Morbus Parkinson ist eine weltweit verbreitete neurodegenerative Erkrankung, die durch das Absterben von Nervenzellen im Gehirn verursacht wird, welche für die Dopaminproduktion verantwortlich sind. Dies führt zu motorischen Symptomen wie Bewegungsarmut (Bradykinese), Muskelsteifigkeit (Rigor) und Zittern (Tremor). Die Erkrankung ist nicht heilbar, aber es gibt verschiedene Therapieansätze, die darauf abzielen, die Symptome zu lindern und die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern. Neben medikamentösen Behandlungen spielen aktivierende Therapien und innovative Technologien eine immer größere Rolle.
Computergestützte Therapie als Ergänzung zur klassischen Behandlung
Das Fraunhofer Institut für Offene Kommunikationssysteme (FOKUS) und der Passauer Wolf haben ein computergestütztes Programm entwickelt, das als Ergänzung zur klassischen Therapie bei Morbus Parkinson dient. Dieses Programm kommt mit einem eigens für Parkinson-Patienten entwickelten Trainingsprogramm zum Einsatz. Die Übungen werden dabei auf einem Bildschirm dargestellt, und der Patient kann diese direkt mitmachen. Eine Kamera erfasst die Bewegungen des Patienten und vergleicht sie mit vorab festgelegten optimalen Bewegungsumfängen.
Das System verwendet Übungen, die aus der wissenschaftlich evaluierten LSVT-BIG®-Therapie stammen. Eine Studie konnte den positiven Effekt des Trainings per Computerprogramm nachweisen. Dabei wurde verglichen, ob das Training mit dem Computerprogramm im Vergleich zu dem Training mit einem für die LSVT-BIG®-Therapie ausgebildeten Therapeuten dieselben Auswirkungen erzielt. Die computergestützten Übungen hatten annähernd denselben Effekt wie das Training mit dem Therapeuten.
Tiefe Hirnstimulation zur Reduktion der Medikamentendosis
Ein Hirnschrittmacher kann die benötigte Medikamentendosis bei Patienten mit Parkinson-Erkrankung stark reduzieren und die Lebensqualität erhöhen. Bei der Parkinson-Erkrankung gehen dopaminproduzierende Nervenzellen in der Substantia nigra zugrunde. In der Folge sinkt der Dopaminspiegel in bestimmten Hirnarealen, was zu den typischen motorischen Symptomen führt. Die medikamentöse Behandlung, vor allem mit dem Dopaminvorläufer Levodopa, zielt darauf ab, das Dopamindefizit zu kompensieren.
Da die Erkrankung jedoch stetig fortschreitet, erleben viele Patienten bereits nach einigen Jahren Wirkfluktuationen: Auf beweglichere »On-Phasen« folgen Abschnitte mit ausgeprägten Bewegungseinschränkungen - die »Off-Phasen«. Reicht eine medikamentöse Anpassung nicht mehr aus, kann eine gerätegestützte Therapie sinnvoll sein, etwa eine Medikamentenpumpe oder ein Hirnschrittmacher. Ein solches Gerät kann die Erkrankung nicht heilen und in der Regel auch keine vollständige Medikamentenfreiheit bewirken.
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»Durch die tiefe Hirnstimulation kann die benötigte Medikamentendosis aber beträchtlich reduziert werden - manchmal um bis zu zwei Drittel der Ausgangsdosis«, erklärte Dr. Andreas Becker, Chefarzt der Abteilung Neurologie und Ärztlicher Direktor am SRH Kurpfalzkrankenhaus in Heidelberg. Geeignet ist das Verfahren für Menschen mit Parkinson, die seit mindestens vier Jahren erkrankt sind und trotz optimierter Medikation unter motorischen Schwankungen leiden. Zu den Kontraindikationen zählen etwa schwere Depressionen, demenzielle Syndrome, Blutgerinnungsstörungen oder ein hohes Risiko für Narkosekomplikationen durch Begleiterkrankungen. Auch das Alter spielt eine Rolle, aber hier kommt es auch auf den Allgemeinzustand des Patienten an. »Eine fitte 75-Jährige kann beispielsweise geeigneter sein als ein multimorbider 55-Jähriger«, so Becker.
