Pathologisches Lachen und Weinen bei Multipler Sklerose: Ein umfassender Überblick

Die multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems, die eine Vielzahl von neurologischen und psychischen Symptomen hervorrufen kann. Zu den weniger bekannten, aber dennoch bedeutsamen Symptomen gehören pathologisches Lachen und Weinen, auch bekannt als pseudobulbäre Affektstörung (PBA). Dieser Artikel beleuchtet die PBA im Kontext der MS, ihre Ursachen, Symptome, Diagnose und Behandlungsmöglichkeiten.

Einführung in die Multiple Sklerose

Die multiple Sklerose (MS) ist eine der häufigsten neurologischen Erkrankungen, deren Ursache bis heute nicht vollständig geklärt ist. Die MS manifestiert sich oft zunächst in Schüben, die von Remissionsphasen unterbrochen werden, kann aber auch in einen schubförmig-progredienten oder chronisch-progredienten Verlauf übergehen. Die Symptome der MS sind vielfältig und reichen von motorischen und sensorischen Ausfällen bis hin zu kognitiven Beeinträchtigungen und dem Fatigue-Syndrom.

Was ist pathologisches Lachen und Weinen?

Pathologisches Lachen und Weinen, auch bekannt als pseudobulbäre Affektstörung (PBA), ist durch unkontrollierbare und der Situation unangemessene Gefühlsausbrüche gekennzeichnet. Betroffene erleben plötzliche Episoden von Lachen oder Weinen, die nicht mit ihrer tatsächlichen Stimmungslage übereinstimmen. Diese Anfälle können sehr belastend sein und die Lebensqualität der Betroffenen erheblich beeinträchtigen.

Rund 10 Prozent aller MS-Patienten leiden an einer PBA, die durch pathologisches, also der jeweiligen Situation unangemessenes und unkontrollierbares Lachen und Weinen gekennzeichnet ist.

Abgrenzung von Affektinkontinenz und Affektlabilität

Es ist wichtig, die PBA von anderen affektiven Störungen wie Affektinkontinenz und Affektlabilität zu unterscheiden. Bei der Affektinkontinenz kommt es ebenfalls zu unkontrollierten Gefühlsausbrüchen, während bei der Affektlabilität die Gefühlsschwankungen übersteigert sind, aber immer noch durch äußere Reize ausgelöst werden. Im Gegensatz dazu tritt die PBA ohne erkennbaren Auslöser auf und ist nicht willentlich unterdrückbar.

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Ursachen von PBA bei MS

Die genauen Ursachen der PBA bei MS sind noch nicht vollständig geklärt. Es wird jedoch angenommen, dass Läsionen in bestimmten Hirnregionen, die für die Emotionsregulation verantwortlich sind, eine entscheidende Rolle spielen. Diese Hirnregionen umfassen den Frontallappen, bestimmte Bereiche des Mittelhirns und den Hirnstamm. Durch die MS verursachte Demyelinisierungsprozesse können diese Regionen schädigen und zu einer Störung der Emotionskontrolle führen.

Symptome der pseudobulbären Affektstörung

Die Hauptsymptome der PBA sind unkontrollierbare Episoden von Lachen oder Weinen, die ohne erkennbaren Auslöser auftreten. Diese Anfälle können plötzlich beginnen und von kurzer Dauer sein, aber auch länger anhalten. Die Intensität der Gefühlsausbrüche steht oft in keinem Verhältnis zur tatsächlichen Gefühlslage des Betroffenen.

  • Unkontrollierbares Lachen: Plötzliche, unmotivierte Lachanfälle, die nicht durch einen Witz oder eine lustige Situation ausgelöst werden.
  • Unkontrollierbares Weinen: Plötzliche, unmotivierte Weinkrämpfe, die nicht durch Trauer oder Kummer ausgelöst werden.
  • Diskrepanz zwischen Gefühl und Ausdruck: Die gezeigten Emotionen stimmen nicht mit der tatsächlichen Stimmungslage überein.
  • Belastung und Scham: Die Betroffenen leiden unter den unkontrollierbaren Gefühlsausbrüchen und schämen sich oft dafür.
  • Soziale Isolation: Aus Angst vor peinlichen Situationen ziehen sich die Betroffenen oft aus dem sozialen Leben zurück.

