Epilepsie ist eine neurologische Erkrankung, die durch wiederholte unprovozierte Anfälle gekennzeichnet ist. Sie kann erhebliche Auswirkungen auf die psychische Gesundheit und das Verhalten von Kindern haben. Dieser Artikel beleuchtet die psychologischen Aspekte der Epilepsie bei Kindern, einschliesslich der kognitiven, emotionalen und sozialen Herausforderungen, denen sie begegnen können.
Kognitive Auswirkungen der Epilepsie
Menschen mit Epilepsie berichten häufig von Müdigkeit, Konzentrationsmangel, Sprach- und Denkstörungen oder Gedächtnisproblemen. Diese Störungen können während und nach einem Anfall massiv auftreten, aber auch dauerhaft bestehen. Die Ursachen dafür sind vielfältig: Veränderungen im Gehirn (z.B. Tumore, Vernarbungen), häufig auftretende epileptische Anfälle, Medikamente oder begleitende Erkrankungen wie Depressionen.
Eine gezielte neuropsychologische Diagnostik kann feststellen, ob derartige Einschränkungen vorliegen und wodurch sie verursacht werden. Diese Diagnostik ist besonders wichtig, da zwischen spezifischen Erkrankungen des zentralen Nervensystems/Gehirns und dem Verhalten bzw. den Leistungen enge Zusammenhänge bestehen. Ein Schwerpunkt der neuropsychologischen Tätigkeit liegt in der Betreuung von Kindern mit Epilepsie, z. B. zu Beginn der Erkrankung oder vor und nach einem epilepsiechirurgischen Eingriff.
Rolando-Epilepsie: Eine besondere Form im Kindesalter
Eine bei Kindern häufige Form der Epilepsie ist die Rolando-Epilepsie, bei der die Anfälle vornehmlich im Schlaf auftreten. Die Rolando-Epilepsie tritt bei Kindern meist zwischen dem fünften und achten Lebensjahr erstmals auf und verschwindet um den Beginn der Pubertät. „Die Anfälle bei dieser Form der Epilepsie sind meist kurz, es kann zu Zuckungen im Bereich des Gesichtes und vorübergehenden Sprechstörungen im Rahmen der Anfälle kommen“, erklärt Dr. med. Susanne Ruf von der Kinderklinik. Auch treten die Anfälle oft nur in sehr großen zeitlichen Abständen auf. Daher entscheiden sich viele Eltern und Kinder gegen die Einnahme von Tabletten.
Ein Forschungsteam der Universität und des Universitätsklinikums Tübingen unter der Leitung von Dr. Hong-Viet Ngo und Professor Jan Born vom Institut für Medizinische Psychologie und Verhaltensneurobiologie hat herausgefunden, dass durch im Schlaf vorgespielte kurze Laute die für die Epilepsie charakteristischen, in der Hirnaktivität messbaren Ausschläge teilweise unterdrückt werden können. Zwar nimmt die Rolando-Epilepsie in der Regel einen milden Verlauf und bleibt oft unbehandelt, doch ließen sich zum Teil mit der Erkrankung in Verbindung gebrachte Auffälligkeiten in der kognitiven Entwicklung durch eine solche Therapie möglicherweise beeinflussen.
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In der Studie zeichnete das Forschungsteam die elektrische Hirnaktivität von sieben an Rolando-Epilepsie erkrankten Kindern sowie sieben jeweils altersgleichen gesunden Kontrollpersonen während des Schlafs nichtinvasiv in Elektroenzephalogrammen (EEG) auf. „Wir können mit unserer Arbeit frühere Erkenntnisse bestätigen, dass es bei den kleinen Patienten im Schlaf Unterschiede in der Hirnaktivität gegenüber gesunden Kindern gibt“, sagt Dr. Jens Klinzing aus Borns Arbeitsgruppe, der Erstautor der Studie. „Dies betrifft insbesondere die sogenannten Schlafspindeln, ein Aktivitätsmuster, das wichtig für die Verarbeitung von Gedächtnis im Schlaf ist.“
Im Schlaf und in ruhigen Wachphasen wurden außerdem die zu erwartenden epileptischen Entladungen gemessen, die als Ausschlag der Kurve im EEG aufgezeichnet werden. „Man nimmt an, dass von der Rate und Stärke dieser Entladungen, die wir als Spikes bezeichnen, abhängt, wie stark ausgeprägt die Beeinträchtigung der Entwicklung der Kinder ist.“
Die Forscher vermuteten, dass sich durch die Stimulation von Schlafspindeln durch Laute auch die epileptischen Entladungen beeinflussen lassen könnten. Tatsächlich stellte sich heraus, dass die leise abgespielten Laute bei den an Rolando-Epilepsie erkrankten Kindern sowohl die Spikefrequenz verminderten als auch die Intensität der darauffolgenden Spikes.
