Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems, die nicht nur körperliche Beschwerden, sondern auch seelische Belastungen mit sich bringt. Viele Betroffene erleben Konzentrationsprobleme, Schlafstörungen, Fatigue oder depressive Phasen. In solchen Fällen kann eine psychotherapeutische Begleitung in jeder Phase der Erkrankung eine wertvolle Unterstützung sein. Eine besonders effektive Form der Psychotherapie ist die Verhaltenstherapie. Dieser Artikel beleuchtet die Grundlagen, Anwendungsbereiche und Vorteile der Verhaltenstherapie bei MS.
Was ist Verhaltenstherapie?
Die Verhaltenstherapie ist eine spezielle Form der Psychotherapie, die auf dem Prinzip basiert, dass unser Verhalten einen direkten Einfluss auf unser Innenleben, unsere Gefühle und unsere Gedanken hat. Da Verhalten oft leichter zielgerichtet zu ändern ist als Emotionen, können wir durch gezielte Verhaltensänderungen unser Fühlen positiv beeinflussen.
Dieser Ansatz wurde ursprünglich von John B. Watson (1878-1958), einem Zeitgenossen Sigmund Freuds, entwickelt. Anstatt auf tiefenpsychologische Verfahren zu setzen, nutzte Watson die Erkenntnisse der Lerntheorie. Seitdem hat sich die Verhaltenstherapie zu einem komplexen Therapieverfahren mit einem breiten Methodenspektrum entwickelt. Der Schwerpunkt liegt auf der Beobachtung und Veränderung von Verhalten, um auch die Psyche positiv zu beeinflussen.
Wie funktioniert Verhaltenstherapie?
In der Verhaltenstherapie werden je nach Behandlungsziel unterschiedliche Ansätze aus der Konfrontationstherapie, der kognitiven Verhaltenstherapie und operanten Verfahren kombiniert. Einige Schlagworte in diesem Zusammenhang sind systematische Desensibilisierung, Kontingenzverträge und kognitive Umstrukturierung.
Vor der eigentlichen Therapie findet eine „probatorische“ Sitzung statt, in der Therapeut und Patient sich kennenlernen und die grundlegende Zielrichtung der Therapie besprochen wird. Der Therapeut prüft, ob eine psychotherapeutische Behandlung im individuellen Fall überhaupt sinnvoll und zielführend ist. Dies ist auch wichtig, da die Krankenkassen die Kosten für eine Behandlung nur bei entsprechender Indikation übernehmen.
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In den folgenden Sitzungen erarbeitet die Verhaltenstherapeutin oder der Verhaltenstherapeut gemeinsam mit den Patienten, welche aktuellen Themen besonders belastend sind und welche äußeren Bedingungen und Verhaltensweisen damit verbunden sein können. Dabei werden Situationen, Gefühle, Gedanken und vor allem das Verhalten der Patienten analysiert.
Warum Verhaltenstherapie bei MS?
Es gibt mehrere Gründe, warum eine Verhaltenstherapie bei Multipler Sklerose sinnvoll sein kann:
1. Umgang mit der Diagnose
Die Diagnose MS kann für viele Betroffene einen Schock bedeuten und eine Vielzahl unangenehmer Gefühle wie Angst, Hilflosigkeit und Wut auslösen. Die Verhaltenstherapie kann helfen, mit diesen Gefühlen umzugehen und eine positive Haltung zur Erkrankung zu entwickeln. Betroffene lernen, die Diagnose zu akzeptieren und Strategien zu entwickeln, um ihr Leben trotz der MS weiterhin positiv zu gestalten.
2. Psychische und psychosomatische Symptome
Viele MS-Patienten leiden unter psychischen bzw. psychosomatischen Symptomen wie Lern- und Gedächtnisstörungen oder Fatigue. Die Verhaltenstherapie kann hier Lösungsansätze aufzeigen, die entweder die Symptome lindern oder den Umgang damit erleichtern. Ein zentrales Ziel ist oft der Umgang mit Stress, da Stress als Auslöser für Schübe gilt. In der Therapie lernen die Patienten, anders auf Stressoren zu reagieren und somit den Krankheitsverlauf positiv zu beeinflussen.