Die tiefe Hirnstimulation (THS) greift gezielt in die gestörte Signalverarbeitung des Gehirns ein. Im gesunden Zustand hemmt Dopamin die Aktivität des Nucleus subthalamicus (STN) - eine Struktur im Zwischenhirn, die eine zentrale Rolle bei der Steuerung von Bewegungen spielt. Bei Parkinsonpatienten fehlt diese Hemmung jedoch, was zu einer elektrischen Überaktivität des STN führt. Bei der THS werden über fein platzierte Elektroden hochfrequente elektrische Impulse an den STN abgegeben, die dessen übermäßige Aktivität dämpfen. So wird die hemmende Wirkung auf die Großhirnrinde reduziert und Bewegungsabläufe verbessern sich.
Die Operation erfolgt unter Vollnarkose. Über zwei kleine Bohrlöcher im Schädel werden Elektroden in den Nucleus subthalamicus eingeführt. Sie sind mit Kabeln verbunden, die unter der Haut hinter dem Ohr zum Impulsgeber führen. Dieser wird meist unterhalb des Schlüsselbeins implantiert. »Moderne Impulsgeber sind heute nicht größer als etwa eine kleine Smartwatch«, so Becker. Das SRH Kurpfalzkrankenhaus Heidelberg war Anfang des Jahres die europaweit achte Klinik, die den bisher kleinsten und hochleistungsfähigsten Parkinson-Hirnschrittmacher der Welt eingeführt hat.
Die Implantation mit Vor- und Nachsorge sei immer eine Teamleistung, an der neben Neurologen auch Neurochirurgen beteiligt sind, betonte Becker. Wie alle Operationen birgt auch dieser Eingriff Risiken, wenn auch geringe, etwa für Blutungen und Infektionen. Außerdem kann es nach der Implantation durch die Stimulation zu Nebenwirkungen kommen. Mögliche unerwünschte Wirkungen sind beispielsweise Wesensveränderungen, erhöhte Impulsivität oder Sprach- und Gangstörungen.
Nach der Operation bleibt der Patient bis zu zehn Tage im Krankenhaus. Unmittelbar nach dem Eingriff bessern sich bei vielen Patienten die Symptome allein durch das Einführen der Elektroden - man spricht von einem »Setzeffekt«, der jedoch nach einigen Wochen nachlässt. Mit dem Einsetzen und Einstellen des Hirnschrittmachers sei es aber nicht getan, betonte der Neurologe. Die THS lindert zwar die Symptome deutlich und verringert die benötigte Medikamentendosis, doch die Erkrankung schreitet weiter fort.
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Dank neuer Technik sind diese Anpassungen heute auch aus der Ferne möglich: Ärzte können bei einer telemedizinischen Videosprechstunde die Bewegungen der Patienten analysieren und über eine App den Impulsgeber nachjustieren, so auch im SRH Kurpfalzkrankenhaus Heidelberg. Die Voraussetzung ist eine stabile Internetverbindung. Die Methode kann weltweit eingesetzt werden. »Das erspart den Patienten oftmals weite Anfahrtswege«, erklärte Becker.
Becker betonte, wie wichtig ein umfassendes Nachsorgekonzept ist. »Das Gerät ist klein, einfach, teuer und schnell implantiert - aber ›Set it and forget it‹ funktioniert hier nicht.« Wichtig sei, dass der Patient in ein interprofessionelles Versorgungsnetz mit Kompetenz in der Parkinson-Therapie eingebunden werde - und auch seine Angehörigen. Dieses kann unter anderem aus Ärzten, Apothekern, Physio- und Ergotherapeuten, Logopäden, Sozialmedizinern und Pflegefachkräften bestehen.
Die Elektroden im Gehirn sind darauf ausgelegt, ein Leben lang zu halten. Moderne Impulsgeber sind per Induktion aufladbar und halten mehr als zehn Jahre. Eine Ladung reicht je nach Modell für bis zu 30 Tage, wobei die Akkuleistung mit zunehmendem Alter des Geräts leicht nachlassen kann. Die tiefe Hirnstimulation hat sich als effektive Ergänzung zur medikamentösen Therapie bei der Parkinson-Krankheit etabliert - und die Technik entwickelt sich stetig weiter. Zukünftig könnte auch die sogenannte adaptive tiefe Hirnstimulation zum Einsatz kommen, bei der Sensoren im Körper selbstständig erkennen, wann und wie stark eine Stimulation notwendig ist. Die Stimulationsparameter passt das System dann automatisch und in Echtzeit an. Solche Systeme werden aktuell erprobt.
