Die Parkinson-Krankheit ist eine chronische, fortschreitende neurodegenerative Erkrankung, die bisher nicht heilbar ist. Weltweit steigt die Zahl der Erkrankten, was nicht allein auf den demografischen Wandel zurückzuführen ist. Immer mehr Hinweise deuten darauf hin, dass Umweltfaktoren, insbesondere Schadstoffe und Umweltgifte, eine entscheidende Rolle bei der Entstehung von Parkinson spielen könnten.
Zunehmende Inzidenz und Prävalenz von Parkinson
Die Parkinson-Krankheit gehört zu den chronischen neurodegenerativen Erkrankungen, die bisher nicht heilbar oder kausal behandelbar sind. Seit Jahren nehmen Inzidenz und Prävalenz der Erkrankung zu - eine Ursache dafür ist der demografische Wandel, der generell zu einer Zunahme altersassoziierter Erkrankungen führt. Jedoch ist die Zunahme von Parkinson überproportional, also deutlich stärker als allein durch die Überalterung der Gesellschaft erklärt werden kann [1]. So litten im Jahr 2016 weltweit 6,1 Millionen Menschen an der Parkinson-Krankheit, 2,4-mal mehr als im Jahr 1990 (2,5 Millionen).
Umweltfaktoren im Visier: Schadstoffe und Umweltgifte
Seit Jahren nehmen Hinweise zu, dass bei der Entstehung der Parkinson-Krankheit auch Umweltfaktoren, insbesondere Schadstoffe oder Umwelttoxine, beteiligt sein können. Dass Partikelschadstoffe aus der Luft und andere Umwelttoxine sich auf das Nervensystem auswirken, ist unumstritten. Die Folgen bzw. neurologischen Symptome bei akuten Vergiftungen zeigen sich oft direkt, wohingegen langfristige Folgeschäden nur schwer auf eine bestimmte Ursache zurückzuführen sind. Dennoch wurden in der Umwelt- und Arbeitsmedizin bereits viele Kausalzusammenhänge zwischen jahrzehntelangen, z.B. berufsbedingten, Schadstoffexpositionen und entsprechenden Spätfolgen identifiziert und anerkannt. Bei den potenziellen Zusammenhängen von Umweltfaktoren mit Alterserkrankungen ist dieser Weg aber vermutlich noch weit.
Trichlorethylen (TCE): Ein industrielles Lösungsmittel im Verdacht
Seit längerer Zeit wird beispielsweise die Rolle des industriellen Lösungsmittels Trichlorethylen (TCE) bei der Entstehung des M. Parkinson diskutiert. Vor wenigen Monaten erschien eine Publikation [3], die dafür den bisher überzeugendsten Beweis erbracht hat [4]. Bisher umfasste die Literatur weniger als 20 Menschen, die nach TCE-Exposition an Parkinson erkrankten. Diese neue Kohortenstudie untersuchte über 340.000 US-Veteranen, die 1975−1985 für mindestens drei Monate in Camp Lejeune, North Carolina, stationiert waren. Dort war es damals zu einer Verunreinigung des Trinkwassers mit organischen Lösungsmitteln gekommen: Es wurde mehr als das 70-Fache der zulässigen Menge TCE nachgewiesen. Die heutigen Veteranen waren damals ungefähr 20 Jahre alt und lebten dort ca. zwei Jahre. Die Auswertung der Krankenunterlagen der nun ungefähr 60 Jahre alten Soldaten zeigte, dass das Parkinson-Risiko um 70 % höher war (Prävalenz 0,33 %; OR 1,70; p<0,001) als in einer Vergleichsgruppe eines anderen Camps ohne Trinkwasserkontamination (Prävalenz 0,21 %).
