Einführung
Alzheimer-Demenz (AD) und Depressionen sind zwei häufige Erkrankungen, die oft gemeinsam auftreten und die Lebensqualität der Betroffenen erheblich beeinträchtigen. Viele Alzheimer-Patienten leiden gleichzeitig an Depressionen, was die Diagnose und Behandlung zusätzlich erschwert. Dieser Artikel beleuchtet die Prävalenz von Depressionen bei Alzheimer-Patienten, die komplexen Zusammenhänge zwischen beiden Erkrankungen und innovative Therapieansätze.
Prävalenz von Depressionen bei Alzheimer-Demenz
Studien zeigen, dass ein erheblicher Anteil der Alzheimer-Patienten auch unter Depressionen leidet. Schätzungsweise sind bis zu 40 Prozent der Alzheimer-Patienten von einer klinisch relevanten Depression betroffen. Diese hohe Komorbidität unterstreicht die Notwendigkeit, Depressionen bei Menschen mit Demenz frühzeitig zu erkennen und zu behandeln.
Eine Studie mit über vier Millionen Teilnehmern aus Schweden ergab, dass Personen mit Alzheimer-Demenz ein doppelt so hohes Risiko haben, eine Depression zu entwickeln, im Vergleich zu Menschen ohne Demenz. Besonders hoch war das Risiko im ersten Jahr nach der Alzheimer-Diagnose, wo es sogar dreifach erhöht war und auch bis zu drei Jahre später noch deutlich erhöht blieb.
Ursachen und Risikofaktoren
Die Gründe für das gehäufte Auftreten von Depressionen bei Alzheimer-Patienten sind vielfältig. Einerseits können die neurologischen Veränderungen im Gehirn, die für die Alzheimer-Krankheit verantwortlich sind, auch depressive Symptome begünstigen. Andererseits können auch psychosoziale Faktoren eine Rolle spielen, wie der Verlust von kognitiven Fähigkeiten, die Einschränkung der Selbstständigkeit und die soziale Isolation.
Zu den häufigsten Auslösern einer Altersdepression gehören gesundheitliche Einschränkungen, der Verlust von Selbstständigkeit oder Mobilität sowie einschneidende Veränderungen wie Renteneintritt, Umzug oder der Tod von Angehörigen.
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Symptome und Diagnose
Depressionen bei Menschen mit Demenz können sich anders äußern als bei jüngeren Menschen. Traurigkeit oder Niedergeschlagenheit sind oft weniger deutlich oder werden überspielt. Stattdessen können körperliche Beschwerden wie Schmerzen, Schwindel, Schlaf- oder Verdauungsstörungen im Vordergrund stehen. Andere Symptome können Unruhe, sozialer Rückzug, Schlafstörungen oder ein ungewöhnliches Sammelverhalten sein.
Es ist wichtig, zwischen einer Depression und einer Pseudodemenz zu unterscheiden. Bei einer Pseudodemenz verursachen depressive Symptome kognitive Beeinträchtigungen, die einer Demenz ähneln. Betroffene wirken vergesslich, unsicher und können sich schlecht konzentrieren. Im Gegensatz zu Menschen mit Demenz sind sie sich ihrer kognitiven Einschränkungen jedoch bewusst und sprechen diese auch an.
Auswirkungen auf die Lebensqualität
Wenn Demenz und Depression zusammenkommen, stellt dies eine erhebliche Belastung für die Betroffenen und ihre Angehörigen dar. Depressive Störungen beeinträchtigen die kognitiven Fähigkeiten, Alltagsfunktionen und soziale Kompetenz von Menschen mit Demenz zusätzlich und lassen sie noch »kränker« erscheinen. Dies kann zu einer weiteren Verschlechterung der Lebensqualität und einer erhöhten Pflegebedürftigkeit führen.
Therapieansätze
Eine Depression kann und sollte auch bei demenzkranken Menschen behandelt werden. Ziel der Behandlung ist es, die Stimmung zu stabilisieren, Unruhe und Rückzug zu verringern und die Lebensqualität zu verbessern.
Nicht-medikamentöse Therapien
Nicht-medikamentöse Maßnahmen spielen eine wichtige Rolle in der Behandlung von Depressionen bei Demenz. Dazu gehören:
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- Gut strukturierte Tagesabläufe: Regelmäßige Aktivitäten und Routinen können helfen, Orientierung und Sicherheit zu geben.
- Bewegung: Körperliche Aktivität kann die Stimmung verbessern und die kognitiven Fähigkeiten fördern.
- Musiktherapie: Musik kann Emotionen wecken und die Kommunikation fördern.
- Gesprächstherapie: Gespräche mit einem Therapeuten oder anderen Bezugspersonen können helfen, Gefühle zu verarbeiten und Bewältigungsstrategien zu entwickeln.
- Kreative Angebote: Malen, Basteln oder andere kreative Aktivitäten können die Selbstexpression fördern und die Stimmung verbessern.
- Soziale Kontakte: Der Kontakt zu anderen Menschen kann Einsamkeit und sozialem Rückzug entgegenwirken.
Medikamentöse Therapien
Bei leichten oder mittelschweren Depressionen kann eine Psychotherapie ebenso erfolgversprechend sein wie Antidepressiva, wobei das Nebenwirkungsrisiko geringer ist.
