Evidenzbasiertes Arbeiten in der Ergotherapie bei Parkinson

Die Ergotherapie spielt eine zentrale Rolle in der Behandlung von Menschen mit Parkinson. Ziel ist es, die Selbstständigkeit im Alltag zu erhalten oder wiederherzustellen und die Lebensqualität zu verbessern. Evidenzbasiertes Arbeiten ist dabei unerlässlich, um die Wirksamkeit der eingesetzten Methoden sicherzustellen.

Parkinson-Syndrom: Eine Herausforderung für die Ergotherapie

Das Parkinson-Syndrom ist eine der häufigsten neurologischen Erkrankungen. In Deutschland liegt die Zahl der Erkrankten bei 100 bis 200 pro 100.000 Einwohner, wobei die Zahl ab dem 65. Lebensjahr auf 1.800 pro 100.000 Einwohner ansteigt. Der fortschreitende Verlust von Nervenzellen und die daraus resultierenden Symptome sowie die Nebenwirkungen der Medikamente können Parkinson-Patienten im Alltag stark behindern.

Die Ergotherapie zielt darauf ab, die Auswirkungen dieser Einschränkungen zu minimieren und die Teilhabe am Leben zu fördern.

Evidenzbasierte Ergotherapie: Der Schlüssel zur Wirksamkeit

Evidenzbasiertes Arbeiten bedeutet, dass ergotherapeutische Interventionen auf wissenschaftlichen Erkenntnissen basieren. Dies umfasst die systematische Suche, Bewertung und Anwendung von Forschungsergebnissen, um die bestmögliche Behandlung für den Patienten zu gewährleisten.

Relevante Bereiche der Ergotherapie bei Parkinson

Die Ergotherapie bei Parkinson umfasst verschiedene Bereiche, die auf die spezifischen Bedürfnisse des Patienten zugeschnitten sind:

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  • Training persönlicher ADL (Aktivitäten des täglichen Lebens): Anziehtraining, Lagerung und Transfer, LiN (Lebenspraktische Fähigkeiten im neuropsychologischen Kontext).
  • Training instrumenteller ADL: Haushalts-, Schreibtraining, AOT (Alltagorientiertes Training).
  • Training im Bereich Spiel, Freizeit, Erholung: Entspannung, Feldenkrais.
  • (Senso-)Motorisches Training und Therapie, Motorische Rehabilitation.
  • Training prozessbezogener Fertigkeiten: Kognitives Training, HoDT (Handlungsorientierte Diagnostik und Therapie).
  • Training von sozialen, Kommunikations- und Interaktionsfertigkeiten.
  • Hilfsmittelanpassung, -versorgung, -beratung, -training (inkl. Schienen, Orthesen).
  • Umweltanpassung (z.B. von Wohnraum, Schule, Arbeitsplatz, Universal Design).
  • Ergonomie.
  • Beratung, Edukation, Schulung: Beratung, Schulung, Coaching, (Psycho-)Edukation.
  • Energie-/Fatigue-, Selbst-, Stress-, Zeitmanagement u.ä.

LSVT-BIG: Eine evidenzbasierte Therapieform

LSVT-BIG ist eine aus den USA stammende Behandlungsmethode für Klienten mit Parkinson, bei der das gezielte Üben von Bewegungen mit großem Bewegungsumfang im Vordergrund steht. Das BIG-Training wurde speziell für Patienten mit Parkinsonerkrankungen und parkinsonverwandten Erkrankungen entwickelt. Das Training muss an 4 Wochentagen eingeplant werden. LSVT-BIG besteht aus sieben festen standardisierten Übungen und aus individuell mit dem Patienten bestimmten Übungen aus ihrem Alltagsbereich. LSVT BIG Therapie kann von Neurologen, Internisten, Orthopäden oder auch von Hausärzten verordnet werden.

