Lichtimpulse im Gehirn: Funktionsweise und therapeutisches Potenzial

Einführung

Die Erforschung des Gehirns und seiner komplexen Funktionen ist eine der größten Herausforderungen der modernen Wissenschaft. Ein vielversprechender Ansatz zur Aufklärung neuronaler Schaltkreise und zur Entwicklung neuer Therapien für neurologische Erkrankungen ist die Optogenetik. Diese innovative Methode ermöglicht es, Nervenzellen gezielt mit Lichtimpulsen zu steuern. Dieser Artikel beleuchtet die Funktionsweise von Lichtimpulsen im Gehirn, die zugrundeliegenden Mechanismen der Optogenetik und das therapeutische Potenzial dieser Technologie.

Grundlagen der Lichtimpulse im Gehirn

Lichtsinneszellen und Fototransduktion

Die Umwandlung von Lichtenergie in Nervenzellimpulse ist ein grundlegender Prozess, der im menschlichen Auge durch Stäbchen und Zapfen in der Netzhaut stattfindet. Bei schwachem Licht sind hauptsächlich die Stäbchen aktiv, was zu einer Grauwahrnehmung führt. Bei starkem Lichteinfall ermöglichen drei Zapfentypen das Farbsehen.

Die Umwandlung von Lichtenergie in elektrische Signale erfolgt in den Stäbchen durch Rhodopsin, einem Fotopigment. Dieser Prozess wird als Fototransduktion bezeichnet. Die Zapfentypen besitzen unterschiedliche Opsine, die jeweils auf verschiedene Lichtwellenlängen reagieren. Die unterschiedliche Verschaltung von Stäbchen und Zapfen mit Bipolarzellen verstärkt den jeweiligen Seheffekt.

Der Mechanismus der Fototransduktion

Das Rhodopsin-Molekül besteht aus zwei Teilen: Retinal, einem Abkömmling von Vitamin A, und Opsin, einem Protein. Retinal kann auf ein Photon reagieren, wodurch es von der "11-cis"- in die "all-trans"-Form umgewandelt wird. Diese Konformationsänderung führt zur Trennung der beiden Bestandteile und zur Aktivierung des Opsins, was als Bleichung bezeichnet wird.

Das aktivierte Opsin regt das Transducin an, welches über ein Effektorenzym bestimmte Schleusen-Proteine in der Zellmembran des Stäbchens beeinflusst. Dadurch wird die Durchlässigkeit der Zellmembran für positiv geladene Natrium-Ionen reduziert, was zu einer Änderung des Membranpotenzials führt. Die Zelle hyperpolarisiert, wodurch die Menge des ausgeschütteten Botenstoffs Glutamat verringert wird.

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Die nachgeschalteten Bipolarzellen interpretieren das Absinken der Neurotransmitterfreisetzung als Befehl, einen Reiz an den Sehnerv zu übermitteln. Im Dunkeln werden die Bipolarzellen durch die kontinuierliche Glutamatproduktion der Stäbchen permanent gehemmt.

Verstärkung des Signals

Die Natur hat eine komplexe biochemische Kaskade mit vielen Zwischenschritten entwickelt, um Lichtenergie in Nervenzellimpulse zu verwandeln. Dies ermöglicht eine Verstärkung des Signals: Jedes Fotopigment-Molekül aktiviert mehrere Transducin-Proteine, und das freigesetzte Effektorenzym blockiert hunderte Natrium-Kanäle, wodurch der Einstrom von Millionen Natrium-Ionen verhindert wird. Durch diesen Verstärkungsmechanismus können die Stäbchen sogar ein einzelnes Photon detektieren.

Unterschiede zwischen Stäbchen und Zapfen

Während alle Stäbchen maximal auf Licht mit einer Wellenlänge um 500 Nanometer reagieren, gibt es in der menschlichen Netzhaut drei Arten von Zapfen, die jeweils ein anderes Opsin enthalten. Dies führt dazu, dass sie auf bestimmte Wellenlängen des Lichts unterschiedlich ansprechen, was uns das Farbsehen ermöglicht.

Die Fotopigmente in den Zapfen benötigen deutlich mehr Energie, um gebleicht zu werden, als das Rhodopsin in den Stäbchen. Deshalb funktionieren sie nur am Tage. Ab einer gewissen Lichtintensität stellen die Stäbchen ihre Arbeit ein, da sie gesättigt sind. Ein einzelnes Stäbchen enthält bis zu zehn Millionen Rhodopsin-Moleküle, ein Vielfaches des Opsingehalts der Zapfen.

