Die vorliegenden Informationen eröffnen ein komplexes Bild einer Künstlerin, die mit Epilepsie lebt und sich in ihren Werken mit Themen wie Körperlichkeit, Krankheit, gesellschaftlicher Wahrnehmung und persönlicher Erfahrung auseinandersetzt. Dieser Artikel wird versuchen, die verschiedenen Facetten dieses Bildes zu beleuchten und dabei sowohl die individuellen Erfahrungen als auch die gesellschaftlichen Kontexte zu berücksichtigen.
Epilepsie: Kontext und Kultur
Epilepsie ist mehr als nur eine medizinische Diagnose. Sie ist eine individuelle Erfahrung, die von kulturellen und gesellschaftlichen Faktoren geprägt wird. Als Ethnologe betrachte ich Epilepsie sowohl als Wissensgebiet der Medizin, der Psychologie und der Sozialen Arbeit als auch als ein Thema, das von den konkreten Erfahrungen der Betroffenen, ihren Vorstellungen und den gesellschaftlichen Machtverhältnissen geprägt ist.
Das Verständnis und die Behandlung von Krankheiten sind Ausdruck einer symbolischen Ordnung und einer dadurch geprägten selektiven Sichtweise auf menschliche Erfahrungen. Kultur verändert sich, und zukünftige Generationen werden Epilepsie anders wahrnehmen, anders definieren und auch anders damit umgehen.
Ich werde im weiteren Text „Epilepsie(n)“ in den Plural setzen, weil keine Epilepsie wie die andere ist. Manche sprechen von einer „Krankheit der vielen Gesichter“.
Das bio-psycho-soziale Modell der Epilepsie
Grundlegend für mein Verständnis der Epilepsien ist das „bio-psycho-soziale Denkmodell“ der „Internationalen Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit“ (ICF). Dieses Modell definiert Krankheit bzw. Gesundheit als ein Wechselverhältnis von körperlichen Vorgängen, innerem Erleben und sozialen Bedingungen.
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Die soziale Dimension der Epilepsien ist evident. Epilepsien sind Erkrankungen des Gehirns, das eine Schaltstelle zwischen Erfahrungen, Empfindungen und Körperprozessen ist. Menschen mit Epilepsien berichten über verschiedene äußere und innere Bedingungen, die Anfälle auslösen können: Schlafmangel, unregelmäßige Tabletteneinnahme, Unterzuckerung, hormonelle Schwankungen, heftige Gemütsbewegungen, Entspannung nach Stress, Alkoholkonsum, monotone Tätigkeiten oder auch Fieber und Infekte. Psychischer Druck scheint inmitten dieser Vielfalt möglicher Anfallsauslöser eine besondere Wirkung zu entfalten.
Die Grenzen des medizinischen Narrativs
Das bio-psycho-soziale Gesundheitsmodell, das von Wechselbeziehungen zwischen sozialen Erfahrungen, Verhalten, Gefühlen und Körperprozessen ausgeht, ist keine Grundlage der aktuell anerkannten und von Krankenkassen finanzierten Epilepsiebehandlung. Die offizielle medizinische Behandlungsleitlinie reduziert epileptische Anfälle auf die Idee eines kranken Gehirns mit erhöhter Anfallsneigung. Die Frage, warum Menschen mit Epilepsien in bestimmten Situationen Anfälle haben oder auch keine Anfälle, wird nicht gestellt. Stattdessen wird vereinfacht argumentiert, dass der Mensch Anfälle hat, weil sein Gehirn krank ist.
Die Definitionshoheit für die komplexe menschliche Erfahrung epileptischer Anfälle wurde dem medizinischen Fachgebiet der Neurologie zugeordnet. Die Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN) definiert epileptische Anfälle als das „vorübergehende Auftreten von objektiven und/oder subjektiven Zeichen … einer exzessiven oder synchronisierten neuronalen Hirnaktivität“. Entsprechend dieser neurobiologisch-symptomorientierten Definition fokussiert die Fachgesellschaft pharmakologische und chirurgische Eingriffe und entwertet die Möglichkeiten einer anfallsbezogenen psychotherapeutischen Behandlung. Die „Vermutung, dass psychische Zustände und Anfallskontrolle in Wechselwirkung stehen“ sei nicht bewiesen; das gebe die Datenlage nicht her, bemerkt die neurologische Fachgesellschaft sinngemäß auf Seite 174 der Leitlinie.
