Paul MacLeans Theorie des dreieinigen Gehirns: Eine kritische Betrachtung

Die Theorie des dreieinigen Gehirns, die von dem US-amerikanischen Hirnforscher Paul D. MacLean in den 1960er Jahren entwickelt wurde, ist ein Konzept zur Erklärung evolutionärer Abläufe, die sich in den Funktionen und Strukturen des menschlichen Gehirns widerspiegeln. Dieses Modell teilt das Gehirn in drei separate Bereiche auf, die zwar miteinander interagieren, aber jeweils ihr eigenes Bewusstsein und ihre eigenen Ausdrucksweisen, Bedürfnisse, Erinnerungen und Wahrnehmungen haben.

Das dreieinige Gehirn: Ein Überblick

MacLeans phylogenetisches Konzept ist ein Versuch, verschiedene stammesgeschichtliche Entwicklungsstufen und Funktionsweisen des menschlichen Gehirns schematisch darzustellen. Es besagt, dass das menschliche Gehirn nach neuroanatomischen Gesichtspunkten in drei Subsysteme unterteilt werden kann, die mehrfach wechselseitig miteinander verbunden sind und Informationen austauschen. MacLean hat die Gesamtheit dieser von ihm beschriebenen Subsysteme als das "dreieinige Gehirn" bezeichnet. Obwohl jedes Subsystem über eine eigene Funktionalität verfügt, hat nie ein Wesen existiert, das beispielsweise ein ausschließlich „protoreptilisches“ Gehirn besaß.

Die drei Komponenten des dreieinigen Gehirns sind:

  • Das Reptiliengehirn (auch Stammhirn genannt): Dies ist die „niedrigste“ und stammesgeschichtlich älteste Form des Gehirns. Komponenten sind der Hirnstamm, das Zwischenhirn, die Amygdala und weitere Kerne. Das Stammhirn ist für das pure Überleben zuständig: Atmung, Herzschlag, Kampf-oder-Flucht-Instinkte. Es ist egozentrisch, reagiert auf starke Kontraste und klare, einfache Botschaften. Die Aufgabe des Stammhirns ist basale Selbsterhaltung durch reguliertes Atmen, Stoffwechsel und die Grundmuster des Verhaltens rund um Ernährung, Aggression und Fortpflanzung gesteuert durch grundlegende Gefühle wie Hunger, Kälte, Schmerz.
  • Das limbische System (auch Zwischenhirn genannt): Die Komponenten des paleomammalischen Gehirns sind Strukturen, für die MacLean 1952 den Begriff Limbisches System prägte. Es enthält vor allem Informationen aus dem Körperinneren und wird deswegen auch als viszerales Gehirn bezeichnet. Nach McLean ist es der erste Versuch der Natur, ein individuelles Bewusstsein zu entwickeln. Im paleomammalischen Gehirn werden Gedächtnisinhalte gebildet und affektiv und emotional gefärbt. Dies ist das Zentrum der Emotionen. Hier werden Gefühle wie Freude, Angst, Vertrauen und soziale Bindung verarbeitet. Es ist entscheidend für die Gedächtnisbildung - wir erinnern uns an das, was uns emotional berührt. Über Emotionen bringt das Zwischenhirn die freie Handlung mit hinein, die das Stammhirn in seinen Routinen nicht erlaubt.
  • Der Neokortex (auch Großhirn genannt): Komponenten des neomammalischen Gehirns sind Strukturen des Neocortex (mit Ausnahme der limbischen Rinde). Es arbeitet weitgehend ungeachtet der endogenen Signale des Körpers beziehungsweise der stammesgeschichtlich älteren Gehirnbereiche. Die jüngste Evolutionsstufe und Sitz unseres rationalen Denkens, der Sprache und der Logik. Im Großhirn entwickeln wir ein Modell von der Welt, auch von uns selbst und interpretieren unseren ständigen Wahrnehmungsfluss. Hier entwickeln wir Szenarien, Alternativen und Pläne. Wenn sich das Stammhirn auf die Vergangenheit und das Zwischenhirn auf die Gegenwart bezieht, dann richtet sich das Großhirn auf die Zukunft.