Pestizide: Organophosphor-Verbindungen und Glyphosat
Weitere Substanzen, für die ein konkreter Verdacht besteht, wurden in letzter Zeit publiziert. Aktuelle Arbeiten [5, 6] geben einen Überblick zur möglichen Rolle von Organophosphor-Verbindungen (Pestiziden) bei der Entstehung neurodegenerativer und neurologischer Entwicklungsstörungen. Es werden Zusammenhänge mit der Parkinson-Krankheit beschrieben, aber auch mit der Alzheimer-Krankheit, der Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS), Autismus und anderen entwicklungsbedingten Neurotoxizitäten, wie z. B. geistiger Behinderung. „Die mögliche Bedeutung von Pestiziden für die Zunahme von neurodegenerativen Erkrankungen wie Parkinson wird bei der derzeitigen europaweiten Diskussion bezüglich der Reduktion der Pestizidbelastung und des Glyphosat-Verbots zu wenig berücksichtigt“, kritisiert Prof. Dr. med Daniela Berg, Kiel, Präsidentin des diesjährigen DGN-Kongresses. Tatsächlich werden sowohl bezüglich Glyphosat wie auch bei der am 24.10.2023 im Umweltausschuss der EU diskutierten „Sustainable Use Regulation“ (SUR) von Pestiziden primär der Artenschutz und die möglichen Auswirkungen auf Krebserkrankungen genannt. Dabei sind die neurotoxischen Wirkungen von Pestiziden schon lange bekannt. Die Tatsache, dass Substanzen wie MPTP und Rotenon, die als Pestizid verwendet wurden bzw. noch werden, auch genutzt werden, um Tiermodelle für die Erforschung der Parkinsonerkrankung zu generieren, sollte ebenso in die aktuellen Diskussionen einfließen, wie die Tatsache, dass die Parkinson-Erkrankung in Frankreich bei Personen, die in der Landwirtschaft gegenüber Pestiziden exponiert waren (z.B. Für viele Pestizide ist ein direkt toxischer Effekt auf das Nervensystem nachgewiesen. So auch für Glyphosat, welches zu Veränderungen der Neurotransmitter- (Überträgerstoff-) Konzentrationen im Nervensystem und zu einem zellschädlichen Milieu beiträgt. Parkinsonerkrankungen wurden sowohl nach akuter [7] wie auch nach chronischer [8] Glyphosat-Exposition beobachtet. Neben dem direkt toxischen Effekt müssen auch mögliche indirekte Effekte, beispielsweise über eine Veränderung des Mikrobioms, bedacht werden. Außerdem beeinflussen genetische Variationen (sogenannte Polymorphismen) die individuelle Anfälligkeit für eine Neurotoxizität. „Es besteht gerade angesichts der rapiden steigenden Zahl der Parkinson-Erkrankungen ein dringender Bedarf, den möglichen Beitrag von Pestiziden weiter zu erforschen und in die aktuellen Diskussionen mit einzubeziehen“, so Prof.
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Fallbeispiel: Landwirt und Pestizide
Hubert Roßkothen aus Niedertaufkirchen in Oberbayern erinnert sich an eine schwere Zeit. „Mir ging es schon viele Jahre lang nicht gut. Wegen Depressionen war ich mehrfach in der Klinik.“ Er litt unter unerklärlichen Schmerzen, war abhängig von Schmerzmitteln, hatte Schlafstörungen. „Ich fühlte mich faul und träge, und das in meinem Beruf. Als Landwirt arbeitet man 365 Tage im Jahr.“ Als Roßkothen 2020 die Diagnose Parkinson bekam, war da ein Gefühl der Erleichterung. „Endlich wusste ich, was mit mir los ist.“ Dass seine Erkrankung mit seinem Beruf zusammenhängt, auf diese Fährte brachte ihn im vergangenen Jahr ein Schreiben der bayerischen Berufsgenossenschaft für Landwirtschaft.
Parkinson als Berufskrankheit
Seit 2024 ist Parkinson bei Landwirten, Winzerinnen oder Gärtnern eine anerkannte Berufskrankheit. Inzwischen ist es wissenschaftlich gut untersucht, dass Pestizide ein großer Risikofaktor für das Entstehen von Parkinson sind. Landwirte, die wie Roßkothen eine gesicherte Diagnose haben und bestimmte Mittel in der Vergangenheit an jeweils mindestens 100 Tagen eingesetzt haben, können Ansprüche geltend machen. Hinweise, dass Pestizide ein Risikofaktor für Parkinson sind, gibt es lange. Daten kommen auch aus den USA. Ein Gesetz in Kalifornien schreibt seit 1974 vor, dass Farmer melden müssen, wann, wo und was sie spritzen. Diese Daten fließen in ein zentrales Register ein. In Deutschland gibt es kein solches Register. Das US-Register erwies sich für Prof. Dr. Beate Ritz als Schatzkiste für ihre Forschung. Die deutsche Epidemiologin trat in den 90ern eine Professur an der University of California Los Angeles an. Ihr Forschungsgebiet: umweltmedizinische Fragen. Mithilfe des Registers konnte Ritz den Zusammenhang zwischen Pestizid-Exposition und Parkinson besser erforschen. „Anfangs musste ich selbst von Arztpraxis zu Arztpraxis tingeln und um die Kontaktdaten von Parkinson-Patientinnen und -Patienten bitten“, so Ritz. Inzwischen läuft das automatisiert, entstanden ist ein riesiger Datensatz.