Dies ist eine bemerkenswerte Feststellung angesichts der bio-psycho-sozialen Normalität neurologischer Vorgänge und der grundlegenden Funktion des menschlichen Nervensystems, Umweltreize zu verarbeiten. Menschliche Empfindungen wie Angst, Wut oder Unsicherheit sind mit biochemischen Veränderungen verbunden, die Körperprozesse beeinflussen. Die medizinische Fachgesellschaft ignoriert die kommunikative Funktion des menschlichen Nervensystems und auch die vielfach dokumentierten Erfahrungen Betroffener, die darüber berichten, dass sie in bestimmten Situationen (keine) Anfälle erleben. Die Fachgesellschaft „de-kontextualisiert“ Epilepsien, das heißt: Die Krankheit wird aus ihren sozialen Wirkzusammenhängen herausgetrennt, als wäre der menschliche Körper unverbunden mit dem Verhalten und dem Erleben der betroffenen Person.
Die kulturelle Fiktion des unverbundenen Körpers in der Medizinforschung
Die de-kontextualisierte Betrachtung der Epilepsien und die damit begründete einseitig körperbezogene Epilepsietherapie wird mit dem Argument wissenschaftlicher Objektivität untermauert. Hierbei gelten sogenannte „Randomisierte kontrollierte Studien“ (RCTs) als „Goldstandard“ der Beweisführung. Diese Studien folgen einer Laborlogik: Die Wirksamkeit eines Mittels soll unabhängig von Umweltfaktoren und ungeachtet der Variabilität menschlicher Körper und Krankheitserfahrungen nachgewiesen werden.
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Randomisierte Studien eignen sich hervorragend für die Erprobung von Medikamenten, werden überwiegend von Pharma-Unternehmen finanziert und sind mit ihrer Laborlogik (Kontext ausblenden) weitgehend ungeeignet, um die Wirksamkeit komplexer psychologischer Interventionen nachzuweisen. Letztere werden infolgedessen mit Verweis auf die „Datenlage“ abgewertet und nicht oder kaum zur Anwendung gebracht. So schließt sich der kulturelle Kreis einer medizinischen Praxis, die Krankheit einseitig als organisches Problem begreift und komplexe psychosoziale Handlungsmöglichkeiten ausblendet.
Die Folgen der einseitig körperzentrierten Epilepsieversorgung
Die einseitig biomedizinische Epilepsiebehandlung ist schädlich: Sie missachtet die Erfahrungen der Epilepsiepatientinnen und behindert eine aktive eigenverantwortliche Krankheitsbewältigung. Sie treibt die Betroffenen in die Abhängigkeit von Ärztinnen und die einseitige Hoffnung auf Medikamente. Patient*innen lernen und erleben, dass sie ihre Krankheit nicht selbst beeinflussen können und dass Anfälle unkontrollierbar ihr Leben bedrohen. Mit der Erfahrung des Kontrollverlusts steigt das Risiko psychischer Erkrankungen, dass bei Menschen mit schwer behandelbaren Epilepsien ohnehin deutlich erhöht ist.
Manchmal ist die chirurgische Entfernung des epileptischen Hirngewebes eine Behandlungsoption. Allerdings operieren Neurochirurg*innen mit schwerwiegenden Risiken und sehr hohen Kosten, bevor die Möglichkeiten einer psychologischen oder verhaltensmedizinischen Intervention zur Anfallskontrolle geprüft wurde.