3. Depression
Depressionen sind eine häufige Begleiterkrankung bei Menschen mit MS. Das Risiko, an einer schweren Depression zu erkranken, liegt bei etwa 50 Prozent, während das Risiko für eine weniger schwere Depression sogar bei 70 Prozent liegt. Die Verhaltenstherapie kann besonders in den weniger schweren Fällen sehr gute Ergebnisse erzielen. Betroffene lernen, hilfreiches Verhalten zu trainieren und nachteiliges Verhalten „verlernen“. Ziel ist es, ungünstige Denkmuster zu durchbrechen und positive Aktivitäten in den Alltag einzubauen, um Lebensfreude zu finden und dauerhaft zu erhalten.
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Da einige Symptome der MS denen einer Depression ähneln, kann eine Psychotherapie zudem helfen, die individuellen Empfindungszustände besser zu verstehen und die richtige Selbst-Therapie zu finden. Bei schweren Depressionen kann auch eine medikamentöse Therapie notwendig sein.
4. Praktische Alltagsfragen
Die Verhaltenstherapie kann auch bei ganz praktischen Alltagsfragen helfen. Zum Beispiel:
- Wie reagiere ich, wenn sich jemand über meine verwaschene Aussprache oder meinen unsicheren Gang lustig macht?
- Wie spreche ich mit anderen Menschen über MS?
- Wie kann ich offen über meine Bedürfnisse und Gefühle sprechen und andere Menschen um Hilfe bitten?
Der Psychotherapeut kann in solchen Situationen Lösungen aufzeigen und den Patienten helfen, selbstbewusster und selbstbestimmter mit ihrer Erkrankung umzugehen.
Die Rolle der Klinischen Psychologie
Die Klinische Psychologie spielt eine wichtige Rolle bei der Unterstützung von MS-Patienten. Die Diagnose MS stellt Betroffene vor große persönliche Herausforderungen:
- Wie kann ich mit der Angst vor der Zukunft umgehen?
- Wie können wir als Familie diese Situation bewältigen?
- Was ist mir persönlich wichtig, was macht mich eigentlich aus?
Eine psychotherapeutische Begleitung kann in diesem Prozess eine große Hilfe sein und als fachliche Unterstützung sowie persönlicher „Zufluchtsort“ dienen.
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Behandlungsangebote
Die Klinische Psychologie bietet verschiedene Behandlungsangebote an, die auf die individuellen Bedürfnisse der Patienten zugeschnitten sind:
- Diagnostik: Abklärung einer psychischen Erkrankung auf Basis wissenschaftlich anerkannter Klassifikationssysteme.
- Psychotherapeutische Gespräche und Beratung: Besprechung persönlicher Probleme und Erarbeitung von Lösungen in einem geschützten Rahmen.
- Paargespräche und Familienberatung: Fokus auf die Auswirkungen der MS-Erkrankung auf die Partnerschaft und das Familiensystem.
- Krankheitsbewältigungsgruppe: Austausch zwischen Betroffenen zum Umgang mit MS-bezogenen Fragen.
- Autogenes Training: Selbstentspannungsmethode im Gruppentraining. Weitere Entspannungstechniken werden in Einzelsitzungen vermittelt.
Therapieansätze
In den psychotherapeutischen Gesprächen werden Ansätze aus unterschiedlichen psychologischen Schulen integriert, um den individuellen Bedürfnissen der Patienten gerecht zu werden. Dazu gehören:
- Klientenzentrierte Gesprächspsychotherapie nach C. Rogers
- Tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie
- Gestalttherapie
- Traumatherapie nach Reddemann
- Schmerzpsychotherapie
- Verhaltenstherapeutische Techniken
- Entspannungsverfahren
Wie finde ich einen Verhaltenstherapeuten?
