Das Raynaud-Syndrom, auch bekannt als „Weißfingerkrankheit“ oder „Leichenfinger“, ist eine Gefäßerkrankung, die durch anfallsartige Durchblutungsstörungen, meist in den Fingern, gekennzeichnet ist. Dieses Phänomen, benannt nach dem französischen Arzt Maurice Raynaud, kann für Betroffene sehr belastend sein und wird oft durch Kälte oder Stress ausgelöst. In diesem Artikel werden die Ursachen, Symptome, Diagnose und Behandlungsmöglichkeiten des Raynaud-Syndroms detailliert erläutert.
Was ist das Raynaud-Syndrom?
Das Raynaud-Syndrom (Morbus Raynaud) ist eine Durchblutungsstörung, die durch Gefäßkrämpfe (Vasospasmen) hervorgerufen wird. Die Krämpfe treten anfallsartig meist an den Fingern auf, seltener an den Zehen und anderen Körperpartien. Sie führen dazu, dass sich die Blutgefäße zusammenziehen und den Blutfluss zu der betroffenen Körperregion behindern. Die Erkrankung ist durch eine akute Mangeldurchblutung gekennzeichnet, die durch eine anfallartig auftretende Engstellung der Gefäße verursacht wird. Die Gefäße verkrampfen, was sich meist an den Fingern und Zehen äußert.
Symptome des Raynaud-Syndroms
Ein typisches Symptom des Raynaud-Syndroms ist, dass sich die Finger (meist mit Ausnahme des Daumens) oder die Zehen während einer Attacke zunächst blass und später blau färben. Aufgrund der eintretenden Blässe ist die Erkrankung auch als Weißfingerkrankheit oder Leichenfingerkrankheit bekannt. Viele Betroffene leiden unter Missempfindungen und Taubheitsgefühlen, auch Schmerzen sind häufig. Die Attacken dauern meist nicht länger als eine halbe Stunde. Anschließend ist die Haut oft gerötet.
Das Trikolore-Phänomen
Den typischen dreiphasigen Farbverlauf von blass nach blau und später rot bezeichnen Mediziner auch als Trikolore-Phänomen. Aufgrund dieser auftretenden Farben und in Anlehnung an die französische Flagge wird die dreistufige Verfärbung auch als Trikolore-Phänomen bezeichnet. Es kann jedoch sein, dass nicht alle Phasen auftreten.
Ursachen des Raynaud-Syndroms
Die Ursachen des Raynaud-Syndroms lassen sich in zwei Hauptkategorien einteilen: das primäre und das sekundäre Raynaud-Syndrom.
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Primäres Raynaud-Syndrom
Das primäre Raynaud-Syndrom ist eine eigenständige Krankheit ohne Grunderkrankung. Es handelt sich um eine eigenständige Krankheit, die nicht auf einer bestehenden Grunderkrankung basiert. Dabei sind die Glieder meist beidseitig betroffen und können zwischen den Anfällen entweder kalt sein oder auch leicht zum Schwitzen neigen. Die genauen Ursachen für das primäre Raynaud-Syndrom sind nicht bekannt. Forschende vermuten, dass funktionelle Veränderungen der Gefäßwand eine Rolle spielen oder Störungen in der Nervensteuerung der Gefäßspannung. Eventuell reagieren die Arterien überempfindlich, wenn Stresshormone wie Adrenalin oder Noradrenalin ausgeschüttet werden. Zudem könnte eine erbliche Veranlagung eine Rolle spielen, denn das primäre Raynaud-Syndrom tritt familiär gehäuft auf.
Sekundäres Raynaud-Syndrom
Die sekundäre Form des Raynaud-Syndroms basiert hingegen auf einer bereits bestehenden Grunderkrankung. Hier liegt meist nur ein einseitiger Befall vor. Hinter einem sekundären Raynaud-Syndrom können verschiedene Grunderkrankungen stecken. Am häufigsten sind dies Bindegewebserkrankungen aus dem Spektrum der entzündlich-rheumatischen Erkrankungen, insbesondere die systemische Sklerodermie. Weitere Bindegewebserkrankungen wie Lupus erythematodes oder das SHARP-Syndrom können ebenfalls ein sekundäres Raynaud-Syndrom mit sich bringen. Auch manche Arzneiwirkstoffe und chemische Substanzen können ein Raynaud-Syndrom auslösen, zum Beispiel bestimmte Medikamente gegen Migräne, Blutdrucksenker, Nasentropfen, die abschwellend wirken, Präparate zum Abstillen oder Medikamente einer Chemotherapie. Nikotin, Kokain oder Amphetamine können das Auftreten ebenfalls beeinflussen. Auch im Rahmen eines Karpaltunnelsyndroms können Raynaud-Phänomene auftreten.