Rehabilitationssport und Bewegungstherapie
Oberflächlich betrachtet scheinen die Erkrankten, die meist unter verlangsamter Beweglichkeit, Muskelsteifheit und -zittern sowie Gleichgewichtsstörungen leiden, wenig prädestiniert für sportliche Aktivitäten. Die Molekular-Neurologische Abteilung des Universitätsklinikums Erlangen entwickelte nun in Kooperation mit der Erlanger Regionalgruppe der Deutschen Parkinson Vereinigung e. V. (dPV) ein Rehabilitationssportprogramm für Parkinson-Erkrankte.
Die größten Beeinträchtigungen im normalen Leben erfahren Parkinson-Patienten in den Bereichen Gehen, Gleichgewicht, Koordination und Feinmotorik. Ein selbstbewusster, aufrechter Gang, gezielt nach etwas greifen und dies festhalten sowie schnelle Reaktionen sind für Parkinson-Erkrankte zunehmend schwieriger auszuführen. Der Parkinson-Rehabilitationssport der Molekularen Neurologie des Uni-Klinikums Erlangen ist hauptsächlich darauf ausgelegt, Kraft, Konzentration und Ausdauer für alltäglichen Bewegungen aufzubauen und zu erhalten. Das Training besteht aus lockeren Übungen für Arme, Schultern und Beine, gleichzeitig fordern die Einheiten auch die Koordination von Körper und Geist heraus.
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„Wichtig ist, dass wir im kleinen Kreis individuell auf die Leistungsfähigkeit jedes Einzelnen eingehen können“, sagt Übungsleiter Dr. Gaßner und betont: „Wir müssen positive Reize im richtigen Maß setzen, um von der Bewegung zu profitieren." Durch standardisierte Messverfahren werden die Fortschritte der Parkinson-Patienten dokumentiert, um eine objektive Evaluation zu erreichen. Mitmachen kann jeder Parkinson Patient, der ohne Unterstützung gehen kann und nicht sturzgefährdet ist. Die Teilnahme am Rehabilitationssport wird in der Regel von den Krankenkassen für drei Jahre gefördert.
Strategien zur Bewältigung von Bewegungsblockaden
Das Einfrieren mitten in der Bewegung (Freezing), unwillkürliche Überbewegungen (Dyskinesien) oder das für Parkinson bekannte Zittern in Ruhe (Tremor) können im Verlauf der Erkrankung verschiedene Bewegungsabläufe immer mehr erschweren. Das Freezing ist dadurch charakterisiert, dass plötzlich eine Bewegung nicht mehr weiter ausgeführt werden kann. Typisch ist dies insbesondere beim Gehen.
Klatschen Sie Sich selbst auf den Oberschenkel des Beines mit dem Sie starten wollen. Wenn Sie während dem Gehen Musik hören, wird durch den Rhythmus der Gang flüssiger und der Bewegungsbeginn erleichtert. Falls Sie beobachten, dass es bei Ihnen daheim Orte gibt, an denen Sie häufig Bewegungsblockaden haben, hilft es diese Orte mit einem bunten Klebeband zu markieren. Tricks wie diese sind besonders wirkungsvoll, wenn Sie regelmäßig trainiert werden. Zur Verfügung stehen spezifische Hilfsmittel wie beispielsweise Essbesteck, das Zittern ausgleicht. Beim Kauf von Kleidung sollten Sie beispielsweise auf die Verschlüsse achten. Reiß- und Klettverschlüssen, Druckknöpfen oder auch großen Knöpfen sollten Sie den Vorrang geben. Kleine Knöpfe sind schwer zu handhaben. Beobachten Sie, welche Tätigkeiten Ihnen im Alltag besondere Probleme bereiten. Besprechen Sie diese mit Ihrer Ärztin/Ihrem Arzt oder Ihrer Ergotherapeutin/Ihrem Ergotherapeuten. So erhalten Sie Information über Möglichkeiten zur Unterstützung und erfahren, worauf Sie beim Kauf und der Nutzung achten sollten.