Diagnose der PBA bei MS

Die Diagnose der PBA basiert in erster Linie auf der Anamnese und der klinischen Untersuchung. Es ist wichtig, andere Ursachen für die Symptome auszuschließen, wie z.B. Depressionen oder andere psychische Erkrankungen. Fragebögen und Skalen, wie z.B. die Center for Neurologic Study-Lability Scale (CNS-LS), können bei der Beurteilung der Symptome hilfreich sein.

Differentialdiagnose

Bei der Diagnose der PBA ist es wichtig, andere Erkrankungen mit ähnlichen Symptomen auszuschließen. Dazu gehören:

  • Depression: Obwohl Depressionen häufig mit MS einhergehen, unterscheiden sie sich von PBA durch anhaltende Traurigkeit, Interessenverlust und andere typische Symptome.
  • Bipolare Störung: Diese Erkrankung ist durch extreme Stimmungsschwankungen gekennzeichnet, die sich von den plötzlichen Gefühlsausbrüchen der PBA unterscheiden.
  • Angststörungen: Angststörungen können zu erhöhter emotionaler Reaktivität führen, aber die Symptome sind in der Regel auf spezifische Ängste oder Sorgen bezogen.
  • Affektlabilität: Im Gegensatz zur PBA gibt es bei der Affektlabilität emotionale Auslöser, und der Gefühlsausdruck ist lediglich übersteigert.

Behandlungsmöglichkeiten

Die Behandlung der PBA zielt darauf ab, die Häufigkeit und Intensität der unkontrollierbaren Gefühlsausbrüche zu reduzieren und die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern. Es gibt verschiedene medikamentöse und nicht-medikamentöse Therapieansätze.

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Medikamentöse Therapie

  • Dextromethorphan/Chinidin (DM/Q): Diese Kombination ist ein zugelassenes Medikament zur Behandlung der PBA. Dextromethorphan ist ein Glutamat-Rezeptor-Antagonist und Sigma-1-Rezeptor-Agonist, während Chinidin die Metabolisierung von Dextromethorphan hemmt und somit dessen Wirkung verstärkt. Studien haben gezeigt, dass DM/Q die Symptome der PBA deutlich reduzieren kann.
  • Selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI): Antidepressiva wie Sertralin, Citalopram und Fluoxetin können ebenfalls zur Behandlung der PBA eingesetzt werden. Sie wirken, indem sie den Serotoninspiegel im Gehirn erhöhen und somit die Emotionsregulation verbessern.
  • Tricyclische Antidepressiva (TZA): Diese ältere Klasse von Antidepressiva kann ebenfalls bei PBA wirksam sein, wird aber aufgrund ihrer stärkeren Nebenwirkungen seltener eingesetzt.

HS Panitch und Kollegen untersuchten die Wirkung des Glutamat-Rezeptor-Antagonisten und Sigma-1-Rezeptor-Agonisten Dextrametorphan in Kombination mit dem Cytochrom-P450-2D6-Inhibitor Quinidin (DM/Q). An der multizentrischen Placebo-kontrollierten Studie nahmen 150 Patienten mit gesicherter MS und relevanter PBA teil. 76 Patienten erhielten DM/Q (30 mg/30 mg), während 74 der Patienten ein Placebo in zwölfstündigem Abstand über 85 Tage hinweg einnahmen. Die Ergebnisse zeigten, dass DM/Q die Symptome der PBA deutlich reduzieren kann.

