Deformitäten der Wirbelsäule, wie das Pisa-Syndrom, können bei Parkinsonpatienten auftreten und ihre Lebensqualität erheblich beeinträchtigen. Konservative Therapien sind oft nicht ausreichend, um die Progression dieser Deformitäten aufzuhalten. Dieser Artikel beleuchtet die verschiedenen Aspekte des Pisa-Syndroms im Zusammenhang mit Morbus Parkinson, von den Ursachen und Diagnosemethoden bis hin zu konservativen und chirurgischen Behandlungsansätzen.
Einführung
Morbus Parkinson (MP) ist eine der häufigsten Ursachen für Behinderungen bei älteren Menschen. Neben den bekannten neurologischen Symptomen können auch fortschreitende Wirbelsäulendeformitäten und pathologische Wirbelkörpereinbrüche die Behinderung verstärken. Ein besonderes Augenmerk liegt hierbei auf dem Pisa-Syndrom, einer spezifischen Form der Haltungsstörung, die bei Parkinsonpatienten auftreten kann.
Was ist das Pisa-Syndrom?
Das Pisa-Syndrom ist eine Haltungsstörung, die durch eine Seitwärtsneigung des Rumpfes gekennzeichnet ist. Typisch ist das Fehlen einer Ausgleichskrümmung, sodass die Wirbelsäule deutlich aus dem Lot gerät. Diese Haltungsstörung kann die Lebensqualität der Betroffenen massiv beeinträchtigen und zu Schmerzen und Bewegungseinschränkungen führen.
Ursachen des Pisa-Syndroms bei Parkinson
Die Ursachen des Pisa-Syndroms bei Parkinson sind vielfältig. Es wird angenommen, dass neurogene oder myogene Veränderungen eine Rolle spielen, wobei primäre Wirbelsäulenveränderungen wie Morbus Bechterew weniger wahrscheinlich sind. Das EMG-Muster ähnelt den Veränderungen bei einer Myositis.
Weitere Faktoren, die zur Entstehung des Pisa-Syndroms beitragen können, sind:
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- Muskelschwäche: Eine Schwäche der Bauch- und/oder Paravertebralmuskulatur kann zu einer Vorbeugung des Körpers führen, die als Camptocormia oder "Bent spine"-Syndrom bekannt ist.
- Skoliose: Neben der Kyphose kann auch eine Skoliose auftreten, wobei die Konvexität zur Seite der stärkeren Symptomatik zeigt.
- Osteoporose: Eine signifikante Häufung von Osteoporose im Vergleich zu einer gleichaltrigen Kontrollgruppe kann durch Wirbelfrakturen zu einer erhöhten Rate an Deformitäten führen. Die reduzierte Körperkraft korreliert dabei mit der reduzierten Knochendichte.
- Medikamente: Insbesondere Neuroleptika, Antiemetika und Cholinesterasehemmer können das Auftreten eines Pisa-Syndroms begünstigen.
Diagnose des Pisa-Syndroms
Die Diagnosestellung beginnt mit einer gründlichen Anamnese, die sich auf die Symptome, Bedürfnisse und Erwartungen des Patienten konzentriert. Anschließend sollte eine neurologische Untersuchung durchgeführt werden. Bei Verdacht auf ein Kompressionssyndrom im Rücken ist eine gezielte MRT indiziert. Im Falle einer klinisch signifikanten Deformität muss sich die körperliche Untersuchung auch auf die Starrheit der Deformität konzentrieren. Es ist zu beachten, dass sowohl eine Deformität als auch gleichzeitig ein Kompressionssyndrom vorliegen können.
Konservative Therapieansätze
Die konservative Behandlung des Pisa-Syndroms bei Parkinson ist oft schwierig und wenig wirksam. Es gibt derzeit keine spezifische pharmakologische Therapie der primären axialen Myopathie. Die "Deep brain stimulation" wird kontrovers diskutiert. Ein Übungsprogramm wird empfohlen, kann aber die Progredienz der Deformitäten nicht wirklich stoppen.