Forschungsansätze und Erkenntnisse
„Epidemiologische Daten wie diese sind extrem wichtig für die Forschung“, sagt Prof. Dr. Daniela Berg. Die Kieler Neurologin forscht zur Früherkennung von Parkinson. „Es ist schwer zu belegen, welche Pestizide in welchen Mengen an der Entstehung von Parkinson beteiligt sind“, so Berg. „Denn zwischen der Exposition und dem Auftauchen von Symptomen können Jahrzehnte liegen.“ Daher braucht es neben großen epidemiologischen Studien Tierversuche oder Studien mit Zellkulturen. In Zellkulturen kann man direkt sehen, welche Effekte einzelne Gifte auf Nervenzellen haben. Berg: „Wir sehen, dass Nervenzellen im Gehirn, die für die Dopaminherstellung verantwortlich sind, durch bestimmte Pestizide direkt geschädigt werden. Diese Schädigung ist bei Parkinson für die Hauptsymptome wie etwa die Verlangsamung von Bewegungen verantwortlich.“ Es gibt weitere Mechanismen, wie Pestizide Nervenzellen schädigen. „Tierstudien zeigen, dass die Toxine den Energie- und den Stützapparat der Nervenzellen beeinträchtigen können.
Rechtliche Aspekte und Konsequenzen
Hubert Roßkothen hat davon lange nichts geahnt. „Ich dachte, wenn die Mittel zugelassen sind, um Nahrungsmittel zu spritzen, werden sie schon sicher sein.“ Inzwischen ist die Beweislage, dass bestimmte Pestizide Parkinson verursachen können, erdrückend. Die Anerkennung als Berufskrankheit für Landwirte war daher eine Notwendigkeit. Etwa 8000 erkrankte Landwirte und -wirtinnen haben inzwischen einen Antrag bei der landwirtschaftlichen Sozialversicherung gestellt. Auch dadurch kam es zu Beitragserhöhungen um bis zu 20 Prozent für die Versicherten. Die Pestizid-Hersteller an den Kosten zu beteiligen, ist in Deutschland so gut wie unmöglich. Die rechtlichen Hürden sind zu hoch. Letztlich müsste in jedem Fall individuell nachgewiesen werden, dass ein bestimmtes Pestizid die Ursache der Erkrankung war. Anders in den USA. Hier läuft eine Sammelklage gegen einen Pestizid-Hersteller wegen Parkinson-Spätschäden bei Landwirten. Hubert Roßkothen hofft, dass sein Antrag auf Berufskrankheit bald genehmigt wird. Dann hätte er eine kleine Rente, auf die er dringend angewiesen ist. „Die Steifheit in den Knochen, der schlurfende Gang, das Zittern. Das macht mir zunehmend zu schaffen.“ Die Viehhaltung hat Roßkothen inzwischen aufgegeben, seine Mitarbeiter entlassen. Den Hof wird er vorerst weiterführen, 80 Hektar, auf denen er Hafer, Soja und Weizen anbaut. Er merkt, dass ihm die Kraft schwindet. Länger als vier Stunden am Tag kann er nicht arbeiten. „Drei Jahre muss ich noch durchhalten. Ich habe keine Ersparnisse.“
Pestizidbelastung in Lebensmitteln und Umwelt
Die Landwirtschaft ist eine kleine Branche. In Deutschland gibt es circa 260.000 Landwirte und Landwirtinnen. Es stellt sich aber auch die Frage, inwieweit Rückstände von Schädlingsbekämpfungsmitteln für die Normalbevölkerung gefährlich sind. Als Erstes denkt man an Rückstände in Lebensmitteln. Hier gibt das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit Entwarnung. Lebensmittel aus der EU sind kaum oder nur wenig belastet, zeigt ein aktueller Report. Bei Lebensmitteln aus Deutschland wurden bei 1,3 Prozent der untersuchten Proben Grenzwert-Überschreitungen festgestellt. In Nicht-EU-Staaten lag der Anteil bei 9,8 Prozent. Häufig gab es Überschreitungen bei Kräutertees, Chiasamen oder Granatäpfeln. Nur: Wir nehmen diese Stoffe nicht nur über die Nahrung auf, sondern auch über die Luft oder die Haut.
