Kopfschmerzen und Migräne sind weit verbreitete Volkskrankheiten, die das Leben vieler Menschen in Deutschland beeinträchtigen. Rund 70 Prozent der Bevölkerung leiden wiederkehrend an Kopfschmerzen, wobei etwa fünf Prozent sogar täglich betroffen sind. Dies führt zu erheblichen Einschränkungen im Alltag und Arbeitsleben. Das Universitätsklinikum Jena (UKJ) hat sich dieser Problematik angenommen und bietet im Mitteldeutschen Kopfschmerzzentrum Jena eine umfassende und innovative Versorgung für Patienten mit Kopfschmerzen aller Art.
Das Mitteldeutsche Kopfschmerzzentrum Jena: Ein interdisziplinärer Ansatz
Das Mitteldeutsche Kopfschmerzzentrum Jena ist eine Einrichtung des Universitätsklinikums Jena, die sich auf die Diagnose und Therapie von Kopfschmerzen und Gesichtsschmerzen spezialisiert hat. Als bundesweit erste Einrichtung wurde das Mitteldeutsche Kopfschmerzzentrum von der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft (DMKG) erfolgreich in der Kategorie der höchsten Versorgungsstufe (Level 3) zertifiziert. Hiermit wurde dem Zentrum eine Behandlung auf höchstem Qualitätsniveau bescheinigt. Das Zentrum zeichnet sich durch einen interdisziplinären Ansatz aus, bei dem Neurologen, Psychologen, Physiotherapeuten und Entspannungstherapeuten eng zusammenarbeiten. Diese enge Kooperation ermöglicht eine umfassende Betreuung der Patienten, die sowohl medikamentöse als auch nicht-medikamentöse Therapieansätze umfasst. Pro Jahr werden mehr als 4.000 Patientenbesuche verzeichnet.
Kooperation mit der Kaufmännischen Krankenkasse (KKH)
Gemeinsam mit der Kaufmännischen Krankenkasse (KKH) hat das Klinikum eine neue Einrichtung eröffnet - das Mitteldeutsche Kopfschmerzzentrum Jena. Erstmals steht damit in der Region ein Modell der Integrierten Gesundheitsversorgung speziell für dieses Krankheitsbild zur Verfügung.
Interdisziplinäre Zusammenarbeit
Neurologen, Psychologen und Physiotherapeuten arbeiten hier zusammen und kooperieren auch mit niedergelassenen Schmerztherapeuten, das heißt wir bieten eine Behandlung aus einem Guss an", sagt Professor Otto Witte, Leiter der Klinik für Neurologie. Dazu gehörten beispielsweise auch Schulungen über die Ursachen der Erkrankungen und Bewältigungsstrategien wie Entspannungstraining oder Ausdauersport, so Witte.
Klinische Studien
Am Kopfschmerzzentrum werden laufend klinische Studien zur Untersuchung sowohl neuer und bereits zugelassener Medikamente, als auch Untersuchungen anderer Behandlungsoptionen durchgeführt.
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Kopfschmerzarten und ihre Charakteristika
Das Mitteldeutsche Kopfschmerzzentrum Jena behandelt alle Arten von Kopfschmerzen. Zu den häufigsten gehören:
- Migräne: Typisch für Migräne sind wiederkehrende Kopfschmerzattacken mit einer Dauer von bis zu mehreren Tagen. Begleitend können Symptome wie Übelkeit, Appetitlosigkeit und Licht- bzw. Lärmempfindlichkeit auftreten. In manchen Fällen gehen den Kopfschmerzattacken zeitlich umgrenzte, neurologische Symptome, wie zum Beispiel Seh- und Sprachstörungen oder Missempfindungen im Rahmen einer Migräne-Aura voraus.
