Nervenschäden können vielfältige Ursachen haben und sich in unterschiedlichen Symptomen äußern, von brennenden Schmerzen bis hin zu Taubheitsgefühlen. Glücklicherweise gibt es eine Reihe von Behandlungsoptionen, die von konservativen Maßnahmen bis hin zu operativen Eingriffen reichen. Dieser Artikel bietet einen umfassenden Überblick über die verschiedenen Behandlungsansätze bei Nervenschäden.
Ursachenorientierte Therapie
Nicht immer ist eine intensive Schmerztherapie oder gar eine Operation erforderlich. Die Behandlung von Nervenschäden sollte sich primär an der Ursache orientieren. Einige Beispiele:
- Schlaganfall: Hier ist eine unverzügliche Therapie, beispielsweise mit Medikamenten zur Auflösung des Blutgerinnsels, erforderlich.
- Diabetische Neuropathie: Eine optimale Einstellung der Blutzuckerwerte ist entscheidend.
- Alkoholbedingte Nervenschäden: Sofortige Alkoholabstinenz ist unerlässlich, gegebenenfalls mit ärztlich überwachter Entgiftung und psychischer Entwöhnung.
- Vitaminmangel: Eine Ernährungsumstellung oder die Einnahme von Vitaminpräparaten unter ärztlicher Aufsicht kann helfen.
Bei neurologischen Erkrankungen wie ALS oder Multipler Sklerose ist die Behandlung oft auf die Linderung der Symptome ausgerichtet, da es bislang keine Heilung gibt.
Schmerztherapie
Nervenschädigungen gehen häufig mit brennenden, kaum erträglichen Schmerzen einher. Eine frühzeitige medikamentöse Schmerztherapie ist wichtig, um eine Chronifizierung zu vermeiden.
Stufenschema der Schmerztherapie
Die Schmerztherapie erfolgt in der Regel nach einem Stufenschema:
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- Stufe 1: Schwache Schmerzmittel wie Acetylsalicylsäure oder Paracetamol (meist rezeptfrei).
- Stufe 2: Mittelstarke Opioide (verschreibungspflichtig).
- Stufe 3: Starke Opioide (ärztliche Überwachung erforderlich).
Schmerzmittel sind in verschiedenen Formen erhältlich: Tabletten, Spritzen, Gels oder Wirkstoffpflaster.
Medikamente zur Behandlung von Nervenschmerzen
Neben den klassischen Schmerzmitteln gibt es weitere Medikamente, die speziell bei Nervenschmerzen eingesetzt werden:
- Antiepileptika: Ursprünglich zur Behandlung epileptischer Anfälle entwickelt, hemmen sie übererregte Nervenzellen und verhindern so die Aussendung ständiger Schmerzsignale. Gabapentin und Pregabalin sind Beispiele hierfür. Carbamazepin, Oxcarbazepin, Lamotrigin und Topiramat blockieren Natriumkanäle peripherer Nozizeptorafferenzen.
- Antidepressiva: Insbesondere trizyklische Antidepressiva wirken schmerzlindernd und stimmungsaufhellend. Duloxetin und Venlafaxin führen über eine Inhibition der Wiederaufnahme von Noradrenalin und Serotonin zu einer Verstärkung der endogenen deszendierenden Schmerzhemmung.
- Capsaicin: Der Wirkstoff aus Chilischoten deaktiviert hyperaktive Schmerzrezeptoren. Vom Capsaicinpflaster wird Capsaicin in die Haut freigesetzt und bindet selektiv TRPV1-Rezeptoren auf nozizeptiven Endigungen.
- Lidocainpflaster: Wirken als Lokalanästhetika über Blockade spannungsabhängiger Natriumkanäle auf Nozizeptorafferenzen und bilden eine mechanische Barriere gegenüber äußeren Reizen.
- Botulinumtoxin(BTX)-Injektionen: Der schmerzlindernde Effekt intrakutaner Botulinumtoxin(BTX)-Injektionen entsteht durch verminderte Freisetzung proinflammatorischer Substanzen, Deaktivierung von Natriumkanälen und verminderten axonalen Transport mit Verhinderung einer peripheren und zentralen Sensibilisierung.