Nicht-medikamentöse Therapie

  • Psychotherapie: Eine kognitive Verhaltenstherapie kann den Betroffenen helfen, mit den Symptomen der PBA umzugehen und Strategien zur Emotionsregulation zu entwickeln.
  • Logopädie: Bei Patienten, bei denen die Gesichtsmuskulatur betroffen ist, kann eine logopädische Behandlung helfen, die Kontrolle über die Gesichtsmuskeln zu verbessern und die Artikulation zu erleichtern.
  • Ergotherapie: Ergotherapie kann den Betroffenen helfen, ihre Alltagsaktivitäten trotz der PBA-Symptome besser zu bewältigen.
  • Entspannungstechniken: Entspannungstechniken wie progressive Muskelentspannung oder autogenes Training können helfen, Stress abzubauen und die Emotionsregulation zu verbessern.
  • Soziale Unterstützung: Der Austausch mit anderen Betroffenen und die Unterstützung durch Familie und Freunde können helfen, die soziale Isolation zu verringern und das Selbstwertgefühl zu stärken.

Rehabilitation bei Multipler Sklerose

Die Rehabilitation spielt neben der medikamentösen Therapie eine zentrale Rolle bei der Wiederherstellung von Funktionsdefiziten, die durch die Multiple Sklerose entstehen. Ziel der Rehabilitation ist es, die Selbstständigkeit zu fördern und die gewohnte Teilnahme am sozialen Leben zu erhalten.

  • Physiotherapie: Die Physiotherapie beschäftigt sich vor allem mit dem Wiedererlernen von Funktionen und Aktivitäten.
  • Ergotherapie: In der Ergotherapie steht der tägliche Einsatz dieser Aktivitäten im Vordergrund.
  • Logopädie: Die Logopädie beschäftigt sich mit Sprach- und Schluckstörungen.

Psychische Aspekte der MS

Psychische Erkrankungen, insbesondere Depressionen, treten bei MS-Patienten häufiger auf als in der Allgemeinbevölkerung. Studien konnten zeigen, dass die Lokalisation der Läsionen mit psychischen Symptomen im Zusammenhang steht. So haben Betroffene mit zerebralem Befall häufiger depressive Störungen als Betroffene mit spinalen oder zerebellären Herden.

Depression bei MS

Das Risiko, an einer Depression zu erkranken, ist in der prädiagnostischen Phase, in der Phase nach der Diagnosestellung und in Phasen fortschreitender Behinderung am größten. Symptome einer Depression können Antriebsstörungen, niedergedrückte Stimmung, Schlafstörungen, Gewichtsveränderungen, Störungen der Libido, Konzentrationsstörungen, Entscheidungsschwierigkeiten, Grübeln sowie ein reduzierter Selbstwert sein.

Angststörungen bei MS

Angststörungen, wie z.B. Spritzenphobie, generalisierte Ängste und Panikstörungen, sind bei MS-Patienten ebenfalls häufig. Viele Angstpatienten gehen weiterhin arbeiten, aber wenn die Ängste mit aufwändigem Vermeidungsverhalten und/oder großer Anspannung verbunden sind, leidet früher oder später auch die Arbeitsleistung.

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Suizidgefährdung

Die höchste Suizidgefährdung besteht in den ersten fünf Jahren nach Diagnosestellung und bei Verschlechterungen. Am stärksten gefährdet sind junge Männer. Eine Studie konnte einen Zusammenhang mit sozialer Isolation, affektiven Symptomen und Alkoholabusus belegen.

Therapie psychischer Störungen bei MS

Die Therapie von MS-Patienten mit einer psychischen Störung orientiert sich an den allgemeinen Behandlungsrichtlinien. Auf der Differenzialdiagnostik sollte besonderes Augenmerk liegen, so sind einige MS-Symptome auch bei den Kriterien einer Depression zu finden und umgekehrt. Je schneller Betroffene adäquate psychotherapeutische und/oder medikamentöse Therapie erhalten, desto besser.

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