Die Suche nach einem geeigneten Psychotherapeuten kann zeitaufwendig sein, da die Nachfrage in den letzten Jahren stetig gestiegen ist. Es gibt jedoch verschiedene Möglichkeiten, um einen Therapeuten zu finden:
- Arztgespräch: Sprechen Sie mit Ihrem Arzt über Ihr Interesse an einer psychotherapeutischen Beratung. Er kann Ihnen in der Regel qualifizierte Ansprechpartner in Ihrer Nähe nennen.
- Suchmaschinen: Nutzen Sie spezialisierte Suchmaschinen im Internet, die von Berufsverbänden wie der Deutschen PsychotherapeutenVereinigung (DPtV) oder dem Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen (BDP) betrieben werden.
- Kassenärztliche Vereinigungen (KV): Die KVen sind für die vertragsärztliche Versorgung der gesetzlich Krankenversicherten zuständig und verfügen über Listen mit Therapeuten in Ihrer Gegend, die mit den Krankenkassen zusammenarbeiten.
- Terminservicestellen (TSS) der KV: Bei akuter Indikation können Sie über die TSS einen Termin für eine Psychotherapeutische Sprechstunde vereinbaren, sofern Sie eine entsprechende Überweisung mit Dringlichkeitscode vorliegen haben.
- Telefonnummer 116117: Unter der bundesweit gültigen Telefonnummer 116117 erreichen Sie den Patientenservice Ihrer Region, der Ihnen bei der Suche nach einem Therapeuten behilflich ist.
Digitale Angebote
Die Digitalisierung bietet auch im Bereich der psychologischen Beratung und Betreuung neue Möglichkeiten. So gibt es beispielsweise Online-Beratungsangebote, die bei Depressionen und MS unterstützend wirken können. Eine Studie aus dem Jahr 2015 hat gezeigt, dass eine psychologische Onlineberatung einen positiven Effekt auf die Eintrittswahrscheinlichkeit von Depressionen bei MS-Patienten haben kann.
Das Tool Deprexis ist mittlerweile sogar ins Verzeichnis für digitale Gesundheitsanwendungen (DiGa) des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte aufgenommen worden, sodass die gesetzlichen Krankenkassen die Kosten für die Nutzung dieser Anwendung übernehmen können.
Es ist jedoch wichtig zu betonen, dass eine reine Onlineberatung eine persönliche Betreuung durch einen ausgebildeten Therapeuten nicht ersetzen kann, sondern lediglich ergänzen sollte. Viele Therapeuten bieten mittlerweile auch telefonische Beratungsgespräche oder Video-Chats an.
MS-Schwestern als wichtige Ansprechpartner
Neben Ärzten und Psychotherapeuten spielen auch MS-Schwestern eine wichtige Rolle bei der Betreuung von MS-Patienten. Sie sind die Bindeglieder zwischen den Patienten und den Ärzten und stehen für persönliche Fragen zur Verfügung. Sie erklären das Krankheitsbild genau und kümmern sich um das mentale Wohlergehen der Patienten.
Fazit
Die Verhaltenstherapie ist eine wirksame Methode zur Behandlung von psychischen und psychosomatischen Beschwerden bei Multipler Sklerose. Sie kann helfen, mit der Diagnose umzugehen, Symptome zu lindern, Depressionen zu bewältigen und den Alltag besser zu meistern. Es ist wichtig, sich professionelle Hilfe zu suchen, wenn man sich überfordert oder belastet fühlt. Die verschiedenen Therapieangebote und Unterstützungsmöglichkeiten können dazu beitragen, die Lebensqualität trotz der Erkrankung zu erhalten und zu verbessern.
Zusätzliche Aspekte
Propionsäure und MS
Propionsäure, auch bekannt als Propansäure, ist eine kurzkettige Fettsäure, die von nützlichen Bakterien im menschlichen Darm gebildet wird. Obwohl derzeit keine zugelassenen gesundheitsbezogenen Aussagen zur Wirkweise von Propionsäure verfügbar sind, wird sie in einigen Studien im Zusammenhang mit MS untersucht. Es ist wichtig, sich umfassend zu informieren und gegebenenfalls einen Arzt oder Ernährungsberater zu konsultieren, um die potenziellen Vorteile und Risiken von Propionsäure im Rahmen der MS-Behandlung zu bewerten.