- Opioide: Opioide wirken als Agonisten an µ‑Opioidrezeptoren im zentralen Nervensystem. Einige Opioide wirken zusätzlich auf die endogene Schmerzmodulation.
Die Auswahl des geeigneten Medikaments oder einer Kombination von Medikamenten erfolgt individuell durch den Arzt.
Operative Eingriffe
In einigen Fällen ist ein operativer Eingriff erforderlich, um die Ursache der Nervenschädigung zu beheben oder den Druck auf den Nerv zu reduzieren. Hier kommt der Neurochirurg ins Spiel.
Beispiele für operative Eingriffe
- Karpaltunnelsyndrom: Operative Freilegung des Mittelnervs im Handgelenk.
- Bandscheibenvorfall: Entfernung eines Teils oder der gesamten Bandscheibe, wenn diese auf Spinalnerven drückt.
- Nervenverletzungen: Naht der Nervenenden oder Nerventransplantation mit körpereigenem Nervengewebe.
Auch bei Krebserkrankungen kann der Neurochirurg in Zusammenarbeit mit Strahlenmedizinern und Onkologen gefragt sein. In sehr seltenen Fällen und bei sehr starken Schmerzen (z. B. Tumorschmerzen) ist eine Neurodestruktion (Zerstörung von Nervenbahnen) möglich.
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Alternative Behandlungsmethoden
Ergänzend zu den genannten Therapien gibt es verschiedene alternative Behandlungsmethoden, die zur Schmerzlinderung und Verbesserung der Lebensqualität beitragen können.
Elektrotherapie
- Epidurale Rückenmarkstimulation (SCS): Elektroden werden in den Rücken implantiert, um die hinteren Abschnitte des Rückenmarks zu stimulieren.
- Transkutane Elektrische Nerven-Stimulation (TENS): Elektroden werden direkt an den schmerzhaften Hautregionen angeklebt, um elektrische Impulse zur Schmerzhemmung zu erzeugen.
Weitere alternative Methoden
- Wärme- und Kältebehandlungen: Kalte Kompressen bei Entzündungen, Wärmflasche oder warmes Bad zur Entspannung. Vorsicht bei Empfindungsstörungen!
- Krankengymnastik und Sporttherapien: Training von Körperhaltung und Bewegungsabläufen, Stärkung betroffener Muskelgruppen, Ausschüttung körpereigener Schmerzhemmstoffe (Endorphine).
- Biofeedback: Erlernen der Kontrolle unbewusst ablaufender Körperprozesse (z. B. Herzrate, Hirnströme) zur Schmerzreduktion.
- Psychologische Betreuung: Vorbeugung von Depressionen und Angststörungen.
- Entspannungstechniken: Meditation, autogenes Training, progressive Muskelentspannung nach Jacobsen.
- Akupunktur: Einbringen von Nadeln in die Haut an bestimmten Energiepunkten. Die Wirksamkeit gegen Nervenschmerzen ist wissenschaftlich nicht ausreichend belegt.
- Massagen: Förderung der Durchblutung und Lockerung des Bindegewebes.
- Homöopathie: Die Wirksamkeit ist wissenschaftlich nicht ausreichend belegt.
Hilfsmittel für den Alltag
Bei bestimmten Erkrankungen, wie der diabetischen Neuropathie, sind Hilfsmittel wichtig, um Verletzungen und Druckstellen zu vermeiden. Bei fortschreitenden neurologischen Erkrankungen (z. B. Multiple Sklerose, ALS) können Rollstühle, Sprachcomputer und andere Hilfsmittel die Lebensqualität verbessern.
Polyneuropathie: Eine besondere Form der Nervenschädigung
Die Polyneuropathie ist eine Erkrankung, bei der mehrere Nerven oder ganze Nervenstrukturen geschädigt sind. Dies führt zu einer Störung der Reizweiterleitung zwischen Nerven, Rückenmark und Gehirn. Typische Symptome sind Kribbeln, Brennen, Taubheit, Schmerzen, Missempfindungen, Gefühlsstörungen oder Muskelschwäche.
