Dopamin umgewandelt und gleicht so den Dopaminmangel aus. Typische Parkinson-Symptome wie Tremor, Akinese oder Rigor können somit gemindert werden.
Dopamin-Agonisten
Dopamin-Agonisten versuchen ebenfalls, den Dopaminmangel im zentralen Nervensystem auszugleichen, indem sie die Dopamin-Rezeptoren anregen.
Amantadinsulfat
Amantadin wirkt als Glutamat-Antagonist und reduziert die Wirkung des im Überschuss vorhandenen Glutamats im Gehirn.
Enzym-Hemmer (MAO-B-Hemmer und COMT-Hemmer)
Enzym-Hemmer hemmen die Wirkung von MAO-B und COMT und sorgen so dafür, dass Dopamin langsamer abgebaut werden kann und dem Nervensystem länger zur Verfügung steht.
Alternative Behandlungsmethoden
Neben den konventionellen Behandlungsmethoden gibt es eine Reihe alternativer Ansätze, die bei Parkinson-Patienten eingesetzt werden können:
Orthomolekulare Medizin
Die orthomolekulare Medizin spielt eine wichtige Rolle in der ganzheitlichen Parkinson-Therapie. Coenzym Q10, Alpha-Liponsäure, B-Vitamine, Vitamin C und Glutathion können die Zellenergie verbessern, oxidativen Stress reduzieren und die Nervenfunktion unterstützen.
Heilpflanzen
Verschiedene Heilpflanzen können die konventionelle Parkinson-Behandlung sinnvoll ergänzen. Mucuna pruriens enthält natürliches L-DOPA und wird traditionell bei Bewegungsstörungen eingesetzt. Ginkgo biloba kann die Durchblutung verbessern und neuroprotektive Eigenschaften aufweisen.
Mitochondriale Unterstützung
Eine Störung der mitochondrialen Funktion trägt zur Neurodegeneration bei. Neben Coenzym Q10 können weitere Substanzen wie PQQ, NADH und Ribose die mitochondriale Funktion unterstützen.
Entzündungshemmung
Chronische Entzündungsprozesse im Gehirn spielen bei der Parkinson-Erkrankung eine wichtige Rolle. Omega-3-Fettsäuren können Entzündungen reduzieren und die Nervenfunktion unterstützen.
Darmgesundheit
Neueste Forschungen zeigen einen deutlichen Zusammenhang zwischen Darmgesundheit und Parkinson-Erkrankung. Probiotische Therapien und präbiotische Substanzen können die Darmgesundheit fördern.
Tiefe Hirnstimulation
Bei der Tiefenhirnstimulation werden Elektroden an eine bestimmte Gehirnstruktur eingesetzt. Diese können über regelmäßige leichte Stimulation die Bewegungsfähigkeit verbessern.
Einfluss von Dopamin
Forschende der Charité - Universitätsmedizin Berlin konnten zeigen, dass Dopamin den Prozess von der Bewegungsintention bis zur eigentlichen Durchführung beschleunigt. Durch gezielte tiefe Hirnstimulation konnte der Effekt von Dopamin imitiert werden.
Intelligente Hirnschrittmacher
Zukünftig könnte die tiefe Hirnstimulation im Sinne einer intelligenten Gehirn-Computer-Schnittstelle eingesetzt werden. Sobald der Wille zu einer Bewegung ausgelesen wird, ließe sich mittels elektrischer Impulse der Weg bis zu ihrer Ausführung beschleunigen.
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