„In Folge der Laute traten die gewünschten Schlafspindeln im EEG auf“, sagt Dr. Ngo. Diese sind ein Indikator dafür, dass plastische Prozesse im Gehirn ablaufen, die zur Festigung von Gedächtnis-inhalten führen. Dies seien Funktionen, die bei der Rolando-Epilepsie beeinträchtigt sein können. „Wir hoffen, einen Ansatz gefunden zu haben, um die mit der Erkrankung verbundenen ungünstigen epileptischen Entladungen ein wenig zu unterdrücken“, sagt der Wissenschaftler.
Emotionale und soziale Auswirkungen
Jede chronische Erkrankung stellt Patient*innen und ihre Umgebung vor spezielle Herausforderungen und kann eine Reihe von Problemen im Hinblick auf das Familienleben, den Besuch von Kindergarten und Schule, den Aufbau von Freundschaften und die Teilnahme an Freizeitangeboten verursachen. Kinder und Jugendliche mit Epilepsie haben ein erhöhtes Risiko für Lern- und Verhaltensprobleme. Sowohl die Erkrankung als auch therapeutische Maßnahmen können Kognition und Verhalten in vielfältiger Weise beeinflussen.
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Eine Epilepsieerkrankung kann insbesondere für betroffene Kinder und Jugendliche erhebliche psychosoziale Belastungen mit sich bringen. Dabei ist allerdings zu betonen, dass die Belastungen wesentlich von der individuellen Situation abhängig sind. Auch die medikamentöse Therapie kann sich auf Emotion und Verhalten von epilepsiekranken Kindern und Jugendlichen auswirken. Einzelne Epilepsiemedikamente werden sogar in den Zusammenhang mit dem Auftreten von Psychosen gebracht.
Bei Kindern und Jugendlichen mit Epilepsie werden gehäuft Beeinträchtigungen in Emotion und Verhalten festgestellt. Es wird davon ausgegangen, dass das Auftreten auf das Zusammenwirken verschiedener Faktoren zurückzuführen ist. Dabei nehmen die oben beschriebenen psychosozialen Belastungen eine zentrale Rolle ein. Ängstlichkeit, depressive Symptome oder andere emotionale Auffälligkeiten können auch kurzfristig vor, während oder nach Anfällen auftreten und nach kurzer Zeit wieder verschwinden.
Psychotherapie als Unterstützung
Epilepsie kann die Psyche belasten und verschiedene Gehirnfunktionen beeinträchtigen. Eine Psychotherapie bei Epilepsie ist immer dann sinnvoll, wenn die psychische Belastung der Betroffenen sehr hoch ist. Oft führen chronische Erkrankungen wie die Epilepsie zu besonderen psychischen Belastungen. Das ist ganz normal und Sie sollten sich gegebenenfalls nicht scheuen, mit Ihrer behandelnden Ärztin/Ihrem behandelnden Arzt darüber zu sprechen.
Eine auf Kinder mit Epilepsie zugeschnittene Psychotherapie, die vom neurologischen Personal der Behandlungszentren durchgeführt werden kann, hat in einer randomisierten Studie Wirkung gezeigt. Sowohl im stationären als auch im ambulanten Bereich betreuen Psychologinnen und Psychologen die Familien bei Fragen zu Krankheitsverarbeitung, Verhaltensproblemen und Entwicklungsauffälligkeiten. Häufige Beratungsfragen betreffen auch die geeignete Schulwahl oder besondere Unterstützung in Kindergarten und Alltag bei verschiedensten Behinderungen und Beeinträchtigungen.
Ausgangspunkt für die psychologische Beratung ist eine differenzierte Diagnostik mit ausführlicher Verhaltensbeobachtung sowie alle gängigen psychologischen Testverfahren. Auf diese Weise versuchen wir, den globalen Entwicklungsstand des Kindes zu erfassen. Außerdem können gezielt Teilleistungen untersucht werden, z. B. Aufmerksamkeit, räumliches Denken, Lesen, Rechtschreiben, etc.
