Die Parkinson-Krankheit (PD) und Diabetes, insbesondere Typ-1-Diabetes, scheinen auf verschiedenen Ebenen miteinander verbunden zu sein. Aktuelle Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass Medikamente, die üblicherweise zur Behandlung von Diabetes eingesetzt werden, möglicherweise auch bei der Behandlung von Parkinson-Symptomen helfen könnten. Umgekehrt zeigen Studien, dass selbst bei nicht-diabetischen Parkinsonpatienten eine Insulinresistenz ein häufiges, aber oft unerkanntes Problem darstellen kann. Dieser Artikel beleuchtet die vielfältigen Verbindungen zwischen Parkinson und Diabetes Typ 1 und untersucht die vielversprechenden Therapieansätze, die sich aus diesem Zusammenhang ergeben.
Bromocriptin bei Jugendlichen mit Typ-1-Diabetes: Auswirkungen auf Blutdruck und Gefäßsteifigkeit
Eine Studie im Fachblatt Hypertension (2022; DOI: 10.1161/HYPERTENSIONAHA.122.19547) untersuchte die Auswirkungen von Bromocriptin, einem in der Parkinsontherapie eingesetzten Medikament, auf Jugendliche mit Typ-1-Diabetes. Die Ergebnisse zeigten, dass Bromocriptin bei diesen Jugendlichen den Blutdruck senken und die arterielle Steifigkeit reduzieren kann. Diese Veränderungen waren bereits nach einem Monat messbar.
Kardiovaskuläre Risiken bei Typ-1-Diabetes
Typ-1-Diabetiker haben ein erhöhtes Risiko für die Entwicklung von kardiovaskulären Erkrankungen, insbesondere wenn sie bereits in jungen Jahren erkranken. Laut Michal Schäfer von der University of Colorado School of Medicine in Aurora, USA, beginnen sich Anomalien in den Gefäßen rund um das Herz, die Aorta und ihre primären Verzweigungen bei Menschen mit Typ-1-Diabetes schon in der frühen Kindheit zu entwickeln.
Bromocriptin als potenzieller Schutzfaktor
Die Studie deutet darauf hin, dass Bromocriptin das Potenzial hat, die Entwicklung dieser Anomalien zu verlangsamen und das Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen bei diesen Patienten zu senken. Bromocriptin ist ein Dopaminrezeptoragonist, der die Dopaminkonzentration im Gehirn erhöht, was auch zu einer Verbesserung der Insulinsensitivität führt.
Studiendesign und Ergebnisse
Die Forschungsgruppe um Schäfer untersuchte 34 Patienten, bei denen seit median 5,8 Jahren ein Typ-1-Diabetes diagnostiziert war. Die 13 Jungen und 21 Mädchen waren im Schnitt 15,9 Jahre alt und hatten einen HbA1c ≤ 12 %. Sie erhielten randomisiert ein Bromocriptinpräparat mit rascher Freisetzung oder ein Placebo. Die Studie hatte ein Crossoverdesign und bestand aus 2 Phasen. Die erste Phase lief über 4 Wochen, darauf folgte eine 4-wöchige Auswaschphase. In der zweiten Phase wechselten die Studienteilnehmer für weitere 4 Wochen zur jeweils anderen Behandlung. Auf diese Weise dienten die Patienten als ihre eigenen Kontrollen. Blutdruck und aortale Steifigkeit - Pulswellengeschwindigkeit und Elastizität im MRT - wurden zu Studienbeginn sowie nach Ende von Phase 1 und nach Ende von Phase 2 gemessen. Es stellte sich heraus, dass der Blutdruck unter der Behandlung mit Bromocriptin signifikant abnahm. Im Schnitt sank der systolische Blutdruck um 5 mmHg und der diastolische Blutdruck um 2 mmHg. Auch die Steifigkeit der Aorta reduzierte sich durch die 4-wöchige Therapie mit Bromocriptin. Am ausgeprägtesten war die Verbesserung in der aufsteigenden Aorta, hier nahm die Pulswellengeschwindigkeit um 0,4 m/s und die Elastizität um 8 % ab. In der thorakoabdominellen Aorta war Bromocriptin mit einer um 0,2 m/s verringerten Pulswellengeschwindigkeit und einer Elastizitätserhöhung um 5 % assoziiert.