Eine einzelne Bipolarzelle ist mit mehreren Stäbchen verschaltet, was die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass selbst in dunkler Nacht die Lichtmenge eingefangen werden kann, die notwendig ist, um einen Nervenimpuls auszulösen. Zapfen hingegen sind oft nur mit einer Bipolarzelle verknüpft, was optimal für das Scharfsehen ist, da das Bild so in möglichst viele Bildpunkte aufgelöst werden kann.

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Optogenetik: Nervenzellen mit Licht steuern

Das Prinzip der Optogenetik

Die Optogenetik ist eine Methode, die es ermöglicht, Nervenzellen gezielt mit Licht zu aktivieren oder zu deaktivieren. Dies geschieht durch die genetische Modifikation der Zielzellen, sodass sie lichtempfindliche Proteine, sogenannte Optogene, exprimieren. Diese Proteine fungieren als lichtgesteuerte Ionenkanäle, die die elektrische Aktivität der Zelle beeinflussen können.

Die Geschichte der Optogenetik

Die Geschichte der Optogenetik begann in den 1970er Jahren mit der Entdeckung phototropher Bakterien, die ihre Energie aus Licht beziehen. Später wurden ähnliche Ionenkanäle in der einzelligen Grünalge gefunden, die einen Augenfleck besitzt. Im Jahr 2002 gelang es erstmals, diese Ionenkanäle (Kanalrhodopsin) von der Alge auf andere Organismen (Froscheier) zu verpflanzen.

Anwendung der Optogenetik

Um die Rolle einer bestimmten Zellart oder eines Areals im Gehirn zu verstehen, eignet sich die Optogenetik hervorragend. Wenn man zum Beispiel verstehen möchte, welche Verhaltensfunktion ein neuronaler Schaltkreis bei einer Maus hat, kann man diesen Schaltkreis mit einem Virus infizieren, das so verändert ist, dass es in den Zellen des Schaltkreises die lichtempfindlichen Ionenkanäle aufbaut.

Die gängige Variante ist es, den Mäusen dafür ein Glasfaserkabel in das Gehirn zu implantieren. So kann die Forscherin oder der Forscher per Knopfdruck einen aktivierenden (blaues Licht) oder blockierenden (gelbes Licht) Lichtimpuls in das Gehirn der Maus senden. Startet die Maus sodann in einer harmlosen Situation ein mit Angst assoziiertes Verhalten, ist klar, dass der Schaltkreis für ängstliches Verhalten zuständig ist.

Fortschritte in der Optogenetik

Inzwischen gibt es erste Erfolge bei der Anwendung der Optogenetik zur Behandlung von Krankheiten. Im Jahr 2021 stellte ein Forschungsteam die Sehkraft eines 58-jährigen blinden Mannes teilweise wieder her. Dafür benötigte er eine Brille, die das Bild vor ihm in Lichtimpulse umkodierte, welche wiederum optogenetisch für sein Gehirn dekodierbar gemacht wurden.

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In Göttingen bereitet ein Team gerade das erste optische Cochlea-Implantat vor, die klinische Studie dazu soll 2026 anlaufen. Dabei sollen die Schallwellen in Licht umkodiert werden, die dann das optogenetisch modifizierte Innenohr so aktivieren, wie es der Schall normalerweise bei Hörenden tut.

Auch im Fall von Parkinson hat die Optogenetik vielversprechende Ergebnisse gezeigt. In Parkinson-Ratten führte ein neuer, schneller aktivierbarer Ionenkanal zum Verschwinden der körperlichen Beeinträchtigung.

Herausforderungen und ethische Aspekte

Obwohl die Optogenetik ein großes Potenzial bietet, gibt es auch Herausforderungen und ethische Aspekte zu berücksichtigen. Eine Herausforderung ist die Entwicklung effizienterer und biokompatiblerer Optogene. Zudem muss geklärt werden, wie sich die Nanopartikel im Gehirn auf Dauer verhalten.

Ethische Fragen ergeben sich aus der Möglichkeit, das menschliche Gehirn invasiv zu verändern. Es ist wichtig, Richtlinien zu entwickeln, wie weit wir mit solchen Technologien gehen wollen.

