Polyneuropathie nach Knochenbruch: Ursachen, Diagnose und Therapie

Neuropathische Schmerzen, die nach einem Knochenbruch auftreten, können eine erhebliche Beeinträchtigung der Lebensqualität darstellen. Dieser Artikel beleuchtet die Ursachen, Diagnostik und Therapie der Polyneuropathie nach einem Knochenbruch, um Betroffenen und Interessierten ein umfassendes Verständnis dieser komplexen Erkrankung zu ermöglichen.

Einleitung

Polyneuropathie, definiert als eine Erkrankung, die mehrere periphere Nerven betrifft, kann verschiedene Ursachen haben, darunter auch traumatische Ereignisse wie Knochenbrüche. Die Symptome können vielfältig sein und reichen von Missempfindungen und Schmerzen bis hin zu Lähmungen und Funktionsstörungen innerer Organe. Eine frühzeitige Diagnose und Behandlung sind entscheidend, um die Chronifizierung der Schmerzen zu verhindern und die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern.

Was ist Polyneuropathie?

Der Begriff "Polyneuropathie" stammt aus dem Griechischen und bedeutet "Erkrankung mehrerer Nerven". Es handelt sich um eine Erkrankung des peripheren Nervensystems, das alle Nerven außerhalb des Gehirns und des Rückenmarks umfasst. Diese Nerven sind für die Übertragung von Informationen zwischen dem Gehirn und den Muskeln, der Haut und den inneren Organen verantwortlich. Bei einer Polyneuropathie werden diese Nerven oder ihre Umhüllung geschädigt, was zu einer Vielzahl von Symptomen führen kann.

Ursachen von Polyneuropathie

Es gibt über 300 bekannte Ursachen für Polyneuropathie. Zu den häufigsten gehören:

  • Diabetes mellitus: Etwa jeder dritte Diabetiker ist von Polyneuropathie betroffen. Die diabetische Polyneuropathie kann mit unterschiedlichen Symptomen einhergehen, die vor allem die Füße betreffen.
  • Alkoholmissbrauch: Chronischer Alkoholkonsum kann zu einer toxischen Schädigung der Nerven führen.
  • Vitaminmangel: Ein Mangel an Vitamin B1, B2, B6, B12 oder E kann eine Polyneuropathie verursachen.
  • Autoimmunerkrankungen: Erkrankungen wie das Guillain-Barré-Syndrom oder die chronisch-inflammatorische demyelinisierende Polyradikuloneuropathie (CIDP) können zu entzündlichen Polyneuropathien führen.
  • Infektionen: Borreliose, HIV/AIDS und andere Infektionen können ebenfalls Polyneuropathien auslösen.
  • Medikamente: Bestimmte Medikamente, insbesondere Chemotherapeutika, Interferone und Virustherapeutika, können als Nebenwirkung eine Polyneuropathie verursachen.
  • Schwermetallvergiftungen: Blei, Arsen, Thallium, Quecksilber und Gold können toxisch auf die Nerven wirken.
  • Genetische Ursachen: Es gibt auch genetisch bedingte Polyneuropathien, die jedoch seltener sind.
  • Knochenbrüche: Ein Knochenbruch kann direkt oder indirekt zu einer Polyneuropathie führen, indem er Nerven schädigt oder Entzündungsprozesse auslöst.
  • Ungeklärte Ursachen: Bei etwa einem Viertel aller Polyneuropathien bleibt die Ursache auch nach ausführlicher Abklärung ungeklärt.

Polyneuropathie nach Knochenbruch

Ein Knochenbruch kann auf verschiedene Weisen zu einer Polyneuropathie führen:

Lesen Sie auch: Behandlungsmöglichkeiten bei alkoholischer Polyneuropathie

  • Direkte Nervenschädigung: Der Bruch selbst kann Nerven direkt verletzen oder quetschen.
  • Kompression: Durch den Bruch bedingte Schwellungen oder Hämatome können Nerven komprimieren.
  • Entzündung: Entzündungsprozesse im Rahmen der Knochenheilung können die peripheren Nerven beeinträchtigen.
  • CRPS (Complex Regional Pain Syndrome): Ein CRPS entwickelt sich nach einem Trauma im Bereich der distalen Extremitätenabschnitte. Dabei hält sich die Symptomatik nicht an Innervationsterritorien. Nur extrem selten kommt es im Verlauf zum Ausbreiten der Symptomatik auf andere Extremitäten.
  • Postoperative Nervenschmerzen: Operationen zur Behandlung von Knochenbrüchen können ebenfalls Nervenschäden verursachen, entweder durch direkte Verletzung während des Eingriffs oder durch postoperative Entzündungen.