Psychische Aspekte und Unterstützung im Alltag
Die Parkinson-Erkrankung ist in erster Linie für ihre motorischen Symptome bekannt. Psychische Veränderungen können in allen Stadien der Parkinsonerkrankung auftreten. Mit der Krankheit entsteht oftmals eine veränderte Stimmungslage, die sich im Verlust von Interessen, einer Verminderung des Appetits, erhöhter Ängstlichkeit und vermehrter Hoffnungslosigkeit und Pessimismus zeigt. Die Ausprägung der depressiven Symptome kann mit dem Ausmaß der körperlichen Einschränkungen und der dadurch bedingten Beeinträchtigungen im Leben zusammenhängen, aber auch unabhängig davon auftreten. Parkinson kann auch mit psychotischen Störungen wie Alpträumen, Wahnvorstellungen, Verwirrtheitszustände und Halluzinationen einhergehen. Insbesondere Dopaminagonisten können außerdem Impulskontrollstörungen hervorrufen.
Im fortgeschrittenen Stadium einer Parkinson-Erkrankung sind Betroffene durch die eingeschränkte Mobilität, abnehmende Geschicklichkeit, Probleme bei der Kommunikation und Auswirkungen auf Denkprozesse im Alltag in verschiedenen Bereichen wie Haushaltstätigkeiten und Körperpflege zunehmend auf Unterstützung angewiesen. Das kann für PatientInnen wie Angehörige eine große Umstellung bedeuten. Manchmal schießen Angehörige bei der gut gemeinten Unterstützung ungewollt über das Ziel hinaus. Sie übernehmen auch Aufgaben, die die/er Betroffene selbst erledigen möchte und kann. Falls Sie merken, dass das bei Ihnen der Fall ist, kann es hilfreich sein, das offen anzusprechen. Zur Orientierung kann der Grundsatz „So viel Hilfe wie nötig und so wenig Hilfe wie möglich“ dienen. Überlegen Sie sich, wo Sie Unterstützung benötigen und welche Tätigkeiten Sie weiterhin selbstständig durchführen können und wollen.
Wenn die Selbstständigkeit zunehmend eingeschränkt ist kann es hilfreich sein, den Grad der Behinderung offiziell feststellen zu lassen. Dadurch haben Sie Anspruch auf verschiedene Hilfen und finanzielle Förderungen. Der Grad der Behinderung wird in Österreich in Prozent angegeben und ist dabei von der Schwere der Erkrankung abhängig. Beträgt der Grad der Behinderung mindestens 50%, zählt man um Kreis der begünstigten Behinderten und hat Anspruch auf einen Behindertenpass.
Sie als Angehörige/r haben eine tragende Rolle im Leben eines Verwandten mit Morbus Parkinson. Eventuell möchten Sie die Aufgabe der Pflege nicht abgeben. Möglicherweise haben Sie das Gefühl dadurch der Erkrankten/dem Erkrankten etwas Schlechtes zu tun. Machen Sie sich bewusst, dass es für die/den PatientIn und für Sie als Angehörige/n sehr stützend und hilfreich sein kann, professionelle Pflege in Anspruch zu nehmen. Keine Pausen, weil die Pflege neben Job, Familie und anderen Verpflichtungen jegliche Zeit in Anspruch nimmt, führen am Ende nur dazu, dass Sie selbst ausbrennen.
LSVT-BIG®: Eine Erfolg versprechende Behandlungsmethode
Hinter LSVT®BIG steckt eine neue Erfolg versprechende Behandlungsmethode aus den USA für Klienten mit Parkinson. Nach bisherigen Erkenntnissen ist LSVT®BIG besonders für Patienten in frühen Krankheitsstadien geeignet. Bei Patienten mit tiefer Hirnstimulation ist eine in kürzeren Abständen notwendige Neukalibrieung erforderlich. Das BIG-Training wurde primär für Parkinsonpatienten entwickelt, kann aber auch bei anderen Krankheitsbildern wie z. B. bei Multiple Sklerose oder anderen neurologischen Krankheitsbildern helfen.
In wissenschaftlichen Studien steigerte LSVT®BIG die Geschwindigkeit, Kraft und Reichweite der Bewegungen signifikant. Die Behandlung ist auf eine Verminderung der Bewegungsverlangsamung ausgerichtet und hat eine Verbesserung der Alltagskompetenz zum Ziel. Die Anwendung der erlernten Bewegungsabläufe bei Alltagstätigkeiten wird von Anfang an trainiert. Durch eine frühzeitig im Krankheitsverlauf einsetzende Behandlung mit der LSVT®BIG-Methode soll das Fortschreiten der Bewegungseinschränkung verzögert werden. Lebensqualität und Selbständigkeit sollen so lange wie möglich erhalten bleiben.