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Im Anschluss an die ausführliche Diagnostik werden Eltern und Kinder ausführlich beraten. Bei Bedarf werden dafür auch andere Bezugspersonen, z. B. aus Kindergarten und Schule mit einbezogen. Wir bemühen uns, alltagstaugliche Lösungsansätze mit der Familie zu erarbeiten und diese im Verlauf zu begleiten. Patientenschulungen zu bestimmten Erkrankungen und Problemen sind ein wichtiger Bestandteil in der Betreuung unserer Patienten. Hier wird wichtiges Wissen vermittelt. Fertigkeiten im Umgang mit der Krankheit werden konkret eingeübt. Der Erfahrungsaustausch unter Betroffenen hilft zudem, mit den individuellen Belastungen besser zurecht zu kommen.
Diagnostik und Behandlung
Ihre untersuchende Ärztin/Ihr untersuchender Arzt wird Sie mittels eines Arztgesprächs, einer körperlichen Untersuchung und gegebenenfalls weiterer Spezialverfahren untersuchen.
Medikamentöse Therapie und Lebensstil
Bestimmte Lebensstile steigern das Anfallsrisiko, indem sie die sogenannte Krampfschwelle senken. Anfälle treten dann wahrscheinlicher auf. Auch wenn Sie nicht jeden Tropfen Alkohol meiden müssen: Probieren Sie am besten für sich selbst aus, wie die Risikofaktoren Ihre Anfallshäufigkeit beeinflussen. Eine ketogene Diät kann bei bestimmten Epilepsieformen günstig sein. Dazu zählen zum Beispiel stoffwechselbedingte oder frühkindliche Epilepsieformen.
Anfallsselbstkontrolle
Fokale Anfälle können sich durch eine Aura ankündigen. Als Aura bezeichnet man einen fokalen Anfall, der mit bestimmten Missempfindungen einhergeht. Dabei kann die Aura vereinzelt auftreten oder Vorreiter eines generalisierten Anfalls sein. Wenn ein Anfall als oder mit Aura auftritt, können Betroffene erlernen, ihm entgegenzuwirken. Man spricht dann von einer Anfallsselbstkontrolle. Die Gegenmaßnahmen bestehen meist aus einfachen Handlungen, stoppen die Epilepsie aber direkt im Gehirn: Zellen, die bereits mit der Gegenmaßnahme beschäftigt sind, stehen zur Aufnahme und Weitergabe elektrischer Signale kaum mehr zur Verfügung. Aktive Atmungs- bzw. Allen Gegenmaßnahmen gemeinsam ist, dass sie Gehirnzellen kontrolliert aktivieren.
Anfallsdokumentation
Sie können diesen Bogen nutzen, um Anfälle und Auren zu dokumentieren. Es handelt sich um wertvolle Informationen für Ihr Behandlungsteam. Wir freuen uns daher sehr über Ihr Feedback.
Anfallsformen und Epilepsiesyndrome
Grundsätzlich kann jedes Gehirn, auch das vollständig gesunde, mit einem epileptischen Anfall reagieren, z. B. Meist handelt es sich um kurze bilateral konvulsive Anfälle, die mit keinerlei Langzeitfolgen (auch ohne erhöhtes Epilepsierisiko) einhergehen (Bast und Carmant 2013). Epilepsie ist eine Störung des Gehirns, die durch eine dauerhafte Neigung zur Entwicklung epileptischer Anfälle, sowie die neurobiologischen, kognitiven, psychologischen und sozialen Konsequenzen gekennzeichnet ist (Fisher et al. 2014; Neubauer und Hahn 2018). Von Epilepsie spricht man, wenn epileptische Anfälle ohne unspezifischen Auslöser (wie z. B. Trauma, Stoffwechselentgleisung, Enzephalitis) wiederholt (≥2-mal) auftreten, oder nach einem 1. Anfall bereits ein Epilepsiesyndrom diagnostiziert werden kann oder das Rezidivrisiko aufgrund von Zusatzbefunden (z. B. potenziell epileptogene MRT-Läsion) als klar erhöht (≥60 % in den kommenden 10 Jahren) angenommen werden muss (Fisher et al. 2014).