"Zuerst das Wort, dann das Mittel, zuletzt das Messer"
Das Gehirn ist ein Knotenpunkt der Informationsverarbeitung und Verhaltenssteuerung. Epileptische Anfälle sind außergewöhnliche Ereignisse des Gehirns und entstehen in einem bio-psycho-sozialen Kausalgefüge, dass viele Betroffene durch ihr eigenes Verhalten beeinflussen können - das zeigt auch die erfolgreiche Anwendung von Biofeedback-Trainings, die unter anderem Yoko Nagai (2004, 2018) in mehreren Studien nachgewiesen hat.
Verhaltensbezogene Möglichkeiten der Vorbeugung und der Kontrolle von Anfällen sollten gleichberechtigt mit den Möglichkeiten der Pharmakologie und der Neurochirurgie zum Einsatz kommen - und zwar in der Abfolge: „Zuerst heile mit dem Wort, dann mit der Arznei und zum Schluss mit dem Messer.“ (vgl. Rudolf Henke).
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Auf der Grundlage einer Beobachtung des inneren und äußeren Geschehens vor einem Anfallsereignis (dokumentiert in einem kontextsensiblen Anfallstagebuch) können Patientinnen individuelle anfallsfördernde Bedingungen herausarbeiten und Ansatzpunkte finden, um ihr persönliches Anfallsrisiko zu verringern. Der Psychologe Gerd Heinen und die Neurologinnen Rosa Michaelis und Siegward Elsas nennen diesen Ansatz „Selbst-Handeln bei Anfällen“ - und haben hierfür in mehreren Heften eine umfangreiche patientenorientierte Anleitung formuliert.
Das Gesundheitssystem müsste (zur Umsetzung des Gebots des milderen Mittels) allen Patient*innen entsprechende Behandlungsoptionen anbieten, um sicher zu stellen, dass medizinische Eingriffe mit erheblichen Nebenwirkungen und Risiken nur dann zum Einsatz kommen, wenn sie tatsächlich erforderlich sind. Faktisch bietet die aktuelle Epilepsieversorgung keinen Schutz vor unnötigen Eingriffen. Die medizinische Leitlinie, also der offizielle Standard für die Epilepsiebehandlung, definiert epileptische Anfälle als isolierte kontextunabhängige Störungen des Gehirns und verengt auf diesem theoretischen Hintergrund das anerkannte Behandlungsspektrum auf Medikamente und Operationen. Mögliche mildere Mittel - wie Selbst-Handeln oder Biofeedback - bleiben außen vor.
"Epilepsie ist mehr als Anfälle"
Epilepsien sind vielgestaltig und individuell: Es gibt viele verschiedene Anfallsarten mit ganz unterschiedlichen Auswirkungen - manche Betroffene erleben eine innere Furcht ohne körperlich sichtbare Veränderungen, andere verlieren schlagartig das Bewusstsein und stürzen. Außerdem sind Epilepsien weit mehr als das erhöhte Risiko, einen epileptischen Anfall zu erleiden. Erfahrungen mit Ausgrenzung und Stigmatisierung können tiefe Spuren hinterlassen. Dazu kommen bei vielen epilepsieerkrankten Personen neuropsychologische Einschränkungen, z.B. im Bereich der Konzentration oder Merkfähigkeit. Neuropsychologinnen sprechen von „kognitiven Teilleistungsstörungen“. Epilepsiepatientinnen können zur Behandlung entsprechender Probleme eine ambulante neuropsychologische Therapie in Anspruch nehmen.
In meinen Seminaren zur Epilepsie versuche ich das Gesamtbild auszuleuchten und die Handlungsmöglichkeiten der Betroffenen - ihr Recht auf Autonomie und ihre Macht über den eigenen Körper und das eigene Leben - in den Mittelpunkt zu rücken.
Künstlerische Auseinandersetzung mit Körperlichkeit und Krankheit
Die Künstlerin Julie Doucet, geboren 1965 in Kanada, hat sich in ihren Comics auf einzigartige Weise mit Themen wie Körperlichkeit, Krankheit und gesellschaftlicher Wahrnehmung auseinandergesetzt. Ihre Arbeit zeichnet sich durch eine schonungslose Offenheit, surrealistische Elemente und eine subversive Auseinandersetzung mit Geschlechterrollen aus.