Symptome der Polyneuropathie nach Knochenbruch

Die Symptome einer Polyneuropathie nach einem Knochenbruch können vielfältig sein und hängen davon ab, welche Nerven betroffen sind. Häufige Symptome sind:

  • Schmerzen: Neuropathische Schmerzen werden oft als brennend, elektrisierend, stechend oder ziehend beschrieben. Sie können spontan auftreten oder durch Berührung oder Bewegung ausgelöst werden.
  • Missempfindungen: Kribbeln, Taubheitsgefühle, Juckreiz oder ein Gefühl, auf Watte zu laufen, sind häufige Missempfindungen.
  • Allodynie: Eine Überempfindlichkeit der Haut, bei der bereits leichte Berührungen oder Temperaturänderungen als schmerzhaft empfunden werden.
  • Muskelschwäche: Lähmungen, Muskelschwund und Koordinationsschwierigkeiten können auftreten, wenn motorische Nerven betroffen sind.
  • ** vegetative Störungen:** Störungen der Blasen- oder Darmfunktion, Herzrhythmusstörungen oder eine gestörte Schweißsekretion können auftreten, wenn vegetative Nerven betroffen sind.
  • ** Eingeschränktes Temperaturempfinden:** Betroffene können Schwierigkeiten haben, Temperaturunterschiede richtig einzuschätzen, was insbesondere an den Füßen problematisch sein kann.
  • ** Eingeschränktes Schmerzempfinden:** Ein herabgesetztes Schmerzempfinden kann dazu führen, dass Verletzungen nicht oder zu spät wahrgenommen werden, was insbesondere bei Diabetikern zu Druckgeschwüren führen kann.

Diagnostik der Polyneuropathie nach Knochenbruch

Die Diagnose einer Polyneuropathie nach einem Knochenbruch umfasst mehrere Schritte:

  1. Anamnese: Der Arzt erfragt die genauen Symptome, die Entstehungsgeschichte der Schmerzen und mögliche Risikofaktoren wie Diabetes, Alkoholkonsum oder Medikamenteneinnahme.
  2. Körperliche Untersuchung: Der Arzt untersucht die Reflexe, das Temperatur-, Schmerz- und Vibrationsempfinden sowie die Muskelkraft und Koordination.
  3. Elektrophysiologische Untersuchungen:
    • Nervenleitgeschwindigkeit (NLG): Diese Untersuchung misst, wie schnell elektrische Signale durch die Nerven geleitet werden. Eine verlangsamte Nervenleitgeschwindigkeit kann auf eine Nervenschädigung hinweisen.
    • Elektromyographie (EMG): Diese Untersuchung misst die elektrische Aktivität der Muskeln. Sie kann helfen, Muskelschäden oder Nervenwurzelprobleme zu erkennen.
  4. Laboruntersuchungen: Das Blut wird auf verschiedene Faktoren untersucht, die eine Polyneuropathie verursachen können, wie z.B. Blutzucker, Vitaminspiegel, Entzündungsmarker und Antikörper.
  5. Bildgebung: In einigen Fällen können bildgebende Verfahren wie MRT oder Ultraschall eingesetzt werden, um Nervenstrukturen darzustellen und andere Ursachen für die Beschwerden auszuschließen.
  6. Nervenwasseruntersuchung (Liquoruntersuchung): Bei Verdacht auf eine entzündliche Erkrankung kann eine Nervenwasseruntersuchung durchgeführt werden.
  7. Nervenbiopsie: In seltenen Fällen kann eine Nervenbiopsie erforderlich sein, um die Ursache der Polyneuropathie zu klären.
  8. Psychiatrische Untersuchung: Eine psychiatrische Untersuchung kann zur Abgrenzung von psychischen Ursachen der Beschwerden notwendig sein.
  9. "Budapester Tabelle": Für die Diagnostik des CRPS wird die "Budapester Tabelle" verwendet. Hier werden die notwendigen Kriterien aufgeführt, die für diese Diagnose nötig sind.

