Die Alzheimer-Forschung steht seit Langem vor großen Herausforderungen. Trotz jahrzehntelanger intensiver Forschung sind die genauen Ursachen der Krankheit noch immer nicht vollständig verstanden, und es gibt bisher keine Medikamente, die den Krankheitsverlauf aufhalten können.
Die Komplexität der Alzheimer-Krankheit
Alzheimer ist eine fortschreitende, neurodegenerative Erkrankung, bei der Nervenzellen im Gehirn allmählich absterben. Die medizinische Bezeichnung Demenz ist ein Oberbegriff für verschiedene Erkrankungen, die jeweils mit dem Verlust geistiger Fähigkeiten wie Orientierung, Sprache und Erinnerungsvermögen einhergehen. Alzheimer ist die häufigste Form der Demenz und macht etwa 60 bis 70 Prozent aller Diagnosen aus.
Charakteristisch für die Alzheimer-Krankheit sind zwei Arten von Plaques, Eiweißablagerungen im Gehirn. Die erste entsteht durch das Protein Beta-Amyloid, das sich an den Nervenzellen ansammelt. Bei Alzheimer wird es nicht mehr richtig abgebaut, wodurch es verklumpt und die Nervenzellen von außen zerstört. Im Inneren der Zelle bilden sich zusätzlich fehlerhafte sogenannte Tau-Proteine, die eigentlich mit dafür sorgen, dass Nährstoffe zwischen den Gehirnzellen transportiert werden. Durch die Verformung gelingt dies nicht mehr, und die Nervenzellen sterben ab.
Schwierigkeiten in der Alzheimer-Forschung
Die Alzheimer-Forschung steht vor mehreren großen Herausforderungen:
- Frühe Diagnose: Die Alzheimer-Krankheit wird meist erst in einem späteren Stadium festgestellt, da die Anfangsphase eher unauffällig ist. Dadurch wird es schwieriger, die Erkrankung effektiv zu behandeln.
- Unklare Ursachen: Die genaue Ursache von Alzheimer ist noch nicht bekannt. Die Forschung konzentriert sich zwar auf die Beta-Amyloid- und Tau-Protein-Ablagerungen, aber es ist noch unklar, welche Rolle diese bei der Entstehung der Krankheit spielen.
- Komplexe Krankheitsmechanismen: Die Mechanismen, die zum kognitiven Abbau bei Alzheimer führen, sind komplex und noch nicht vollständig verstanden.
- Späte Behandlung: Wenn Patienten in die Klinik kommen, ist das Gehirn bereits teilweise zerstört, und zwar unwiederbringlich. Darüber hinaus ist die Amyloidkaskade bereits seit langem in Gang gesetzt und läuft bereits unabhängig von ihrem Auslöser, dem Amyloid, ab.
- Mangel an Früherkennungstests: Es fehlt momentan ein massentauglicher Früherkennungstest, der die Zerstörung des Gehirns frühzeitig anzeigt.
Der Hoffnungsträger Lecanemab
Trotz der vielen Schwierigkeiten gibt es in der Alzheimer-Forschung auch Hoffnung. Ein vielversprechender Ansatz ist die Entwicklung von Medikamenten, die direkt in die Krankheitsmechanismen eingreifen. Ein solches Medikament ist Lecanemab, ein monoklonaler Antikörper, der sich gezielt gegen Beta-Amyloid-Ablagerungen im Gehirn richtet.
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Wirkungsweise von Lecanemab
Lecanemab bindet sich an lösliche Amyloid-Beta-Moleküle und kann so die Bildung neuer Plaques verhindern. Bestehende Plaques kann es jedoch nicht auflösen. Deshalb ist Lecanemab nur für Patienten in einem sehr frühen Stadium geeignet, die lediglich unter leichten geistigen Einbußen leiden - und das ausschließlich aufgrund von Alzheimer. Bei anderen Formen von Demenz wirkt das Mittel nicht.
Zulassung und Verfügbarkeit von Lecanemab
Die europäische Arzneimittelagentur EMA hat Lecanemab zur Behandlung von leichter kognitiver Beeinträchtigung oder leichter Demenz in einem frühen Stadium der Alzheimer-Krankheit zugelassen. In den USA ist Lecanemab bereits seit 2023 unter dem Handelsnamen Leqembi® auf dem Markt. In Deutschland wurde Leqembi® im September 2025 zugelassen.
Voraussetzungen für die Behandlung mit Lecanemab
Die Behandlung mit Leqembi® ist nicht für alle Patienten mit Alzheimer geeignet. Das Medikament ist ausschließlich für Menschen mit einer frühen Alzheimer-Erkrankung zugelassen. Dazu zählen Personen mit einer leichten kognitiven Beeinträchtigung (Mild Cognitive Impairment, MCI) oder einer leichten Alzheimer-Demenz.