Ursachen der Polyneuropathie
Die Ursachen der Polyneuropathie sind vielfältig:
- Entzündungsprozesse im Körper (z. B. Autoimmunerkrankungen, Infektionen)
- Diabetes mellitus (diabetische Polyneuropathie)
- Alkoholabhängigkeit
- Erkrankungen der Leber
- Mangelernährung (z. B. bei Zöliakie)
- Vitaminmangel (z. B. Vitamin B12)
- Einnahme bestimmter Medikamente
- Kontakt mit giftigen Substanzen
- HIV-Infektionen
- Krebserkrankungen
- Hormonelles Ungleichgewicht
- Erbliche Veranlagung
Diagnose der Polyneuropathie
Die Diagnose erfolgt in der Regel durch einen Neurologen. Zunächst erfolgt ein Gespräch über die Krankengeschichte und die Beschwerden. Anschließend wird eine körperliche Untersuchung durchgeführt, um Muskelkraft, Reizempfinden und Reflexe zu prüfen.
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Weitere Untersuchungsmethoden sind:
- Elektroneurographie: Messung der elektrischen Impulse der Nerven.
- Elektromyographie: Messung der Muskelaktivität als Reaktion auf Nervensignale.
- Untersuchungen von Urin, Gehirnwasser, Blut oder Gewebeproben sowie genetische Tests und bildgebende Verfahren: Zur Abklärung der Ursache.
- Quantitative Sensorische Testung: Mit Messung des Temperaturempfindens.
- Hautbiopsie: Untersuchung einer Gewebeprobe aus der Haut unter dem Mikroskop.
Behandlung der Polyneuropathie
Die Behandlung der Polyneuropathie umfasst kausale und symptomatische Ansätze:
- Kausale Therapie: Behandlung der Grunderkrankung (z. B. Einstellung des Blutzuckers bei Diabetes, Suchttherapie bei Alkoholabhängigkeit, Ausgleich von Vitaminmangel).
- Symptomatische Therapie: Linderung der Beschwerden, insbesondere der Schmerzen. Hier kommen die bereits genannten Medikamente (Antidepressiva, Antikonvulsiva, Opioide, Capsaicin-Pflaster, Lidocain-Pflaster) zum Einsatz.
- Begleitende Therapien: Physio- und Ergotherapie, spezielle Schienen (Orthesen).
Tipps für die Vorsorge und mehr Lebensqualität bei Polyneuropathie
- Blutzucker kontrollieren: Regelmäßige Kontrolle und Einnahme ärztlich verordneter Medikamente bei Diabetes.
- Füße kontrollieren: Regelmäßige Kontrolle auf Wunden bei Polyneuropathie an Beinen oder Füßen.
- Bewegen: Aquagymnastik oder Gehtraining können bei Schmerzen und Missempfindungen helfen.
- Selbstfürsorge für die Psyche: Konzentration auf Dinge, die Freude bereiten.
- Unterstützende Nährstoffe: Benfotiamin (eine Form des Vitamins B1) oder Alpha-Liponsäure.
- Kontrolle lernen: Entspannungsverfahren, Achtsamkeitstrainings.
- Wasseranwendungen: Regelmäßige Temperaturreize durch kalte und warme Kneipp-Anwendungen.
Nervenregeneration unterstützen
Nerven können sich regenerieren, insbesondere im peripheren Nervensystem. Eine wichtige Rolle spielt dabei die Beseitigung der Ursache der Nervenschädigung. Zusätzlich kann die Gabe von neurotropen Substanzen die Regeneration unterstützen.
Uridinmonophosphat (UMP)
UMP ist ein Nukleotid, das eine wichtige Rolle bei der Regeneration und dem Schutz der Myelinscheide spielt. Es fördert die Synthese von Phospho- und Glykolipiden sowie Glykoproteinen und unterstützt den Wiederaufbau der Myelinschicht. UMP ist in tierischen und pflanzlichen Lebensmitteln enthalten, kann aber auch über Nahrungsergänzungsmittel zugeführt werden.
Kombination mit Vitamin B12 und Folsäure
Die Kombination von UMP mit Vitamin B12 und Folsäure kann die Nervenregeneration zusätzlich unterstützen.
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