Differenzialdiagnosen

Es ist wichtig, andere Erkrankungen auszuschließen, die ähnliche Symptome verursachen können. Dazu gehören:

  • Engpasssyndrome: Nervenkompressionen, wie z.B. das Karpaltunnelsyndrom, können ähnliche Symptome wie eine Polyneuropathie verursachen.
  • Radikulopathien: Nervenwurzelreizungen, z.B. durch einen Bandscheibenvorfall, können ebenfalls Schmerzen und Missempfindungen in den Extremitäten verursachen.
  • Vaskuläre Erkrankungen: Durchblutungsstörungen können ähnliche Symptome wie eine Polyneuropathie verursachen.
  • Arthrose: Gelenkverschleiß kann ebenfalls Schmerzen und Bewegungseinschränkungen verursachen.

Therapie der Polyneuropathie nach Knochenbruch

Die Therapie der Polyneuropathie nach einem Knochenbruch zielt darauf ab, die Ursache der Nervenschädigung zu behandeln, die Schmerzen zu lindern und dieFunktion wiederherzustellen. Die Behandlung sollte immer eine Kombination aus nicht-medikamentösen und medikamentösen Maßnahmen sein. Nur in Ausnahmefällen sollten interventionelle Therapieformen zur Anwendung kommen.

Ursachenorientierte Therapie

  • Behandlung der Grunderkrankung: Wenn die Polyneuropathie durch eine Grunderkrankung wie Diabetes, Alkoholismus oder Vitaminmangel verursacht wird, muss diese Grunderkrankung behandelt werden. Eine optimale Blutzuckereinstellung bei Diabetes, Alkoholabstinenz bei Alkoholismus und dieBehebung von Vitaminmängeln sind entscheidend für den Behandlungserfolg.
  • Beseitigung von Kompressionsursachen: Wenn die Polyneuropathie durch eine Kompression des Nervs verursacht wird, kann eine operative Dekompression erforderlich sein.
  • Entzündungshemmende Therapie: Bei entzündlichen Polyneuropathien können Cortison-Infusionen, Plasmapherese (Blutwäsche) oder die Gabe von Immunglobulinen helfen, die Entzündung zu reduzieren und die Nervenfunktion zu verbessern.
  • Absetzen schädlicher Medikamente: Medikamente, die eine Polyneuropathie verursachen können, sollten, wenn möglich, abgesetzt oder ausgetauscht werden.

Symptomatische Therapie

  • Schmerzmittel:
    • Nicht-opioide Schmerzmittel: Schmerzmittel wie Ibuprofen oder Diclofenac können bei leichten bis mittelschweren Schmerzen helfen.
    • Opioide: In schweren Fällen können Opioide in Betracht gezogen werden, sollten aber aufgrund ihres Suchtpotenzials nur mit Vorsicht eingesetzt werden.
    • Antidepressiva: Trizyklische Antidepressiva (z.B. Amitriptylin) und selektive Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer (SSNRI, z.B. Duloxetin) können neuropathische Schmerzen lindern.
    • Antikonvulsiva: Medikamente wie Gabapentin und Pregabalin, die ursprünglich zur Behandlung von Epilepsie eingesetzt wurden, können ebenfalls neuropathische Schmerzen reduzieren.
    • Lokale Therapie: Schmerzpflaster mit Lidocain oder Capsaicin können bei lokalisierten Schmerzen und Missempfindungen eingesetzt werden.
  • Physiotherapie: Physiotherapie kann helfen, die Muskelkraft und Koordination zu verbessern, Gangstörungen zu reduzieren und Schmerzen zu lindern.
  • Ergotherapie: Ergotherapie kann helfen, Alltagsaktivitäten trotz der Polyneuropathie zu bewältigen und die Lebensqualität zu verbessern.
  • Transkutane elektrische Nervenstimulation (TENS): Bei der TENS-Therapie werden kleine Elektroden auf die Haut geklebt, die sanfte elektrische Impulse abgeben. Dies kann helfen, Schmerzen zu lindern.
  • Neural-Akupunktur: Neural-Akupunktur kann bei der Behandlung von Schmerzen und Missempfindungen eingesetzt werden.
  • Psychotherapie: Psychotherapeutische Maßnahmen können helfen, mit den chronischen Schmerzen umzugehen und die Schmerzakzeptanz zu verbessern.
  • Medizinisches Cannabis: Seit 2017 können Ärzte in Deutschland medizinisches Cannabis auf Rezept verschreiben. Der Einsatz von medizinischem Cannabis bei chronischen neuropathischen Schmerzen wird kontrovers diskutiert.
  • Invasive Therapie: In einigen Fällen können invasive Therapien wie Nervenblockaden, Ganglionblockaden oder Neuromodulationsverfahren erforderlich sein, um die Schmerzen zu lindern.

