Die physiotherapeutische Behandlung von Patienten mit Störungen des zentralen Nervensystems (ZNS) erfordert spezialisierte Kenntnisse und Fertigkeiten. Eine entsprechende Weiterbildung ermöglicht es Physiotherapeuten, ihre Kompetenzen in diesem Bereich zu erweitern und ihre Patienten optimal zu betreuen. Dieser Artikel beleuchtet die verschiedenen Aspekte einer solchen Weiterbildung, einschließlich der relevanten Therapiekonzepte, Inhalte und Fortbildungsmöglichkeiten.
Einführung in die neurologische Physiotherapie
Neurologische Behandlungsmethoden finden vor allem bei Erwachsenen und Kindern mit Störungen des zentralen Nervensystems (wie Gehirn und Rückenmark) Anwendung. Die neurologische Behandlung geht davon aus, dass alle menschlichen Bewegungsmuster seit der frühesten Kindheit in unserem zentralen Nervensystem abgespeichert werden. Wenn eine Erkrankung dieses Muster verändert, können die Bewegungsabläufe also wieder hervorgerufen werden. Das heißt, dass sich der Körper wieder an bestimmte Bewegungsmuster "erinnert".
Die Bedeutung der KG-ZNS
Die KG-ZNS (Krankengymnastik-Zentralnervensystem) ist eine Zusammenfassung mehrerer neurologischer Behandlungskonzepte. Neurologische Patienten können sich demnach ausschließlich von fortgebildeten Physiotherapeuten auf ärztliches Rezept behandeln lassen. Die Fachärzte, die am häufigsten neurologische Behandlungen verschreiben, sind Neurologen, Rehabilitationsmediziner und Orthopäden. Da in der Regel ein langer Behandlungszeitraum anstehen kann, sind auch einige Hausärzte dazu bereit, sie bei ihrer Behandlung zu unterstützen.
Es ist etwas irreführend, dass die KG-ZNS nur zur Behandlung von zentralen Beeinträchtigungen geeignet ist. Medizinisch trennt man das Zentralnervensystem (Hirn und Rückenmark) von dem peripheren Nervensystem (Alle Nerven, die nach dem Austreten aus der Wirbelsäule im Körper verlaufen). Ärzte und Therapeuten trennen die zwei Bereiche in ihrer Therapie nicht. Alle neurologischen Erkrankungen können mit der KG-ZNS gut behandelt werden.
Häufige neurologische Erkrankungen
Einige der häufigsten neurologischen Erkrankungen, die von einer KG-ZNS-Behandlung profitieren können, sind:
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- Amyotrophe Lateralsklerose (ALS)
- Morbus Parkinson
- Multiple Sklerose (MS)
- Querschnittslähmungen
- Schlaganfall
- Schädel-Hirn-Trauma
- Zentrale Bewegungsstörungen
- Zerebralparesen
- Lähmungen
- Polyneuropathien
- Fußheberparesen / Fußheberschwächen
Schmerzfreiheit als Therapieziel
Alle neurologischen Behandlungsformen der KG-ZNS sind schmerzfrei. Viel mehr müssen sie schmerzfrei sein. Gerade bei zentralen Störungen unseres Nervensystems kann es durch Schmerzen zu Krämpfen oder noch gravierender zu Spastiken kommen. Die Spastiken behindern erheblich die Therapie und verhindern, dass der Patient seine Übungen korrekt ausüben kann.
Ebenfalls ist es möglich, dass das gestörte Nervensystem Schmerzen verstärkt weitergibt oder in manchen Fällen gar nicht. Wenn der Patient Schmerzen nicht mehr wahrnimmt, kann es sogar gefährlich werden. Es ist möglich, dass Verletzungen an Haut, Muskulatur oder Skelett nicht wahrgenommen werden. Schmerzen sind also zu jeder Zeit zu vermeiden.