Dennoch gibt es verschiedene konservative Maßnahmen, die zur Linderung der Symptome beitragen können:
- Pharmakologische Optimierung: Eine optimale pharmakologische Einstellung des Parkinsonpatienten ist essenziell. Hierzu gehört nicht nur die neurologische Behandlung des Morbus Parkinson, sondern ebenso eine adäquate Schmerztherapie zur Linderung von Schmerzen infolge von sagittaler Imbalance, Spondylarthrosen, Diskopathie und Vertebrostenose.
- Physiotherapie: Eine intensivierte Physiotherapie und idealerweise eine stationäre Rehabilitation können helfen, die Stand- und Gangkoordination zu verbessern, Kontrakturen aufzudehnen, die kardiologische Belastungsreserve zu steigern und Bewegungs-, Übungs- und Trainingsmuster zu erlernen.
- Botulinumtoxin-Injektionen: In einigen Fällen kann die Verabreichung von Botulinumtoxin-Injektionen in die Bauchmuskulatur in Erwägung gezogen werden, wobei die Wirkung jedoch variabel und nicht optimal reproduzierbar ist.
- Anpassung der Medikation: Beim Pisa-Syndrom ist eine Optimierung der Medikation obligatorisch, da dieses vermehrt mit dem Einsatz von Neuroleptika, Antiemetika und/oder Cholinesterasehemmern verbunden ist.
Chirurgische Behandlung
Bei schweren und eindeutig progredienten Fällen, bei denen die konservative Therapie versagt, kann eine operative Korrektur und Versteifung (sowie Dekompression, wenn notwendig) in Betracht gezogen werden. Ziel der chirurgischen Behandlung ist die Linderung der Symptome, die Erhöhung der Mobilität und die Reduktion der Schmerzen.
Indikation zur chirurgischen Behandlung
Ein Parkinsonpatient kann wegen begrenzter Haltungsveränderungen, Stenosen der Wirbelsäule, die zu Kompressionssyndromen führen, oder einer Kombination aus beidem für eine chirurgische Behandlung in Betracht kommen. Es ist jedoch wichtig, zu erkennen, dass diese Patientenkategorie medizinisch sehr komplex ist und dass Rückenprobleme in dieser Gruppe multifaktorieller Genese sein können. Dies erfordert einen krankheitsspezifischen Ansatz und eine gute Patientenauswahl.
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Risiken und Komplikationen
Eine Wirbelsäulenoperation bei Parkinsonpatienten ist mit einer höheren Komplikationsrate verbunden als bei Patienten ohne Parkinson. Die Parkinsonkrankheit führt zu einem erhöhten Risiko für postoperative Komplikationen, einschließlich kardialer, urogenitaler und neurologischer Komplikationen, akutem Blutverlust, Blutarmut und des damit verbundenen Bedarfs an Bluttransfusionsprodukten. Es gibt auch ein erhöhtes Risiko für Reoperationen.
Präoperative Planung
Vor der Operation ist eine umfangreiche Diagnostik erforderlich, bestehend aus Röntgenaufnahmen der gesamten Wirbelsäule in aufrechter Position von lateral und ap sowie einer MRT-Untersuchung. Die Analyse des sagittalen Gleichgewichts und seiner Kompensationsmechanismen ist für einen chirurgischen Behandlungsplan unerlässlich. Wenn der Patient eine normale sagittale Balance aufweist, reicht eine kurzstreckige und gezielte Operation aus. Wenn jedoch ein sagittales Ungleichgewicht und eine Deformität vorliegen, ist eine kurzstreckige Behandlung oder Instrumentierung kontraindiziert.
Operationstechniken
Verschiedene Operationstechniken können zur Korrektur des Pisa-Syndroms bei Parkinson eingesetzt werden, darunter:
- Pedikel-Subtraktionsosteotomie (PSO): Eine PSO kann in Kombination mit einer langstreckigen dorsalen Spondylodese durchgeführt werden, um die Kyphose zu korrigieren.
- Langstreckige Fusionen: Langstreckige Fusionen können erforderlich sein, um die Wirbelsäule zu stabilisieren und weitere Deformitäten zu verhindern.
