Pestizide und ihre Auswirkungen auf Nervenzellen: Eine wachsende Besorgnis

Die Auswirkungen von Pestiziden auf die menschliche Gesundheit sind seit langem ein Thema intensiver Forschung und öffentlicher Debatte. Insbesondere die neurotoxischen Effekte dieser Substanzen, also ihre schädigende Wirkung auf Nervenzellen, rücken zunehmend in den Fokus. Die Anerkennung des "Parkinson-Syndroms durch Pestizide" als Berufskrankheit in einigen Ländern und die Empfehlungen von Experten in Deutschland unterstreichen die Dringlichkeit, sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen.

Anerkennung von Parkinson durch Pestizide als Berufskrankheit

Die Empfehlung des Ärztlichen Sachverständigenbeirats Berufskrankheiten (ÄSVB) beim Bundesarbeitsministerium, das "Parkinson-Syndrom durch Pestizide" in die Berufskrankheitenverordnung aufzunehmen, stellt einen bedeutenden Schritt dar. Diese Empfehlung, die auf einem intensiven Beratungsprozess und der Auswertung internationaler wissenschaftlicher Studien basiert, ist eine langjährige Forderung von Gewerkschaften und Fachverbänden. Auch wenn die konkrete Aufnahme in die Berufskrankheitenverordnung noch aussteht, betont eine Ministeriumssprecherin, dass die Erkrankung bereits als sogenannte "Wie-Berufskrankheit" anerkannt werden kann, wodurch Betroffene den gleichen Leistungsumfang wie bei einer Berufskrankheit erhalten.

Diese Anerkennung als Berufsleiden betrifft vor allem Personen, die Herbizide, Fungizide oder Insektizide "langjährig und häufig im beruflichen Kontext selbst angewendet haben", insbesondere Beschäftigte in landwirtschaftlichen Betrieben. Die Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt betont die Notwendigkeit, diesen Betroffenen medizinisch, psychisch und finanziell zu helfen. Mit der Empfehlung der Sachverständigen verfügen Unfallversicherungsträger und Gutachter nun über eine einheitliche und aktuelle wissenschaftliche Grundlage für die Prüfung entsprechender Fälle.

Toxische Wirkung von Pestiziden auf Nervenzellen

Professorin Daniela Berg, Vizepräsidentin der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN), betont, dass der Zusammenhang zwischen der Anwendung von Pestiziden und der Entstehung von Parkinson seit langem bekannt ist. Für eine Reihe von Pestiziden ist eine direkte toxische Wirkung auf Nervenzellen bekannt. Darüber hinaus würden aber auch Stoffwechselvorgänge verändert und Mechanismen induziert, die über die direkte giftige Wirkung hinaus zur Krankheitsentstehung beitrügen, beschreibt die Direktorin der Klinik für Neurologie am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein. Dazu gehörten etwa die Störung des Energieapparates der Zellen oder die Bildung „freier Radikale“.

Es gibt Hinweise darauf, dass nicht nur die direkte Einwirkung von Pestiziden auf Nervenzellen und deren Stoffwechsel eine Rolle spielen, sondern auch indirekte Wirkungen, beispielsweise über die Besiedlung des Magen-Darm-Trakts durch Mikroorganismen.

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Ungeklärte Fragen und Forschungsbedarf

Trotz der bisherigen Erkenntnisse gibt es noch viele offene Fragen. So ist beispielsweise noch nicht geklärt, aufgrund welcher genetischer Konstellationen manche Menschen prädisponierter sind als andere, nach dem Umgang mit Pestiziden Parkinson zu entwickeln. Die bisherige Forschung konzentriert sich hauptsächlich auf isolierte Wirkstoffe, während die reale Gefährdung oft durch Pestizid-Cocktails entsteht, deren Wirkung in Zulassungsstudien nicht berücksichtigt wird.