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Bedeutung der Ergebnisse
Eine steife Aorta prädisponiert Patienten für andere Gesundheitsprobleme wie Organdysfunktionen, Atherosklerose und eine höhere Belastung des Herzmuskels. Die Studie deutet darauf hin, dass die Beeinträchtigung dieser großen, zentralen Arterie bei Jugendlichen mit Typ-1-Diabetes mit Bromocriptin verlangsamt werden könnte. Es ist jedoch wichtig zu beachten, dass die kleine Stichprobengröße die Aussagekraft der Studie limitiert und größere Studien erforderlich sind, um den Effekt von Bromocriptin auf die Gefäßgesundheit zu bestätigen.
Insulinresistenz bei Parkinsonpatienten ohne Diabetes
Eine weitere interessante Verbindung zwischen Parkinson und Diabetes zeigt sich in der Beobachtung, dass viele Parkinsonpatienten, die keinen Diabetes haben, dennoch eine Insulinresistenz aufweisen können.
Häufigkeit von Insulinresistenz bei Parkinson
Annähernd zwei Drittel der nicht-diabetischen Parkinsonpatienten könnten von einer Insulinresistenz betroffen sein. Dennoch erkennen Ärzte das Problem vor allem bei übergewichtigen Patienten nur selten. Wissenschaftler haben eine reduzierte Glukosetoleranz schon länger als potenziellen Risikofaktor für Morbus Parkinson im Visier.
Studie zu Insulinresistenz bei Parkinsonpatienten
Dr. Elliot J. Hogg vom Cedar-Sinai Medical Center in Los Angeles und seine Kollegen haben das Phänomen genauer beleuchtet und bei 154 nicht-diabetischen Parkinsonpatienten Nüchternblutzucker und Insulin erhoben. Anschließend korrelierten sie die Werte mit anderen metabolischen Indikatoren sowie motorischen und nicht-motorischen Symptomen der Erkrankung.
Ergebnisse der Studie
Trotz normaler Nüchternglukose und zumeist unauffälliger HbA1c-Werte zeigten fast 60 % der Probanden eine reduzierte Reaktion auf ihr eigenes Insulin. Zwar waren Adipöse doppelt so häufig betroffen wie Normalgewichtige, mit über 40 % war die Prävalenz bei Letzteren dennoch hoch. Einen Zusammenhang zwischen Insulinresistenz und kognitivem Verfall fanden die Forscher nicht.
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Implikationen von Insulinresistenz bei Parkinson
Bei M. Parkinson kommt es zu pathologischen Proteinablagerungen im Gehirn, zur fortschreitenden Neurodegeneration und Dopaminmangel. Bei den Pathomechanismen spielen nach heutigem Wissen aber auch chronische Inflammation, oxidativer Zellstress und Störungen des zellulären Energiehaushaltes eine Rolle.
Diabetesmedikamente als potenzielle Therapie für Parkinson
Die Erkenntnis, dass Diabetes und Parkinson auf zellulärer Ebene ähnliche Mechanismen aufweisen, hat zu Untersuchungen geführt, ob Diabetesmedikamente möglicherweise auch bei der Behandlung von Parkinson helfen könnten.
GLP-1-Rezeptoragonisten und Parkinson
An diesen Mechanismen setzt die neuroprotektive Wirkung von manchen Diabetesmedikamenten an, insbesondere der GLP-1-(„Glucagon-like Peptid-1“)-Rezeptoragonisten. In einer Studie konnte die Substanz Lixisenatid die motorische Verschlechterung bei Parkinson-Betroffenen signifikant verlangsamen. Das ist ein interessanter Befund, zumal Diabetes mellitus ein Risikofaktor für M. Parkinson ist.
Lixisenatid: Eine vielversprechende Option?
Ein Wirkstoff zur Diabetes-Behandlung könnte möglicherweise auch bei Parkinson helfen - so das Ergebnis einer im April 2024 im New England Journal of Medicine veröffentlichten klinischen Studie [1]. Die Substanz Lixisenatid verlangsamt das Fortschreiten der Symptome in einem geringen, aber statistisch signifikanten Umfang.