Es werden fokale und generalisierte Formen epileptischer Anfälle unterschieden (Fisher et al. Fokale Anfälle starten in mehr oder weniger umschriebenen Regionen einer Hemisphäre. Auch subkortikale Strukturen können beteiligt sein (z. B. Hypothalamus, Thalamus). Die Erregungssteigerung kann auf die Ursprungsregion begrenzt bleiben oder sich innerhalb der Hemisphäre ausbreiten. Nach der neuen Klassifikation von Anfällen und Epilepsien der Internationalen Liga gegen Epilepsie (ILAE o. J.) werden fokale Anfälle unterschieden in solche mit komplett erhaltenem oder zu irgendeinem Zeitpunkt des Anfalls gestörtem Bewusstsein bzw. Erleben. Des Weiteren erfolgt eine Zuordnung der Anfälle basierend auf der frühesten Symptomatik, wobei es fokale Anfälle mit oder ohne motorische Phänomene gibt (Abb. 1). Schließlich wird der mögliche Übergang in bilaterale tonisch-klonische Anfälle berücksichtigt. Zur genaueren Beschreibung der Anfallssymptome und des Ablaufs wurde ein standardisiertes Glossar zur Verfügung gestellt (Blume et al. 2001) und aktualisiert (Fisher et al. 2017b).
Früher wurden fokale Anfälle mit erhaltenem Bewusstsein (oder Erleben) und ohne motorische Symptome als Auren bezeichnet. Die Symptomatik dieser Anfälle hängt von der Region der Übererregung ab. Diese sensorischen Symptome schließen z. B. visuelle Wahrnehmungen bei okzipitalen Anfällen (Blitze sehen, Amaurose, visuelle Halluzinationen), Parästhesien (z. B. mit anatomisch nachvollziehbaren wanderndem Charakter in einer Körperhälfte bei einem Anfall im Gyrus postcentralis) oder ein epigastrisches, meist aufsteigendes Gefühl bei Beteiligung der Insel (z. B. nach Anfallsursprung im Hippocampus) ein. Autonome Anfälle äußern sich z. B. mit Gesichtsröte, Tachykardie, Schwitzen oder Erbrechen. Fokale Anfälle mit emotionalen Symptomen können u. a. mit Angst oder Glücksgefühl einhergehen. Schwierig ist häufig die Zuordnung, z. B. Aphasie, Déjà-vu oder anderer milder Beeinträchtigungen. Schließlich können fokale Anfälle mit einem Verhaltensarrest beginnen, ohne dass der Patient seine eigene Wahrnehmung beschreiben oder die Bewusstseinslage definiert werden kann (z. B.
Bei Anfällen mit einfachen motorischen Symptomen werden unter anderem tonische Anfälle (z. B. asymmetrisch mit Version des Kopfes nach kontralateral und gegebenenfalls Streckung des kontralateralen Arms), atonische Anfälle und klonische Anfälle (mit rhythmisch anhaltenden, eher distal betonten Muskelkontraktionen) unterschieden. Myoklonische Anfälle sind meist proximal betonte, einschießende einzelne oder repetitive Muskelkontraktionen. Epileptische Spasmen sind einschießende Muskelkontraktionen mit axialer Tonisierung und meist bilateraler Armflexion und/oder Extension, die für Myoklonien zu lange und für tonische Anfälle zu kurz dauern. Bei automotorischen Anfällen kommen komplexere Symptome, wie z. B. orale Automatismen, Nesteln oder unsinnige Handlungen vor. Anfälle aus dem Schläfenlappen können mit einer erhaltenen Wahrnehmung starten (s. o.) und zeigen dann klassischerweise automotorische und manchmal autonome Symptome. Ist die sprachdominante Hemisphäre betroffen, so kommt es regelhaft zu einer gestörten Wahrnehmung (z. B. Areagibilität, fehlende Erinnerung an den Anfall), was bei Anfällen der nichtdominanten Hemisphäre (typischerweise rechts) nicht der Fall sein muss. Die Reorientierungsphase kann nach Temporallappenanfällen prolongiert sein, z. B. Hyperkinetische Anfälle können mit lautem Schreien und Vokalisationen, rhythmischem Schlagen und Treten, „body rocking“ und durchaus Verletzungsgefahr einhergehen. Das Bewusstsein kann während dieser meist kurz (<30 Sekunden) dauernden Anfälle erhalten sein. Der Betroffene ist in der Regel rasch wieder reorientiert.