- Anteriore Wirbelkörperresektion: In einigen Fällen kann eine anteriore Wirbelkörperresektion mit vorderer Dekompression und Ersatz durch Titancage erforderlich sein.
- PLIF/TLIF: Bei eindeutigen Fällen von degenerativer Spondylolisthese, erosiver Osteochondrose, Drehgleiten oder ausgeprägter Foramenstenose kann zusätzlich eine vordere Stabilisierung mittels PLIF ("posterior lumbar interbody fusion") oder TLIF ("transforaminal lumbar interbody fusion") erfolgen.
Ergebnisse
Die Ergebnisse der chirurgischen Behandlung des Pisa-Syndroms bei Parkinson können variieren. In einer retrospektiven Untersuchung konnte die Kyphose bei Camptocormia durchschnittlich um 46° verbessert werden, nach osteoporotischen Wirbelfrakturen um 22°, die Skoliosekorrektur betrug 15°. Die subjektiven klinischen Ergebnisse waren bei einem Teil der Patienten sehr gut oder gut, während andere Patienten mäßige oder schlechte Ergebnisse erzielten. Die Komplikationsrate war relativ hoch, und viele Patienten mussten innerhalb des ersten postoperativen Halbjahres reoperiert werden.
Strukturelle Herangehensweise an die Behandlung
Aufgrund der Komplexität der Erkrankung, ihrer Nebenerscheinungen und Folgen für die Integrität der Wirbelsäule erfordern Rückenprobleme bei Parkinsonpatienten immer einen krankheitsspezifischen Ansatz. Eine strukturelle Analyse der Rückenprobleme bei Parkinsonpatienten muss Aspekte der Neurologie, Rehabilitationsmedizin sowie Wirbelsäulenchirurgie betrachten. Essenziell sind die spezifische Diagnose der Wirbelsäulenerkrankung und zudem die optimale pharmakologische Einstellung des Parkinsonpatienten. Hierauf aufbauend können eine konzentrische Behandlung aus konservativ-orthopädischer Medizin, physikalischer Rehabilitation, neurologisch-medikamentöser Therapie und Wirbelsäulenchirurgie in einem personenbezogenen Behandlungsplan miteinbezogen und wenn möglich miteinander verknüpft werden.
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Prävention
Obwohl das Pisa-Syndrom bei Parkinson nicht vollständig verhindert werden kann, gibt es Maßnahmen, die dazu beitragen können, das Risiko zu reduzieren oder das Fortschreiten der Erkrankung zu verlangsamen:
- Frühzeitige Diagnose und Behandlung von Parkinson: Eine frühzeitige Diagnose und Behandlung von Parkinson kann helfen, die Symptome zu kontrollieren und das Fortschreiten der Erkrankung zu verlangsamen.
- Regelmäßige körperliche Aktivität: Regelmäßige körperliche Aktivität kann helfen, die Muskelkraft und Flexibilität zu erhalten und die Körperhaltung zu verbessern.
- Ernährung: Eine ausgewogene Ernährung mit ausreichend Kalzium und Vitamin D kann helfen, Osteoporose vorzubeugen.
- Vermeidung von Risikofaktoren: Die Vermeidung von Risikofaktoren wie Rauchen und übermäßigem Alkoholkonsum kann ebenfalls dazu beitragen, das Risiko für das Pisa-Syndrom zu reduzieren.
Fazit
Das Pisa-Syndrom ist eine komplexe Haltungsstörung, die bei Parkinsonpatienten auftreten kann und ihre Lebensqualität erheblich beeinträchtigen kann. Die Behandlung erfordert einen multidisziplinären Ansatz, der neurologische, orthopädische und rehabilitative Maßnahmen umfasst. Konservative Therapien können helfen, die Symptome zu lindern, aber in schweren Fällen kann eine operative Korrektur erforderlich sein. Eine frühzeitige Diagnose und Behandlung von Parkinson sowie regelmäßige körperliche Aktivität und eine ausgewogene Ernährung können dazu beitragen, das Risiko für das Pisa-Syndrom zu reduzieren oder das Fortschreiten der Erkrankung zu verlangsamen.
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