Neuropsychologie bei MS
Multiple Sklerose kann auch die Denkprozesse und das psychische Befinden beeinflussen. In solchen Fällen kann die Neuropsychologie eine wertvolle Unterstützung bieten. Neuropsychologen sind spezialisiert auf die Diagnose und Behandlung von kognitiven Beeinträchtigungen und seelischen Belastungen, die im Zusammenhang mit MS auftreten können. Sie können individuelle Therapiepläne entwickeln, um die kognitiven Fähigkeiten zu verbessern und die psychische Gesundheit zu stärken.
Reha bei MS
Das Ziel einer Rehabilitation bei MS ist die Erhaltung der Leistungsfähigkeit, Selbständigkeit und Teilhabe am sozialen Leben. Im Vordergrund stehen die Symptomlinderung von Spastik, Schmerzen sowie Blasen- und Darmproblemen. Außerdem sollen die Motorik und kognitiven Fähigkeiten der Betroffenen aufrechterhalten werden. Die Reha-Maßnahmen können entweder ambulant oder stationär durchgeführt werden. In speziellen Neuro-Rehakliniken ist das Personal auf MS-Patienten geschult und kann diese besonders gut fördern.
MS-Zentren und Spezialisten
Für eine optimale Versorgung ist es wichtig, sich an ein spezialisiertes MS-Zentrum oder einen erfahrenen Neurologen zu wenden. Diese Experten arbeiten oft in interdisziplinären Teams und bieten eine umfassende Betreuung, die sowohl medizinische als auch psychologische Aspekte berücksichtigt. Die Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft (DMSG) zertifiziert MS-Schwerpunktzentren, um höchste Qualität und spezialisierte Versorgung zu gewährleisten.
Umgang mit Fatigue
Fatigue, eine quälende Müdigkeit, ist ein häufiges Symptom bei MS. Sie kann sowohl körperliche als auch geistige Ursachen haben und die Lebensqualität erheblich beeinträchtigen. Die Verhaltenstherapie kann helfen, Strategien zu entwickeln, um mit der Fatigue umzugehen und den Alltag besser zu bewältigen. Dazu gehören beispielsweise:
- Energiemanagement: Planung von Aktivitäten und Pausen, um die vorhandene Energie optimal zu nutzen.
- Schlafhygiene: Verbesserung der Schlafqualität durch regelmäßige Schlafzeiten und eine entspannende Abendroutine.
- Bewegung: Regelmäßige körperliche Aktivität kann die Fatigue reduzieren und die allgemeine Fitness verbessern.
- Stressmanagement: Techniken zur Stressreduktion, wie z.B. Entspannungsübungen oder Achtsamkeitstraining.
Offenheit und Akzeptanz
Ein offener Umgang mit der Erkrankung und die Akzeptanz der eigenen Grenzen sind wichtige Schritte zur Krankheitsbewältigung. Die Verhaltenstherapie kann dabei helfen, Ängste und Unsicherheiten abzubauen und ein positives Selbstbild zu entwickeln. Der Austausch mit anderen Betroffenen in Selbsthilfegruppen oder Online-Foren kann ebenfalls sehr hilfreich sein, um sich gegenseitig zu unterstützen und Erfahrungen auszutauschen.
Die Rolle der Angehörigen
Auch Angehörige von MS-Patienten stehen oft vor großen Herausforderungen. Sie müssen sich mit der Erkrankung auseinandersetzen, den Betroffenen unterstützen und gleichzeitig ihre eigenen Bedürfnisse nicht vernachlässigen. Paargespräche und Familienberatung können helfen, die Kommunikation zu verbessern, Konflikte zu lösen und die Partnerschaft zu stärken. Es ist wichtig, dass auch Angehörige sich professionelle Hilfe suchen, wenn sie sich überfordert oder belastet fühlen.
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