Es sollten mehrere Therapiesitzungen pro Woche eingeplant werden. Empfohlen werden 16 Therapieeinheiten in vier Wochen von jeweils einer Stunde an vier hintereinander folgenden Tagen. Wichtig ist außerdem die Durchführung eines Selbstübungsprogramms zu Hause. In einer großen Vergleichsstudie wurde die Wirksamkeit von LSVT-BIG bei 60 Patienten mit Parkinson-Erkrankung untersucht. Diese Studie wurde unter Leitung von Privatdozent Dr. Georg Ebersbach am Zentrum für ambulante Rehabilitation Berlin durchgeführt. Im Vergleich zu einem Hausübungsprogramm und Nordic Walking konnte eine deutlich bessere Wirksamkeit der LSVT-BIG-Therapie nachgewiesen werden.
Die LSVT®BIG-Therapie greift das Konzept des LSVT-LOUD auf. Kennzeichnend für dieses physiotherapeutische Training sind Bewegungsabläufe, die mit viel Kraft und sehr raumfordernd durchgeführt werden. Weite, kraftvolle Stoßbewegungen mit den Armen gehören ebenso dazu wie lange Ausfallschritte. Die einzelnen Bewegungsabläufe sind einfach konzipiert und sollen nach einem therapeutisch begleiteten Einführungskurs regelmäßig zu Hause durchgeführt werden. Die Wirksamkeit der LSVT®BIG-Therapie wurde in einer Studie mit 60 Parkinson-Patienten wissenschaftlich nachgewiesen. Dabei erwies sich das LSVT®BIG-Training wirksamer als Nordic Walking oder ein Hausübungsprogramm.
Aktivierende Therapien als Ergänzung zur medikamentösen Behandlung
Aktivierende Therapien wie Logopädie, Physio- und Ergotherapie stellen bei der Parkinson-Erkrankung eine wichtige Ergänzung der medikamentösen Behandlung dar. Besonderen Stellenwert haben aktivierende Therapien bei der Behandlung von unzureichend auf Medikamente ansprechenden Symptomen, zu denen zum Beispiel Sprechstörungen sowie Gang- und Gleichgewichtsstörungen gehören. Außerdem kann frühzeitiges körperliches Training der fortschreitenden Bewegungsverarmung entgegen wirken.
Zu den am besten erforschten aktivierenden Therapien gehört das Lee Silverman Voice Treatment (LSVT-LOUD), das ein intensives Training der Sprechlautstärke beinhaltet. Viele der im Langzeitverlauf der Parkinson-Erkrankung auftretenden Probleme wie Gang- und Gleichgewichtsstörungen sprechen nur unzureichend auf Medikamente an. Auch bei optimaler medikamentöser Einstellung tritt bei vielen Betroffenen eine allgemeine Bewegungsverarmung ein, Alltagsaktivitäten werden mit zunehmend kleinen und langsamen Bewegungen ausgeführt. Ein typisches Beispiel hierfür ist das Gehen mit kleineren Schritten und reduziertem Mitpendeln der Arme. Viele dieser medikamentös nur unzureichend beeinflussbaren Probleme können gezielt durch aktivierende Therapien behandelt werden.
Obwohl die Bedeutung der Übungsbehandlung zunehmend erkannt wird, gibt es allerdings bisher nur wenige wissenschaftliche Untersuchungen zur Wirkung verschiedener aktivierender Therapien bei der Parkinson-Erkrankung. Die derzeit am besten untersuchte aktivierende Therapie bei Parkinson ist das Lee Silverman Voice Training (LSVT®) bei dem in intensiver Einzeltherapie eine Verbesserung der Sprechlautstärke geübt wird (LSVT-LOUD). Eine starke und lang anhaltende Wirkung der LSVT-LOUD Therapie wurde in mehreren wissenschaftlichen Untersuchungen nachgewiesen.
Durch intensives Wiederholen der Übungen und kontinuierliche Rückmeldung über die erzielten Ergebnisse werden ungenutzte Möglichkeiten des Übenden aktiviert und ausgebaut. Der Therapeut motiviert den Patienten jede Bewegung mit möglichst großem Einsatz („mindestens 80% der maximalen Energie“) und spürbarer Anstrengung auszuführen. Durch ständige Rückmeldung des Therapeuten lernt der übende Patient, die Wahrnehmung seiner eigenen Bewegungen neu zu „kalibrieren“. Im Gegensatz zur herkömmlichen Physiotherapie bei Parkinson erfolgt das Training bei LSVT-BIG innerhalb eines kurzen Zeitraums (vier Wochen) in sehr hoher Intensität (wöchentlich 4 x 60 Minuten in Einzeltherapie). Anders als bei konventioneller Physiotherapie ist im Anschluss an das 4-wöchige LSVT-BIG-Training keine regelmäßige Fortsetzung der Therapiestunden erforderlich.
