Eine Läsion des Plexus brachialis, des Nervengeflechts, das Arm, Hand und Teile der Schulter und des Halses versorgt, kann erhebliche Auswirkungen auf die Motorik und Sensorik der oberen Extremität haben. Die Elektrotherapie, einschließlich der funktionellen Elektrostimulation (FES), stellt eine wichtige Behandlungsoption dar, um Muskelschwund zu verzögern, die Nervenregeneration zu unterstützen, Schmerzen zu lindern und die Lebensqualität der Patienten zu verbessern.
Überblick über den Plexus brachialis und seine Läsionen
Der Plexus brachialis ist ein komplexes Nervengeflecht, das aus den Nervenwurzeln der Segmente C5 bis Th1 des Rückenmarks gebildet wird. Er innerviert die gesamte motorische und sensible Versorgung des Arms, der Schulter und der Hand. Verletzungen dieses Nervengeflechts, sogenannte Plexus brachialis Läsionen oder Plexusparesen, können durch verschiedene Ursachen entstehen, darunter:
- Traumatische Ursachen: Verkehrsunfälle (insbesondere Motorradunfälle), Sportunfälle, Stürze, Schnitt- oder Schussverletzungen.
- Geburtstrauma: Überdehnung oder starker Zug an der Schulter des Neugeborenen während einer schwierigen Geburt (Obstetric Brachial Plexus Palsy, OBPP).
- Iatrogene Ursachen: Selten durch medizinische Eingriffe verursacht.
- Entzündliche Ursachen: Neuralgische Amyotrophie, eine entzündliche Erkrankung der Nerven.
- Kompressionssyndrome: Einengung des Plexus brachialis oder seiner Äste durch Bänder, Muskeln oder Knochenvorsprünge (z. B. Thoracic-outlet-Syndrom).
- Tumoren: Seltene Tumoren der peripheren Nerven oder Raumforderungen in der Nähe des Plexus brachialis.
Die Symptome einer Plexus brachialis Läsion variieren je nach Schweregrad und Lokalisation der Nervenverletzung. Sie können umfassen:
- Schmerzen: In der Hals-Schulter-Region, ausstrahlend in den Arm (neuropathische Schmerzen).
- Sensibilitätsstörungen: Missempfindungen, Taubheit, Kribbeln in den vom Plexus versorgten Hautbereichen.
- Motorische Defizite: Koordinationsstörungen, Kraftminderung bis hin zur Lähmung (Parese) der betroffenen Muskeln.
- Abgeschwächte Muskelreflexe: Z. B. Bizepssehnenreflex und Trizepssehnenreflex.
Pathophysiologie der peripheren Nervenläsionen
Periphere Nervenläsionen der oberen Extremität können durch verschiedene Mechanismen entstehen:
- Direktes Trauma: Schnitt-, Stich- oder Schussverletzungen, Knochenbrüche, Gelenksluxationen, Muskelrisse.
- Indirektes Trauma: Zugkräfte, Dehnung des Nervs (z. B. bei Motorradunfällen oder Geburtstrauma).
- Kompression: Einengung des Nervs in anatomischen Engstellen (z. B. Karpaltunnelsyndrom, Kubitaltunnelsyndrom, Thoracic-outlet-Syndrom).
- Entzündung: Neuralgische Amyotrophie.
- Tumoren: Seltene Tumoren der peripheren Nerven.
Die Schädigung des Nervs führt zu einer Unterbrechung oder Beeinträchtigung der Reizweiterleitung, was motorische und sensible Funktionsstörungen sowie lokale autonome Dysfunktion zur Folge hat.
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Spezifische Nervenläsionen und ihre Auswirkungen
Je nach betroffenem Nerv können unterschiedliche Symptome auftreten:
- Läsion des N. axillaris: Atrophie des M. deltoideus, eingeschränkte Schulterabduktion, sensible Störung über der lateralen Schulter.
- Läsion des N. musculocutaneus: Schwäche der Ellenbogenbeugung (M. biceps brachii, M. brachialis), sensible Störung an der lateralen Unterarmseite.
- Läsion des N. medianus: Schwäche der Handgelenksbeugung und Pronation, Schwäche der Daumenabduktion und -opposition, sensible Störung an Daumen, Zeigefinger, Mittelfinger und radialer Hälfte des Ringfingers (Karpaltunnelsyndrom).
- Läsion des N. ulnaris: Schwäche der Handgelenksadduktion, Schwäche der Fingerabduktion und -adduktion, sensible Störung an Kleinfinger und ulnarer Hälfte des Ringfingers ("Klauenhand").
- Läsion des N. radialis: Fallhand (Schwäche der Handgelenksextension und Fingerstreckung), sensible Störung an der radialen Handrückenseite.