Dirty Plotte: Eine Dekonstruktion weiblicher Zuschreibungen
Doucets Magazin "Dirty Plotte" (ein Slangwort für "Fotze") war von Anfang an darauf ausgerichtet, Konventionen zu brechen und Tabus zu thematisieren. Sie nutzte ihre Comics als Gegenmittel, um die Gewalt solcher Zuschreibungen abzubilden und sie gleichzeitig selbstbestimmt zu durchbrechen - was nicht immer gut ankam. Explizite Gewalt gegen Frauen gibt es jedoch selten zu sehen, vielmehr ist es die Protagonistin selbst, die wiederholt Städte zertrümmert oder Männer kastriert. Eine Protagonistin im Übrigen, die zwar mit ihrer Schöpferin Julie Doucet viele Charaktereigenschaften und Lebensumstände teilt, jedoch nicht ihr alter ego ist. Doucet inszeniert in ihren Arbeiten die „Hauptperson“ Julie Doucet mal als Sexobjekt, mal als Mann, mal als Tier, die Inszenierung autobiographischer Elemente in ihren Comics ist auch eine Strategie gegen die kulturelle Zurichtung ihres Körpers.
Doucets Arbeiten pendeln zwischen der Aggressivität, die aus den Bildern spricht, und der Vereinzelung und Entfremdung, von denen die Geschichten erzählen, der Verletzlichkeit, die ihre Offenheit mit sich bringt.
Messer, Scheren und zerbrochene Flaschen: Eine unterschwellige Bedrohlichkeit
Die Comics von Doucet sind durchzogen von einer unterschwelligen Bedrohlichkeit, die sich gegen die Hauptfigur richtet, nicht nur in Form von sexualisierten Männerblicken und Zuschreibungen, sondern auch eingefangen durch einen Zeichenstil, der ihr immer mehr den Raum streitig macht, so vollgestopft und überladen wirken die Bilder auf den ersten Blick. Konzentriert man sich auf die Details, wird der Gesamteindruck der Bedrohlichkeit durch die abgebildeten Gegenstände noch verstärkt: Es finden sich Scheren, Messer, zerbrochene Flaschen, Müll.
New Yorker Tagebuch: Epilepsie als Einschränkung und Kontrollverlust
In ihrem "New Yorker Tagebuch" beschreibt Doucet ihre Erfahrungen in der Großstadt und ihre Auseinandersetzung mit ihrer Epilepsie. Bereits am ersten Tag in New York wird indirekt erwähnt, dass Doucet unter einer schweren Krankheit leidet, die sich im Laufe des Comics als Epilepsie entpuppt. Diese Erkrankung hat für sie zur Folge, sich in der Öffentlichkeit unbehaglich zu fühlen, aus Angst, dort einen epileptischen Anfall zu erleiden; die Außenwelt betritt Doucet fast nur in Begleitung ihres Partners.
Doucet lässt die Bilder in ihrem Comic eine andere Geschichte erzählen, als die Dialoge suggerieren: Während sie in den Tagebucheinträgen eine Normalität aufrechtzuerhalten versucht, wirkt die Bildebene von Anfang an bedrohlich. Die Beziehung zu ihrem Partner entwickelt sich von einer gleichberechtigten Partnerschaft hin zu einem Kontrollsystem, das sich verschärft, je erfolgreicher Julie als Comiczeichnerin wird. Parallel zu dieser Entwicklung nahmen auch die Anfälle zu. Während die Krankheit Julies Körper mehr und mehr kontrolliert, übt ihr Freund soziale Kontrolle aus. Er, der Doucet in die New Yorker Comicszene eingeführt hat, sieht sich plötzlich von ihrem Erfolg bedroht. In der Konsequenz wird der weibliche Körper in doppelter Weise unter Druck gesetzt: zum einen durch die mit der Krankheit verbundenen Ängste und zum anderen durch die Kontrolle, die der Partner ausübt.