Mit Unterstützung der deutschen Parkinson-Vereinigung wurde die Wirksamkeit der LSVT-BIG-Therapie in der Berliner BIG-Studie bei 60 Patienten mit Parkinson-Erkrankung in milden bis moderaten Krankheitsstadien untersucht. Gruppe 1: Intensive krankengymnastische Behandlung nach der LSVT-BIG-Methode. Vor Behandlungsbeginn, am Behandlungsende und nach vier Monaten erfolgte eine ausführliche ärztliche Untersuchung der Beweglichkeit, Hirnleistung und Lebensqualität. Das Hauptkriterium für den Behandlungserfolg war eine Verbesserung des "UPDRS-Motor-Score". Die Veränderung der Beweglichkeit zwischen der Eingangs- und der Abschlussuntersuchung unterschied sich deutlich zwischen den Behandlungsgruppen: Während in der BIG-Gruppe eine Verbesserung um 5 Punkte im UPDRS-Motor-Score feststellbar war, verschlechterten sich die beiden anderen Gruppen um 1,7 (Hausübungsprogramm) bzw.
Zusammenfassend kann nach den Ergebnissen der Berliner BIG-Studie davon ausgegangen werden, dass LSVT-BIG ein wirkungsvolles Behandlungsverfahren bei Patienten in frühen bis mittleren Stadien der Parkinson-Erkrankung darstellt. Die LSVT-BIG-Therapie ist als intensive Einzeltherapie aufwändiger aber auch wirksamer als Nordic Walking oder ein Hausübungsprogramm.
In Anbetracht der positiven Studienergebnisse ist es wünschenswert, möglichst vielen Betroffenen den Zugang zu einer LSVT-BIG-Therapie zu ermöglichen. Hierfür wird zum Einen eine ausreichend hohe Zahl von qualifizierten Therapeuten, zum Anderen eine Übernahme der Behandlungskosten durch die Kostenträger benötigt. Aktuell wurde in Kooperation mit der US-amerikanischen Organisation LSVTglobal ein Ausbildungsprogramm für Physiotherapeuten gestartet, das Krankengymnasten und Ergotherapeuten mehrmals im Jahr die Möglichkeit bietet, ein Zertifikat zur Ausübung von LSVT-BIG zu erwerben.
Nordic Walking als Möglichkeit, wieder Tritt zu fassen
Manche Parkinson-Patienten können kaum noch gehen. Nordic Walking ist ein Ansatz, wieder Tritt zu fassen. Volker konnte seine Füße kaum noch heben. Durch seine Parkinson-Erkrankung ging bei ihm nicht mehr viel. Weil der leidenschaftliche Golfer schlichtweg nicht mehr viel gehen konnte, es ihm zunehmend schwerer fiel. Der 83-Jährige spielte nur noch neun statt 18 Löcher und nahm dabei immer das Golfkart.
„Volker hat die richtige Trittabfolge nicht mehr gemacht, das wurde über die Jahre schlimmer. Parkinson ist eine schleichende Krankheit“, sagt Rainer Nierfeld vom TuS Bothfeld. Er ist Nordic-Walking-Übungsleiter und hat mit einer Gruppe für Erkrankte im Wortsinn erstaunliche Fortschritte erzielt. Alle Teilnehmer profitierten davon. Volker ist einer von ihnen. Parkinson ist nicht nur Zittern, es hat zahlreiche Symptome. Den Betroffenen fällt das Gehen schwer, manchen sogar über die Maßen. Sie frieren förmlich ein. Dieser „Freezing- Effekt“ tritt meist vor dem ersten Schritt auf. An der Ampel, in der Supermarktschlange, beim Umdrehen, beim Einsteigen in die Bahn. Das führt dazu, dass viele Erkrankte lieber daheimbleiben.
