Eine Plexusparese, auch bekannt als Plexuslähmung, entsteht durch eine Schädigung des Plexus brachialis, einem komplexen Nervengeflecht, das Arm und Hand steuert. Diese Schädigung kann erhebliche Bewegungseinschränkungen bis hin zur Armlähmung verursachen.
Was ist der Plexus brachialis?
Der Plexus brachialis ist ein Nervengeflecht, das die motorische und sensible Versorgung von Arm, Schulter und Hand steuert. Er besteht aus den Nervenwurzeln C5 bis C8 und Th1, die aus dem Rückenmark austreten.
- Steuerung der Muskeln: Der Plexus brachialis ermöglicht Bewegungen von der Schulter bis zu den Fingern.
- Übermittlung von Gefühlswahrnehmungen: Sensorische Fasern übertragen Tastsinn, Temperatur- und Schmerzempfindungen von der Haut des Arms.
Ursachen einer Plexusparese
Eine Plexusparese entsteht durch Schädigung oder Verletzung des Plexus brachialis. Mögliche Ursachen sind:
- Geburtstrauma: Bei schwierigen Geburten kann es durch starke Überdehnung oder Zug an der Schulter des Neugeborenen zu einer Plexusschädigung kommen (Obstetric Brachial Plexus Palsy, OBPP). Tatjana erhielt die Diagnose Plexusparese, die durch ein Geburtstrauma verursacht wurde. Die Nerven in ihrer linken Schulter wurden während der Geburt so stark verletzt, dass sie diesen Arm nicht vollständig bewegen kann. In ihrem Video spricht Tatjana darüber, wie sie gelernt hat, mit ihrer Armplexusparese umzugehen, sich nicht von ihren Einschränkungen definieren zu lassen und ihren Alltag trotz der Plexuslähmung mit Hilfe einer Handorthese selbstständig zu bewältigen.
- Traumatische Verletzungen: Stürze oder andere schwere Traumata können zu Brachial Plexus Injuries (BPI) führen. Helmut erlitt nach einem schweren Motorradunfall eine Plexusläsion, die seine Arm- und Schulterfunktion stark einschränkte. Mit dieser Diagnose stand zunächst die Amputation der Hand im Raum, denn die Nervenverletzung verursachte erhebliche Herausforderungen im Alltag. Stattdessen hat Helmut jedoch von den Möglichkeiten einer bionische Handorthese erfahren. Dank der Handorthese hat er nun die Möglichkeit beidhändige Tätigkeiten wieder auszuführen. Sein Video zeigt, wie er sich an seine neue Lebenssituation angepasst hat und zum Beispiel wieder in der Lage ist, handwerkliche Tätigkeiten auszuführen.
- Weitere Ursachen: Tumore, Kompressionen (Druck) oder Strahlentherapie können den Plexus brachialis schädigen. Die meisten Patienten sind junge Erwachsene zwischen 20 und 30 Jahren. Aufgrund der Schwere und oftmals Lebensbedrohlichkeit der Begleitverletzungen wird die Nervenschädigung unter Umständen oftmals erst verzögert festgestellt.
Symptome einer Plexusparese
Die Symptome einer Plexusparese variieren je nach Schwere und Lokalisation der Nervenverletzung. Die Auswirkungen können von leichten Bewegungseinschränkungen bis hin zu einer kompletten Armlähmung reichen.
- Kraftverlust oder völlige Bewegungslosigkeit in einem oder mehreren Gelenken.
- Vollständiger oder teilweiser Verlust der Empfindung (Taubheit, "Eingeschlafen Sein", Nicht-Empfinden).
- Neuropathischer Schmerz (elektrisierendes Gefühl unterschiedlicher Intensität und Dauer).
Diagnose einer Plexusparese
Die Diagnose einer Plexusparese ist ein komplexer Prozess, der eine genaue Analyse der motorischen, sensorischen und reflektorischen Funktionen des betroffenen Arms erfordert.
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- Anamnese: Erhebung der Vorgeschichte (Geburtstrauma, Unfallhergang, Symptome).
- Klinische Untersuchung: Beurteilung der motorischen, sensorischen und reflektorischen Funktionen. Ein Beklopfen (Perkussion) bestimmter Hautbereiche rund um das Schlüsselbein führt zu elektrisierenden, ausstrahlenden Schmerzen (Hoffmann-Tinel-Zeichen).