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Die Rolle von Mangan (Mn)
Im Gegensatz zum früher häufiger gesehenen Manganismus, der akuten Toxizität von Mangan (Mn), ist die chronisch-kumulative Toxizität einer lebenslangen niedrig dosierten Mn-Exposition noch nicht ausreichend erforscht. Eine neue Arbeit fasst das bisherige Wissen zu den langfristigen Auswirkungen von Mn aus epidemiologischen und experimentellen Studien zusammen [9]. Es zeigt sich, dass sich bei chronischer niederschwelliger Exposition (gegenüber der akuten) die Mn-Ablagerung auch auf Hirnregionen ausdehnt wie die Substantia nigra. Die typischen motorischen Parkinson-Symptome sind durch Degeneration der dopaminergen Neuronen in der Substantia nigra bedingt. Es ergibt sich die dringende Vermutung, dass eine Kombination aus Expositionsdauer, -intensität und genetischer Anfälligkeit die Mn-induzierte Neurotoxizität (mitochondriale Dysfunktion, Neuroinflammation, oxidativer Stress und gestörte Proteinhomöostase) beeinflusst. Die Daten deuten nach Ansicht des Autorenteams darauf hin, dass Mn in Zukunft ein großes Gesundheitsrisiko darstellt und kumulativ höchstwahrscheinlich zum Parkinson-Ausbruch und -Fortschreiten beiträgt. Mit Blick auf die zunehmende Verbreitung von Mn in der Umwelt (z. B.
Luftverschmutzung und Schwefeldioxid (SO2)
Studien zeigten bereits, dass sowohl die langfristige als auch die kurzfristige Exposition gegenüber Luftschadstoffen mit einem erhöhten Parkinson-Risiko verbunden sein kann, während es keine Aussagen zur Auswirkung einer mittelfristigen Exposition gab. Eine retrospektive Beobachtungsstudie aus China [10] zeigt nun einen statistisch signifikanten Zusammenhang zwischen mittelfristiger Schwefeldioxid (SO2)-Exposition und M. Parkinson bei fast 40.000 Fällen (über 2.191 Tage, 2014-2019). So entsprach der Anstieg pro 1 μg/m3 SO2 einem Anstieg monatlicher ambulanter Arztbesuche wegen Parkinson von 2,34 %. Die Ergebnisse unterstreichen nach Ansicht des Autorenteams, wie wichtig es ist, neben der bisherigen Fokussierung auf die lang- oder kurzfristigen Auswirkungen, auch der Rolle mittelfristiger SO2-Belastung der Luft bei der Entwicklung der Parkinson-Krankheit mehr Aufmerksamkeit zu schenken.
Die Rolle des Darms und Alpha-Synuclein
Entscheidend für die Erkrankung ist eine klebrige, giftige Form des Proteins Alpha-Synuclein, das die Funktion der Neuronen buchstäblich verklebt und sie abtötet. Jetzt gibt es wissenschaftliche Beweise des Medical College of Georgia at Augusta University, dass sich das giftige Protein in den Neuronen des Darms ansammelt, noch bevor es zur Beeinträchtigung der Neuronen im Gehirn kommt. Eine Ansammlung von zerstörerischem Alpha-Synuclein, den sogenannten Lewy-Körperchen, wurde bei Autopsien auch in der Wand des Magen-Darm-Traktes von Patienten mit einer frühen Parkinson-Erkrankung nachgewiesen. Es ist bereits bekannt, dass die Neuronen im Darm regelmäßig mit den Neuronen im Gehirn kommunizieren. Umgekehrt ist das genauso der Fall. Wie jedoch das Alpha-Synuclein bei beiden durcheinandergebracht wird, stellt eine weitere Unsicherheit dar. Wissenschaftler wie Danielle Mor haben, immer noch bei Tiermodellen, beobachtet, wie die klebrigen Batzen von einem Neuron abgegeben und von dem nächsten Neuron aufgenommen werden.