Ein möglicher Grund für den Karriereabbruch
Vielleicht hatte sie mit diesem 1998 beendeten Comic tatsächlich alles gesagt: über ihr Leben als Comiczeichnerin und über Männer, die ihr den Erfolg nicht gönnen, sie ausnutzen und kontrollieren, weswegen sie im Jahr darauf mit der Welt des Comics gebrochen hat.
Tagebuch einer jungen Frau mit Epilepsie: Einblicke in den Alltag
Die Tagebucheinträge einer jungen Frau mit Epilepsie geben einen Einblick in ihren Alltag, ihre Erfahrungen mit der Krankheit und ihre Versuche, ein normales Leben zu führen. Die Einträge umfassen einen Zeitraum von mehreren Wochen während eines Reha-Aufenthalts auf Sylt.
Reha-Alltag und sportliche Erfolge
Die Einträge dokumentieren den Reha-Alltag mit Schule, Clubaktivitäten, Sport und Therapien. Die junge Frau berichtet von ihren Fortschritten beim Ergometer-Fitnesstest, bei dem sie sich um 34% steigert. Sie erwähnt Strandwanderungen, Sport und Schwimmen als positive Einflüsse auf ihre Fitness. Auch ihr Gewicht hat sich normalisiert.
Wellenreiten als Therapie
Besonders hervorzuheben ist das Wellenreiten, das sie als "voll coooool!!!" bezeichnet. Sie beschreibt ihre ersten Versuche auf dem Surfbrett und die Erfolgserlebnisse, Wellen zu erwischen und mitzugleiten.
Herausforderungen und Rückschläge
Trotz der positiven Erfahrungen gibt es auch Herausforderungen und Rückschläge. Sie berichtet von einem "Kurkoller", einer Phase der Unlust und Erschöpfung. Auch gesundheitliche Probleme wie Husten und Schnupfen trüben die Stimmung.
Soziale Kontakte und Abschiedsstimmung
Die Einträge zeigen, wie wichtig soziale Kontakte für die junge Frau sind. Sie freut sich über Besuch von Familie und Freunden und knüpft neue Kontakte im Club. Gegen Ende des Reha-Aufenthalts macht sich Abschiedsstimmung breit.
Die Bedeutung der Reha
Insgesamt vermitteln die Tagebucheinträge den Eindruck, dass die Reha für die junge Frau eine positive Erfahrung war. Sie hat sportliche Erfolge erzielt, neue Fähigkeiten erlernt und soziale Kontakte geknüpft. Sie äußert den Wunsch, bald wieder zur Reha zu fahren.
Cesare Beccaria: Genie und Neurose
Der italienische Staatsrechtslehrer Cesare Beccaria (1738-1794) war ein Genie, litt aber auch unter psychischen Problemen.
Kindheit und Jugend
Über seine Kindheit besitzen wir nur sehr wenige bemerkenswerte Daten. Er machte nicht den Eindruck sehr hoher Intelligenz. Er redete wenig und nichts Außergewöhnliches, war oft zerstreut und lernte nur schwer lesen und schreiben, derart, daß die Eltern ihn nicht für geeignet zum Studium hielten.
Erblichkeit
Es ist bekannt, daß er einer alten Adelsfamilie angehörte, die indes in der Aszendenz viele Irre und Gleichgewichtsgestörte aufzuweisen hatte.
Halluzinationen und Illusionen
Es ist gegenwärtig sicher, daß er an Sinnestäuschungen litt. Eines Nachts weckte er Berri mit einem Schreckensrufe. »Im Halbschlafe,« berichtet Verri (Briefe I, S. 150), »glaubte er, daß jemand durch das Fenster in sein Bett steigen wolle und ich mußte genau nachsehen. Sein Schrecken vor der nächtlichen Finsternis war derartig, daß der Abbé Morellet ihn, wie dieser selbst erzählt, ganze Nächte hindurch beruhigen mußte. Auf der Reise mit Verri setzte er sich in den Kopf, daß seine Frau erkrankt sei, und kein Vernunftgrund war stark genug ihn davon abzubringen.
Entschlußlosigkeit
Außerordentlich war bei ihm seine Willensschwäche, seine Unfähigkeit, einen Entschluß herbeizuführen.
