Plexus: Definition, Anatomie, Funktion und klinische Bedeutung in der Medizin

Im menschlichen Körper bilden Nerven, Blutgefäße und Lymphbahnen komplexe Netzwerke, die als Plexus bezeichnet werden. Diese Strukturen sind von entscheidender Bedeutung für die Verteilung von Nervenimpulsen, den Bluttransport und die Immunabwehr. Dieser Artikel bietet einen umfassenden Überblick über das Konzept des Plexus, seine verschiedenen Arten, seine anatomische Struktur, seine Funktionen und seine klinische Relevanz.

Was ist ein Plexus?

Ein Plexus (lateinisch für "Geflecht") ist ein Netzwerk oder eine Verflechtung von Leitungsbahnen im Körper. Zu diesen Leitungsbahnen zählen:

  • Arterien und Venen: Für den Bluttransport zu und von den Organen und Geweben.
  • Lymphgefäße: Für den Transport von Lymphe, die eine wichtige Rolle im Immunsystem spielt.
  • Nerven: Für die Übertragung von Nervenimpulsen, die die Körperfunktionen steuern.

Ähnlich wie in einem elektrischen Verteilerkasten eines Hauses, winden sich die Nervenplexus durch den Körper. Die Spinalnerven treten entlang der Wirbelsäule jeweils aus ihrem Rückenmarkssegment heraus. Ihre Nervenfasern verbinden sich untereinander netzförmig neu und ziehen zu ihrer Zielregion. Dadurch werden in Nähe des Rückenmarks alle Nerven gebündelt, die einen bestimmten Bereich des Körpers versorgen. Sie führen Fasern für das somatische Nervensystem, welches alle bewussten und willentlich beeinflussbaren Vorgänge steuert.

Arten von Plexus

Plexus können nach ihrer Zusammensetzung und Funktion in verschiedene Kategorien eingeteilt werden:

Nervenplexus

Nervenplexus sind Netzwerke von Nervenfasern, die sich nach dem Austritt aus dem Rückenmark oder dem Gehirn neu organisieren. Diese Neuorganisation ermöglicht es, dass Nervenfasern aus verschiedenen Spinalnerven zusammenkommen und gemeinsam bestimmte Körperregionen versorgen. Nervenplexus können weiter unterteilt werden in:

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  • Somatische Nervenplexus: Diese Plexus enthalten Nervenfasern, die für die willkürliche Steuerung von Muskeln und die sensorische Wahrnehmung zuständig sind. Beispiele hierfür sind der Plexus cervicalis, der Plexus brachialis und der Plexus lumbosacralis.
  • Vegetative Nervenplexus: Diese Plexus enthalten Nervenfasern des autonomen Nervensystems, das unwillkürliche Körperfunktionen wie Herzfrequenz, Atmung, Verdauung und Drüsensekretion steuert. Beispiele hierfür sind der Plexus coeliacus (Solarplexus), der Plexus mesentericus superior und der Plexus cardiacus.

Gefäßplexus

Gefäßplexus sind Netzwerke von Blutgefäßen (Arterien und Venen) und Lymphgefäßen. Sie dienen der Versorgung und Entwässerung von Geweben und Organen. Gefäßplexus können weiter unterteilt werden in:

  • Arterielle Plexus: Diese Plexus bestehen aus anastomosierenden Arterien, die ein definiertes Gewebeareal versorgen und Arterienausfälle teilweise kompensieren können. Ein Beispiel ist der Circulus arteriosus cerebri (Willis-Kreis) im Gehirn.
  • Venöse Plexus: Diese Plexus bestehen aus anastomosierenden Venen, die das Blut aus einem Gewebeareal abtransportieren und zusätzliche Funktionen wie die Temperaturregulation übernehmen können. Ein Beispiel ist der Plexus pampiniformis im Hodensack.
  • Lymphatische Plexus: Diese Plexus bestehen aus Lymphgefäßen, die Lymphe aus Geweben und Organen abtransportieren und eine wichtige Rolle im Immunsystem spielen.