Eine große Vergleichsstudie unter Leitung von Privatdozent Dr. Georg Ebersbach (Chefarzt der Parkinson-Klinik in Beelitz-Heilstätten) am Zentrum für ambulante Rehabilitation Berlin durchgeführt, untersuchte die Wirksamkeit von LSVT-BIG bei 60 Patienten mit Parkinson-Erkrankung. Im Vergleich zu einem Hausübungsprogramm und Nordic Walking konnte eine deutlich bessere Wirksamkeit der LSVT-BIG-Therapie nachgewiesen werden.

Die OTiP-Studie: Ergotherapie verbessert die Selbsteinschätzung im Alltag

Die "OTiP trial" (Occupational Therapy in Parkinson´s disease) untersuchte, ob ergotherapeutische Interventionen im Vergleich zur Standardversorgung bei Patienten mit idiopathischem Parkinson-Syndrom (IPS) die Selbsteinschätzung der Ausführung von Alltagsaktivitäten verbessern. Die Hypothese war, dass ergotherapeutische Interventionen die Selbsteinschätzung der Ausführung von Alltagsaktivitäten, die Teilhabe an Freizeitaktivitäten und die Lebensqualität verbessern und die Belastung der betreuenden/pflegenden Angehörigen verringern.

Systematischer Review mit Metaanalyse: Ergotherapie und Lebensqualität

Ein systematischer Review mit Metaanalyse untersuchte die wissenschaftliche Evidenz zum Effekt unterschiedlicher Ergotherapie-Interventionen auf die Lebensqualität von Menschen mit Parkinson-Krankheit. Zusätzlich wurde eruiert, ob dieser Effekt unterschiedlich ausfällt, je nachdem, wie lange die Behandlung zurückliegt (bei kurz- vs. langfristigen Follow-up-Erhebungen). Primärer Endpunkt war die Lebensqualität, wobei die Ergebnisse zu unterschiedlichen Zeitpunkten erfasst wurden (2-3 Monate bis 6-12 Monate nach Abschluss der Ergotherapie). Manche Studien berichteten auch die Ergebnisse an zwei Follow-up-Zeitpunkten: kurz- und längerfristig.

Herausforderungen und Chancen in der ergotherapeutischen Versorgung

Die ergotherapeutische Versorgung von Parkinson-Patienten steht vor verschiedenen Herausforderungen:

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  • Komplexe Symptomatik: Die Parkinson-Krankheit äußert sich bei jedem Patienten anders, was eine individuelle Therapieplanung erfordert.
  • Fortschreitender Krankheitsverlauf: Die Therapie muss kontinuierlich an den sich verändernden Zustand des Patienten angepasst werden.
  • Koordination verschiedener Berufsgruppen: Eine effektive Versorgung erfordert eine enge Zusammenarbeit zwischen Ärzten, Therapeuten, Pflegekräften und anderen Fachkräften.

Trotz dieser Herausforderungen bietet die Ergotherapie große Chancen, die Lebensqualität von Parkinson-Patienten zu verbessern. Durch evidenzbasiertes Arbeiten und den Einsatz spezifischer Therapieformen wie LSVT-BIG können Therapeuten dazu beitragen, die Selbstständigkeit im Alltag zu erhalten, die Teilhabe am Leben zu fördern und die Belastung der Angehörigen zu reduzieren.

Quickcard-Prozess: Vernetzung von Neurologen und Therapeuten

Der Quickcard-Prozess ist ein Beispiel für die Vernetzung von Neurologen und Therapeuten, um die Versorgung von Parkinson-Patienten zu verbessern. Der Neurologe erstellt einen Quickcard-Fall und verknüpft ihn mit einem Therapeuten. Nach erteilter Datenfreigabe erstellt der Therapeut eine eigene Einschätzung des Falls und teilt diese Daten mit dem Neurologen auf der Plattform. Bei unterschiedlichen Auffassungen wird ein Konsensfindungsprozess initiiert, gegebenenfalls unter Einbeziehung eines Assessment-Zentrums. Nach erfolgter Abstimmung führt der Therapeut die Therapie durch und teilt abschließend seine Erfahrungen mit dem Neurologen, der den Quickcard-Fall dann schließt.

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