Entzündungen im Mundraum, insbesondere Parodontitis, sind nicht nur ein Problem der Mundgesundheit. Jüngste Forschungsergebnisse deuten auf einen signifikanten Zusammenhang zwischen chronisch-entzündlichen Prozessen im Mund und neurodegenerativen Erkrankungen wie Parkinson hin. Dieser Artikel beleuchtet die komplexen Zusammenhänge zwischen Parodontitis und Parkinson, die Auswirkungen auf die Gesundheit und die Bedeutung einer intensiven Mundpflege für Risikopatienten.
Die Rolle des oralen Mikrobioms bei Entzündungen
Entzündungen wie Gingivitis und Parodontitis entstehen hauptsächlich durch eine Destabilisierung des oralen Mikrobioms. Veränderungen in der Zusammensetzung der Mikroflora im Mund und deren Wechselwirkung mit dem Gewebe führen zu einem veränderten oralen Mikroklima. Dadurch kann sich die Pathogenität des Keimspektrums erhöhen. Grunderkrankungen, Stoffwechselstörungen, Beeinträchtigungen der Immunabwehr und Nebenwirkungen von Medikamenten können das orale Milieu beeinflussen und sich auf den gesamten Organismus auswirken. Die Mundhöhle stellt eine offene Verbindung zur Umwelt dar, und bei Störungen des ökologischen Gleichgewichts wird die Bildung von Biofilmen durch pathogene Keime gefördert.
Die systemischen Auswirkungen parodontaler Entzündungen
Die Auswirkungen parodontaler Entzündungen beschränken sich nicht nur auf die Mundhöhle. Durch blutendes Zahnfleisch können Keime in tiefere Gewebsschichten und Gefäße eindringen, was zu einer Bakteriämie und der Freisetzung von Entzündungsmediatoren in den Körper führt. In den letzten Jahren wurde die Interaktion oraler Infektionen mit dem zentralen Nervensystem in zahlreichen Studien untersucht.
Parodontitis und Morbus Parkinson: Eine Verbindung
Chronisch-entzündliche Parodontalerkrankungen spielen eine wichtige Rolle bei Morbus Parkinson (MP). Bei MP kommt es durch die Degeneration von Nervenzellen zu typischen Symptomen wie Bewegungsstörungen, Depressionen, Müdigkeit, Apathie und kognitiven Einschränkungen. Betroffen sind die Zellen der "schwarzen Substanz" im Gehirn, die Dopamin produzieren. Durch die geringe Dopaminproduktion werden die Basalganglien im Großhirn nicht ausreichend stimuliert, was zu Beeinträchtigungen der Bewegungsabläufe führt.
Auswirkungen von Parkinson auf die Mundgesundheit
Die negativen Auswirkungen der Parkinson-Krankheit auf die Mundgesundheit sind vielfältig. Mangelnde Feinmotorik erschwert die Zahnreinigung, und psychische Symptome können den Antrieb zur Mundpflege beeinträchtigen. Viele Parkinsonpatienten leiden an Xerostomie (Mundtrockenheit) mit Brennen der Mundschleimhaut. Motorische Schluckstörungen und mangelnder Lippenschluss können zu unkontrolliertem Speichelaustritt führen, während gleichzeitig insgesamt zu wenig Speichel gebildet wird. Der niedrige Dopaminspiegel korreliert direkt mit der Mundtrockenheit, die durch Medikamente wie Antidepressiva und Anticholinergika verstärkt werden kann. Wenig Speichel bedeutet aber mangelnde Pufferwirkung, veränderte pH-Werte und einen Mangel an immunologisch wirksamen Speichelinhaltsstoffen.
Lesen Sie auch: Der Zusammenhang erklärt
Das orale Mikrobiom bei Parkinson-Patienten
Die Zusammensetzung des oralen Mikrobioms eines Parkinsonpatienten unterscheidet sich deutlich von der neurologisch gesunder Menschen. Ähnlich wie bei der Alzheimer-Krankheit werden durch die Virulenzfaktoren gramnegativer anaerober Bakterien die Entzündungsmediatoren hochreguliert. Lipopolysaccharide in den Zellwänden dieser Keime können zum Zusammenbruch der Blut-Hirn-Schranke führen. Es werden reaktive Sauerstoffradikale (ROS) gebildet, die dopaminerge Neurone angreifen und zerstören können, wodurch vorbestehende Parkinsonerkrankungen einen rascheren Verlauf nehmen können. Studien deuten darauf hin, dass Personen mit unbehandelter Parodontitis ein erhöhtes Risiko haben, an Morbus Parkinson zu erkranken.
Oxidativer Stress und Parodontitis
Oxidativer Stress, ein Ungleichgewicht zwischen freien Radikalen und Antioxidantien im Körper, spielt eine Rolle bei Entzündungen. In der Mundhöhle wirkt Speichel durch seine Antioxidantien als erste Abwehrfront gegen freie Radikale. Bei einer Infektion kann die erhöhte Produktion freier Radikale die Menge an Antioxidantien übersteigen und oxidativen Stress verursachen. Rauchen, einer der wichtigsten Risikofaktoren für die Entwicklung von Parodontitis, kann ebenfalls den oxidativen Stress erhöhen.
