Die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) ist eine komplexe neurologische Entwicklungsstörung, die sich durch Konzentrationsschwierigkeiten, Impulsivität und/oder Hyperaktivität auszeichnet. Sie beginnt im Kindesalter und kann bis ins Erwachsenenalter andauern.
Neuere Forschungsergebnisse zur Hirnentwicklung bei ADHS
Technische Fortschritte in der Kernspintomografie haben es ermöglicht, die Entwicklung des Gehirns wesentlich genauer zu verfolgen als noch vor einigen Jahren. Am US-National Institute of Mental Health (NIMH) in Bethesda/Maryland wurden in den letzten Jahren die Hirnentwicklung von 446 Kindern und Jugendlichen untersucht, darunter 223 Kinder mit ADHS. Aus den Ergebnissen rekonstruierten Judith Rapoport, die Leiterin der Abteilung für Kinderpsychiatrie am NIMH, und Mitarbeiter die zeitliche Entwicklung der Großhirnrinde von Kindern mit ADHS vom sechsten bis zum 16. Lebensjahr.
Die Aufnahmen der US-Forscher zeigen, dass die Entwicklung in diesen frontalen Regionen bei Kindern mit ADHS um bis zu fünf Jahre verzögert ist. Passend hierzu scheint die Entwicklung des motorischen Kortex bei den Kindern mit ADHS sogar schneller voranzuschreiten als bei den gesunden Kontrollpatienten, was dann die für Eltern und Pädagogen frustrierende Mischung aus fehlender Konzentration und Ansprechbarkeit und Hyperaktivität erklären könnte. Ein beruhigendes Ergebnis ist, dass die Kinder mit ADHS in der Entwicklung nachziehen. Im Alter von 16 Jahren waren die Großhirnrinden von Kindern mit ADHS nicht von denen gesunder Jugendlicher zu unterscheiden. Hier liegt ein wesentlicher Unterschied zum Autismus, bei dem die Entwicklungsstörungen des Gehirns permanent sind.
Kinder mit ADHS haben eine um mehrere Jahre verzögerte Entwicklung in bestimmten Großhirnbereichen, die sie einer Studie in den US-amerikanischen „Proceedings of the National Academy of Sciences“ (online) zufolge jedoch später aufholen. Unter der ADHS kommt es zu einer Entwicklungsverzögerung. Diese Entwicklung ist normalerweise gekennzeichnet durch die allmähliche Verdickung des Kortex, die bis zur Pubertät anhält. Dann folgt eine in den Worten des NIHM „Beschneidungsphase“, in der die Dicke der Großhirnrinde wieder leicht abnimmt. In dieser kritischen Zeit werden neuronale Verbindungen im Gehirn neu geschaltet. Die Hirnentwicklung verläuft - bei nicht betroffenen Kindern und solchen mit ADHS - ungleichmäßig. Zunächst vergrößern sich die für die Verarbeitung von sensorischen Informationen zuständigen Regionen im Okzipitalhirn und dem motorischen Kortex. Dem schließt sich im Teenageralter die Entwicklung der frontalen Abschnitte des Gehirns an. Dort liegen die übergeordneten Kontrollregionen der Persönlichkeit. Hier trifft das Gehirn Entscheidungen über das Verhalten, es unterdrückt unangemessene Handlungen, steuert Aufmerksamkeit und Konzentrationsfähigkeit im Lernen und die Bereitschaft, sich für Belohnungen anzustrengen. Also alle Funktionen, die bei Kindern mit ADHS gestört sind.
Ursachen und Risikofaktoren von ADHS
Über die Ursachen für eine ADHS kursieren viele Annahmen und Theorien. Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass für die Entstehung einer Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung sowohl innere als auch äußere Einflüsse zusammenkommen. Es spielen also sowohl genetische als auch umweltbedingte Risikofaktoren eine Rolle.
