Tiefe Hirnstimulation bei Tourette-Syndrom: Ein Überblick

Das Tourette-Syndrom (TS) ist eine komplexe neuropsychiatrische Erkrankung, die durch das Auftreten von motorischen und vokalen Tics gekennzeichnet ist. Diese Tics sind unwillkürliche, sich wiederholende Bewegungen oder Lautäußerungen, die für die Betroffenen und ihr Umfeld sehr belastend sein können. Obwohl die genauen Ursachen des Tourette-Syndroms noch nicht vollständig geklärt sind, geht man von einer Kombination genetischer und umweltbedingter Faktoren aus. Die Behandlung des Tourette-Syndroms ist oft eine Herausforderung, da viele Betroffene nicht ausreichend auf herkömmliche Therapien ansprechen. Eine vielversprechende Behandlungsoption für diese Patienten ist die tiefe Hirnstimulation (THS).

Tiefe Hirnstimulation: Ein "Hirnschrittmacher" für das Gehirn

Die tiefe Hirnstimulation (THS) ist ein neurochirurgisches Verfahren, bei dem Elektroden in bestimmte Hirnregionen implantiert werden. Diese Elektroden senden elektrische Impulse aus, die die Aktivität der betroffenen Hirnareale modulieren und so die Symptome des Tourette-Syndroms lindern können. Im Volksmund wird die THS auch als "Hirnschrittmacher" bezeichnet.

Wirkmechanismus der tiefen Hirnstimulation

Der genaue Wirkmechanismus der tiefen Hirnstimulation ist noch nicht vollständig geklärt. Es wird jedoch angenommen, dass die elektrischen Impulse die Aktivität von neuronalen Netzwerken beeinflussen, die an der Entstehung von Tics beteiligt sind. Eine aktuelle Studie eines internationalen Teams unter Federführung der Charité - Universitätsmedizin Berlin und des Bostoner Brigham and Women’s Hospital hat eine einzigartige Landkarte gestörter Netzwerke im Gehirn veröffentlicht und damit neue Einblicke in den Wirkmechanismus der THS gegeben.

Der Nucleus subthalamicus als Zielstruktur

Ausgangspunkt der Forschungen war ein kleiner, etwa ein Zentimeter langer Kern im Zwischenhirn, der Nucleus subthalamicus. In diesen Kern werden die Elektroden implantiert. Er hat sich als erfolgreicher Punkt für die tiefe Hirnstimulation bei verschiedenen neurologischen und psychiatrischen Erkrankungen erwiesen, darunter Parkinson, Dystonie, Zwangserkrankungen und Tic-Störungen.

Analyse von Elektrodenpositionen und Gehirnnetzwerken

Die Forschenden analysierten die Daten von 534 Elektroden, die bei 261 Patientinnen und Patienten aus der ganzen Welt in die rechte und linke Gehirnhälfte implantiert wurden. Um die exakte Lage der Elektroden zu erfassen, kam die Software LeadDBS zum Einsatz.

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Bedeutung der Elektrodenposition für den Behandlungserfolg

Die Studie ergab, dass die Lage der Elektroden für den Behandlungserfolg entscheidend ist. Schon kleinste Abweichungen bei der Platzierung können die gewünschten Effekte ausbleiben lassen. Dies unterstreicht die Bedeutung einer präzisen Operationsplanung und -durchführung.

Dysfunktionale Schaltkreise als Ursache neurologischer und psychiatrischer Symptome

Ein wichtiges Ergebnis der Studie ist die Erkenntnis, dass vielen neurologischen und psychiatrischen Symptomen eine fehlerhafte Informationsverarbeitung zwischen entfernten Hirnregionen zugrunde liegt. Diese Erkenntnis hat wichtige Implikationen für die Entwicklung neuer Therapieansätze.

Das "Dysfunktom": Eine Sammlung dysfunktionaler Schaltkreise

Zusammengenommen beschreiben diese Schaltkreise eine Sammlung von dysfunktionalen Schaltkreisen, die zu verschiedenen Hirnstörungen führen. In Anlehnung an die Begriffe Konnektom (die Beschreibung der Gesamtheit aller Nervenverbindungen im Gehirn) oder Genom (als Sammelbezeichnung für die gesamte Erbinformation) wurde hierfür der Begriff Dysfunktom geprägt.

Personalisierte Einstellung der elektrischen Impulse

Zusätzlich zur präzisen Platzierung beeinflusst die Feinabstimmung der Stromverteilung den Erfolg der Behandlung. Die Forschenden haben einen Algorithmus entwickelt, der auf der Basis individueller Befunde und Bilder voraussagt, wie die elektrischen Impulse bei welcher Erkrankung optimal eingestellt werden können. Dieses Verfahren ermöglicht eine individualisierte Therapie, die auf die spezifischen Bedürfnisse jedes Patienten zugeschnitten ist.