Die Bedeutung der Mundhygiene bei Parkinson
Regelmäßige Besuche beim Zahnarzt und eine gute Mundhygiene sind für Parkinson-Patienten von besonderer Bedeutung. Die motorischen Störungen bei MP können die Zahnpflege erschweren, was das Risiko für Karies, Parodontitis und Zahnverlust erhöht. Nächtliches Zähneknirschen (Bruxismus) kann zu einer Druckbelastung der Zahnoberflächen und des Kieferknochens führen. Der häufig beschriebene Speichelfluss, eine Folge des zu seltenen Schluckens, kann zu Mundtrockenheit (Xerostoma) führen. Antriebslosigkeit, Müdigkeit, Depressionen und Vergesslichkeit können dazu führen, dass der Betroffene der täglichen Zahnhygiene weniger Aufmerksamkeit schenkt.
Tipps zur Verbesserung der Mundhygiene bei Parkinson
- Verwenden Sie eine Zahnbürste mit großem Griff und weichen Borsten oder eine elektrische Zahnbürste.
- Reinigen Sie die Zahnzwischenräume mit Interdentalbürstchen.
- Putzen Sie die Zähne nach jeder Mahlzeit drei Minuten lang.
- Verwenden Sie einen Zahnpflegekaugummi, um die Speichelproduktion anzuregen.
- Reinigen Sie die Zahnzwischenräume zusätzlich mit Zahnseide oder Interdentalbürstchen.
- Benetzen Sie das Zahnfleisch vor und nach der Reinigung mit einer Lösung.
- Verwenden Sie Mundspülungen ohne Alkohol.
- Entfernen und säubern Sie künstlichen Zahnersatz nach jeder Mahlzeit.
Zahnärztliche Behandlung bei Parkinson
Der Termin beim Zahnarzt sollte so gelegt werden, dass sich der Patient in einer Phase der guten Beweglichkeit (ON) befindet. Bei der Terminvergabe sollte darauf hingewiesen werden, dass der Patient unter Parkinson leidet. Im Falle einer Anästhesie sollte der Zahnarzt über die Medikation des Patienten informiert werden. Es empfiehlt sich, bereits in frühen Krankheitsstadien eine umfassende Zahnsanierung vornehmen zu lassen.
Neue Richtlinie zur zahnärztlichen Versorgung von Pflegebedürftigen
Pflegebedürftige haben besondere Ansprüche auf zahnärztliche Vorsorgeleistungen. Eine neue Richtlinie konkretisiert die zahnmedizinischen Leistungen und umfasst die Erfassung des gesamten Status der Mundgesundheit, die Erstellung eines Gesundheitsplans, Beratungsleistungen zur Mundgesundheit und die Entfernung von harten Zahnbelägen.
Lesen Sie auch: Seltene Fälle von Meningitis nach Impfung
Parodontologie: Mehr als nur die Behandlung von Zahnfleischerkrankungen
Die Parodontologie ist die Disziplin, die sich mit der Erkrankung des Zahnhalteapparates beschäftigt. Bei einer parodontalen Erkrankung wird der intakte Zahnhalteapparat geschädigt, der zahntragende Knochen geht zurück, und es bilden sich immer tiefer werdende Zahnfleischtaschen. Die Schäden am Zahnhalteapparat, die eine Parodontitis verursacht, sind unumkehrbar. Eine frühzeitige Diagnosestellung ist wichtig, da es neben den lokalen Problemen auch systemische Erkrankungen gibt, die mit Parodontitis vergesellschaftet sind, wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes und Rheumatoide Arthritis.
Die Rolle der Zahnmedizin bei neurodegenerativen Erkrankungen
Diagnosen wie Alzheimer und Parkinson sind hart. Die Krankheiten gelten aktuell als nicht heilbar und verändern das Leben von Angehörigen und Patienten enorm. Die Mundgesundheit spielt hier eine Rolle. Forscher entdeckten einen Zusammenhang von Alzheimer und Parodontitis, der bakteriellen Zahnbett-Entzündung. Eine optimale Mundhygiene ist für Menschen mit Alzheimer und Parkinson enorm wichtig.
Die Blut-Hirn-Schranke und ihre Bedeutung
Die Blut-Hirn-Schranke ist eine natürliche Barriere zwischen Nervengewebe und Blut. Sie verhindert, dass Bestandteile des Bluts oder im Blut gelöste Substanzen unkontrolliert ins Gehirn gelangen. Bei neurodegenerativen Erkrankungen kann die Blut-Hirn-Schranke gestört sein, wodurch schädliche Stoffe wie der Porphyromonas gingivalis ins Gehirn gelangen und zerstörende Prozesse fördern können.
Maßnahmen zur Vorbeugung und Behandlung
Um negative Auswirkungen auf das Gehirn zu vermeiden, ist es wichtig, die Parodontitis zum Stillstand zu bringen. Zahnärzte erreichen dies mit gezielten Maßnahmen wie der Professionellen Zahnreinigung und einer regelmäßigen Prophylaxe. Es gibt spezialisierte Zahnärzte für Senioren oder Patienten mit degenerativen Erkrankungen, die passende Tipps für die optimale Pflege zu Hause geben können.
Lesen Sie auch: Der Zusammenhang zwischen Impfungen und Epilepsie
tags: #parodontose #impfung #gegen #parkinson