Rotenon und der Darm-Hirn-Zusammenhang
Forscher der Klinik und Poliklinik für Neurologie (Leiter: Prof. Heinz Reichmann) des Universitätsklinikums Carl Gustav Carus und des Instituts für Anatomie (Leiter: Prof. Richard Funk) an der Medizinischen Fakultät Carl Gustav Carus in Dresden haben nun den Mechanismus entschlüsselt, mit dem das Insektizid Rotenon Symptome der Parkinson-Krankheit auslöst und verstärkt. Dabei spielen Nervenverbindungen zwischen Darm und Hirn eine wesentliche Rolle. Rotenon verursacht, dass Nervenzellen im Darmtrakt das Protein Alpha-Synuclein ausschütten. Dieses Alpha-Synuclein wird dann von den Nervenenden der Nervenzellen im Gehirn aufgenommen und zum Zellkörper transportiert. Im Zellkörper lagert sich das Alpha-Synuclein ab und zerstört die Zellen. Wurden gezielt die entscheidenden Nerven, die Darm und Gehirn verbinden, im Darmbereich von Mäusen durchtrennt, findet dieser Ablauf nicht mehr statt.
Prävention und Schutzmaßnahmen
Weniger schädliche Ersatzstoffe suchenWas die Forschung noch beunruhigt: Die nervenschädigenden Wirkungen verstärken sich, wenn Zellen mit mehreren Pestiziden in Kontakt kommen. Die Wirkung dieser Pestizid-Cocktails wird in den Zulassungsstudien nicht berücksichtigt, weil hier nur isolierte Wirkstoffe begutachtet werden. Die reale Gefährdung bildet diese isolierte Risiko-Betrachtung vermutlich nicht ab - schließlich sind allein in der EU derzeit 453 verschiedene Wirkstoffe zugelassen. Während ihr Einsatz in der EU stagniert, landet weltweit immer mehr Gift auf den Äckern. Der globale Pestizid-Einsatz stieg nach Zahlen der Heinrich-Böll-Stiftung zwischen 1990 und 2017 um etwa 80 Prozent. „Wir müssen hier dringend umdenken und weniger schädliche Ersatzstoffe suchen, um die Bevölkerung besser zu schützen“, sagt Neurologin Daniela Berg. „Hierfür braucht es gesellschaftlichen Druck.“ Von politischer Seite ist der allerdings so bald nicht zu erwarten. 2023 blockierten die konservativen und rechten Parteien im EU-Parlament eine Richtlinie zur Pestizid-Reduktion. Wie es weitergeht, muss sich zeigen. Hubert Roßkothen hat das Problem für sich erst einmal gelöst. Er hat seinen Betrieb vor vielen Jahren auf Biolandwirtschaft umgestellt und verwendet keine Spritzmittel mehr.
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Tipps für den Alltag
Wie gefährlich sind Pflanzenschutzmittel im Garten?Es gibt keine verlässlichen Daten, welche Mengen von welchen Pflanzenschutzmitteln in privaten Gärten zum Einsatz kommen. Fest steht jedoch: Viele dieser Mittel sind extrem giftig, nicht nur für Schädlinge. Im Gegensatz zur professionellen Landwirtschaft sind Hobby-Gärtner zudem nicht geschult darin, wie sie Spritzmittel korrekt anwenden, um die Gefahren für sich und ihre Mitmenschen gering zu halten. Unser Rat: Verwenden Sie möglichst gar keine Pflanzenschutzmittel im privaten Garten. Falls sich die Verwendung nicht umgehen lässt, vermeiden Sie es auf jeden Fall, den Sprühnebel der Mittel einzuatmen, rät das Bundesamt für Verbraucherschutz und Ernährungssicherheit. Tragen Sie Handschuhe und Kleidung, die den ganzen Körper bedeckt. Diese sollten Sie nach der Anwendung außerhalb der Wohnung ausziehen und direkt in die Waschmaschine werfen. Wie gefährlich sind Pestizide in der Luft?Studien zeigen, dass Menschen, die im Umfeld von landwirtschaftlichen Flächen leben, ein erhöhtes Erkrankungsrisiko für Parkinson haben. Meiden Sie daher Spaziergänge in der Nähe von Feldern, auf denen vor Kurzem gespritzt wurde. Falls Sie in der Nähe von konventionell bewirtschafteten landwirtschaftlichen Flächen leben, halten Sie die Fenster geschlossen, während draußen gespritzt wird. Lassen Sie Kinder nicht in der Nähe von konventionell bewirtschafteten Feldern spielen, wenn auf diesen kürzlich Pflanzenschutzmittel aufgetragen wurden. Wie viele Pestizide stecken in Lebensmitteln?Die