Von generalisierten Anfällen spricht man bei einer so frühen Beteiligung der Netzwerke beider Hemisphären, dass ein regionaler Ursprung weder klinisch noch mit technischen Methoden (EEG, SPECT o. ä.) erfassbar ist. Es muss dabei nicht zu einer Erregungssteigerung des gesamten Kortex kommen, z. B. kann es sich um eine überwiegend primär bifrontale Erregungssteigerung handeln. Auch bei diesen Anfällen können subkortikale Strukturen (z. B. Thalamus) beteiligt sein. Ein generalisierter tonisch-klonischer Anfall ist charakterisiert durch den plötzlichen Bewusstseinsverlust mit zunächst tonischer Phase mit Versteifung des ganzen Körpers und Sturzgefahr, gefolgt von einer klonischen Phase mit rhythmisch anhaltenden Zuckungen der Muskulatur in Extremitäten und Gesicht. Meist besteht aufgrund der Apnoe begleitend eine Zyanose und es kommt zu einem vermehrten Speichelfluss. Einnässen und (lateraler) Zungenbiss sind möglich. Ein konvulsiver Status epilepticus besteht ab einer Anfallsdauer von mehr als 30 Minuten. Da das Risiko für einen solchen Status ab einer Dauer von 5 Minuten deutlich erhöht ist, wird bereits ab diesem Zeitpunkt eine anfallsunterbrechende Medikation empfohlen (sog. operationale Definition des Status epilepticus; (Trinka et al. Nach dem Anfall fühlt sich der Patient erschöpft und hat Muskelkater, nicht selten kommt es zu einem Nachschlaf. Bilateral tonisch-klonische Anfälle aus dem Schlaf sind eher verdächtig auf eine fokale Genese und fallen, wenn sie nicht direkt beobachtet wurden, z. B. wegen blutigen Speichels im Kissen oder Petechien im Bereich der Augenlider am folgenden Morgen auf. Generalisierte Anfälle können auch rein tonisch oder atonisch sein. Myoklonische Anfälle äußern sich durch einschießende, eher proximal betonte Muskelzuckungen, die einzeln oder in kurzer Serie auftreten. Absencen gehen in der Regel ohne motorische Phänomene, hin und wieder mit Bulbusdeviation oder Blinzeln, einher. Die typische Absence dauert zwischen 5 und 20 Sekunden. Atypische Absencen sind z. B. hinsichtlich Beginn oder Ende unscharf, können mit weniger deutlicher Beeinträchtigung einhergehen oder auch länger (Minuten) dauern. Teilweise lassen sich Anfälle nicht eindeutig als fokal oder generalisiert klassifizieren, z. B. ein Verhaltensarrest ohne Nachweis einer klaren Bewusstseinsstörung, häufig auch epileptische Spasmen.
Die Epilepsien werden hinsichtlich ihrer Anfallstypen (fokal, generalisiert, beides, unklar) und der Ätiologie (genetisch, strukturell, metabolisch, infektiös, immunologisch, unbekannt) klassifiziert (Scheffer et al. 2017). Monogen verursachte Epilepsien sind selten. Die häufigen genetischen Epilepsiesyndrome werden durch das Zusammenwirken von verschiedenen genetischen Faktoren und modifizierenden Umwelteinflüssen verursacht (Neubauer und Hahn 2016; Tab. 1).