Gefühlsleben
»Ich schwanke beständig,« sagt er zu Verri, »zwischen Lustigkeit und Verstimmung. Diese seine beständige Unruhe und schwankende Stimmung waren Verri natürlich sehr lästig, weshalb er sich darüber in seinen Briefen oft sehr ungehalten äußert. So schreibt er das eine Mal: »Jetzt muß ich schon wieder seit vierzehn Tagen seine hochgradige, dumpfe Melancholie aushalten. Er ist mager geworden, sieht stumpf und starr zur Erde, stöhnt, vergießt Tränen; ich wiederhole, daß ich in Besorgnis war, er würde irre werden. Ich kann es wirklich nicht länger ertragen.
Affektleben
Die Widersprüchlichkeit, die im Grunde seiner Seele vorhanden war, zeigt sich besonders deutlich in Affektleben und Leidenschaften. Er muß mit Verri sehr unglimpflich umgesprungen sein, nach der Art und Weise zu urteilen, wie dieser sich darüber äußert, z. B. folgendermaßen: »wir können nicht mehr zusammen auskommen. Er wiederholt mir dies alle Tage mehreremal und ich finde, daß er ganz recht hat. Ich kann nicht mehr. Ich hege hohe Achtung und Freundschaft für ihn, beides gewiß mit guten Gründen. »Ich glaube nicht, daß er bei seinem Charakter sich eine große Verfehlung zuschulden kommen läßt, denn Kinder tun dergleichen nicht. »Was mir an diesem verschrobenen Menschen immer abscheulich gewesen ist, das ist, kann ich wohl sagen, seine Torheit im Verein mit einer sinnlosen Herzlosigkeit, er ist zerstreut bis zur äußersten Undankbarkeit, er sieht alles nur für sich, seine Selbstsucht macht ihn als Freund wertlos, ich glaube, er ist im Herzen habsüchtig und mitleidslos, wiewohl er ein ganz anderer Mensch zu sein scheint, wenn er schreibt! »Er ist drakonisch gegen seine Diener, benutzt alle Gelegenheiten, um die Wehrlosen zu verletzen, wie der arme Teufel von Krüppel, der im Theater hausiert, und der arme Padella dei Bosinari bezeugen können, um nur zwei anzuführen, gegenüber denen er sich zu wilden Zornesausbrüchen hinreißen ließ.« (P. Verri, Briefe, Bd. II, S. »Seine Menschenliebe, die sich über das gesamte Menschengeschlecht ausgedehnt hatte, verlor, was sie an Breite gewonnen hatte, in der Tiefe.
Arbeitsweise
Zeigte Beccaria als Kind eine langsame Entwicklung der Intelligenz, so ließ er mit fünfundzwanzig Jahren das Genie bereits erkennen. Es geht aber aus der Schilderung deutlich hervor, daß die Produktion Beccaria Schwierigkeiten machte, und daß sie als Inspiration in einer Art zweiten Zustandes, der von seinem gewöhnlichen sehr verschieden war, vor sich ging. Dieser zweite Zustand, in den manche Genies im Augenblicke der Inspiration verfallen und aus dem sie, nachdem er vorüber ist, zur Norm oder sogar unter die Norm zurückkehren, wie dies bei Beccaria der Fall war, der von der Höhe einer der größten Synthetiker seiner Zeit zur Kindlichkeit sozusagen herabschritt, ist dasjenige, was die schärfsten Beobachter, wie eben auch Verri, in Verlegenheit setzen konnte, da sie nichts von dem epileptischen Einschläge des Genies wußten.
Giacomo Leopardi: Ein weiteres Beispiel für Genie und Neurose
Auch der italienische Dichter Giacomo Leopardi (1798-1837) war ein Genie, litt aber auch unter psychischen Problemen und körperlichen Gebrechen.