Weitere Maßnahmen

  • Fußpflege: Bei Sensibilitätsstörungen ist eine tägliche Fußpflege unverzichtbar, um Verletzungen und Druckgeschwüren vorzubeugen.
  • Schuhwerk: Geeignetes Schuhwerk ist wichtig, um den Fuß zu schützen und Stürze zu vermeiden.
  • Hilfsmittel: Verschiedene Hilfsmittel, wie z.B. Gehhilfen oder Orthesen, können das Leben mit Polyneuropathie erleichtern.
  • Selbsthilfegruppen: Der Austausch mit anderen Betroffenen in Selbsthilfegruppen kann sehr hilfreich sein.
  • Ernährung: Eine ausgewogene Ernährung mit allen essenziellen Vitaminen und Nährstoffen ist wichtig für die Nervenfunktion. Eine Nahrungsergänzung mit Folsäure, B12 oder anderen B-Vitaminen ist nur bei einem nachgewiesenen Mangel sinnvoll.
  • Bewegung: Regelmäßige Bewegung kann neuropathische Beschwerden lindern und die Regeneration der Nerven anregen.

Der Charcot-Fuß als Komplikation der Polyneuropathie

Eine schwerwiegende Komplikation der Polyneuropathie, insbesondere bei Diabetikern, ist der Charcot-Fuß. Dabei kommt es zu einer Zerstörung von Knochen und Gelenken im Fußbereich, was zu schweren Fehlstellungen, Behinderungen und sogar Amputationen führen kann.

Lesen Sie auch: Aktuelle Forschung zu Polyneuropathie und psychosomatischen Ursachen

Ursachen und Entstehung des Charcot-Fußes

Der Charcot-Fuß entsteht meist infolge einer durch den Diabetes verursachten Nervenschädigung (Polyneuropathie). Die genaue Ursache ist noch nicht vollständig geklärt, aber es wird angenommen, dass eine Kombination aus verminderter Knochendichte, muskulärer Imbalanz und kleinsten Verletzungen eine Rolle spielt.

Symptome des Charcot-Fußes

Typische Symptome eines Charcot-Fußes sind:

  • Schwellung
  • Rötung
  • Überwärmung
  • Schmerzunempfindlichkeit

Auffällig ist, dass Betroffene bei Krankheitsbeginn keine oder nur geringe Schmerzen verspüren, obwohl teils massive Knochenbrüche und Deformierungen vorliegen.

Diagnose des Charcot-Fußes

Die Diagnose eines Charcot-Fußes basiert auf der klinischen Untersuchung und bildgebenden Verfahren wie Röntgenaufnahmen und MRT.

Therapie des Charcot-Fußes

Die Therapie des Charcot-Fußes umfasst:

Lesen Sie auch: Polyneuropathie und Demenz: Was Sie wissen sollten

  • Völlige Druckentlastung und Ruhigstellung: Dies ist die wichtigste Maßnahme, um weitere Schäden zu verhindern.
  • Gipsverband (Total Contact Cast): Ein spezieller Gipsverband wird angelegt, um den Fuß ruhigzustellen und zu schützen.
  • Orthopädische Maßschuhe: Nach Abheilung der Knochen sind Schuhe mit speziellen Zurichtungen erforderlich, um den Fuß zu stabilisieren und zu entlasten.
  • Operation: In einigen Fällen kann eine Operation erforderlich sein, um die Fußfehlstellung zu korrigieren und die Stabilität wiederherzustellen.

Vorbeugung des Charcot-Fußes

Patienten mit Diabetes können zur Vorbeugung eines Charcot-Fußes und den daraus entstehenden Komplikationen beitragen, indem sie:

  • Ihren Blutzuckerspiegel gut einstellen.
  • Regelmäßig ihre Füße untersuchen und pflegen.
  • Geeignetes Schuhwerk tragen.
  • Verletzungen der Füße vermeiden.

tags: #polyneuropathie #nach #knochenbruchen