Wichtige Nervenplexus im Körper

Plexus cervicalis (Halsgeflecht)

Der Plexus cervicalis ist ein Nervengeflecht, das aus den ventralen (vorderen) Ästen der zervikalen Spinalnerven C1 bis C5 entsteht. Er innerviert sensorisch die Haut der Hals- und Nackenregion und motorisch die infrahyoidale Muskulatur und das Zwerchfell. Zu den wichtigsten Ästen des Plexus cervicalis gehören:

  • Motorische Äste:
    • Ansa cervicalis: Innerviert die infrahyoidale Muskulatur (Muskeln unterhalb des Zungenbeins).
    • Nervus phrenicus: Innerviert das Zwerchfell, den wichtigsten Atemmuskel.
    • Ramus sternocleidomastoideus und Ramus trapezius: Innervieren den Musculus sternocleidomastoideus und den Musculus trapezius, die für die Kopfbewegung und Schulterhebung wichtig sind.
  • Sensible Äste:
    • Nervus occipitalis minor: Innerviert die Haut am Hinterkopf.
    • Nervus auricularis magnus: Innerviert die Haut an der Ohrmuschel und der Wange.
    • Nervus transversus colli: Innerviert die Haut an der Vorderseite des Halses.
    • Nervi supraclaviculares: Innervieren die Haut über dem Schlüsselbein.

Plexus brachialis (Armgeflecht)

Der Plexus brachialis bildet sich aus den ventralen Ästen der Spinalnerven C5 bis Th1. Er innerviert die gesamte obere Extremität (Schulter, Arm, Unterarm und Hand). Die Nervenfasern des Plexus brachialis lagern sich zu drei Primärstämmen (Trunci) aneinander, aus denen sich die Nerven des Pars supraclavicularis (oberhalb des Schlüsselbeins) und die Nerven der Pars infraclavicularis (unterhalb des Schlüsselbeins) entwickeln. Zu den wichtigsten Nerven, die aus dem Plexus brachialis hervorgehen, gehören:

  • Nervus axillaris
  • Nervus radialis
  • Nervus medianus
  • Nervus ulnaris
  • Nervus musculocutaneus
  • Nervus cutaneus antebrachii medialis

Plexus lumbosacralis (Lenden-Kreuzbein-Geflecht)

Der Plexus lumbosacralis ist ein komplexes Nervengeflecht, das aus den Rami anteriores der Spinalnerven Th12 bis S4 entsteht. Er innerviert die untere Extremität (Bein und Fuß), das Becken und die Beckenbodenmuskulatur. Der Plexus lumbosacralis wird oft in zwei Teile unterteilt:

  • Plexus lumbalis: Innerviert motorisch die untere Bauchmuskulatur und die vordere Seite des Oberschenkels. Sensibel innerviert er den Unterbauch, die Genitalregion und den vorderen Oberschenkel.
  • Plexus sacralis: Innerviert die untere Extremität und das Becken. Der wichtigste Nerv, der aus dem Plexus sacralis hervorgeht, ist der Nervus ischiadicus (Ischiasnerv), der den größten Teil des Beins und Fußes innerviert.

Vegetative Nervenplexus

Aus den Fasern des vegetativen Nervensystems entstehen die vegetativen Nervenplexus. Das vegetative System umfasst die unwillkürlichen, autonomen Vorgänge im Körper, die ohne die bewusste Steuerung vom Gehirn ablaufen. Zu den wichtigsten vegetativen Nervenplexus gehören:

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  • Plexus coeliacus (Solarplexus): Setzt sich aus sympathischen Fasern des Nervus splanchnicus major und parasympathischen Fasern des Nervus vagus zusammen. Er befindet sich um den Truncus coeliacus, die Arteriae phrenicae inferiores, die Arteria mesenterica superior und die Arteriae renales und steuert die Aktivität des Gastrointestinaltrakts.
  • Plexus mesentericus superior: Besteht aus sympathischen Fasern des Nervus splanchnicus minor und parasympathischen Fasern des Nervus vagus. Er innerviert beispielsweise den größten Teil des Dünndarms und des Colons sowie das Pankreas.
  • Plexus mesentericus inferior: Besteht aus sympathischen Nervi splanchnici lumbales und parasympathischen Nervi splanchnici pelvis.
  • Plexus cardiacus: Innerviert das Herz und reguliert die Herzfrequenz und Kontraktionsstärke.
  • Plexus pulmonalis: Innerviert die Trachea, Bronchien und pulmonalen Gefäße und reguliert die Atmung.
  • Plexus oesophagus: Innerviert die Speiseröhre (Ösophagus) und steuert die Peristaltik.