Familiäre Belastung
Bei der Nachforschung über den Stammbaum des Dichters hat Patrizi bis zum Jahre 1500 zurückgehen können. In der Stammtafel seines Vaters treten seit dem sechzehnten Jahrhundert religiös Irre auf, fünfzehn Mitglieder der Familie waren einmal gleichzeitig Klosterleute, ferner kam in der Familie vor Selbstmord und Körperverletzung. Einige zeichneten sich durch geistige Anlagen aus.
Charakter des Vaters
Monaldo, Giacomos Vater, liebte besonders diesen Sohn, auf den er sehr stolz war. Er war aber ein Zweiseelenmensch, in ihm kämpfte der fanatische starre Reaktionär mit dem Vatergefühl. Im übrigen besaß er eine hohe Bildung, war aber nicht fähig, sie zu übersehen. Der Dualismus des Vaters und Reaktionärs ist nicht der einzige, den man bei ihm antrifft, die psychische Antithese geht bei ihm noch weiter. Fromm bis zur Bigotterie glaubt er dennoch nicht an die Überführung des heiligen Hauses in Loreto, und trotz seines Klerikalismus konnte er gegen den Papst in Zorn ausbrechen. Im Leben zeigte er sich bald mildtätig bis zur Aufopferung, bald geizig und schonungslos, das eine Mal ist er sehr empfindlich in seinem Ehrenpunkte, dann wieder ist ihm sein Wort gleichgültig und selbst Schlimmeres fiel vor.
Charakter der Mutter
Dagegen ist der Charakter Adelaide Antici Leopardis wie aus einem Stück gearbeitet, eisenhart wie der ihrer Vorfahren. Sie ist ein Mannweib: streng, ernst, verschlossen, prosaisch, unwissend, ohne Bildungsdrang, gedankenlos, religiös in starrer, unangenehmer Weise, ungroßmütig, habsüchtig über alles Maß. Sie sucht dem geschmälerten väterlichen Erbe durch rücksichtsloses Knausern wieder aufzuhelfen, ohne zu bemerken, daß die Familie darunter leidet. Sie liebt die Ihren nicht, ist hartherzig.
Körperliche und psychische Probleme
Es ist deshalb leicht erklärlich, wenn die bei den Irren und Kriminellen so häufigen Entartungszeichen bei dem Dichter so zahlreich vertreten waren. Sexuell war er ein Schwächling und überempfindlich. Der Hang zum Zweifel zeigte sich bei den: Dichter das ganze Leben hindurch. Sein Oheim mütterlicherseits, der ihn in Rom bei sich aufnahm, bemerkte an ihm außerordentliche Furcht vor Krankheiten, und Ranieri erzählt von ihm, daß er aus Furcht vor Erkältung auf der Reise immer auf Schließung der Wagenfenster bestand und sich das Öffnen energisch verbat. Ranieri mußte sich bei seiner Heimkehr in seine eigne Villa in Neapel seinem Gaste zu Gefallen ungezählte Male desinfizieren. Wenn der Arzt sagte, er esse zuviel Fleisch oder die Fleischbrühe sei zu stark, so wollte Leopardi gar kein Fleisch mehr zu sich nehmen und nährte sich nur noch von Fischen und Gemüse; hieß es dagegen, Fleisch sei auch nötig, so nahm er wieder unverhältnismäßige Mengen Fleisch und die stärkste Bouillon zu sich. Sagte der Arzt, das Zimmer habe zuwenig Licht, so öffnete Leopardi das Fenster und hielt den bloßen Kopf in die Sonne. Wurde ihm bedeutet, daß mit der Empfehlung eines hellen Zimmers nicht das Herausstrecken des Kopfes aus dem Fenster in die heiße Sonne gemeint sei, so schloß er wieder alles ab und kehrte in sein tiefes Dunkel zurück.
Die Liebe zum Weibe hätte bei dem Dichter stark sein können, blieb aber Abstraktion. Bei der Berührung mit der Wirklichkeit verflüchtigte sich das Gefühl. In seinem sonstigen Gefühlsleben war der Dichter unzugänglich. Ohne Affekt war er auch gegen die andern Verwandten, ausgenommen die Brüder, mit denen er sich gut vertrug.
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