Therapiekonzepte in der neurologischen Physiotherapie
Die zwei bekanntesten Therapiekonzepte der KG-ZNS innerhalb der Physiotherapie sind die Propriozeptive Neuromuskuläre Fazilitation (PNF) und die Bobath-Therapie.
Propriozeptive Neuromuskuläre Fazilitation (PNF)
Bei dieser Behandlungsmethode verstärkt der Therapeut durch dreidimensionale Bewegungen des Patienten alle äußeren sowie inneren Reize des betroffenen Körperabschnitts. Dabei wird die vollständige Wiederherstellung der Bewegungsmuster angestrebt. Ist das nicht mehr möglich, entwickelt der Therapeut mit dem Patienten eine ähnliche Bewegung, die dem gleichen Ziel dient.
Die Patientenorientierung von PNF zielt ab auf Aktivitäten des täglichen Lebens, in denen sich die Menschen verbessern möchten. Die Nutzung der ICF (International Classification of Functioning, Disability and Health, WHO Genf 2001; www.dimdi.de) für Befundung, Behandlung und Dokumentation mit Ergebnisdarstellung macht diese Weiterbildung zu einem aktuellen wichtigen Baustein für Therapeuten in allen Bereichen der Rehabilitation. Vor dem Hintergrund verfügbarer aktueller Literatur und relevanten neurowissenschaftlichen Erkenntnissen stellt das PNF Konzept einen therapeutischer Zugang auf allen Ebenen des ICF dar - von Fazilitation zu Partizipation!
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Die PNF-Zertifikats-Weiterbildung ist ein internationales und etabliertes Therapiekonzept (siehe auch www.IPNFA.org). Das in den Physiotherapie-Schulen vermittelte Basiswissen wird in den PNF-Kursen weiterentwickelt und ausgebaut. Erfolgreiche Strategien für die Bewältigung des Alltages nach Schädigungen des ZNS zu finden, zu erproben und umzusetzen, ist die Philosophie jedes ausgebildeten PNF-Therapeuten. Der Kerngedanke des Lernens durch Wiederholung (Repetitives Training)- auch Gerätegestützt, die Alltags- und Aufgabenorientierte Therapiekonzeption, die Grundlagen des Motorischen Lernens sowie der Motorischen Kontrolle sind integrale Bestandteile der Kursinhalte. Die Anwendung standardisierter Mess-und Testverfahren erlauben eine objektive Reflektion der Therapieerfolge.
Inhalte des Seminars:
- Theoretische und praktische Vermittlung in PNF für alle klinischen Bereiche mit dem Schwerpunkt Neurologie
- Patientendemonstration durch die Kursleitung und Patientenbehandlung durch die Kursteilnehmer unter Supervision
- Erstellen einer Hausarbeit (Fallstudie) als Vorbereitung für die Prüfung
- Zertifizierter Abschluss nach erfolgreicher dreiteiligen Prüfung 1. schriftlich MC 2. Erstellen eines Fallberichtes in Anlehnung an die ICF mit Dokumentation der Untersuchungsergebnisse, Behandlungsstrategien und Behandlungsergebnissen mittels standardisierter Meß-und Testverfahren 3.
Bobath-Konzept
Im Unterschied zu anderen Konzepten gibt es in der Bobath-Therapie keine standardisierten Übungen. Im Vordergrund stehen individuelle und alltagsbezogene therapeutische Aktivitäten, die den Patienten in seinem Tagesablauf begleiten. Das Konzept basiert auf der Plastizität des zentralen Nervensystems, also der Fähigkeit, nach einem Trauma Bewegungsabläufe wieder neu erlernen zu können.
Das Bobath-Konzept gehört zu den weltweit anerkannten Therapieansätzen in der neurologischen Rehabilitation. Es richtet sich an Patienten mit Störungen des zentralen Nervensystems und zielt darauf ab, Bewegungs- und Funktionsfähigkeit durch gezielte Förderung motorischer Kontrolle und sensomotorischer Integration zu verbessern.