Elektrotherapie bei Plexus brachialis Läsionen
Die Elektrotherapie ist eine konservative Behandlungsmethode, die bei Plexus brachialis Läsionen eingesetzt werden kann, um:
- Muskelschwund (Atrophie) zu verzögern: Durch elektrische Stimulation der Muskeln können diese aktiv gehalten werden, bis die Nervenregeneration abgeschlossen ist.
- Die Nervenregeneration zu unterstützen: Repetitive Nervenstimulation kann neurologische Regenerationsprozesse beschleunigen.
- Schmerzen zu lindern: Periphere Nervenstimulation (PNS) kann neuropathische Schmerzen reduzieren.
- Die Funktion der betroffenen Extremität zu verbessern: Funktionelle Elektrostimulation (FES) kann dazu beitragen, Bewegungen wiederzuerlernen und die Lebensqualität zu verbessern.
- Spastik zu reduzieren: FES kann bei Patienten mit zentralen Läsionen (z. B. nach Schlaganfall) die Spastik reduzieren.
- Inaktivitätsödeme zu vermeiden: Durch Muskelkontraktionen wird die Durchblutung gefördert und die Entstehung von Ödemen reduziert.
Formen der Elektrotherapie
Es gibt verschiedene Formen der Elektrotherapie, die bei Plexus brachialis Läsionen eingesetzt werden können:
- Transkutane elektrische Nervenstimulation (TENS): Nicht-invasive Stimulation der Nerven über die Haut zur Schmerzlinderung.
- Elektromuskelstimulation (EMS): Stimulation der Muskeln über die Haut, um Muskelkontraktionen zu erzeugen und Muskelschwund zu verzögern.
- Funktionelle Elektrostimulation (FES): Gezielte Stimulation von Muskeln, um funktionelle Bewegungen zu ermöglichen oder zu unterstützen.
- Periphere Nervenstimulation (PNS): Invasive oder nicht-invasive Stimulation von peripheren Nerven zur Schmerzlinderung und Funktionsverbesserung.
Funktionelle Elektrostimulation (FES) im Detail
Die Funktionelle Elektrostimulation (FES) ist eine spezielle Form der Elektrotherapie, die bei Plexus brachialis Läsionen eine wichtige Rolle spielt. Sie wird eingesetzt, um:
- Bewegungen wiederzuerlernen: Durch die Stimulation der entsprechenden Muskeln können Bewegungen wiederholt und somit das Motorlearning gefördert werden.
- Die Arm- und Handfunktion zu verbessern: FES kann dazu beitragen, Greif-, Halte- und Bewegungsfunktionen wiederherzustellen oder zu verbessern.
- Die Lebensqualität zu steigern: Durch die verbesserte Funktion der Extremität können Patienten ihren Alltag selbstständiger gestalten.
FES-Geräte können in der Klinik oder zu Hause eingesetzt werden. Moderne Geräte ermöglichen es den Patienten, ihr tägliches Eigentraining durchzuführen und somit den Erfolg der stationären Rehabilitation zu stabilisieren und weiter zu verbessern. Einige Geräte, wie z. B. KT Motion, ermöglichen es Patienten mit kompletter Lähmung, ihre betroffene Hand über ihre weniger betroffene Hand zu "steuern" und somit die Plastizität des Gehirns zu nutzen.
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Periphere Nervenstimulation (PNS) im Detail
Die periphere Nervenstimulation (PNS) ist eine weitere Form der Elektrotherapie, die bei Plexus brachialis Läsionen zur Schmerzlinderung eingesetzt werden kann. Sie kann invasiv oder nicht-invasiv erfolgen. Bei der invasiven PNS werden Elektroden in der Nähe der peripheren Nerven platziert, während bei der nicht-invasiven PNS Elektroden auf die Haut aufgebracht werden.
Die PNS wirkt vermutlich durch:
- Aktivierung inhibitorischer Neurone im Rückenmark: Nach der "Gate-control"-Theorie von Melzack und Wall können inhibitorische Neurone im Hinterhorn des Rückenmarks die Schmerzweiterleitung blockieren.
- Aktivierung deszendierender schmerzhemmender Systeme: Durch den elektrischen Reizinput werden körpereigene Opioide (z. B. Endorphine) und Neurotransmitter (z. B. Serotonin) ausgeschüttet, die schmerzlindernd wirken.
Die PNS kann eine sinnvolle Option bei Spätstadien des CRPS (Komplexes Regionales Schmerzsyndrom) sein, wenn herkömmliche Therapien versagen.
Diagnostik vor der Elektrotherapie
Vor Beginn der Elektrotherapie ist eine sorgfältige Diagnostik erforderlich, um die Ursache, den Schweregrad und die Lokalisation der Nervenverletzung zu bestimmen. Dazu gehören:
- Anamnese: Erhebung der Vorgeschichte (z. B. Geburtstrauma, Unfallhergang, Symptome).