- Elektrophysiologische Untersuchungen: Elektromyogramm (EMG) zur Messung der elektrischen Aktivität der Muskeln und Nervenleitgeschwindigkeit (NLG) zur Überprüfung der Nervenfunktion. Dies ist erst ungefähr 3 Wochen nach dem Trauma sinnvoll.
- Bildgebende Verfahren:
- Röntgen oder CT zur Darstellung von Knochenbrüchen und anderen Begleitverletzungen.
- MRT des Plexus brachialis (Neurografie) zur Darstellung der Nervenbahnen. Ultrahochauflösende Darstellung feinster Nervenfilamente am Rückenmark. Eine derartige Visualisierung von Druckschädigung in der anatomisch sehr komplexen und schwer diagnostisch fassbaren Plexusregion war bisher nicht möglich.
- Ultraschall zur Untersuchung der Armnerven und des Plexus brachialis.
Therapie einer Plexusparese
Die Wahl der Therapie hängt von der Ursache, dem Schweregrad und der betroffenen Nervenregion ab. Die interdisziplinäre Behandlung erfolgt phasenabhängig.
Konservative Behandlung
- Physiotherapie: Ziel ist, Muskelabbau zu verhindern und die Gelenkbeweglichkeit zu erhalten. Die Sehnen- und Gelenksbeweglichkeit muss durch physikalische Therapie erhalten werden. Es ist nachgewiesen, dass gelähmte Muskulatur, die passiv bewegt wird, nach einer Reinnervation bessere funktionelle Ergebnisse bietet.
- Ergotherapie: Kann ebenfalls hilfreich sein.
- Schmerzmanagement: Anhaltende Schmerzen können mit Medikamenten, physikalischen Maßnahmen behandelt werden. Neuropathische Schmerzen können mit verschiedenen Medikamentengruppen behandelt werden. Dazu zählen auch Substanzgruppen, die Sie vielleicht nicht erwarten, wie Antidepressiva und Mittel gegen Krampfanfälle (Antikonvulsiva).
- Elektrotherapie: Kann Muskelschwund verzögern, bis die Nervenregeneration abgeschlossen ist.
- Rehabilitationsmaßnahmen: Können Teil der Behandlung sein.
Operative Behandlung
Eine neurochirurgische Intervention sollte innerhalb der ersten 6 Monate nach dem Unfall erfolgen. Sekundäroperationen sind indiziert, wenn nach abgeschlossener neurochirurgischer Therapie und Nachbehandlung keine Besserung mehr zu erwarten ist. Eine Operation wird etwa dann empfohlen, wenn die Regeneration unter konservativer Behandlung nach ca. 3-6 Monaten nicht ausreicht. Auch wenn eine spontane Reinnervation unmöglich ist, sollten Sie operiert werden. Es sollte außerdem eine Operation gemacht werden, wenn Sie eine offene Plexusläsion erlitten haben oder Blutergüsse (Hämatome) auftreten, die durch ihre Größe das umliegende Gewebe verdrängen. Der Zeitpunkt der Operation hängt vom Ausmaß der Verletzung ab. Bei ausgerissenen Nervenwurzeln wird möglichst nach 6-8 Wochen operiert. Wenn keine Nerven durchtrennt sind, sollte die Operation später stattfinden, und zwar nach 3-6 Monaten.
Mögliche Operationsverfahren sind:
- Freilegung von eingeengtem Nervengewebe (Neurolyse). Neurolyse: hohes Maß an Funktionsrückkehr, wobei eine Differenzierung zwischen Spontanregeneration und Operationsergebnis nicht möglich ist
- Nervenrekonstruktion: Gesunde Nerven aus anderen Körperregionen werden mit den geschädigten Plexusnerven verbunden (Nerventransplantation). Nerventransplantation: besseres Ergebnis bei kürzeren Transplantaten, Abhängigkeit vom proximalen Anschluss, Transplantation auf N. musculocutaneus und N. axillaris etwa 60%
- Verlagerung von gesunden Ästen an beschädigte Äste innerhalb des Plexus - die gesunden Äste können aus dem Plexus oder von außerhalb stammen (intraplexaler Nerventransfer bzw. extraplexaler Nerventransfer).