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Genetische Faktoren
Ein wichtiger Faktor bei der Entstehung einer ADHS ist die genetische Veranlagung. Untersuchungen haben gezeigt, dass ADHS familiär gehäuft auftritt. Sie kann demnach von Eltern vererbt werden. Das muss aber nicht unbedingt der Fall sein. Es gibt nicht nur ein einziges Gen, das für die Entstehung einer ADHS verantwortlich ist. Wissenschaftler vermuten stattdessen eine polygenetische Vererbung. Zwillingsstudien zeigen, dass gut 80% der eineiigen und knapp 30% der zweieiigen Zwillinge die gleiche Symptomatik aufweisen. Auch anhand von molekulargenetischen Studien konnten einzelne Regionen im menschlichen Erbgut identifiziert werden, die bei Menschen mit ADHS typische Veränderungen aufweisen. Vor allem bei den Erbinformationen, die für die Bildung und Übertragung des Botenstoffes Dopamin verantwortlich sind, konnten entsprechende Veränderungen festgestellt werden. Allerdings können die bislang identifizierten Veränderungen die Entwicklung einer ADHS nur zu einem sehr geringen Teil erklären. Das Zusammenspiel zwischen verschiedenen Genen und das Zusammenspiel von erblichen und Umweltfaktoren sind für die Entwicklung von ADHS vermutlich besonders wichtig und es liegen nur wenige Untersuchungsergebnisse vor. Nach gegenwärtigem Forschungsstand wird davon ausgegangen, dass viele einzelne genetische Veränderungen zusammenwirken.
Neurobiologische Ursachen
Fest steht, dass bei einer ADHS das Gleichgewicht der Botenstoffe (Neurotransmitter) im Gehirn verändert ist. Ergebnisse neuroanatomischer Studien sprechen dafür, dass bei ADHS Funktionsstörungen bestimmter neuronaler Regelkreise vorliegen, deren wesentliche Bestandteile das Striatum (ein Teil der Basalganglien) und das Frontalhirn sind. Aber auch im Kleinhirn und anderen Hirnarealen von Kindern mit ADHS wurden Abweichungen gefunden. Die betreffenden Regelkreise sind wesentlich daran beteiligt, das Zusammenwirken von Motivation, Emotion, Kognition und Bewegungsverhalten neuronal zu realisieren bzw. zu steuern. Dysfunktionen (Funktionsstörungen) dieser Regelkreise gehen mit einem Über- oder Unterangebot von Botenstoffen (Neurotransmittern) in bestimmten Gehirnregionen einher. Aufgrund der Stoffwechsel- und Funktionsstörungen im Gehirn sind die Betroffenen nur eingeschränkt in der Lage, ihre Aufmerksamkeit auf eine Sache zu konzentrieren, sie leiden an einer gestörten Selbstregulation.
Umweltfaktoren
Die Entstehung einer ADHS ist also ein kompliziertes Wechselspiel, bei dem zusätzlich zu einer genetischen Veranlagung auch äußere, umweltbedingte Risikofaktoren eine Rolle spielen. Zu diesen Risikofaktoren gehören vor allem Stress, Nikotin- oder Alkoholkonsum der Mutter während der Schwangerschaft, Frühgeburtlichkeit oder ein niedriges Geburtsgewicht. Auch psychosoziale Ursachen können eine Rolle spielen. Weitere Umweltfaktoren, die im Zusammenhang mit der Entstehung einer ADHS stehen können, sind eine bestimmte Ernährung sowie die Belastung durch Umweltgifte. Der Konsum von Nikotin, Alkohol oder andere Drogen während der Schwangerschaft sowie ein Sauerstoffmangel bei der Geburt erhöhen vermutlich das Risiko des Kindes, später an ADHS zu erkranken. Auch zentralnervöse Infektionen während der Schwangerschaft, Schädelhirntraumen oder Verletzungen sowie Komplikationen während Schwangerschaft und Geburt werden mit späteren hyperkinetischen Auffälligkeiten in Verbindung gebracht. Die Mehrzahl der Kinder und Jugendlichen mit ADHS weisen derartige Belastungen jedoch nicht auf.