Die drei Hirne arbeiten natürlich zusammen, jedes erfüllt seine Zwecke, aber sie bringen auch Konflikte mit sich, z.B. Affekte, die uns zu Handlungen nötigen, die wir später im Großhirn bereuen.

Kritik an der Theorie des dreieinigen Gehirns

Obwohl MacLeans Theorie populär geworden ist, hat sie auch Kritik erfahren. Einige Wissenschaftler argumentieren, dass das Modell zu vereinfachend ist und die komplexen Interaktionen zwischen den verschiedenen Hirnregionen nicht ausreichend berücksichtigt.

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Vereinfachung komplexer Interaktionen

Der Frame des Triune Brain vereinfacht die Interaktionen zwischen den verschiedenen Hirnregionen und stellt sie als klar voneinander getrennt dar, wobei jeder Region spezifische Funktionen zugewiesen bekommt. Diese Trennung führt zu einem Zirkelschluss, da die Komplexität der neuronalen Netzwerke und der Wechselwirkungen zwischen den verschiedenen Hirnregionen ignoriert wird.

Zirkelschlüsse in der Argumentation

Der Frame des „Dreieinigen Gehirns“ verspricht einfache Erklärungen für komplexe menschliche Emotionen und Verhaltensweisen, entpuppt sich jedoch oft als vereinfachende Verzerrung der Realität. Während die evolutionären Wurzeln unseres Verhaltens beleuchtet werden, bleibt die dynamische Interaktion zwischen verschiedenen Hirnregionen und externen Einflüssen im Schatten.

Ein Zirkelschluss (auch Zirkuläres Argument oder Zirkularität) ist ein logischer Fehlschluss, bei dem die Schlussfolgerung in den Prämissen bereits enthalten ist oder diese auf eine Weise voraussetzt. In einem Zirkelschluss wird ein Argument so formuliert, dass es sich selbst bestätigt, ohne unabhängige Beweise oder Erklärungen zu liefern.

Einige Beispiele für Zirkelschlüsse im Zusammenhang mit der Theorie des dreieinigen Gehirns sind:

  • Zirkelschluss: Die Theorie unterstellt, dass Verhaltensweisen, die als „primitiv“ oder „instinktiv“ betrachtet werden, direkt auf das Reptiliengehirn zurückzuführen sind.
    • Problem: Diese Sichtweise ignoriert die Tatsache, dass menschliches Verhalten von einer Vielzahl von Faktoren beeinflusst wird, darunter soziale, kulturelle und individuelle Unterschiede.
  • Zirkelschluss: Das Dreieinige Gehirn modelliert emotionale Reaktionen als direkte Produkte der Aktivität des Reptiliengehirns oder des limbischen Systems.
    • Problem: Diese Sichtweise erzeugt einen Zirkelschluss, indem sie Verhalten und Emotionen ausschließlich durch diese biologischen Strukturen erklärt, ohne den Einfluss von Vernunft, Lernen und sozialen Interaktionen zu berücksichtigen.
  • Zirkelschluss durch evolutionäre Argumentation: Der Frame des Triune Brain legt nahe, dass die evolutionären Ursprünge der verschiedenen Gehirnregionen direkt die gegenwärtigen Verhaltensweisen und emotionalen Reaktionen von Menschen bestimmen.
    • Problem: Diese Argumentation führt zu einem Zirkelschluss, da moderne Verhaltensweisen immer wieder durch einen rückblickenden, evolutionären Kontext erklärt werden, ohne zu berücksichtigen, dass Menschen sich in sozialen und kulturellen Umfeldern entwickeln und anpassen, die nicht einfach auf evolutionäre Ursprünge zurückgeführt werden können.

Der Frame des Triune Brain bietet eine vereinfachte Sicht auf die komplexen Zusammenhänge im menschlichen Verhalten und Emotionen. Die häufigen Zirkelschlüsse, die aus dieser Theorie resultieren, verdeutlichen die Gefahr, die in der Überbetonung biologischer Erklärungen liegt. Indem beobachtetes Verhalten als Bestätigung für die Annahmen des Modells verwendet wird, wird die tatsächliche Komplexität menschlichen Erlebens und Verhaltens ignoriert.