- Versetzen eines eigenen Nervenastes aus einem anderen Körperbereich (Autologe Nerventransplantation)
- Verlagerung von intakten Muskeln zum Funktionserhalt (Ersatzoperation)
An unserer Klinik wurden zwischen April 1994 und August 2004 folgende 199 Sekundäroperationen bei 112 Patienten durchgeführt:
- zur Verbesserung der Schulterstabilität und der Kontrolle des Arms im Raum: Schulterarthrodese (n=26)/M.-trapezius-Transfer (n=85); bei Ausfall der Außenrotatoren: Rotationsosteotomie des Humerusschafts (n=10);
- primär zur Verbesserung der Ellenbogenfunktion: M.-triceps-/-biceps-Transfer (n=12), Proximalisierung der Unterarmflexoren/-extensoren (n=19), M.-latissimus-dorsi-, M.-pectoralis- und M.-teres-major-Transfer (n=9);
- zur Verbesserung der Handfunktion: Verlagerung von Unterarmflexoren auf den M. extensor digitorum (n=20)/M. extensor pollicis longus (n=11) sowie Handgelenkarthrodese (n=7).
Die Priorität bei neurochirurgischen Rekonstruktionen richtet sich nach der angestrebten Funktion:
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- N. musculocutaneus - M. biceps
- N. axillaris - M. deltoideus
- N. suprascapularis - Rotatorenmanschette
- N. radialis, N. medianus, N. ulnaris - distale Armnerven werden in zweiter Linie adressiert
Die Reinnervation nach neurochirurgischer Operation ist von diversen Faktoren abhängig und deshalb nicht einheitlich: besseres Ergebnis bei Operation innerhalb von 6 Monaten Neurolyse: hohes Maß an Funktionsrückkehr, wobei eine Differenzierung zwischen Spontanregeneration und Operationsergebnis nicht möglich ist Nerventransplantation: besseres Ergebnis bei kürzeren Transplantaten, Abhängigkeit vom proximalen Anschluss, Transplantation auf N. musculocutaneus und N. axillaris etwa 60% Neurotisation: Anschluss an Intercostalnerven 30% - 60%, N. phrenicus bis 85%, C7 der Gegenseite etwa 70%
Moderne Handorthesen
Moderne Handorthesen können bei Funktionseinschränkungen durch eine Plexusparese eine wichtige Rolle spielen. Sie sind speziell entwickelte Hilfsmittel, die Menschen mit eingeschränkter Hand- und Fingerfunktion dabei unterstützen, alltägliche Bewegungen wieder auszuführen. Sie können Greif-, Halte- und Bewegungsfunktionen übernehmen und erleichtern.
Ein Beispiel hierfür ist die sensorgesteuerte Orthese neo1 (neurorehabilitation exoskeletal orthosis). Mit ihrer Hilfe können der Ellbogen des Anwenders wieder positioniert und eine Greif- und Haltefunktion der Hand fremdkraftbetrieben ausgeführt werden, ohne dass die nicht betroffene Extremität in die Bewegung einbezogen werden muss. Das myoelektrisch gesteuerte Exoskelett neo1 soll dem Betroffenen gestatten, seinen gelähmten Arm aktiv zu bewegen, um einfache Greif- und Haltefunktionen auszuüben. Durch einen regelmäßigen Gebrauch werden neben der aktiven Bewegungsunterstützung Stimulationen neuroplastischer Prozesse erwartet, insbesondere im Bereich der somatosenosorischen Großhirnrinde, die zu einer deutlichen Reduktion von neuropathischen Schmerzen beitragen. Aus therapeutischen Gesichtspunkten kann die myoelektrisch gesteuerte und aktiv angetriebene Orthese die mobilisierende Bewegungstherapie ergänzen und damit die Beweglichkeit der Gelenke positiv unterstützen. Beeinflusst wurde neo1 durch Arbeiten am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) zum BMBF-Verbundprojekt „OrthoJacket (orthosis jacket) - eine intelligente Hybrid-Orthese für die gelähmte obere Extremität auf Basis der Funktionellen Elektrostimulation und innovativer Fluidaktoren als Therapie- und Unterstützungssystem“