Eine wesentliche Voraussetzung zur Verordnung und Kostenerstattung von Leqembi® ist der Nachweis von krankhaften Amyloid-beta-Ablagerungen im Gehirn. Dieser Nachweis kann durch eine Untersuchung des Nervenwassers aus dem Gehirn oder durch eine Amyloid-PET erbracht werden.
Patienten, die zwei Kopien der Risikovariante ApoE4 tragen (ApoE4-Homozygote), sind von der Behandlung mit Leqembi® ausgeschlossen, da sie ein stark erhöhtes Risiko für schwere Nebenwirkungen haben.
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Durchführung der Behandlung mit Lecanemab
Leqembi® wird alle zwei Wochen als intravenöse Infusion verabreicht. Jede Infusion dauert etwa eine Stunde und findet unter medizinischer Aufsicht in einer Klinik oder einer spezialisierten Ambulanz statt.
Die Behandlung mit Leqembi® ist zusätzlich an regelmäßige Kontrolluntersuchungen mittels Magnetresonanztomografie (MRT) gebunden, um mögliche Nebenwirkungen wie Hirnschwellungen oder Blutungen frühzeitig zu entdecken.
Die Therapie ist als langfristige Behandlung konzipiert und wird fortgesetzt, solange sie wirksam ist und gut vertragen wird.
Risiken und Nebenwirkungen von Lecanemab
Wie bei jeder anderen Behandlung mit innovativen psychiatrischen Arzneimitteln ist auch die Anwendung von Leqembi® mit Risiken und Nebenwirkungen verbunden. Zu den möglichen Nebenwirkungen gehören Hirnschwellungen (ARIA-E) oder Blutungen (ARIA-H). Diese schwerwiegenden Nebenwirkungen sind bei vielen Patienten symptomlos und werden nur auf den MRT-Bildern entdeckt. In seltenen Fällen können sie jedoch zu ernsten Symptomen wie Kopfschmerzen, Verwirrtheit oder Krampfanfällen führen.
Kosten der Behandlung mit Lecanemab
Die Kosten für die Behandlung mit Lecanemab sind vergleichsweise hoch und liegen schätzungsweise zwischen 20.000 und 30.000 Euro pro Jahr und Patient. Die gesetzlichen Krankenkassen in Deutschland übernehmen jedoch bei sachgemäßer Anwendung die Kosten für die Behandlung mit Leqembi®, da das Medikament nach EU-Zulassung verfügbar und als notwendig erachtet wird.
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Studienergebnisse zu Lecanemab
Eine zweijährige Real-World-Studie, die im Juli 2025 auf der Alzheimer’s Association International Conference (AAIC) präsentiert wurde, untersuchte die tatsächliche klinische Behandlung von Leqembi® an 15 medizinischen Zentren in den USA. In dieser Studie wurden 178 Patienten mit leichter kognitiver Beeinträchtigung oder leichter Alzheimer-Demenz erfasst. Die Patienten hatten ein Durchschnittsalter von etwa 74 Jahren. 87,4 Prozent der Patienten setzten die Behandlung langfristig fort. Nebenwirkungen führten nur selten zum Abbruch der Therapie mit Leqembi®.
Kritik an Lecanemab
Nicht alle Fachleute sind von der Zulassung von Lecanemab begeistert. Einige kritisieren, dass das Medikament nur eine unmerkliche Verlangsamung der Demenz bewirkt, während es gleichzeitig schwerwiegende unerwünschte Nebenwirkungen haben kann. Zudem ist fraglich, wie alltagsrelevant die messbare leichte Verzögerung des Krankheitsverlaufs überhaupt ist.
Andere bemängeln, dass sich die Wissenschaft zu sehr auf die Amyloid-Hypothese konzentriert hat und andere mögliche Treiber der Krankheit beiseitegeschoben hat. Sie fordern mehr Offenheit in der Forschung und eine verstärkte Prävention.
Weitere Forschungsansätze in der Alzheimer-Forschung
Neben der Bekämpfung der Amyloid-Plaques gibt es auch andere Forschungsansätze in der Alzheimer-Forschung. Viele Forschungsgruppen suchen nach einem wirksamen Wirkstoff gegen das Tau-Protein, das ebenfalls als eine wichtige Ursache für das Absterben von Nervenzellen gilt.
Ein weiterer vielversprechender Ansatz ist die Entwicklung von Früherkennungstests, die die Krankheit lange vor ihrem Ausbruch erkennen können. Mit ihrer Hilfe könnten Mediziner die Krankheit frühzeitig diagnostizieren und eine entsprechende Therapie einleiten - vielleicht auch in Verbindung mit einem gesunden Lebensstil mit viel Bewegung und gesunder Ernährung.