„Wieder Tritt fassen, darum geht es. Wieder mehr Lebensqualität finden“, so Nierfeld. Er setzte einen Parkinson- Kurs auf die Spur. Der Vorteil beim Nordic Walking: weite, ausladende Bewegungen. Sie sind wichtig bei dieser Krankheit, die alles verlangsamt. „Außerdem geben die Stöcke eine gewisse Sicherheit“, sagt Nierfeld, der die Sportler gemeinsam mit seiner Frau Anne betreut. Beide kennen sich inzwischen etwas aus mit Parkinson. „Nach sechs Einheiten waren die Erfolge sichtbar, die Teilnehmer konnten deutlich besser gehen“, so Nierfeld.
Für Michaela Martin sind niederschwellige Angebote entscheidend: „Da muss keiner Angst haben, eine Kursbremse zu sein. Alle können mitmachen, selbst wenn es nur kleine Schritte sind. Jeder ist wichtig.“ Das sei viel besser, als die Krankheit zu überspielen und zu verstecken. Volker ist mittlerweile wieder auf Golfplätzen unterwegs. Alle 18 Bahnen abzulaufen schafft er zwar nicht, das wäre etwas viel. „Auch an die neun traue ich mich noch nicht heran“, sagt er. Immerhin: Mit dem elektrischen Golfkart muss er nicht mehr so dicht bis zum Ball fahren. Mit den Stöcken ist er erstaunlich schnell und sicher unterwegs. Der 83-Jährige vermag etwas weitere Strecken zu gehen.
Pantomime als Therapieform zur Erweiterung des Bewegungsumfangs
Abhängig davon, welche Region befallen ist, lassen sich die resultierenden Beschwerden ableiten. Bewegungsumfänge der Betroffenen werden immer kleiner und unsicherer. Die typische Bewegungsverlangsamung tritt nicht nur in den Armen, sondern auch im Gesicht auf - der Gesichtsausdruck erscheint ohne Mimik. Ron Agenant heißt der Pantomime-Künstler und -Lehrer, der wöchentlich mit den Parkinson-Betroffenen trainiert. Der Wahlberliner hat als Pantomime-Künstler, Tänzer und Yogalehrer verschiedenste Wirkungsstätten.
„Die Arbeit mit den Patienten macht mir sehr viel Freude. Wir studieren in kleinen Gruppen eine Choreographie ein, natürlich immer zu Musik und mit viel Spaß. Es ist wirklich toll zu beobachten, wie dabei die Gesichter der Patienten aufblühen. Wir verspüren beim Training gemeinsam ganz viel Lebensfreude“, berichtet er. Ein weiteres Ziel der Therapie ist es, den Bewegungsumfang wieder zu erhöhen. „Das heißt, dass ich bewusst große und weite Bewegungen in meine Choreographie aufnehme, um eine Verbesserung der Gestik und somit auch des zwischenmenschlichen Miteinanders und damit der Lebensqualität zu erreichen“, so Agenant.
Komplexbehandlung im Klinikum
„Wir wissen heute, dass eine gute medikamentöse Behandlung nur ein Teil einer optimalen Therapie sein kann. Wesentlich besser können wir helfen, wenn wir sie um die vielen anderen Therapieangebote ergänzen. Das besondere an einer Komplexbehandlung ist aber nicht nur die hohe Frequenz an all den Therapieverfahren, sondern auch, dass alle an der Behandlung Beteiligten, also die Ärzte, Psychologen, Sozialarbeiter, Pflegekräfte, Physiotherapeuten, Logopäden, Ergotherapeuten und Bewegungstherapeuten, zusammenarbeiten. Wir treffen uns regelmäßig und besprechen alle Patienten in unserer Komplextherapie, lernen voneinander und stimmen die Therapien möglichst gut auf den einzelnen Patienten ab. Oft ist es so, dass erst in diesen Konferenzen wichtige Beobachtungen berichtet werden, die die weitere Behandlung ganz maßgeblich beeinflussen. Außerdem können wir hier im Klinikum Therapieangebote machen, die außerhalb schwer zu ermöglichen sind, beispielsweise die stochastische Resonanztherapie (die sogenannte Rüttelplatte), aufwändige Behandlungen mit Botulinumtoxin oder ein computergestütztes Gedächtnistraining. Auch besondere Gruppentherapieangebote sind nur im Klinikum möglich. Im Ergebnis der Komplexbehandlung bekommt jeder Patient auch Vorschläge für die ambulante Weiterbehandlung. Die Dauer der Parkinsonkomplexbehandlung beträgt drei Wochen. Sie erfolgt zumeist einmal im Jahr, im Bedarfsfall aber auch häufiger“.
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