gute Nachricht: Daten der Lebensmittelüberwachung zeigen, dass die Belastung mit Pestizidrückständen bei Lebensmitteln seit einigen Jahren leicht rückläufig ist. Allerdings fallen bestimmte Produkte immer wieder durch hohe Pestizid-Belastungen auf. Das gilt etwa für gefüllte Weinblätter oder frische Kräuter aus Übersee. Auch schnell verderbliche Obst- und Gemüsesorten wie frische Beeren, Aprikosen, Tomaten oder Paprika sind häufig stark mit Pestiziden belastet. Am besten kaufen Sie heimische Produkte in der Saison, auch Bio-Ware ist eine gute Wahl. Waschen Sie Obst und Gemüse immer gründlich unter fließendem Wasser. Waschen Sie sich die Hände, nachdem Sie Zitrusfrüchte, Mangos oder Bananen geschält haben.
Die Empfehlung der DGN
Berlin - Die Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN) empfiehlt, bei der Suche nach den Auslösern von neurodegenerativen Alterserkrankungen wie Morbus Parkinson verstärkt Umweltfaktoren in den Blick zu nehmen. „Seit Jahren nehmen Hinweise zu, dass bei der Entstehung der Parkinson-Krankheit auch Umweltfaktoren, insbesondere Schadstoffe oder Umwelttoxine, beteiligt sein können“, teilte die Fachgesellschaft auf ihrem Jahrestreffen Mitte November in Berlin mit. Inzidenz und Prävalenz der Parkinson-Erkrankung nehmen bekanntlich zu - eine Ursache dafür ist der demografische Wandel, der generell zu einer Zunahme altersassoziierter Erkrankungen führt. „Jedoch ist die Zunahme von Parkinson überproportional, also deutlich stärker als allein durch die Überalterung der Gesellschaft erklärt werden kann“, hieß es aus der DGN. Dass Partikelschadstoffe aus der Luft und andere Umwelttoxine sich auf das Nervensystem auswirken, ist laut DGN unumstritten. Aber langfristige Folgeschäden von Umwelttoxinen seien häufig schwer nachweisbar. Seit längerer Zeit werde beispielsweise die Rolle des industriellen Lösungsmittels Trichlorethylen (TCE) bei der Entstehung des Morbus Parkinson diskutiert. Im Fokus stünden außerdem Organophosphor-Verbindungen - das sind Pestizide - bei der Entstehung neurodegenerativer und neurologischer Entwicklungsstörungen. Hier könnten Zusammenhänge mit der Parkinson-Krankheit bestehen, aber auch mit der Alzheimer-Krankheit, der Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung, Autismus und anderen entwicklungsbedingten Neurotoxizitäten.
Anerkennung als Berufskrankheit
Die Empfehlung des Ärztlichen Sachverständigenbeirat Berufskrankheiten (ÄSVB) beim Bundesarbeitsministerium wirkte wie eine Art Befreiungsschlag. Denn die Aufnahme des „Parkinson-Syndroms durch Pestizide“ in die Berufskrankheitenverordnung ist eine langjährige Forderung der Gewerkschaften und anderer Fachverbände. Der Expertenempfehlung ging ein intensiver Beratungsprozess voraus, in dessen Verlauf internationale wissenschaftliche Studien ausgewertet wurden. Die Empfehlung wurde unlängst im Ministerialblatt veröffentlicht. Auch wenn die konkrete Aufnahme in die Berufskrankheitenverordnung damit noch nicht erfolgt sei, könne die Erkrankung bereits als sogenannte „Wie-Berufskrankheit“ anerkannt werden, betont eine Ministeriums-Sprecherin. Der Leistungsumfang sei derselbe wie bei einer Berufskrankheit. Betroffene brauchen medizinische, psychische und finanzielle Hilfe Eine Anerkennung als Berufsleiden kommt bei Personen in Betracht, die Herbizide, Fungizide oder Insektizide „langjährig und häufig im beruflichen Kontext selbst angewendet haben“. Betroffen sind vor allem Beschäftigte landwirtschaftlicher Betriebe. Laut der Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt gibt es sehr viele Betroffene, „denen man unbedingt medizinisch, psychisch und auch finanziell helfen muss“. Mit der Empfehlung der Sachverständigen verfügen Unfallversicherungsträger und Gutachter ab sofort über eine einheitliche und aktuelle wissenschaftliche Grundlage für die Prüfung entsprechender Fälle.