Das Besondere am Bobath-Konzept ist sein ganzheitlicher, problemlösungsorientierter Ansatz. Der Patient steht im Mittelpunkt eines dynamischen Prozesses aus Befundaufnahme, Behandlung und Anpassung an wechselnde Lebens- und Umgebungsbedingungen. Die Behandlung orientiert sich nicht an starren Techniken, sondern an individuellen Bedürfnissen und funktionellen Zielen.
Über die Jahrzehnte hat sich das Bobath-Konzept stetig weiterentwickelt und orientiert sich heute an aktuellen Erkenntnissen der Neurowissenschaften, der Bewegungswissenschaft und der Neuroplastizität. Im Zentrum steht das Prinzip, dass das Gehirn lern- und anpassungsfähig bleibt und durch gezielte therapeutische Stimulation neue Verbindungen ausbilden kann.
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Der Grundkurs nach IBITA-Richtlinien vermittelt das theoretische Fundament und die praktische Kompetenz, um das Bobath-Konzept sicher und patientenorientiert anzuwenden. Zu Beginn werden die historischen Hintergründe und die Entwicklung des Bobath-Konzeptes erläutert. Die Teilnehmer gewinnen ein Verständnis dafür, wie sich das Konzept von einem erfahrungsbasierten Behandlungsmodell zu einem wissenschaftlich fundierten Ansatz gewandelt hat, der heute auf aktuellen Erkenntnissen der Neuro- und Bewegungswissenschaften beruht.
Ein zentrales Element des Kurses ist die Wiederholung neuroanatomischer und neurophysiologischer Grundlagen. Die Teilnehmer vertiefen ihr Wissen über die Steuerung von Bewegung, die Rolle der sensomotorischen Integration, die Funktion von Reflexen und die Mechanismen der Neuroplastizität. Darauf aufbauend lernen die Teilnehmer, normale Haltung und Bewegung systematisch zu beobachten, zu analysieren und in funktionelle Aktivitäten zu übertragen. Ziel ist es, abnorme Bewegungsmuster zu erkennen, deren Ursachen zu verstehen und durch gezielte therapeutische Interventionen zu verändern.
Der praktische Schwerpunkt liegt auf der Entwicklung manueller Fertigkeiten, um Tonus, Haltung und Bewegung gezielt zu beeinflussen. Dabei geht es nicht um das Ausführen festgelegter Griffe, sondern um das Verständnis von Bewegungsintention und die aktive Mitarbeit des Patienten. Die Teilnehmer lernen, wie sie Bewegungsübergänge und Aktivitätsabläufe erleichtern und die Effektivität von Bewegungen verbessern können.
Ein weiterer zentraler Bestandteil ist der kontinuierliche Befund- und Behandlungsprozess. Die Teilnehmer erlernen, wie Befunde erhoben, interpretiert und unmittelbar in die Therapieplanung einbezogen werden. Auch der interdisziplinäre Charakter des Bobath-Konzeptes wird im Kurs betont. Die Behandlung neurologischer Patienten erfordert die enge Zusammenarbeit zwischen Physiotherapeuten, Ergotherapeuten, Logopäden, Ärzten und Pflegekräften. Der Kurs vermittelt, wie dieser Austausch im klinischen Alltag organisiert und in ein gemeinsames Therapieziel überführt werden kann.
Darüber hinaus werden spezielle Problemfelder behandelt, die in der neurologischen Rehabilitation häufig auftreten. Dazu gehören Schulterschmerz nach Hemiparese, Pusher-Symptomatik, Wahrnehmungsstörungen und oro-faziale Dysfunktionen. Die Teilnehmer lernen, diese Problematiken differenziert zu erkennen und therapeutisch zu adressieren.
