Einführung
Viele Menschen mit Parkinson haben Angst vor Immobilität, Bettlägerigkeit und dem Verlust ihrer Selbstständigkeit. Diese Angst kann sich schleichend entwickeln und den Alltag erheblich beeinträchtigen. Es ist wichtig, Strategien zu entwickeln, um mit dieser Angst umzugehen und die Mobilität so lange wie möglich zu erhalten.
Ursachen und Risiken der Immobilität bei Parkinson
Die Immobilität bei Parkinson kann verschiedene Ursachen haben und birgt eine Reihe von Risiken.
Motorische Symptome
Die Parkinson-Krankheit selbst führt zu einer Reihe von motorischen Symptomen, die die Beweglichkeit einschränken können. Dazu gehören:
- Tremor: Zittern, das vor allem in Ruhe auftritt.
- Rigor: Muskelsteifheit, die die Bewegungen verlangsamt und erschwert.
- Bradykinese: Verlangsamung der Bewegungen.
- Posturale Instabilität: Gleichgewichtsstörungen, die zu Stürzen führen können.
- Freezing: Plötzliches, unwillkürliches Anhalten der Bewegung, insbesondere beim Gehen.
Typisch für die Erkrankung ist, dass die Arme nicht mehr mitschwingen und die Schritte immer kleiner werden. Durch zusätzliche Störungen der Halte- und Stellreflexe sowie plötzlich auftretende Blutdruckabfälle kommt es zu Gangunsicherheiten und häufig auch zu Stürzen.
Nicht-motorische Symptome
Neben den motorischen Symptomen können auch nicht-motorische Symptome die Immobilität bei Parkinson verstärken. Dazu gehören:
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- Depressionen: Depressive Verstimmungen können den Bewegungsdrang reduzieren und zu sozialem Rückzug führen.
- Angst: Angst vor Stürzen oder vor dem Versagen bei bestimmten Aktivitäten kann dazu führen, dass Betroffene Bewegung vermeiden.
- Kognitive Beeinträchtigungen: Kognitive Defizite können die Planung und Durchführung von Bewegungen erschweren.
- Schmerzen: Schmerzen in den Gelenken oder Muskeln können die Beweglichkeit einschränken.
- Fatigue: Müdigkeit und Erschöpfung können den Antrieb zur Bewegung reduzieren.
Medikamentenbedingte Ursachen
Einige Medikamente, die zur Behandlung von Parkinson eingesetzt werden, können ebenfalls zur Immobilität beitragen. Dazu gehören:
- Dopamin-Antagonisten: Diese Medikamente können ein Parkinson-Syndrom auslösen. Hierzu zählen besonders die dopaminantagonistisch wirkenden Neuroleptika, wobei auch niederpotente (z.B. Melperon, Dipiperon, Tiaprid) oder atypische Neuroleptika (z.B. Risperidon, Olanzapin) ein Parkinson-Syndrom auslösen können. Dies betrifft auch das gelegentlich in der Behandlung von Schwindel eingesetzte Sulpirid, und das Prokinetikum Metoclopramid.
- Anticholinergika: Diese Medikamente können die kognitiven Fähigkeiten beeinträchtigen und zu Verwirrtheit führen, was das Sturzrisiko erhöht.
Weitere Risikofaktoren
Weitere Faktoren, die die Immobilität bei Parkinson begünstigen können, sind:
- Alter: Mit zunehmendem Alter nimmt die Muskelkraft und Gelenkbeweglichkeit ab.
- Begleiterkrankungen: Erkrankungen wie Arthrose, Osteoporose oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen können die Beweglichkeit zusätzlich einschränken.
- Inaktivität: Mangelnde Bewegung führt zum Abbau von Muskelmasse und -kraft, was die Immobilität verstärkt.
- Umweltfaktoren: Stolperfallen in der Wohnung oder eine unzureichende Beleuchtung können das Sturzrisiko erhöhen.
Folgen der Immobilität
Die Immobilität bei Parkinson kann eine Reihe von negativen Folgen haben:
- Muskelabbau: Inaktivität führt zum Abbau von Muskelmasse und -kraft (Sarkopenie), was die Beweglichkeit weiter einschränkt.
- Gelenkversteifungen: Mangelnde Bewegung kann zu Gelenkversteifungen (Kontrakturen) führen.