Schutzmaßnahmen und politische Verantwortung

Angesichts der potenziellen Gefahren raten Experten wie Berg und die IG Bauen-Agrar-Umwelt allen, die mit Pestiziden hantieren, Schutzkleidung zu tragen, einschließlich Handschuhen, festem Schuhwerk und Ganzkörper-Schutzanzügen. Zudem sollten hinreichend schützende Kabinenfahrzeuge und Atemmasken verwendet werden. Berg gibt zu bedenken, dass die Nutzung von Pestiziden massiv reduziert oder gar nicht mehr erfolgen sollte.

Professor Joseph Claßen, Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Parkinson und Bewegungsstörungen (DPG), betont die Notwendigkeit, sich der Gefahren von Pestiziden bewusster zu werden und ihren Einsatz unter dem Aspekt des Schutzes vor neurodegenerativen Erkrankungen auf das Notwendigste zu beschränken und nach für Mensch und Natur unschädlichen Ersatzstoffen verstärkt zu suchen.

Berg sieht auch die Politik in der Verantwortung, klare Rahmenbedingungen für Bildungsmaßnahmen bezüglich eines gesunden Lebensstils und die Umsetzbarkeit dessen für die ganze Bevölkerung zu setzen. Sie kritisiert, dass Obst und Gemüse, Hülsenfrüchte und Vollkornprodukte oft teurer sind als hochprozessierte Lebensmittel, wodurch sich viele Menschen eine gesunde Ernährung weniger oder gar nicht leisten können.

EFSA will Grenzwerte verschärfen

Die EU-Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) will die Grenzwerte für zwei weit verbreitete Schädlingsbekämpfungsmittel, Acetamiprid und Imidacloprid, verschärfen, weil sie das menschliche Nervensystem schädigen könnten. Die Behörde forderte, dass vor der Zulassung von Pestiziden künftig Studien über eine mögliche Gefahr der Inhaltsstoffe für die Hirnentwicklung vorgelegt werden müssen. Das zuständige EFSA-Gremium sei der Meinung, dass die bei der Auswertung der vorliegenden Daten aufgeworfenen Gesundheitsbedenken „berechtigt" seien. Deswegen müssten EU-weit vor der Zulassung neuer Pflanzenschutzmittel künftig Studien über die Gefährlichkeit von Neonikotinoiden vorgelegt werden.

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Fallbeispiel eines betroffenen Landwirts

Hubert Roßkothen, ein Landwirt aus Oberbayern, erfuhr erst 2020, dass er an Parkinson erkrankt ist. Im vergangenen Jahr brachte ihn ein Schreiben der bayerischen Berufsgenossenschaft für Landwirtschaft auf die Fährte, dass seine Erkrankung mit seinem Beruf zusammenhängen könnte. Seit 2024 ist Parkinson bei Landwirten, Winzerinnen oder Gärtnern eine anerkannte Berufskrankheit, wenn bestimmte Voraussetzungen erfüllt sind. Roßkothen hofft, dass sein Antrag auf Berufskrankheit bald genehmigt wird, da er aufgrund seiner gesundheitlichen Einschränkungen dringend auf eine kleine Rente angewiesen ist.

Erkenntnisse aus den USA

Ein Gesetz in Kalifornien schreibt seit 1974 vor, dass Farmer melden müssen, wann, wo und was sie spritzen. Diese Daten fließen in ein zentrales Register ein, das sich für Prof. Dr. Beate Ritz als Schatzkiste für ihre Forschung erwies. Mithilfe dieses Registers konnte Ritz den Zusammenhang zwischen Pestizid-Exposition und Parkinson besser erforschen.

Wirkungsweise von Pestiziden auf Nervenzellen

Professor Dr. Daniela Berg erklärt, dass Nervenzellen im Gehirn, die für die Dopaminherstellung verantwortlich sind, durch bestimmte Pestizide direkt geschädigt werden. Diese Schädigung ist bei Parkinson für die Hauptsymptome wie etwa die Verlangsamung von Bewegungen verantwortlich. Tierstudien zeigen, dass die Toxine den Energie- und den Stützapparat der Nervenzellen beeinträchtigen können.