Ein direkter Vorläufer von neo1 war das BMBF-Verbundprojekt „Invisible-Grip-Assist - das alltagstaugliche Assistenzsystem zur aktiven Unterstützung von Patienten mit eingeschränkter Handbeweglichkeit“, das im Zeitraum April 2012 bis März 2015 gefördert wurde6. Die Entwicklung einer myoelektrischen, aktiven Orthese der oberen Extremität wird wissenschaftlich begleitet durch das BMBF-Verbundprojekt: „neo (neurorehabilitation exoskeletal orthosis) - sensorgesteuerte aktive Orthese für die obere Extremität“; das Projekt startete im April 2021. Vincent Systems entwickelt im Projekt die technischen Voraussetzungen, der klinische Partner, die BG Unfallklinik Ludwigshafen, führt derzeit eine 12-monatige klinische Studie mit bis zu 20 Patienten durch mit der Zielsetzung: „Klinische Evaluation der sensorgesteuerten aktiven Orthese für die obere Extremität bei Plexus brachialis Verletzungen bezüglich Funktionalität, Lebensqualität und Schmerzen und kortikaler Repräsentation.“ Der Projektpartner, die Charité-Universitätsklinik Berlin, verfolgt im Rahmen der Forschungsarbeiten die Zielstellung: „Klinische Validierung einer Hybriden Kortikoid-muskulär (durch Gehirnareale stimulierte Muskulatur) gesteuerten Orthese zur Wiederherstellung sensomotorischer Funktion.“ Der Schwerpunkt der Arbeiten liegt u. a. auf der Umsetzung alternativer Steuerungsstrategien mittels Biosignalen aus EOG und EEG.
Das myoelektrisch gesteuerte Exoskelett neo1 hat inkl. Akku ein Gewicht von ca. 1200 g. Die maximale Aufbauhöhe beträgt 30 mm, die Hebekraft des Ellbogens, gemessen an der Hand, beträgt 15 N, die Greifkraft in der Hand beträgt 50 N. Das System kann selbstständig vom Nutzer angelegt und aufgrund der sehr schlanken Gestaltung auch unter der Bekleidung getragen werden. Die im Folgenden beschriebene erste Ausführungsvariante ist seit Ende 2022 im klinischen Einsatz. Das aktive Orthesensystem ist modular aufgebaut, d. h., einzelne Komponenten können separat eingesetzt oder aus der Versorgung herausgenommen werden. Das Komplettsystem besteht aus zwei Oberarm- und zwei Unterarmsegmenten sowie einer Führung für den Daumen und die Langfinger.
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Beginnend mit dem proximalen Oberarmsegment besteht dieses aus einer medio-dorsalen Humerusanlage sowie einer thorakalen Spange. Ein Gurtsystem reponiert die subluxierte Schulter und sorgt für eine gute Schulterkontrolle und Stabilität. Ferner kann so komplett auf eine Bandagenführung kontralateral verzichtet werden, was nicht nur das Orthesen-Handling signifikant vereinfacht. Auch kann hierdurch die Orthese unauffällig unter der Bekleidung getragen werden. Dorsalseitig des Oberarmsegments befindet sich der Einlegerahmen des Wechselakkus. Das distale Oberarmsegment ist um die Oberarmachse rotatorisch über ein Bogenlager mit dem proximalen Oberarmsegment schwenkbar verbunden. Die Antriebseinheit des Ellbogens und die dorsal positionierte Steuerungselektronik sind fest mit dem dis-talen Oberarmsegment verbunden. Das aktive Ellbogengelenk verbindet das distale Oberarm- mit dem proximalen Unterarmsegment. Auch der Unterarm ist in zwei Segmente eingeteilt. Beide Unterarmsegmente sind um die Unterarmachse rotatorisch über ein Bogengleitlager miteinander schwenkbar verknüpft. Das passive Handgelenk gestattet eine stufenlose Positionierung der Hand bei einstellbarer Friktion. Das Mittelhandsegment ist ulnarseitig mit dem passiven Handgelenk verbunden, zusammen mit der Daumenführung fixiert es Hand und Daumen in einer für das Greifen optimalen Stellung.