- Klinische Untersuchung: Beurteilung der motorischen, sensorischen und reflektorischen Funktionen des betroffenen Arms.
- Elektrophysiologische Untersuchungen:
- Elektromyographie (EMG): Messung der elektrischen Muskelaktivität.
- Nervenleitgeschwindigkeit (NLG): Überprüfung der Nervenleitgeschwindigkeit.
- Bildgebende Verfahren:
- Röntgen oder CT: Darstellung von Knochenbrüchen und anderen Begleitverletzungen.
- MRT des Plexus brachialis (Neurografie): Darstellung der Nervenbahnen.
- Ultraschall (Nervensonografie): Untersuchung der Armnerven und des Plexus brachialis.
Therapiekonzepte und multimodale Behandlung
Die Behandlung einer Plexus brachialis Läsion erfordert in der Regel ein multimodales Konzept, das verschiedene Therapieansätze kombiniert:
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- Konservative Behandlung:
- Schmerzmittel: Zur Linderung von Schmerzen, insbesondere neuropathischen Schmerzen.
- Physiotherapie: Zur Erhaltung der Gelenkbeweglichkeit, Vorbeugung von Muskelabbau und Verbesserung der Koordination.
- Ergotherapie: Zur Verbesserung der Hand- und Armfunktion im Alltag.
- Elektrotherapie: EMS, FES, TENS oder PNS.
- Orthopädietechnische Hilfsmittel: Schienen oder Orthesen zur Stabilisierung und Unterstützung der betroffenen Extremität.
- Operative Behandlung: In bestimmten Fällen, z. B. bei ausgerissenen Nervenwurzeln, offenen Plexusläsionen oder Hämatomen, kann eine Operation erforderlich sein. Es gibt verschiedene Operationsverfahren, darunter:
- Neurolyse: Freilegung von eingeengtem Nervengewebe.
- Nerventransfer: Verlagerung von gesunden Ästen an beschädigte Äste innerhalb oder außerhalb des Plexus.
- Nerventransplantation: Versetzen eines eigenen Nervenastes aus einem anderen Körperbereich.
- Ersatzoperation: Verlagerung von intakten Muskeln zum Funktionserhalt.
- Psychologische Betreuung: Bei chronischen Schmerzen oder psychosozialen Belastungen kann eine psychologische Betreuung sinnvoll sein.
- Schmerzrehabilitation: Ein stationäres Schmerzrehabilitationsprogramm kann bei komplexen Schmerzsyndromen hilfreich sein.
Einbindung der Elektrotherapie in den Therapieplan
Die Elektrotherapie sollte in den individuellen Therapieplan des Patienten integriert werden. Die Wahl der geeigneten Elektrotherapieform, die Stimulationsparameter und die Behandlungsdauer sollten in Absprache mit dem behandelnden Arzt und Therapeuten festgelegt werden.
Es ist wichtig, dass der Patient aktiv an der Therapie teilnimmt und die Übungen regelmäßig durchführt. Die FES-Therapie kann beispielsweise durch ein tägliches Eigentraining zu Hause ergänzt werden.
Erfolge und Ergebnisse der Elektrotherapie
Die Elektrotherapie, insbesondere die FES und PNS, kann bei Plexus brachialis Läsionen zu folgenden Ergebnissen führen:
- Schmerzlinderung: PNS kann neuropathische Schmerzen deutlich reduzieren.
- Verbesserung der Muskelkraft und Funktion: EMS und FES können Muskelschwund verzögern und die Muskelkraft verbessern.
- Verbesserung der Beweglichkeit und Koordination: Physiotherapie und FES können die Beweglichkeit und Koordination verbessern.
- Steigerung der Selbstständigkeit im Alltag: Durch die verbesserte Funktion der Extremität können Patienten ihren Alltag selbstständiger gestalten.
- Verbesserung der Lebensqualität: Die Kombination verschiedener Therapieansätze kann die Lebensqualität der Patienten deutlich verbessern.
Fallbeispiel
Ein Patient mit einer Plexus brachialis Läsion nach einem Motorradunfall klagte über starke neuropathische Schmerzen im Arm und eine deutliche Schwäche der Hand- und Armmuskulatur. Nach einer umfassenden Diagnostik wurde ein multimodaler Therapieplan erstellt, der Schmerzmittel, Physiotherapie, Ergotherapie und FES umfasste.
Durch die FES-Therapie konnte der Patient seine Hand- und Armfunktion deutlich verbessern und seinen Alltag selbstständiger gestalten. Die neuropathischen Schmerzen wurden durch PNS reduziert. Insgesamt konnte die Lebensqualität des Patienten deutlich gesteigert werden.
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