- Sturzrisiko: Gleichgewichtsstörungen und Muskelschwäche erhöhen das Sturzrisiko.
- Thrombose: Verlangsamter Blutfluss in den Venen erhöht das Risiko für Thrombosen.
- Druckgeschwüre: Bei Bettlägerigkeit können Druckgeschwüre (Dekubitus) entstehen.
- Herz-Kreislauf-Probleme: Immobilität kann die Herzleistung reduzieren und das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen erhöhen.
- Psychische Probleme: Immobilität kann zu Depressionen, Angst und sozialer Isolation führen.
- Eingeschränkte Lebensqualität: Die Immobilität schränkt die Selbstständigkeit und Lebensqualität erheblich ein.
Diagnostik der Immobilität bei Parkinson
Die Diagnose der Immobilität bei Parkinson erfordert eine umfassende Untersuchung, um die Ursachen und Risikofaktoren zu identifizieren.
Anamnese
Die Ärztin oder der Arzt wird zunächst eine ausführliche Anamnese erheben, um die Krankengeschichte und die aktuellen Beschwerden zu erfassen. Dabei werden Fragen gestellt zu:
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- Motorischen Symptomen (Tremor, Rigor, Bradykinese, posturale Instabilität, Freezing)
- Nicht-motorischen Symptomen (Depressionen, Angst, kognitive Beeinträchtigungen, Schmerzen, Fatigue)
- Medikamenteneinnahme
- Stürzen in der Vergangenheit
- Begleiterkrankungen
- Alltagsaktivitäten (z.B. Gehen, Anziehen, Essen, Körperpflege)
- Sozialem Umfeld und Unterstützung
Körperliche Untersuchung
Im Rahmen der körperlichen Untersuchung werden verschiedene Tests durchgeführt, um die motorischen Fähigkeiten und das Gleichgewicht zu beurteilen. Dazu gehören:
- Gangbildanalyse: Beurteilung des Gangbildes auf Auffälligkeiten wie verlangsamte Schritte, fehlendes Armschwingen oder Gleichgewichtsstörungen.
- Timed Up and Go Test: Messung der Zeit, die eine Person benötigt, um von einem Stuhl aufzustehen, drei Meter zu gehen, sich umzudrehen und wieder hinzusetzen.
- Romberg-Test: Beurteilung des Gleichgewichts im Stehen mit geschlossenen Augen.
- Unipodaler Stand: Messung der Zeit, die eine Person auf einem Bein stehen kann.
- Motorische Tests: Beurteilung der Muskelkraft, Koordination und Feinmotorik.
Weitere Untersuchungen
Je nach Bedarf können weitere Untersuchungen durchgeführt werden, um die Ursachen der Immobilität genauer zu bestimmen. Dazu gehören:
- Neurologische Untersuchung: Detaillierte Untersuchung des Nervensystems, um andere neurologische Erkrankungen auszuschließen.
- Bildgebende Verfahren: MRT oder CT des Gehirns oder der Wirbelsäule, um strukturelle Veränderungen zu erkennen.
- Laboruntersuchungen: Blutuntersuchungen, um Stoffwechselstörungen, Entzündungen oder Vitaminmangel zu erkennen.
- Kardiologische Untersuchung: EKG oder Echokardiographie, um Herz-Kreislauf-Erkrankungen auszuschließen.
- Psychiatrische Untersuchung: Beurteilung des psychischen Zustands, um Depressionen oder Angststörungen zu erkennen.
Geriatrisches Assessment
Bei älteren Menschen mit Parkinson kann ein geriatrisches Assessment durchgeführt werden, um die umfassendeFunktionsfähigkeit zu beurteilen. Das geriatrische Assessment umfasst eine Beurteilung der körperlichen, kognitiven, psychischen und sozialen Aspekte.
Behandlung der Immobilität bei Parkinson
Die Behandlung der Immobilität bei Parkinson zielt darauf ab, die motorischen Fähigkeiten zu verbessern, die nicht-motorischen Symptome zu lindern, Komplikationen zu vermeiden und die Lebensqualität zu erhalten.