Psychosoziale Faktoren
Eine andere Art von Umwelteinfluss auf die Entwicklung einer ADHS sind psychosoziale Ursachen und das familiäre Umfeld des Kindes. Zu den ungünstigen psychosozialen Ursachen, die im Zusammenhang mit einer ADHS diskutiert werden, gehören Entbehrungszustände in der frühen Kindheit (zum Beispiel mangelnde Umsorgung, fehlende Bindung zu den Eltern oder Gewalterfahrungen) und aversives, also feindliches, Verhalten der Mutter gegenüber dem Kind. Aber während frühkindliche Entbehrungszustände als Ursache einer ADHS wissenschaftlich nachgewiesen werden konnten, ist der Zusammenhang zwischen negativem mütterlichem Verhalten und einer ADHS weniger klar. So zeigen Studienergebnisse, dass vielmehr die ADHS-Symptome des Kleinkinds zu negativen Mutter-Kind-Interaktionen führen können. Wenn die mütterliche Feindseligkeit mit der Zeit aber stärker wird, dann kann das die ADHS-Symptomatik beim Kind verstärken. Zusätzlich haben Kinder mit einer ADHS oftmals Eltern mit psychischen Erkrankungen, oder erfahren einen inkonsequenten oder zwanghaften Erziehungsstil mit fehlenden Regeln oder häufiger Kritik, bzw. eine negative Eltern-Kind-Beziehung. Aber auch hier sind Ursache und Wirkung nicht eindeutig zu benennen, da die Erkrankung des Kindes auch das Verhalten der Eltern beeinflusst. Generell kann die familiäre Umgebung, in der ein Kind aufwächst, die Wahrscheinlichkeit für eine ADHS-Diagnose beeinflussen: Familiäre Instabilität wie z.B. die Scheidung der Eltern, ist häufiger bei Kindern mit ADHS zu beobachten.
Die Entwicklung und der Verlauf von ADHS kann durch familiäre und schulische Einflüsse beeinflusst werden. Familiäre Bedingungen, Bedingungen im Kindergarten und in der Schule sind zwar nicht die ausschließliche Ursache der Störung, sie können aber in einem erheblichen Maße die Stärke der Probleme und ihren weiteren Verlauf mitbestimmen. Weisen Eltern Betroffener selbst psychische Probleme auf (z.B. ADHS-Probleme) oder gibt es in der Familie viele Streitereien oder starke finanzielle Belastungen, können dadurch die ADHS-Symptome des Kindes oder Jugendlichen verstärkt werden.
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Moderne Lebensstilfaktoren
Manche Fachleute vermuten, dass die ADHS-Entwicklung auch durch unseren heutigen modernen Lebensstil ungünstig beeinflusst wird. Statt Wege zur Schule zu Fuß zurückzulegen und täglich im Freien zu spielen, werden die Kinder mit dem Bus oder von den Eltern zur Schule gebracht und meistens wird drinnen gespielt und allzu häufig am PC. Körperliche Aktivität, optische und akustische Wahrnehmung aus der Natur und wirkliches „Begreifen“ mit den Händen findet immer weniger statt. Bewegungsdrang, überschießende Energie und Neugier können kaum ausgelebt werden. Weniger Autorität der Eltern und Lehrer fördert heutzutage zwar die freie Entfaltung gesunder Kinder, schadet aber dem ADHS-Kind, das klare Strukturen, Regeln und Regelmäßigkeit benötigt. Große Gruppenstärken in Kindergärten und Schulen, die individuelle Betreuung nahezu unmöglich machen, verschärfen das Problem, ebenso der sogenannte „offene Kindergarten“, der kaum Strukturen vorgibt.
Ernährung und Medienkonsum
Viele Menschen denken, dass ein hoher Zuckerkonsum ADHS auslösen kann. Studien konnten das jedoch nicht belegen. Zwar stellen Forschende in Studien immer wieder einen Zusammenhang zwischen ADHS-Symptomen und hohem Zuckerkonsum fest. Auf ein ähnliches Ergebnis kommen Forschende bei der Frage, ob ein erhöhter Medienkonsum ADHS begünstigt. Auch hier konnten Studien zeigen, dass Kinder mit höherem Medienkonsum zwar häufiger ADHS-Symptome aufweisen. Bei ADHS-Kindern wird ebenso ein erhöhter Medien- und Fernsehkonsum beobachtet, der als Risikofaktor oder Symptomverstärker gelten kann, aber nicht als Ursache zu sehen ist.