Klinische Bedeutung von Plexus

Plexus spielen eine wichtige Rolle in verschiedenen klinischen Bereichen:

Regionalanästhesie

Die anatomische Grundlage der Plexus kann für die Technik der Plexusblockaden genutzt werden. Dabei wird im Rahmen der Regionalanästhesie der entsprechende Plexus mittels eines Lokalanästhetikums betäubt. Dieses Verfahren findet vorwiegend bei operativen Eingriffen seine Anwendung.

  • Axilläre Plexusblockade: Blockiert den Plexus brachialis auf Ebene der Endäste und wird bei schmerzhaften Prozeduren an Hand oder Unterarm eingesetzt.
  • Interskalenäre Plexusblockade: Blockiert die Segmente C5 bis C7 des Plexus brachialis und wird bei Eingriffen an Schulter, lateralem Schlüsselbein oder proximalem Humerus eingesetzt.
  • Femoralisblockade: Blockiert den Nervus femoralis als Ast des Plexus lumbalis und wird zur Betäubung des ventralen und medialen Oberschenkels, des medialen Kniegelenks und des medialen Unterschenkels sowie des medialen Knöchels und Fußes eingesetzt.
  • Ischiadikusblockade: Blockiert den Nervus ischiadicus, der dem Plexus sacralis entspringt, und wird zur Betäubung des lateralen Kniebereichs, des Unterschenkels und beinahe des gesamten Fußes eingesetzt.

Plexusverletzungen (Plexusparese)

Verletzungen der Nervenplexus, insbesondere des Plexus brachialis, können zu schweren neurologischen Ausfällen führen. Ursachen für Plexusverletzungen sind:

  • Traumatische Verletzungen: Verkehrsunfälle, Stürze, Sportverletzungen.
  • Geburtstrauma: Überdehnung oder Zug an der Schulter des Neugeborenen während der Geburt (Obstetric Brachial Plexus Palsy, OBPP).
  • Tumore: Tumore, die auf die Nervenplexus drücken oder in sie einwachsen.
  • Entzündungen: Entzündliche Erkrankungen der Nerven (z. B. Parsonage-Turner-Syndrom).

Die Symptome einer Plexusparese variieren je nach Schweregrad und Lokalisation der Nervenverletzung und reichen von leichten Bewegungseinschränkungen bis hin zu einer kompletten Armlähmung. Die Diagnose umfasst eine neurologische Untersuchung, elektrophysiologische Untersuchungen (EMG, ENG) und bildgebende Verfahren (MRT). Die Behandlung kann konservativ (Physiotherapie, Ergotherapie, Schmerzmanagement) oder operativ (Nervenrekonstruktion, Nerventransfer, Muskeltransfer) erfolgen. Moderne Handorthesen können bei Funktionseinschränkungen durch eine Plexusparese eine wichtige Rolle spielen.

Plexustumore (Choroidplexustumoren)

Plexustumore (auch Choroidplexustumoren) sind sehr seltene Tumoren des Zentralnervensystems (ZNS), die vom Adergeflecht (Plexus choroideus) der Hirnkammern ausgehen. Es gibt gutartige (Plexuspapillome) und bösartige (Plexuskarzinome) Formen. Plexustumore können die Produktion und Zirkulation der Gehirn-Rückenmark-Flüssigkeit (Liquor) stören und zu einem Hydrozephalus (Wasserkopf) führen. Die Diagnose erfolgt durch bildgebende Verfahren (MRT) und die feingewebliche Untersuchung einer Gewebeprobe (Biopsie). Die Behandlung umfasst in der Regel eine Operation zur Tumorentfernung. Bei Plexuskarzinomen kann zusätzlich eine Chemo- und/oder Strahlentherapie erforderlich sein. Die Heilungsaussichten hängen von der Art des Tumors, dem Ausmaß der Tumorentfernung und dem Ansprechen auf die Therapie ab.

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