Weitere Auslöser
Als Auslöser kommen aber auch psychische Belastungen (wie Stress, Angst oder Anspannung), starkes und regelmäßiges Rauchen, hormonelle Umstellungen oder verschiedene Medikamente in Frage. Dauerhaftes Arbeiten mit den Fingern - ob auf der Computertastatur oder als professioneller Pianist - kommt als Ursache ebenso in Frage wie Verschlüsse der Fingerarterien durch Verletzungen beim Handwerken (Hammer-Syndrom). Auch Arbeiten in großer Kälte und Feuchtigkeit wie an Kühltheken oder bei der Reinigung können dazu führen.
Diagnose des Raynaud-Syndroms
Der erste Ansprechpartner bei einem Raynaud-Syndrom ist der Hausarzt, der gegebenenfalls an einen Rheumatologen überweist. In der Regel reicht eine ausführliche Beschreibung der Symptome schon aus, um die Diagnose "Raynaud-Syndrom" zu stellen. Das ärztliche Gespräch liefert wichtige Hinweise auf Art und Ursache eines Raynaud-Syndroms.
Anamnese
Im Gespräch wird der Arzt unter anderem folgende Fragen stellen:
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- Kommt es zu plötzlichen Verfärbungen der Hände, eventuell verbunden mit Schmerz?
- Treten die Symptome symmetrisch an beiden Händen auf?
- Treten die Symptome häufig unter Stress oder bei Kälte auf?
- Sind Veränderungen an Haut oder Nägeln vorhanden?
- Sind Vorerkrankungen bekannt?
- Gibt es ähnliche Fälle in der Familie?
Körperliche Untersuchung
Eine Reihe von Tests erhärtet die Diagnose eines Raynaud-Syndroms.
- Faustschlussprobe: Mithilfe der Faustschlussprobe beispielsweise lässt sich der Bluteinstrom in die Finger im Seitenvergleich prüfen. Dazu umschließt der Arzt fest das Handgelenk des Patienten und lässt ihn die Faust circa 20 Mal schließen und wieder öffnen. Liegt ein Raynaud-Syndrom vor, werden die Finger bei diesem Experiment in der Regel blass.
- Allen-Test: Der Allen-Test dient der Untersuchung der Arterien, die Blut in die Hand leiten. Der Arzt drückt nacheinander eine der beiden Arterien ab und überprüft, ob die jeweils offene Arterie die Hand ausreichend mit Blut versorgt. Wird die Hand während der Kompression blass, so ist die nicht abgedrückte Arterie vermutlich verschlossen.
- Kälteprovokationstest: Durch einen Kälteprovokationstest stellt der Arzt fest, ob Kälte ein möglicher Auslöser einer Attacke ist. Dazu taucht der Betroffene die Hände für rund drei Minuten in Eiswasser. Diese Untersuchung ist jedoch umstritten, da sich die Attacken so nicht zuverlässig auslösen lassen.
- Inspektion der Hände: Wichtig bei einem Verdacht auf ein Raynaud-Syndrom ist zudem die Inspektion der Hände. Dabei achtet der Arzt auf Wunden und Gewebeschäden wie abgestorbene Areale an den Fingerkuppen, sogenannte Rattenbiss- oder Fingerkuppennekrosen. Außerdem sucht der Arzt nach Veränderungen am Nagel.
Kriterien für die Diagnose
Die Kriterien für die Diagnose eines primären Raynaud-Syndroms sind:
- Beide Hände sind betroffen.
- Die Attacken erfolgen vor allem bei Kälte oder Stress.
- Es liegen keine Gewebeschäden vor.
- Die Symptome treten bereits über zwei Jahre auf, ohne dass eine zugrunde liegende Krankheit festgestellt wurde.
- Weitere Untersuchungen sind unauffällig.
Für eine primäre Form des Raynaud-Syndroms spricht außerdem, wenn die Betroffenen jung (unter 30) und weiblich sind oder zusätzlich unter Migräne oder einer speziellen Form der Herzenge (Prinzmetal-Angina) leiden. Beiden Krankheiten liegen Verkrampfungen bestimmter Blutgefäße zugrunde.
Die Kriterien, die für das Vorliegen eines sekundären Raynaud-Syndroms sprechen, sind:
- Es ist nur eine Hand betroffen.
- Das Gewebe in den betroffenen Regionen ist geschädigt.
- Treten die Beschwerden bei Männern auf, die über 30 Jahre alt sind, spricht das ebenfalls eher für ein sekundäres Raynaud-Syndrom.
Auch bestimmte Erkrankungen, beispielsweise eine Nierenentzündung oder Knochenschmerzen sowie die Einnahme bestimmter Medikamente oder der Konsum von Drogen, verstärken den Verdacht.
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Weitere Untersuchungen
Um das Raynaud-Syndrom sicher von anderen Erkrankungen mit zum Teil ähnlichen Symptomen abzugrenzen, ist eine Reihe weiterer Untersuchungen möglich.