Was Betroffene tun können
Bei Vorliegen der nachfolgend beschriebenen Beschwerden sollten Sie Ihren Hausarzt oder Neurologen aufsuchen, da sie Frühwarnzeichen für Parkinson sein könnten. Eine frühzeitige Diagnose ist wichtig, da eine zügig eingeleitete Therapie den Krankheitsverlauf mildern und verlangsamen kann. Charakteristisch für die Parkinson-Krankheit ist das Zittern, der sogenannte Tremor. Dieses Parkinson-Anzeichen wird von den Betroffenen meist als erstes, also im Parkinson Frühstadium, wahrgenommen. In einem Großteil der Fälle handelt es sich dabei um einen Ruhetremor. Dabei tritt das Zittern auf, wenn die Muskulatur vollkommen entspannt ist, zum Beispiel wenn die Hand im Schoß liegt. Die Verlangsamung der Bewegungen fällt vor allem nahen Angehörigen oder Freunden als erstes Anzeichen für die Parkinson-Erkrankung auf. Während Betroffene früher Bewegungen flüssig ausführen konnten, erscheinen sie bei Parkinson allmählich immer stockender und gehemmter. Betroffenen gelingt es oft erst stark zeitverzögert, Arme und Beine in Bewegung zu bringen. Auch dieses Symptom einer Parkinson-Krankheit lässt sich im Parkinson-Frühstadium noch kaschieren. Die Muskelsteifheit wird zu Anfang oft fehldiagnostiziert. Gerade zu Beginn zeigen sich schmerzhafte Verspannungen in den Oberarmen oder der Schulter. Schnell ist die Diagnose „Alterserkrankung“ wie Rheuma oder Arthrose gestellt. Wenn aber eines der Parkinson-Syndrome vorliegt, schlagen Schmerzmittel nicht an und können den Rigor nicht mildern. Das auffälligste Anzeichen eines Parkinson-Syndroms ist das Gangbild. Neben den eindeutigen und typischen Symptomen kann noch eine Vielzahl weiterer Symptome auftreten. Diese können auch schon vor der eigentlichen Diagnose beziehungsweise im frühen Stadium auftreten. Wenn sich aufgrund eines Parkinson-Syndroms die Muskeln versteifen, verändert sich auch die Mimik der Betroffenen. In Gesprächen wirken sie dann plötzlich wie unbeteiligt. Ihr Blick ist eher starr und ihre Gestik schwach. Bis zu 85 Prozent aller Personen mit Parkinson leiden an chronischen Schmerzen. Im Zuge einer Parkinson-Erkrankung klagen Patienten, neben Schmerzen an den Armen, am häufigsten über intensive Nackenschmerzen oder Schulterschmerzen. Die Niedergeschlagenheit, die viele Parkinson-Erkrankte verspüren, hat sicherlich auch ihren Grund in der Erkrankung selbst. Es ist nicht einfach, plötzlich nicht mehr richtig gehen, sich nicht wirklich an Gesprächen beteiligen zu können oder wenn ständig Dinge aus der Hand fallen. Mehr als 80 Prozent der Parkinson-Patienten leiden an verschiedenen Schlafstörungen. In einigen Fällen werden Betroffene nachts wach oder können nicht wieder einschlafen. In anderen Fällen leiden die Erkrankten am sogenannten „Gewaltschlaf“. Dadurch, dass sich die Vorgänge im Körper im Krankheitsverlauf verlangsamen und die Nervenimpulse im Gehirn schwächer werden, ist auch der Kreislauf beeinträchtigt.