Studienergebnisse zu Lixisenatid
In einer doppelblinden, randomisierten, placebokontrollierten Phase-2-Studie [1] wurde Lixisenatid bei Menschen mit PD im Frühstadium evaluiert. Eingeschlossen waren Betroffene, deren PD-Diagnose maximal drei Jahre zurück lag, und die stabil auf Parkinson-Medikamente eingestellt waren. Die Teilnehmenden erhielten ein Jahr lang entweder täglich subkutan 20 μg Lixisenatid (n=78) oder Placebo (n=78), gefolgt von einer zweimonatigen Auswaschphase. Der primäre Endpunkt waren die MDS-UPDRS-Werte („Movement Disorder Society - Unified Parkinson's Disease Rating Scale“ Teil III), deren initialer Score in beiden Gruppen ca. 15 betrug (0-132 Punkte, höhere Werte bedeuten eine schwerere motorische Behinderung). Nach 12 Monaten betrugen die mittleren Scores in der Lixisenatid-Gruppe -0,04 Punkte und in der Placebo-Gruppe +3,04 Punkte (Differenz 3,08; p=0,007). Zwei Monate nach Beendigung der Studienmedikation lagen die mittleren MDS-UPDRS-Scores in der ehemaligen Placebo-Gruppe bei 20,6 und in der ehemaligen Lixisenatid-Gruppe bei 17,7. Bei den sekundären Endpunkten gab es keine signifikanten Unterschiede.
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Expertenmeinung zu Lixisenatid
Prof. Joseph Claßen, erster Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Parkinson und Bewegungsstörungen (DPG), meint: „Die Ergebnisse sind sehr interessant. Wenn sich Parkinson mit dieser Klasse von Medikamenten bremsen ließe, wäre das ein Riesenerfolg.“ Er betont jedoch, dass erst noch Langzeitstudien durchgeführt werden müssen, auch mit besser verträglichen, verwandten Wirkstoffen, um die Wirksamkeit und Unbedenklichkeit an mehr Patientinnen und Patienten nachzuweisen.
Mögliche Wirkmechanismen von GLP-1-Analoga bei Parkinson
Die Parkinson-Erkrankung geht auf zellulärer Ebene mit Prozessen einher wie chronische Entzündung, oxidativem Stress und Störungen im Energiehaushalt (mitochondriale Dysfunktion). Die Wirkweise von GLP-1-Analoga bei M. Parkinson könnte daher mit deren bekannten Eigenschaften zusammenhängen, Entzündungen zu reduzieren und den zellulären Energiestoffwechsel und so das neuronale Überleben zu verbessern.
Weitere Diabetesmedikamente im Fokus der Parkinson-Forschung
Auch andere Diabetesmedikamente wie Metformin werden auf ihre potenzielle neuroprotektive Wirkung untersucht. Studien deuten darauf hin, dass Metformin bei manchen Diabetes-Patienten offenbar eine schützende Wirkung hinsichtlich der Entwicklung einer Demenz haben könnte [3, 4].
Diabetes als Risikofaktor für Parkinson
Interessanterweise zeigen epidemiologische Daten, dass Diabetes mellitus ein Risikofaktor für Parkinson ist [5] und den Parkinson-Verlauf verschlechtert [6]. Diabetes erhöhte in einer Studie das PD-Risiko um 34 %.
Ernährung und Lebensstil bei Parkinson und Diabetes
Bei der Progression der PD spielt nach aktuellem Wissenstand auch die Ernährung eine Rolle. So werden z. B. durch die sogenannte mediterrane Ernährung antiinflammatorische Mechanismen aktiviert [8]. Die mediterrane Diät ist auch reich an mehrfach ungesättigten Omega-3-Fettsäuren („PUFAs“ wie Eicosapentaensäure/EPA und Docosahexaensäure/DHA), enthalten z. B. in Fisch und Nüssen.
Prävention von Parkinson und Diabetes
„Dass Diabetes-Prävention auch eine Parkinson-Prävention zu sein scheint, ist eine relativ neue Erkenntnis. Der Verlauf beider Erkrankungen lässt sich durch eine gesunde Ernährung und ausreichend Bewegung zusätzlich günstig beeinflussen“, erklärt DGN-Präsident Prof. Dr.