Neue Entwicklungen und Forschungsergebnisse

Nanopartikel zur Steuerung von Hirnfunktionen

Forscher haben erstmals Hirnfunktionen und Verhalten von außen durch das Gewebe hindurch mit Lichtimpulsen gesteuert. In einem Machbarkeitsnachweis manipulierten die Wissenschaftler bei Mäusen mit Hilfe von Nanopartikeln die Aktivitäten von Nervenzellen in verschiedenen Hirnregionen.

Die Forscher nutzten sogenannte aufwärts konvertierende Nanopartikel (UCNP), die Licht im Infrarot-nahen Bereich in sichtbares blaues oder grünes Licht umwandeln können. Dieses Licht kann bei genetisch veränderten Hirnzellen Ionenkanäle aktivieren und so die Aktivität der Zellen steuern.

Mit dieser Methode konnten die Forscher bei den Tieren Nervenzellen in verschiedenen Hirnregionen kontrollieren. So konnten sie etwa im Areal des ventralen Tegmentum die Freisetzung von Dopamin auslösen oder Erinnerungen von Tieren mit erlernter Angst aktivieren.

Mikroimplantate zur präzisen Steuerung von Nervenzellen

Forscher aus Freiburg und Basel haben ein Implantat entwickelt, das erstmals punktgenau Nervenzellen im Gehirn genetisch verändern, mit Lichtreizen steuern und gleichzeitig die Aktivität der Zellen messen kann. Das 3-in-1-Gerät soll völlig neue Studien ermöglichen.

Das Mikroimplantat ist weniger als ein Viertelmillimeter breit und etwa ein Zehntelmillimeter hoch und besteht aus speziellen Kunststoffen, deren Verträglichkeit für den Kontakt mit dem Gehirn belegt ist. Es kann am selben Ort für die genetische Veränderung nötige Substanzen einspritzen, Licht zur Steuerung der Zellen abgeben und den Effekt an mehreren elektrischen Kontakten messen.

RoCK: Ein neues optogenetisches Werkzeug

Ein Forschungsteam hat ein neues optogenetisches Werkzeug namens RoCK entwickelt. Es kombiniert ein lichtsensitives Protein, das einen Botenstoff namens cGMP produziert, mit einem Kaliumkanal, der sich genau dann öffnet, wenn dieser Botenstoff vorhanden ist. Wird RoCK aktiviert, werden die Zellen ruhiger, ähnlich wie das Gehirn selbst Aktivitäten dämpft.

RoCK erweitert das optogenetische Repertoire um eine wichtiges neues Werkzeug. Dank seiner Präzision und seiner sanften Wirkungsweise kann es Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern dabei helfen, besser zu verstehen, wie neuronale Netzwerke Verhalten steuern.

Lichtgesteuerte Proteinshuttle

Forscher haben ein LOV-Protein (Light, Oxygen, Voltage) modifiziert, um es als universellen Schalter in allen Arten von Zellen einzusetzen. Mithilfe gentechnischer Methoden wurde es mit einer Art Adressetikett versehen, das dem zelleigenen Transportsystem vorgaukelt, das LOV-Protein sei eine wertvolle Fracht, die rasch in den Zellkern hinein- oder aus ebendiesem hinausbefördert werden sollte.

Im Dunkeln ist dieses Etikett unsichtbar, und es passiert nichts. Erst durch Bestrahlung mit blauem Licht kommt es zum Vorschein, und der Transport kann losgehen. Mit diesem Proteinshuttle lässt sich das Verhalten von Zellen steuern.

Therapeutisches Potenzial der Optogenetik

Neurologische Erkrankungen

Die Optogenetik bietet vielversprechende Ansätze zur Behandlung neurologischer Erkrankungen wie Parkinson, Epilepsie und Alzheimer. Durch die gezielte Aktivierung oder Hemmung bestimmter Nervenzellen könnten Fehlfunktionen im Gehirn korrigiert und Symptome gelindert werden.

Psychische Erkrankungen

Auch bei der Behandlung psychischer Erkrankungen wie Depressionen, Angststörungen und Autismus könnte die Optogenetik eine Rolle spielen. Studien haben gezeigt, dass bestimmte Nervennetzwerke im Gehirn eine wichtige Rolle für das Sozialverhalten und die Entstehung von Angst spielen. Durch die gezielte Stimulation oder Hemmung dieser Neuronen könnten neue Therapieansätze entwickelt werden.

Weitere Anwendungen

Neben neurologischen und psychischen Erkrankungen könnte die Optogenetik auch in anderen Bereichen der Medizin Anwendung finden. So wird beispielsweise an der Entwicklung optogenetischer Therapien zur Behandlung von Blindheit und Taubheit geforscht.

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