Pestizide und die Darm-Hirn-Achse

Neuere Forschungen deuten darauf hin, dass Pestizide auch über den Darm wirken können. Neurologin Eva Schäffer vom UKSH in Kiel hat sich auf diesen Forschungsansatz spezialisiert. Pestizide könnten dort dafür sorgen, dass für uns "schlechte" Mikroorganismen die Oberhand gewinnen und einen Entzündungsprozess in Gang setzen. Zudem gibt es eine direkte Verbindung zwischen Darm und Gehirn - den Vagus-Nerv. Alpha-Synuclein, ein fehlgefaltetes Eiweiß, das sich bei fast allen Parkinson-Erkrankten findet, könnte auch auf diesem Weg das Gehirn erreichen.

Dr. Schäffer geht davon aus, dass auch das viel diskutierte Totalherbizid Glyphosat - dessen Genehmigung von der EU-Kommission zuletzt 2023 um weitere zehn Jahre verlängert wurde - das Gehirn schädigen kann. Dabei dürfte Dr. Schäffer zufolge ebenfalls die Darm-Gehirn-Achse eine Rolle spielen. Das Herbizid beeinflusst den Shikimat-Weg, den es beim Menschen nicht gibt. Das ist der Grund dafür, warum Glyphosat als relativ sicher gilt. Dieser Stoffwechselweg ist aber für etwa 54 % der Bakterien des menschlichen Darmmikrobioms essenziell. Daher rechnet Dr. Schäffer auch bei Glyphosat-Exposition mit einer intestinalen Dysbiose.

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Pestizide im Alltag: Wie kann man sich schützen?

Obwohl Lebensmittel aus der EU kaum oder nur wenig mit Pestiziden belastet sind, nimmt der Mensch diese Stoffe nicht nur über die Nahrung auf, sondern auch über die Luft oder die Haut. Daher ist es wichtig, sich vor Pestiziden im Alltag zu schützen:

  • Verwenden Sie möglichst gar keine Pflanzenschutzmittel im privaten Garten.
  • Falls sich die Verwendung nicht umgehen lässt, vermeiden Sie es auf jeden Fall, den Sprühnebel der Mittel einzuatmen.
  • Tragen Sie Handschuhe und Kleidung, die den ganzen Körper bedeckt.
  • Meiden Sie Spaziergänge in der Nähe von Feldern, auf denen vor Kurzem gespritzt wurde.
  • Falls Sie in der Nähe von konventionell bewirtschafteten landwirtschaftlichen Flächen leben, halten Sie die Fenster geschlossen, während draußen gespritzt wird.
  • Kaufen Sie heimische Produkte in der Saison, auch Bio-Ware ist eine gute Wahl.
  • Waschen Sie Obst und Gemüse immer gründlich unter fließendem Wasser.
  • Waschen Sie sich die Hände, nachdem Sie Zitrusfrüchte, Mangos oder Bananen geschält haben.

Glyphosat und Nervenschäden

Neurowissenschaftler der Neurologischen Klinik des Universitätsklinikums Essen (UK Essen) haben untersucht, inwieweit Glyphosat oder freiverkäufliche glyphosathaltige Pflanzenschutzmittel Einfluss auf Zellen des peripheren Nervensystems haben. Das Ergebnis: Glyphosat-basierte Pflanzenschutzmittel können schädigenden Einfluss auf das sogenannte periphere Nervensystem haben. Dabei spielen nicht deklarierte und benannte Inhaltsstoffe in diesen Pflanzenschutzmitteln eine wichtige Rolle.

Neonicotinoide und ihre Auswirkungen auf Nervenzellen

Neonicotinoide sind synthetisch hergestellte Wirkstoffe, die zur Bekämpfung von Insekten eingesetzt werden. Forschende des NMI fanden jüngst mit Hilfe humanen LUHMES (LUnd Human MESencephalic) Zellen heraus, dass Neonicotinoide einen erheblichen Effekt auf Nervenzellen haben. Die Ergebnisse der Studie zeigten, dass ein Abbauprodukt des Neonicotinoids Imidacloprid deutlich stärkere Auswirkungen auf Neurone hat, als sein Ausgangsstoff. Die Wirksamkeit ist vergleichbar mit Nikotin und als akute Störsubstanz auf das humanen Neuronenmodell messbar.

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