Wenn eine typische Kombination elektroklinischer Merkmale wie Alter bei Epilepsiebeginn, Anfallstypen, EEG-Veränderungen und Ätiologie vorliegt, kann in einem Teil der Fälle ein sog. Diese Diagnose impliziert diagnostische und therapeutische Konzepte und erlaubt die Abschätzung der Prognose. Das West-Syndrom beginnt beispielsweise im Säuglingsalter mit epileptischen Spasmen und das EEG zeigt eine Hypsarrhythmie. Die Ätiologie ist häufig strukturell und seltener genetisch. Es handelt sich um eine epileptische Enzephalopathie, was bedeutet, dass die interiktale und iktale Funktionsstörung die Entwicklung des Kindes zusätzlich zur ursächlichen zerebralen Läsion beeinträchtigt. Andere Beispiele epileptischer Enzephalopathien sind das Ohtahara-Syndrom bei Neugeborenen oder das Lennox-Gastaut-Syndrom im Kleinkindalter. Beim Dravet-Syndrom treten im 1.Lebensjahr bei einem bis dahin gesund imponierenden Kind febrile tonisch-klonische Anfälle mit Statusneigung auf. Im weiteren Verlauf kommen unterschiedlichste Anfallsformen hinzu, die medikamentös nicht zu kontrollieren sind. Das EEG ist zu Beginn normal und wird im Verlauf hoch pathologisch, häufig einschließlich Fotosensibilität. Die Ätiologie ist genetisch und bei etwa 80 % der Patienten zeigt sich eine Mutation im SCN1A-Gen. Diese Kanalopathie selbst scheint zu einem Großteil für die schlechte Entwicklungsprognose und zunehmenden neurologischen Folgen (z. B. Ataxie) verantwortlich zu sein. Bei den meisten Kindern kommen schwerwiegende Verhaltensstörungen hinzu. Die Rolando-Epilepsie, die etwa 10 % der kindlichen Epilepsien ausmacht, gehört zu den selbstlimitierenden Epilepsiesyndromen. Sie beginnt im Alter von 3-9 Jahren mit nächtlichen fokalen Anfällen meist ohne Bewusstseinsstörung und mit perioralen somatosensiblen und klonischen Symptomen und teilweise Übergang in bilaterale tonisch-klonische Anfälle. Die Anfallsfrequenz ist typischerweise niedrig. Die Ursache ist nicht abschließend geklärt, das EEG-Merkmal ist ein genetischer Marker. Die kindliche Absence-Epilepsie ist die häufigste Epilepsie im Kindesalter (Abb. 2). Sie ist genetisch bedingt und äußert sich mit zahllosen Absencen (Bewusstseinsstörung von meist 5-20 Sekunden ohne oder mit nur milden begleitenden motorischen Symptomen) und seltener generalisierten tonisch-klonischen Anfällen. In der Regel sind Behandelbarkeit und Prognose gut.
Die Epilepsie persistiert bei etwa 20 % bis ins Erwachsenenalter (Abb. 2) und es zeigt sich dann oft ein Übergang in andere, sog. idiopathisch generalisierte Epilepsien wie z. B.
Rehabilitation und Unterstützung
In der stationären neurologischen Rehabilitation werden die Bereiche der allgemeinen Neuropädiatrie, der Frührehabilitation und der weiterführenden Rehabilitation abgedeckt. Die konzeptionelle Ausrichtung der Klinik ist interdisziplinär und ganzheitlich. Unsere Tätigkeit in der allgemeinen Neuropädiatrie umfasst die ausführliche neuropsychologische und psychologische Diagnostik bei bestehenden neurologischen Grunderkrankungen, bei komorbiden Begleiterkrankungen sowie bei selteneren Störungsbildern (zum Beispiel genetische Erkrankungen oder Verdacht auf dissoziative/funktionale Störungen). Das Ziel der Diagnostik ist eine genaue Kenntnis spezifischer, therapiebedürftiger Störungen der Patientinnen und Patienten, aber auch die Erfassung persönlicher Ressourcen und Stärken.
In der Frührehabilitation und in der weiterführenden Rehabilitation werden in erster Linie Kinder und Jugendliche mit angeborenen oder erworbenen Schädigungen des Zentralnervensystems (zum Beispiel Schädel-Hirn-Trauma, Hypoxie, Hirnblutungen, entzündliche Erkrankungen, Tumore, Epilepsie, Entwicklungsstörungen) behandelt. Aber auch Patientinnen und Patienten mit emotionalen Störungen oder Verhaltensauffälligkeiten, die oftmals in Zusammenhang mit den oben genannten Schädigungen, Traumata oder schweren Belastungssituationen stehen, werden hier behandelt. Dabei ist, neben der Durchführung neuropsychologischer Therapie, die psychologische Unterstützung der Kinder und Jugendlichen ein wichtiger Bestandteil der klinischen Arbeit.
Neben der Diagnostik und Behandlung von Kindern und Jugendlichen gehört ebenso die Elternarbeit zu den Tätigkeitsbereichen der Psychologinnen und Psychologen. Das wegen der großen Unterschiedlichkeit der behandelten Krankheitsbilder sehr breit gefächerte Spektrum der Elternarbeit umfasst einerseits die ausführliche Beratung im Umgang mit Krankheit, Behinderung oder Verhaltensauffälligkeiten des Kindes sowie andererseits die Begleitung und Unterstützung der Angehörigen in der Krankheitsverarbeitung.