Die Funktionen der Orthese können mit ein bis fünf EMG-Sensoren gesteuert werden. Idealerweise kommen diese auf dem Musculus biceps brachii zur Ellbogenflexion, dem Musculus triceps brachii zur Ellbogenextension sowie auf den Flexoren des Unterarms zum Schließen und den Extensoren des Unterarms zum Öffnen des GripAssist zum Liegen. In dieser Konstellation lassen sich alle Funktionen separat ansteuern. Bei den ersten Versorgungen wurde schnell deutlich, dass dies bei einem Plexusriss eher selten anzutreffen ist, denn häufig sind nur wenige Signale vorhanden, die sich zudem überlagern. Die Steuerung des gesamten Systems ist daher auch über nur ein Muskelsignal möglich. In diesem Falle wird über ein vereinbartes Triggersignal zwischen den Gelenken geschaltet. Stehen keinerlei geeignete Muskelsignale zur Verfügung, kann das System auch über eine Bewegungssteuerung mit einer Smartwatch gesteuert werden. Mode 1: 1‑Elektroden-Steuerung. Mode 2 bis 4: 2‑Elektroden-Steuerung. Mode 5 bis 8: 3‑Elektroden-Steuerung. Der Ellbogen wird mit einer Elektrode und die Hand wird mit zwei Elektroden simultan gesteuert. Mode 9: 4-5‑Elektroden-Steuerung. Ellbogen und Hand werden mit jeweils zwei Elektroden gesteuert, die beiden aktiven Gelenke können simultan angesteuert werden. Bei Vorhandensein eines weiteren Signals B. Mode 10: Controller-Agent-Steuerung. Bei Nichtvorhandensein von geeigneten Muskelsignalen kann die Steuerung über eine am unverletzten Arm getragene Smartwatch erfolgen. Es handelt sich dabei um eine Bewegungssteuerung. Dabei kann durch eine Geste die Steuerung ein- und ausgeschaltet werden.
Für eine funktionsgerechte Passform werden alle Orthesensegmente individuell angefertigt. Die Oberarmsegmente werden in einem Spiralzuschnitt geformt, der den Einstieg in die Orthese nur bei innenrotierter Schulter ermöglicht. Am proximalen Oberarmsegment muss hier auf die exakte Stellung der Flügel geachtet werden: Der vordere Flügel darf bei keiner Schulterbewegung Kontakt zur Clavicula aufweisen. Der hintere Flügel fasst sicher die Scapula. Verbunden sind diese mit einer medialen flächigen Anlage des Humerus bei anatomisch geformten Radien des Achselbereichs. Hierdurch wird eine laterale Bewegung der Orthese verhindert. In diesem Segment können Signale vom M. biceps brachii, M. triceps brachii, der Pars clavicularis oder der Pars spinalis des M. Im proximalen Unterarmsegment können Signale des Extensors und des Flexors abgegriffen werden. Ein besonderes Augenmerk ist auf die Drehpunkte zu legen. Ebenso auf die Opposition der Langfinger/Daumen und auf eine ausreichende Öffnungsweite. Alle Formerfassungen erfolgen mittels eines Gipsabdrucks in einer 3‑Phasen-Technik. Zunächst erfolgt der Abdruck von Mittelhand/Unterarm in Funktionsstellung, wobei hier auf eine Opposition des Daumens bei maximaler Öffnungsweite D1 zu D2 geachtet werden muss. Es folgen Unterarm und Oberarm bei extendiertem Ellbogen, innenrotierter Schulter und Neutral-Null-Stellung Pronation/Supination.
Fallbeispiele:
- Der erste Anwender ist 34 Jahre alt. 2014 erlitt er bei einem Motorradunfall einen traumatischen Plexusriss links C5-Th1. Er lebt allein und organisiert seinen privaten und beruflichen Alltag als Fachinformatiker selbstständig. Als Para-Sportkletterer bewältigt er einarmig höchste Schwierigkeitsgrade. Bereits vor der Versorgung hatte der Anwender keine Phantomschmerzen mehr und beschrieb seine Sensibilität lediglich als drückend kribbelnd. Neben seinem Sport geht er zweimal wöchentlich zur Physiotherapie und zweimal zur medizinischen Trainingstherapie. Es zeigt sich eine deutlich reduzierte Sensibilität. Die linke Schulter ist subluxiert. Der Anwender ist Rechtshänder. Es zeigt sich eine Außenrotationskontraktur im Schultergelenk, eine reduzierte Flexion der Finger in den MCP-Gelenken sowie eine reduzierte Daumenbeweglichkeit. Die Ansteuerung der neo1-Orthese erfolgt über 2 EMG-Sensoren, der Ellbogen mit einer Elektrode (M. biceps brachii), die Hand mit einer Elektrode (M. extensor carpi ulnaris). Somit kann der Anwender beide Gelenke simultan ansteuern und erstmals wieder den Arm aktiv beugen und Gegenstände greifen (Abb. 9). Er trägt die Orthese seit Februar 2023 und nutzt diese täglich für ca. 2 Stunden im häuslichen Umfeld, insbesondere bei bimanuelle Tätigkeiten beginnend beim Frühstück mit dem Halten der Butter, des Marmeladenglases, beim Brotschneiden und ‑schmieren, aber auch bei der Hausarbeit, wie z. B. beim Zusammenlegen der Wäsche.