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Überholte evolutionäre Aspekte

Inzwischen sind einige der evolutionären Aspekte überholt, zum Beispiel weiß man, dass alle modernen Wirbeltiere inklusive der Reptilien das Stammhirn von noch älteren gemeinsamen Vorfahren "geerbt" haben. Außerdem zeigen "Stammhirn-Tiere" (insbesondere Vögel) außerordentlich kognitive Fähigkeiten, die weit über das hinausgehen, was McLean dem Stammhirn zuschreibt.

Alternativen und Weiterentwicklungen

Trotz der Kritik hat die Theorie des dreieinigen Gehirns zur Entwicklung anderer Modelle und Theorien beigetragen, die versuchen, die komplexen Funktionen des Gehirns besser zu erklären. Einige dieser Modelle betonen die dynamische Interaktion zwischen den verschiedenen Hirnregionen und berücksichtigen auch den Einfluss von Umweltfaktoren und Erfahrungen.

Anwendung in der Biostruktur-Analyse

Die Biostruktur-Analyse ist ein Ansatz, der auf den Erkenntnissen des Hirnforschers Paul D. MacLean basiert und versucht, die Persönlichkeitsstruktur eines Menschen anhand der Ausprägung der drei Gehirnbereiche (Großhirn, Zwischenhirn und Stammhirn) zu entschlüsseln. Entwickelt wurde sie vom Anthropologen Rolf W. Schirm. Die Farbgebung der verschiedenen Hirnbereiche sind zufällig gewählt und dienen nur der Veranschaulichung.

Die drei Farbtypen

  • Der blaue Typ (Großhirn): Das Großhirn ist zuständig für rationales, systematisches Denken sowie planendes und vorausschauendes Handeln. Jemand, der eine blau-dominante Biostruktur hat, hält Menschen gerne auf Sicherheitsabstand, braucht etwas länger, bis er mit anderen “warm” wird und wirkt eher verschlossen. Der Blau-Typ liebt logische Abfolgen, handelt analytisch und mit Bedacht. Er informiert sich umfangreich über Dinge, die ihn interessieren und hat einen gewissen Hang zu Ordnung und Perfektion.
  • Der rote Typ (Zwischenhirn): Das Zwischenhirn bringt die impulsive, dynamische Seite des Menschen zum Vorschein, mit Selbstbehauptung und Ausrichtung auf Erfolg. Der rot-dominante Typ strebt nach Überlegenheit und Aufmerksamkeit, mag Wettbewerbe, handelt engagiert und ist manchmal sprunghaft - er regelt gern alles für alle. Hier zählt eher der Augenblick, das Hier und Jetzt.
  • Der grüne Typ (Stammhirn): Im Stammhirn sitzen die Erfahrungen, Instinkte und Gefühle. Der grün-dominante Typ handelt gern aus dem in der Vergangenheit gelernten. Es zählen die Gewohnheit, Intuition und Fantasie. Sie vermeiden Veränderungen und probieren ungerne Neues aus. Das Wir-Gefühl des Grün-Typs lässt ihn redselig, gefühlsbetont, fürsorglich und achtsam sein.

Wie stark der jeweilige Bereich ausgeprägt ist, ist völlig individuell und absolut wertfrei zu betrachten. Jeder Mensch trägt einen Mix aus dem Drei-Farben-Modell in seiner Biostruktur, nie nur eine Farbe allein. Manche haben zwei dominante Farben, andere tragen alle drei Farben zu ähnlichen Teilen in sich.

Anwendung der Biostruktur-Analyse

Die Biostruktur-Analyse kann in verschiedenen Bereichen eingesetzt werden, z.B. in der Verkaufsstrategie, im Umgang mit Mitarbeitern und Kunden, oder auch im privaten Bereich, um sich selbst und andere besser zu verstehen. Sie dient dazu, die eigenen Bedürfnisse zu verstehen und gleichzeitig auf die Eigenschaften anderer Menschen besser einzugehen. Die Grundstruktur eines Menschen ist genetisch angelegt, kann aber auch durch Erziehung beeinflusst werden.

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