Die Behandlung der Patientinnen und Patienten sowie die Beratung von Angehörigen findet in enger Zusammenarbeit mit dem interdisziplinären Team und den behandelnden Ärztinnen und Ärzten statt. In der Tagesklinik für Neuropädiatrie steht die neuropsychologische sowie psychologische Diagnostik bei Kindern und Jugendlichen mit Entwicklungs- und Verhaltensauffälligkeiten, Schulproblemen oder neurologischen Erkrankungen (wie zum Beispiel Epilepsie) im Vorder-grund. Der Fokus liegt hierbei unter anderem in der differenzierten Abklärung von Entwick-lungsstörungen, Lernbehinderung, geistiger Behinderung, Schulleistungsstörungen oder emotionalen Störungsbildern. Liegen bei den jungen Patientinnen und Patienten kinder- und jugendpsychiatrische Komorbiditäten vor, werden diese berücksichtigt und die Patientinnen und Patienten gegebenenfalls weiterverwiesen.
Zentrale Bestandteile der diagnostischen Arbeit der Psychologie sind immer eine umfangreiche Testung der intellektuellen Fähigkeiten, eine ausführliche Anamnese mit den Eltern und der Austausch mit dem Helfersystem zu Hause (zum Beispiel Einrichtungen oder Therapeutinnen und Therapeuten). Im interdisziplinären Team werden auf Basis der Ergebnisse nachhaltige Förderkonzepte erstellt, die den Angehörigen nach zwei Wochen im Abschlussgespräch vorgestellt werden.
Epilepsiechirurgie
Die Abteilung prächirurgische Epilepsie-Diagnostik und pädiatrische Epilepsie-Chirurgie beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit der Fragestellung einer operativen Behandlungsmöglichkeit für eine Epilepsie - zum Beispiel wenn als Ursache eine Fehlbildung im Gehirn ausgemacht werden kann. Zur Klärung dieser Frage werden zunächst eine ausführliche interdisziplinäre Diagnostik mittels eines mehrtägigen Video-EEG-Monitorings sowie eine hochauflösende MRT-Bildgebung durchgeführt. Darüber hinaus können je nach Lage der Fehlbildung weitere Untersuchungen verschiedener Funktionen (zum Beispiel Sprache, Motorik, Gesichtsfeld, Kognition) zur Anwendung kommen, um möglichst viele Informationen über die betroffenen Hirnareale und ihre Funktionsfähigkeit beziehungsweise eventuell bereits bestehende Beeinträchtigungen zu erhalten.
Das Team der Psychologie unterstützt dabei als wichtiger Bestandteil im interdisziplinären Team zum Beispiel durch Untersuchungen zur Sprachlateralisation (fTCD, fMRT) oder das Erstellen eines ausführlichen neuro- und entwicklungspsychologischen Profils, das die jeweiligen Stärken und Schwächen der Patientinnen und Patienten vor dem Hintergrund der Epilepsie-Erkrankung erfasst. In einer gemeinsamen interdisziplinären Fallkonferenz werden dann alle Ergebnisse der präoperativen Diagnostik diskutiert und abgewogen.
Im Falle einer Entscheidung für einen epilepsie-chirurgischen Eingriff werden gemäß der Standards zertifizierter Epilepsie-Zentren alle Kinder und Jugendlichen ausführlich entwicklungs- und neuropsychologisch untersucht - sofern dies noch nicht im Rahmen der präoperativen Evaluation erfolgt ist. Neben dem Einsatz entsprechender Testverfahren ist uns hierbei vor allem ein individuelles Eingehen auf die Kinder und Jugendlichen und ihre Entwicklungs- und Anfallssituation wichtig. Dabei spielt auch die Einschätzung der Eltern beziehungsweise Betreuungspersonen eine große Rolle und wird beispielsweise über eine ausführliche Anamnese und halb strukturierte Interviews über Entwicklung und Verhalten des Kindes im Alltag erhoben. Neben der Diagnostik wird den Patientinnen und Patienten sowie deren Familien bei Bedarf auch gerne während des Krankenhausaufenthalts zur Seite gestanden.
Die langfristige postoperative Nachsorge ist dem Team wichtig. Die diagnostische Begleitung des Entwicklungsverlaufs beziehungsweise der Leistungsfähigkeit der Kinder und Jugendlichen über längere Zeit nach der Operation hinweg gehört deshalb zum Standard der Klinikmitarbeitenden. In diesem Rahmen werden Patientinnen und Patienten sowie deren Familien auch zu Themen wie der Wahl eines geeigneten Kindergartens oder einer geeigneten Schule beziehungsweise therapeutischen Unterstützungsmöglichkeiten beraten.
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