Neurotransmitter-Ungleichgewicht und Informationsverarbeitung
Das wissenschaftlich begründete Erklärungsmodell für die Entstehung der ADHS legt eine fehlerhafte Informationsverarbeitung zwischen bestimmten Hirnabschnitten zugrunde, welche für die Konzentration, Wahrnehmung und Impulskontrolle zuständig sind. Diese Störung ist wiederum durch ein Ungleichgewicht der Botenstoffe (Neurotransmitter) in diesen Hirnbereichen - vor allem von Dopamin und Noradrenalin - bedingt, die eine wichtige Rolle bei der Signalübertragung von einer Nervenzelle zur anderen spielen. Man geht u.a. davon aus, dass bei ADHS-Patienten Dopamin im Raum zwischen zwei Nervenzellen, dem so genannten synaptischen Spalt, nicht in ausreichender Menge zur Verfügung steht. Die Unterversorgung mit diesem Botenstoff führt zu einer gestörten Informationsweiterleitung zwischen den Nervenzellen. Reize werden nur schlecht und unzureichend gefiltert. Menschen mit ADHS können aufgrund der Stoffwechsel- und Funktionsstörungen in ihrem Gehirn die dauernden neuen Impulse nicht genügend filtern, so dass die Informationsverarbeitung behindert wird. Sie unterliegen einer permanenten Reizüberflutung. Die Betroffenen sind daher nur eingeschränkt in der Lage, ihre Aufmerksamkeit auf eine Sache zu konzen¬trieren, sie leiden an einer gestörten Selbstregulation. Gleichzeitig ist der Zugriff auf vorhandene Fähigkeiten und Informationen eingeschränkt, so dass eine vorausschauende Handlungsplanung erschwert wird. Sie können wichtige von unwichtigen Wahrnehmungen kaum unterscheiden. Da alle Eindrücke ungefiltert auf sie einstürzen, stehen sie ständig unter einer großen Anspannung.
Genetische Veranlagung und familiäre Belastung
Eine genetische Veranlagung führt zu dieser neurobiologischen Störung, denn 10 bis 15% der nächsten Familienangehörigen von Kindern mit ADHS sind ebenfalls betroffen. Neuere Forschungsergebnisse gehen sogar davon aus, dass nahezu 80% aller ADHS-Erkrankungen erblich bedingt sind. Mehrere veränderte Gene (polygener Erbgang), die alleine kaum Störungen bewirken, sind aber im Zusammenspiel ursächlich für die fehlerhafte Informationsübertragung im Gehirn verantwortlich. Das erklärt dann auch das breite Spektrum möglicher Begleitstörungen (Komorbidität) wie Lerndefizite oder emotionale Störungen sowie das unterschiedliche Ansprechen auf die Medikation.
Ausschluss von Erziehungsfehlern als Ursache
"Schlechte Erziehung” oder “negative Kindheitserfahrungen” können als eigentliche Ursachen einer ADHS ausgeschlossen werden. Ungünstige Familienverhältnisse können die betroffenen Kinder in ihrer Persönlichkeitsentwicklung jedoch zusätzlich belasten und sich auf den Schweregrad, den Krankheitsverlauf und die Entwicklung von begleitenden Störungen (z.B. Aggressivität, Angst) negativ auswirken. Zu den so genannten psychosozialen Risikofaktoren zählen z.B.:
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- unvollständige Familie, d.h. Aufwachsen mit einem alleinerziehenden Elternteil oder ohne Eltern
- psychische Erkrankung eines Elternteils, vor allem antisoziale Persönlichkeitsstörung des Vaters und Alkoholkonsum in der Familie
- familiäre Instabilität, ständiger Streit zwischen den Eltern
- niedriges Familieneinkommen, sehr beengte Wohnverhältnisse
- Inkonsequenz in der Erziehung, fehlende Regeln
- häufige Kritik und Bestrafungen
- unstrukturierter Tagesablauf