- Spannungskopfschmerzen: Spannungskopfschmerzen treten häufig in leichter bis mittelschwerer Intensität auf und sind durch einen dumpfen, drückenden bzw. ziehenden Charakter gekennzeichnet, der den gesamten Kopfbereich umfassen kann. Bei episodischem Spannungskopfschmerz dauern einzelne Episoden von wenigen Minuten bis zu mehrere Tage. Tritt der Kopfschmerz an mindestens 15 Tagen im Monat in mehr als sechs aufeinanderfolgenden Monaten auf, spricht man von chronischem Spannungskopfschmerz. Stressbezogene Belastungsfaktoren werden dabei häufig als auslösende bzw.
- Clusterkopfschmerz: Clusterkopfschmerz ist charakterisiert durch starke, einseitige Schmerzattacken im Augen-, Stirn bzw. Schläfenbereich, welche zwischen 15 und 180 Minuten andauern. Typisch ist hier eine Häufung von Schmerzattacken in bestimmten Zeitabschnitten (sogenannte Cluster). Innerhalb dieser Perioden können bis zu acht Attacken pro Tag auftreten. Zusätzlich zu dem oft als unerträglich beschriebenen Schmerz kommt es bei den Patienten häufig zur Rötung der Bindehaut bzw. zum Tränen des Auges, zu einer Verengung der Pupillen, zum Hängen/Schwellen eines Augenlids, zum Austritt von Nasensekret, zu einer Verstopfung der Nase und/oder zum Schwitzen im Stirn-/Gesichtsbereich. Es wird zwischen episodischen (Schmerzfreie Phasen über mehrere Monate bis zu mehreren Jahren) und chronischen Clusterkopfschmerz (Schmerzfreie Phasen für weniger als einen Monat) unterschieden.
- Medikamenteninduzierter Kopfschmerz: Kopfschmerzpatienten sind im Alltag häufig auf die Einnahme von Schmerzmitteln angewiesen. Patienten, die über mehrere Monate an mehr als 10 Tagen pro Monat ein Schmerzmittel (z.B. ASS, Ibuprofen, Paracetamol, Triptan) einnehmen, können einen sogenannten schmerzmittelinduzierten Kopfschmerz entwickeln. Dieser führt zu einer Verschlechterung der Kopfschmerzsymptomatik im Sinne einer Chronifizierung. Um diesen Teufelskreis zu unterbrechen, ist eine spezifische Therapie notwendig. Hierzu gehören eine Schmerzmittelpause und medikamentöse sowie nicht-medikamentöse Therapieoptionen. Solch ein Vorgehen führt bei 80% aller Patienten zu einer erheblichen Verbesserung der Kopfschmerzsymptomatik.
Innovative Therapieansätze in der Uniklinik Jena
Das Mitteldeutsche Kopfschmerzzentrum Jena setzt auf innovative Therapieansätze, um Patienten mit Kopfschmerzen und Migräne optimal zu versorgen. Dazu gehören:
Medikamentöse Therapien
In den letzten Jahren gab es neue Erkenntnisse über die Ursachen der Migräne, die zur Entwicklung neuer, sehr gut wirksamer und verträglicher Medikamente geführt haben“, sagt Oberarzt Dr. Peter Storch, Leiter des Mitteldeutschen Kopfschmerzzentrums am UKJ. Bei Migräneattacken wird vermehrt der Botenstoff Calcitonin-Gene-Related-Peptide (kurz CGRP) im Körper freigesetzt. Neue Medikamente setzen genau dort an: sie binden an das Entzündungsprotein und reduzieren damit die Migräneattacken. Das Team um Dr. Storch geht im Rahmen der Patientenakademie auf die Anwendung, Therapieeffekte und Sicherheit der neuen Medikamente ausführlich ein. „Diese neuen Medikamente sind auch gerade für schwer betroffene Kopfschmerzpatienten gut geeignet, bei denen andere Therapiemethoden bisher erfolglos waren“, sagt Dr. Storch.