Medikamentöse Therapie
Die medikamentöse Therapie der Parkinson-Krankheit kann die motorischen Symptome verbessern und die Beweglichkeit fördern. Die wichtigsten Medikamente sind:
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- Levodopa: Gilt als wirksamstes Medikament und als Goldstandard in der Parkinsontherapie. Es führt gegenüber Dopaminagonisten seltener zu Müdigkeit, Ödemen, Orthostase, Übelkeit, Halluzinationen und Impulskontrollstörungen.
- Dopaminagonisten: Diese Medikamente wirken ähnlich wie Dopamin und können die motorischen Symptome lindern.
- MAO-B-Hemmer: Diese Medikamente verzögern den Abbau von Dopamin im Gehirn und können die Wirkung von Levodopa verlängern.
- COMT-Hemmer: Diese Medikamente erhöhen die Bioverfügbarkeit von Levodopa im Gehirn.
- Amantadin: Dieses Medikament kann die motorischen Symptome lindern und Dyskinesien (unwillkürliche Bewegungen) reduzieren.
- Anticholinergika: Diese Medikamente können Tremor und Rigor lindern, werden aber aufgrund ihrer Nebenwirkungen heute seltener eingesetzt.
Nicht-medikamentöse Therapie
Neben der medikamentösen Therapie spielen nicht-medikamentöse Maßnahmen eine wichtige Rolle bei der Behandlung der Immobilität bei Parkinson.
- Physiotherapie: Gezielte Übungen verbessern die Muskelkraft, Gelenkbeweglichkeit und das Gleichgewicht. Mithilfe einer physiotherapeutischen Behandlung lässt sich die Überwindung motorischer Blockaden trainieren und auf den Alltag übertragen. Patient gibt sich selbst Kommandos zur Schrittfolge (z.B. Im Takt nach einem vorgegebenen Rhythmus (z.B.
- Ergotherapie: Training von Alltagsfähigkeiten wie Aufstehen, Anziehen oder Gehen. In der Ergotherapie wird die Feinmotorik trainiert, z.B. das Öffnen von Knöpfen oder Reißverschlüssen, um damit Alltagskompetenzen und Selbstständigkeit zu erhalten.
- Logopädie: Behandlung von Sprach- und Schluckstörungen.
- Sport und Bewegung: Regelmäßige körperliche Aktivität kann die motorischen Fähigkeiten verbessern und die Lebensqualität erhöhen. Geeignet sind Spazierengehen, Schwimmen, Wassergymnastik, Wandern oder Nordic Walking. Eher vermieden werden sollten Sportarten, die mit einem hohen Sturzrisiko verbunden sind, z.B. durch schnelle Drehbewegungen.
- Entspannungstechniken: Entspannung wirkt der krankheitsbedingten Versteifung entgegen. Entspannung ist aber auch hilfreich, um Stress, Angst und Unsicherheit zu reduzieren, die bei vielen Patienten durch Parkinson und die Symptome hervorgerufen werden und diese gleichzeitig verstärken können. Betroffene sollten Entspannungsübungen erlernen und regelmäßig einsetzen. Geeignet sind z.B. Autogenes Training, Progressive Muskelentspannung nach Jacobson, Biofeedback-Verfahren, Yoga oder Atemübungen.
- Hilfsmittel: Rollatoren, Rollstühle, Treppenlifte oder andere Hilfsmittel können die Mobilität im Alltag erleichtern.
- Ernährung: Eine ausgewogene Ernährung mit ausreichend Protein kann den Muskelaufbau unterstützen.
- Psychologische Unterstützung: Psychotherapie oder Selbsthilfegruppen können helfen, mit Depressionen, Angst oder sozialer Isolation umzugehen.
Stereotaktisch-chirurgische Interventionen
In bestimmten Fällen können stereotaktisch-chirurgische Interventionen in Betracht gezogen werden, um die motorischen Symptome zu lindern. Dazu gehören:
- Tiefe Hirnstimulation (THS): Dabei werden Elektroden in bestimmte Bereiche des Gehirns implantiert, um die Aktivität dieser Bereiche zu modulieren.
- Läsionsverfahren: Dabei werden kleine Läsionen in bestimmten Bereichen des Gehirns erzeugt, um die Symptome zu lindern.