Ein Teil des Kurses widmet sich auch der kritischen Reflexion und Selbsteinschätzung. Die Teilnehmer werden angeleitet, ihr therapeutisches Handeln zu hinterfragen, alternative Strategien zu entwickeln und die eigene klinische Entscheidungsfindung zu schulen.
Der Grundkurs umfasst 150 Unterrichtseinheiten und wird nach den Richtlinien der IBITA und der Spitzenverbände der gesetzlichen Krankenkassen durchgeführt. Der Kurs bietet damit eine fundierte und praxisnahe Ausbildung im Bobath-Konzept, die auf den Prinzipien von Wissenschaftlichkeit, therapeutischer Interaktion und individueller Lösungsorientierung aufbaut.
Fortbildungsmöglichkeiten für Physiotherapeuten mit ZNS-Schwerpunkt
Es gibt zahlreiche Fortbildungsmöglichkeiten für Physiotherapeuten, die sich auf die Behandlung von Patienten mit ZNS-Erkrankungen spezialisieren möchten. Diese reichen von spezifischen Kursen zu einzelnen Therapiekonzepten bis hin zu umfassenden Weiterbildungen, die verschiedene Aspekte der neurologischen Rehabilitation abdecken.
Kursangebote und Inhalte
Die Kursangebote sind vielfältig und umfassen unter anderem:
- Bobath-Kurse: Grundkurse, Refresherkurse und Pädiatrie-Kurse
- PNF-Kurse: Zertifikatskurse und Aufbaukurse
- Manuelle Therapie: Kurse zur Behandlung von Wirbelsäulen- und Extremitätenerkrankungen
- Neurophysiologische Verfahren: Kurse zu spezifischen Behandlungstechniken bei neurologischen Erkrankungen
- Weitere Spezialisierungen: Kurse zu Themen wie Schwindeltherapie, Handtherapie, Spastikmanagement und Demenzbehandlung
Auswahl von Fortbildungen
Eine Auswahl von spezifischen Fortbildungen, die für Physiotherapeuten mit ZNS-Schwerpunkt relevant sein könnten, umfasst:
- Effektives Befunden in der Neurologie und Geriatrie: Ein Online-Kurs, der die Grundlagen für eine effektive Behandlung in diesen Bereichen vermittelt.
- Schmerzhafte Schulter bei Hemiplegie Patienten: Ein Kurs, der sich mit der Untersuchung und Behandlung von Schulterbeschwerden bei Schlaganfallpatienten beschäftigt.
- Ergotherapie bei CRPS (Complex Regional Pain Syndrome): Ein Kurs, der sich mit der ergotherapeutischen Behandlung von Patienten mit CRPS beschäftigt.
- Spastizität: Eine Weiterbildung, die sich mit den Ursachen und der Therapie von Spastik beschäftigt, insbesondere nach Schlaganfall, bei Multipler Sklerose (MS) und nach Querschnittslähmung.
- Neuroanatomie: Ein Kurs, der die neurologischen Grundlagen für ein besseres Verständnis, die Untersuchung und die erfolgreiche Behandlung von neurologischen Erkrankungen vermittelt.
- Chronische Schmerzen: Eine Weiterbildung, die tiefgreifende Kenntnisse zu den neurophysiologischen Hintergründen chronischer Schmerzen vermittelt.
- Demenz-Weiterbildung: Ein Kurs, der eine Einführung in die ergotherapeutische Unterstützung von Menschen mit beginnender Demenz bietet.
- Nervenläsionen der Hand: Ein Kurs für Fachkräfte, die sich neu mit Nervenläsionen der Hand auseinandersetzen wollen und bei der Behandlung unsicher sind.
Zertifizierungen und Abschlüsse
Einige Weiterbildungen führen zu einem zertifizierten Abschluss, der die erworbenen Kompetenzen offiziell bestätigt. Beispiele hierfür sind die PNF-Zertifikats-Weiterbildung und der Abschluss als Fachtherapeut Multimodale Schmerztherapie und Traumabewältigung.
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