Anwendung der tiefen Hirnstimulation beim Tourette-Syndrom

Die tiefe Hirnstimulation (THS) hat sich als eine wirksame Behandlungsoption für Patienten mit schwerem Tourette-Syndrom erwiesen, bei denen andere Therapieansätze nicht ausreichend wirksam waren. Durch die Implantation von Elektroden in bestimmte Hirnregionen, wie den Globus pallidus internus (GPi) oder den Nucleus subthalamicus (STN), können die mit dem Tourette-Syndrom verbundenen Tics reduziert werden.

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Auswahl der Zielstruktur

Die Wahl der Zielstruktur für die THS beim Tourette-Syndrom ist ein wichtiger Faktor, der den Behandlungserfolg beeinflussen kann. Es gibt Hinweise darauf, dass die Stimulation des GPi zu einer stärkeren Reduktion der Tics führt als die Stimulation des STN. Allerdings ist die Studienlage hierzu noch nicht eindeutig, und die Wahl der Zielstruktur sollte individuell auf den Patienten abgestimmt werden.

Langzeitwirkung und Nebenwirkungen

Die Langzeitwirkung der THS beim Tourette-Syndrom ist noch nicht ausreichend untersucht. Es gibt jedoch Hinweise darauf, dass die THS auch über mehrere Jahre hinweg eine deutliche Reduktion der Tics bewirken kann. Wie bei jedem neurochirurgischen Eingriff birgt auch die THS Risiken und Nebenwirkungen. Zu den möglichen Komplikationen gehören Infektionen, Blutungen, und neurologische Ausfälle.

Europäische Leitlinien zur tiefen Hirnstimulation beim Tourette-Syndrom

Die europäischen klinischen Leitlinien für das Tourette-Syndrom und andere Tic-Störungen (Version 2.0) enthalten detaillierte Empfehlungen zur Anwendung der tiefen Hirnstimulation. Diese Leitlinien sollen Ärzten und Patienten bei der Entscheidungsfindung helfen und eine optimale Versorgung gewährleisten.

Bedeutung der Forschung für ein besseres Verständnis und Behandlung des Tourette-Syndroms

Die aktuelle Forschung zur tiefen Hirnstimulation beim Tourette-Syndrom hat wichtige Erkenntnisse über die neuronalen Grundlagen der Erkrankung und die Wirkmechanismen der THS geliefert. Diese Erkenntnisse tragen dazu bei, die Behandlung des Tourette-Syndroms zu verbessern und neue Therapieansätze zu entwickeln.

Connectomic Imaging zur Vorhersage und Vermeidung kognitiver Beeinträchtigungen

Connectomic Imaging ist eine vielversprechende Methode, um kognitive Beeinträchtigungen nach einer THS des Nucleus subthalamicus vorherzusagen und zu vermeiden. Durch die Analyse der Verbindungen zwischen verschiedenen Hirnregionen können Risikopatienten identifiziert und die THS entsprechend angepasst werden.

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Netzwerk-Fingerabdruck von sprachlichen Beeinträchtigungen

Eine Studie hat einen Netzwerk-Fingerabdruck von sprachlichen Beeinträchtigungen nach einer THS bei essentiellem Tremor identifiziert. Diese Erkenntnisse können dazu beitragen, das Risiko von sprachlichen Beeinträchtigungen zu minimieren und die THS gezielter einzusetzen.

Zielspezifische Effekte der tiefen Hirnstimulation beim Tourette-Syndrom

Eine systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse hat die zielspezifischen Effekte der tiefen Hirnstimulation beim Tourette-Syndrom untersucht. Die Ergebnisse zeigen, dass die THS im Allgemeinen eine wirksame therapeutische Option für TS ist, wobei die pallidale im Vergleich zur thalamischen THS höhere Verbesserungsraten aufweist.

Multimodale Therapie des Tourette-Syndroms

Die Therapie des Tourette-Syndroms sollte im Regelfall multimodal durchgeführt werden, wobei die Psychoedukation der Betroffenen und deren Angehörigen eine wichtige Rolle spielt. Nach den therapeutischen Sofortmaßnahmen, wie der Psychoedukation, können verschiedene verhaltenstherapeutische Psychotherapieverfahren zur Behandlung angewendet werden, wie z.B. das Habit-Reversal-Training. Pharmakologisch wird die Behandlung des Syndroms in verschiedenen Ländern unterschiedlich gehandhabt. In einigen schweren Fällen wird auch das invasive Verfahren der tiefen Hirnstimulation eingesetzt, welches bei einigen Patienten zu einer Reduktion der Tics führen kann.

Die Rolle von Selbsthilfegruppen

Hilfsorganisationen und Selbsthilfegruppen haben eine wichtige Funktion als Anlaufstellen in Bezug auf Beratung, Auskünfte, Sammlung von neuen Forschungsergebnissen oder Öffentlichkeitsarbeit. Auch können die Betroffenen in Selbsthilfegruppen in Kontakt kommen und sich regelmäßig austauschen. Hierzulande ist die Tourette-Gesellschaft Deutschland e.V. eine wichtige Anlaufstelle.

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