Behandlung von Komplikationen
Die Behandlung von Komplikationen der Immobilität ist ein wichtiger Bestandteil der Therapie. Dazu gehören:
- Sturzprophylaxe: Maßnahmen zur Vermeidung von Stürzen, wie z.B. Beseitigung von Stolperfallen, Anpassung der Medikation oder Training des Gleichgewichts.
- Thromboseprophylaxe: Maßnahmen zur Verhinderung von Thrombosen, wie z.B. Kompressionsstrümpfe oder Medikamente.
- Dekubitusprophylaxe: Maßnahmen zur Verhinderung von Druckgeschwüren, wie z.B. regelmäßiges Umlagern, Hautpflege und spezielle Auflagen.
- Behandlung von Depressionen und Angst: Medikamente oder Psychotherapie.
Prävention der Immobilität bei Parkinson
Eine frühzeitige und konsequente Behandlung der Parkinson-Krankheit kann dazu beitragen, die Immobilität hinauszuzögern oder zu verhindern.
Bewegung und Aktivität
Regelmäßige körperliche Aktivität ist entscheidend, um die Muskelkraft und Gelenkbeweglichkeit zu erhalten. Geeignet sind:
- Spaziergänge: Täglich mindestens 30 Minuten auf ebenem Untergrund.
- Gymnastik: Übungen zur Kräftigung der Muskulatur und Verbesserung der Gelenkbeweglichkeit.
- Sport: Schwimmen, Radfahren, Tanzen oder andere Sportarten, die Spaß machen.
Sturzprophylaxe
Maßnahmen zur Vermeidung von Stürzen sind besonders wichtig:
- Beseitigung von Stolperfallen: Lose Teppiche, Kabel oder andere Hindernisse entfernen.
- Gute Beleuchtung: Für ausreichende Beleuchtung in allen Räumen sorgen.
- Handläufe und Haltegriffe: An Treppen und im Badezimmer installieren.
- Geeignetes Schuhwerk: Schuhe mit rutschfesten Sohlen tragen.
- RegelmäßigeAugenuntersuchungen: Sehschwäche korrigieren lassen.
- Medikamentenüberprüfung: Medikamente, die Schwindel verursachen können, überprüfen lassen.
Ernährung
Eine ausgewogene Ernährung mit ausreichend Protein, Vitamin D und Kalzium ist wichtig für die Muskel- und Knochengesundheit.
Psychische Gesundheit
Psychische Belastungen wie Angst oder Depressionen sollten frühzeitig behandelt werden.
RegelmäßigeKontrolluntersuchungen
Regelmäßige Kontrolluntersuchungen beim Arzt helfen, Veränderungen frühzeitig zu erkennen und die Behandlung anzupassen.
Umgang mit Angst vor Immobilität
Viele Menschen mit Parkinson haben Angst vor Immobilität und dem Verlust ihrer Selbstständigkeit. Es ist wichtig, diese Angst anzuerkennen und Strategien zu entwickeln, um damit umzugehen.
- Information: Informieren Sie sich umfassend über die Parkinson-Krankheit und die Möglichkeiten der Behandlung und Prävention.
- Austausch: Sprechen Sie mit anderen Betroffenen über Ihre Ängste und Sorgen.
- Professionelle Hilfe: Nehmen Sie professionelle Hilfe in Anspruch, wenn die Angst Sie zu stark beeinträchtigt. Therapeut:innen helfen dabei, angstverursachende Gedanken zu identifizieren und neue, hilfreiche Denkmuster zu entwickeln.
- Achtsamkeit: Üben Sie Achtsamkeit, um im gegenwärtigen Moment zu leben und sich nicht von Ängsten überwältigen zu lassen.
- Entspannung: Entspannungstechniken wie Autogenes Training oder Progressive Muskelentspannung können helfen, Angst abzubauen.
- Akzeptanz: Akzeptieren Sie, dass die Angst ein Teil der Erkrankung sein kann, aber lassen Sie sich nicht von ihr kontrollieren. Sie darf da sein. Aber wir dürfen ihr sagen: „Ich sehe dich. Und genau das widerspricht unserem Instinkt. Denn unsere Impulse schreien nach Flucht, nach Kontrolle, nach Ablenkung. Doch das Ziel ist das Gegenteil: In der Situation bleiben. Spüren, dass man nicht zerbricht. Dass der Körper sich selbst reguliert. Das nennt man in der Therapie „durchfallen“.
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