In der Arzneimitteltherapie sollten trizyklische Antidepressiva wie Amitriptylin, Imipramin oder Clomipramin vermieden werden, da sie anticholinerg wirken und die geistige Leistungsfähigkeit weiter verschlechtern können.
Die aktuelle Version der Nationalen Versorgungsleitlinie (NVL) Depression listet die Demenz als Kontraindikation allein für die Antidepressiva der Wirkstoffgruppe TZA (1). Hausärztinnen und -ärzten, die diese Menschen in erster Linie versorgen, empfiehlt die NVL bei Verdacht auf Depressionen, regelhaft Symptome, Schweregrad und Verlaufsaspekte zu erfassen.
Ein chinesisches Review aus dem Jahr 2021 untersuchte 25 Studien mit 14 Antidepressiva (7). Das Fazit: Im Vergleich zu Placebo zeigten nur Mirtazapin (Alpha-2-Antagonist) und Sertralin (SSRI) eine etwas bessere Wirkung bei Depressionssymptomen. Clomipramin (trizyklisches Antidepressivum, TZA) erhöhte das Risiko für Nebenwirkungen im Vergleich zu Placebo. Auf diese Studie bezieht sich auch die S3-Leitlinie Demenzen (Stand 2023, living guideline) und spricht eine schwache Empfehlung (B) für Mirtazapin und Sertralin bei Depression und Alzheimer-Demenz aus (8). Die Studienlage sei jedoch limitiert.
Transkranielle Pulsstimulation (TPS)
Die Transkranielle Pulsstimulation (TPS) ist eine innovative Behandlungsmethode, die in der Therapie von Alzheimer-Demenz und Depressionen eingesetzt wird. Das Klinikum Wahrendorff in Niedersachsen führt eine mehrjährige Studie zur TPS im Hinblick auf AD und Depressionen durch. In dieser Studie werden die kognitiven Fähigkeiten und depressiven Symptome der Patienten mittels des Montreal Cognitive Assessment (MoCA) und der Geriatrischen Depressionsskala (GDS) erfasst.
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Erste Ergebnisse der Studie zeigen minimale Veränderungen der kognitiven Leistungsfähigkeit, aber eine signifikante Verbesserung der neuropsychologischen Testergebnisse und der depressiven Symptombelastung. Dies deutet darauf hin, dass die TPS zur Beibehaltung der kognitiven Leistungsfähigkeit beitragen und depressive Symptome reduzieren kann. Allerdings sind weitere Studien notwendig, um die Wirksamkeit der TPS schlüssig zu belegen.
Depression als Risikofaktor für Demenz
Neben der hohen Prävalenz von Depressionen bei Alzheimer-Patienten gibt es auch Hinweise darauf, dass Depressionen das Risiko für die Entwicklung einer Demenz erhöhen können. Eine Metaanalyse von 25 Studien ergab, dass Depressionen in der Lebensmitte und im höheren Alter mit einem erhöhten Demenzrisiko assoziiert sind.
Eine langfristig angelegte Beobachtungsstudie aus Dänemark zeigte, dass Menschen mit Depressionen doppelt so häufig an altersbedingter Geistesschwäche erkranken. Studienleiterin Holly Elser sieht in den Ergebnissen "starke Hinweise, dass Depressionen nicht nur eine frühes Symptom der Demenz sind, sondern das Risiko auf Demenz erhöhen." Demnach steigt, unabhängig vom Geschlecht, das Risiko auf eine sogenannte gereontropsychiatrischen Erkrankung um mehr als das doppelte, wenn im Laufe des Lebens eine klinische Depression diagnostiziert wurde.
Besonders auffällig ist laut Studie die statistische Korrelation bei Männern. Mit dem Faktor 2,98 steigert eine Depression bei ihnen das Demenzrisiko fast um das Dreifache, während Frauen nur 2,21 Mal wahrscheinlicher an Demenz erkranken.
Prävention
Die Identifikation modifizierbarer Risikofaktoren gilt als zentraler Ansatzpunkt für eine effektive Demenzprävention. Da Depressionen als ein solcher Risikofaktor gelten, ist es wichtig, Depressionen frühzeitig zu erkennen und zu behandeln.
Menschen mit Demenz, die im eigenen Zuhause wohnen, sind zufriedener mit ihrem Leben und haben seltener Depressionen. Daher sollte ein Verbleib in der vertrauten Wohnumgebung ermöglicht werden. Durch systematische präventive Hausbesuche können insbesondere alleinlebenden Menschen mit Demenz Unterstützungsmöglichkeiten aufgezeigt werden. Die häusliche Pflege sollte durch Unterstützung der pflegenden Angehörigen, die nach wie vor einen Großteil der Pflege von Menschen mit Demenz übernehmen, gestärkt werden.
Suizidrisiko
Depression und Demenz können das Risiko für einen Suizid erhöhen. Vor allem in den ersten drei Monaten nach Diagnosestellung ist das Suizidrisiko erhöht, denn die ärztliche Übermittlung der Diagnose kann Betroffene in eine existenzielle Krise stürzen.
Bei Demenzkranken wirken hohes Alter und ein fortgeschrittenes Erkrankungsstadium jedoch protektiv, da kognitive Störungen, vor allem der Exekutivfunktionen, eine Suizidplanung und -ausführung verhindern. Stärkend wirken soziale Beziehungen, gute Begleitung durch Angehörige sowie Zugang zu professioneller Hilfe und externe Unterstützung.
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