- Kapillarmikroskopie: Im Rahmen einer Kapillarmikroskopie untersucht der Arzt die kleinsten Gefäße (Kapillaren) der Hände. Damit lässt sich beispielsweise eine Sklerodermie als Ursache eines sekundären Raynaud-Syndroms feststellen. Diese Krankheit geht mit Riesenkapillaren, gefäßfreien Regionen und kleineren Blutungen einher.
- Blutuntersuchungen: Bluttests decken weitere Erkrankungen auf, die mitunter ein sekundäres Raynaud-Syndrom zur Folge haben. Wichtig sind zum Beispiel ein Blutbild, die Entzündungswerte sowie der Nachweis bestimmter Antikörper. Dazu gehören sogenannte ANA und anti-DNS-Antikörper, die typisch für die seltene Immunerkrankung Lupus erythematodes sind.
- Bildgebende Verfahren: Die Magnetresonanz-Angiografie und die Duplexsonografie ermöglichen den Nachweis von Gefäßkrämpfen (Spasmen), Verengungen (Stenosen) und anderen Gefäßveränderungen. Es empfiehlt sich in der Regel, zusätzlich auch Herz- und Halsgefäße zu untersuchen. Während der Untersuchung hat der Arzt die Möglichkeit, einen sogenannten α-Blocker zu verabreichen. Dieses Medikament bewirkt, dass sich die Verengung öffnet. Wenn dies nicht der Fall ist, so ist von einer Gefäßerkrankung auszugehen.
Behandlung des Raynaud-Syndroms
Die Behandlung des Raynaud-Syndroms zielt darauf ab, die Symptome zu lindern und die Häufigkeit und Schwere der Anfälle zu reduzieren. Die Therapie richtet sich nach der Ursache des Syndroms und dem Schweregrad der Beschwerden.
Allgemeine Maßnahmen
- Kälteschutz: Der Schutz vor Kälte und Nässe hat oberste Priorität. Bereits im Herbst sollten Handschuhe getragen und insgesamt auf einen guten Wärmeschutz geachtet werden. Betroffene sollten zudem schnelle Temperaturwechsel wie etwa am Kühlregal im Supermarkt meiden.
- Rauchverzicht: Betroffene sollten zudem unbedingt das Rauchen einstellen, denn das Nikotin sorgt für ein Zusammenziehen der Gefäße und behindert somit den Blutfluss.
- Stressmanagement: Gegen Stress können Entspannungsübungen helfen, etwa Yoga oder Autogenes Training.
- Ernährung: Gegebenenfalls hilft auch eine Ernährung, die reich an Omega-3-Fettsäuren ist, dies ist jedoch wissenschaftlich nicht eindeutig bewiesen.
- Vermeidung von Vibrationen: Chronische Vibrationen können zur Entstehung von Durchblutungsstörungen beitragen und diese auch verschlimmern.
- Medikamentenüberprüfung: Wie bereits beschrieben, können einige Medikamente das Raynaud-Syndrom auslösen. Hierzu zählen unter anderem Betablocker oder auch Antibabypillen.
Medikamentöse Behandlung
Bislang ist die medikamentöse Behandlung des Raynaud-Syndroms eher unbefriedigend, denn dabei wird versucht, die Anfälle mit Hilfe von gefäßerweiternden Medikamenten zu verhindern. Es wird zwischen zwei Arten von Medikamenten unterschieden: Einige werden direkt auf die betroffene Stelle aufgetragen, andere hingegen wirken im zentralen Nervensystem. Zu den Präparaten gehören in erster Linie die Kalziumantagonisten, etwa die Wirkstoffe Verapamil oder Nifedipin. Alternativ kommen ACE-Hemmer und Prostaglandin-Analoga zum Einsatz.
Operative Maßnahmen
Sind die Durchblutungsstörungen in den Fingern stark ausgeprägt, kann eine so genannte Sympathektomie als operative Maßnahme angewendet werden. Dabei wird der Sympathikus-Nerv bei einem chirurgischen Eingriff durchtrennt. Leider ist diese Methode jedoch nicht für immer beschwerdefrei, sondern hält meist nur einen bestimmten Zeitraum (von einigen Monaten bis hin zu zwei oder drei Jahren) an.
Behandlung des sekundären Raynaud-Syndroms
Bei der sekundären Variante ist es wichtig, zunächst die Grunderkrankung zu therapieren. Das beeinflusst auch das Raynaud-Syndrom.
Vorbeugung
Es ist prinzipiell nicht möglich, dem Raynaud-Syndrom vorzubeugen. Für die Betroffenen ist es jedoch ratsam, Auslöser der Attacken, also vor allem Stress und Kälte, zu vermeiden. Menschen mit Raynaud-Syndrom sollten zudem auf das Rauchen verzichten. Für Betroffene mit sekundärem Raynaud-Syndrom ist es wichtig, die Grunderkrankung vom Arzt behandeln zu lassen.