- CGRP-Antagonisten: Rimegepant ist ein zur Gruppe der CGRP Antagonisten gehörendes Medikament zur Prophylaxe (und Akuttherapie) episodischer und chronischer Migräne, welches im April 2022 auch in Deutschland zugelassen wurde.
- Akuttherapie bei Clusterkopfschmerz: In einer Studie wird die Sicherheit und Verträglichkeit bzw. die Wirksamkeit eines Gerätes in Verbindung mit einem Medikament zur Akuttherapie von Clusterattacken bei Patienten mit episodischen und chronischen Cluster-Kopfschmerz untersucht. Es gibt Patienten mit Migränekopfschmerzen, für die aufgrund unterschiedlicher Faktoren (Unverträglichkeit, Unwirksamkeit oder Kontraindikation) die sonst gut wirksamen und gut verträglichen Triptane als Akutbehandlung der Migräne nicht in Frage kommen.
Nicht-medikamentöse Therapien
Der Schmerztherapeut betont jedoch ausdrücklich die Wichtigkeit nicht medikamentöser Verfahren. So helfen regelmäßiger Ausdauersport, Entspannungsverfahren und Stressmanagement bei der Prophylaxe der Migräne. Dies gilt auch allgemein für Kopfschmerzen. „Wichtig ist, dass jeder Betroffene eine Therapie erhält, die individuell auf ihn zugeschnitten ist“, so Dr. Storch.
- Rehaler: Bereits seit über 70 Jahren ist bekannt, dass eine Erhöhung der CO2 Menge im Körper einen Migräneanfall verhindern kann. Der „Rehaler“ ist ein im Zulassungsprozess befindliches, alltagstaugliches und arzneimittelfreies Gerät, mit dessen Hilfe die CO2 Konzentration des Körpers erhöht werden kann, ohne dass der Sauerstoffgehalt im Blut abfällt.
- Schulungen und Bewältigungsstrategien: Dazu gehörten beispielsweise auch Schulungen über die Ursachen der Erkrankungen und Bewältigungsstrategien wie Entspannungstraining oder Ausdauersport, so Witte.
Patientenforum "Aktiv gegen Kopfschmerzen und Migräne"
Um Betroffenen und Angehörigen wichtige Tipps und Therapieansätze zu vermitteln, lädt das Universitätsklinikum Jena (UKJ) regelmäßig zu informativen Patientenforen ein. Experten des Mitteldeutschen Kopfschmerzzentrums am UKJ, des Klinikums St. Georg Leipzig und der Uniklinik Leipzig beleuchten in Vorträgen die Ursachen von Spannungskopfschmerzen und Migräne sowie wirksame medikamentöse und nicht medikamentöse Behandlungsmethoden.
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Mögliche Themen des Patientenforums
- Was hilft im Akutfall?
- Update Migräneprophylaxe
- Andere primäre Kopfschmerzen
- Experte in eigener Sache - Was kann hilfreich sein, wo finde ich Unterstützung mit Einladung zur Gründung einer Migräne Selbsthilfegruppe in Jena, Lucia Baumann, MigräneLiga e.V. Jena
Selbsthilfegruppen
Außerdem informiert Lucia Baumann von der MigräneLiga e.V. Deutschland über die Aufgaben und Möglichkeiten der Selbsthilfegruppenarbeit für Betroffene und ihre Angehörigen. „Selbsthilfegruppen bieten eine gute Möglichkeit für Migräne-Betroffene und ihre Angehörigen, Kraft aus persönlichen Gesprächen mit ebenfalls erkrankten Gruppenmitgliedern zu schöpfen, die die Ängste, Schmerzen und Bedürfnisse genau nachvollziehen können“, unterstützt Oberarzt Dr. Peter Storch die mögliche Gründung einer Migräne-Selbsthilfegruppe in Jena. Auch die Arbeit von Selbsthilfegruppen wird vorgestellt - ein Fokus liegt auf der möglichen Gründung einer Migräne-Selbsthilfegruppe in Jena.
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