- Der zweite Anwender ist 35 Jahre alt. 2011 erlitt dieser ebenfalls bei einem Motorradunfall einen traumatischen Plexusriss rechts C5-Th1. 2012 erfolgte ein Nerventransfer C5 und C6 mit Suralis-Interponat. Jedoch kam es nie zu einer Reinnervation. Derzeit lebt er allein, bewältigt seinen Alltag selbstständig und ist als Elektrokonstrukteur voll berufstätig. In seiner Freizeit beschäftigt er sich mit der Renovierung seines Hauses sowie der Gartengestaltung. Bei einer Schmerzskalierung von 5 (VAS) nimmt er täglich Schmerzmedikamente, therapiert zusätzlich mit Akupressur. Den Phantomschmerz beschreibt er als stechend und kribbelnd, er hat das Gefühl einer Quetschung und Juckreiz. Er geht zweimal wöchentlich zur Physiotherapie. Erhaltene Sensibilität verspürt er lediglich am distal-medialen Oberarm. Der Anwender ist Rechtshänder, der Arm hat keinerlei Restfunktion. Das Schultergelenk ist subluxiert. Es zeigt sich eine limitierte Ellbogenbeugung, eine limitierte Pro-/Supination sowie eine eingeschränkte Handgelenks‑, Finger- und Daumenbeweglichkeit. Die Orthese trägt der Anwender seit 2 Monaten. Die Ansteuerung der neo1-Orthese erfolgt erstmals über Controller Agent, eine Smartwatch-Gestensteuerung. Durch eine Geste wird die Steuerung aktiviert. Beugt der Anwender nun den gesunden Arm, beugt sich auch das Ellbogengelenk der Orthese; streckt er den gesunden Arm, streckt sich auch das Gelenk. Supiniert er den gesunden Arm, öffnet sich der Grip-Assist, proniert er diesen, schließt sich der GripAssist. Ein eigenständiges Orthesen-Handling war bereits, wie übrigens bei allen Anwendern, innerhalb der ersten Anproben möglich. Von der Orthese und der Technologie ist der Anwender begeistert. Die Ansteuerung beherrscht er einwandfrei. Die limitierte Ellbogenbeugung wurde durch einen Gelenkanschlag übernommen. Ebenso wäre dies, wenn nötig, auch in Extension möglich. Bei der Übergabe von Gegenständen von der linken in die rechte Hand tut er sich schwer.
- Der dritte Anwender ist 53 Jahre alt. 1987 erlitt er bei einem Mopedunfall einen Plexusriss links. Im Januar 1988 erfolgte ein Revitalisierungsversuch des N. musculo-cutaneus und des N. medianus durch Anastomosierung mit den Nn. intercostales 3, 4 und 5 mittels …
Prävention
Tragen Sie eine Schutzausrüstung, wenn Sie sich in Situationen mit einem entsprechenden Verletzungsrisiko begeben (z. B. bei Extremsportarten und beim Motorradfahren).
Prognose
Abhängig vom Schweregrad der Plexusverletzung kann eine spontane Nervenheilung möglich sein (Reinnervation). Die Spontanheilung kann zu besseren funktionellen Ergebnissen führen als eine Operation - selbst wenn die Operation optimal verläuft. Allerdings dauert die Nervenregeneration etwa 2,5-3 Jahre. Bei ausgerissenen Nervenwurzeln kann keine spontane Regeneration stattfinden. Insgesamt sind etwa 70 % der Ergebnisse bei oberen Plexusläsionen gut. Bei unteren Plexusläsionen ist die Prognose schlechter. Als Folge einer Plexusläsion können langfristig Defizite der Sensibilität oder Motorik mit einer Funktionseinschränkung zurückbleiben. Neuropathische Schmerzen können chronisch werden.
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