Psychische Auffälligkeiten als Ursache von Krebs: Was sagt die Wissenschaft?

Die Frage, ob psychische Belastungen wie Stress, Depressionen oder traumatische Erlebnisse Krebs verursachen können, beschäftigt viele Menschen. Obwohl viele einen Zusammenhang vermuten, ist die wissenschaftliche Lage komplex und nicht eindeutig. Dieser Artikel beleuchtet den aktuellen Forschungsstand, die Schwierigkeiten bei der Untersuchung dieser Zusammenhänge und die Bedeutung der Psyche für den Umgang mit einer Krebserkrankung.

Die öffentliche Meinung vs. wissenschaftliche Erkenntnisse

Eine Umfrage des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ) in Heidelberg zeigt, dass 61 Prozent der Befragten überzeugt sind, dass seelische Probleme und Stress Krebs verursachen können. Auch die Annahme, dass eine kämpferische Grundhaltung die Prognose verbessert, ist weit verbreitet: 84 Prozent der Befragten teilen diese Ansicht. Unter aktuell Erkrankten sind es sogar über 90 Prozent.

Im Gegensatz dazu steht die wissenschaftliche Evidenz. Bislang konnte nicht überzeugend bestätigt werden, dass psychische Belastungen eine maßgebliche Rolle bei der Krebsentstehung spielen. Nur wenn Stress und andere Belastungen zu einem ungesunden Lebensstil führen - wie vermehrtes Rauchen, Alkoholkonsum oder ungesunde Ernährung - besteht ein nachgewiesenermaßen erhöhtes Risiko. Krebsforscher gehen davon aus, dass bei der Entstehung von Krebs in der Regel viele verschiedene Faktoren zusammenspielen.

Die Schwierigkeiten der Forschung

Die Erforschung des Zusammenhangs zwischen Psyche und Krebs ist aus verschiedenen Gründen komplex:

  • Beobachtungsstudien liefern nur statistische Zusammenhänge: Epidemiologische Studien beobachten große Gruppen von Menschen über längere Zeiträume und erfassen ihre psychische Belastung. Sie können jedoch nur statistische Zusammenhänge zwischen Risikofaktoren und Krebsentstehung aufzeigen, aber keinen Beweis für die tatsächliche Krebsursache eines einzelnen Menschen liefern.
  • Verzerrte Erinnerungen: Bei rückblickenden Studien beurteilen viele Menschen ihr Leben im Nachhinein anders, insbesondere wenn sie nach der Ursache für eine schwere Erkrankung suchen. Die Erinnerung kann also verzerrt sein.
  • Vielfalt der psychischen Belastungen: Es gibt viele unterschiedliche Arten von seelischer Belastung. Stress ist nicht gleich Stress, und auch der Umgang mit Stress ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich. Was der eine als belastend empfindet, ist für den anderen vielleicht kein Problem.
  • Indirekte Wirkung durch ungesunden Lebensstil: Psychisch belastete Menschen neigen häufig zu einem ungesunden Lebensstil, was wiederum das Krebsrisiko erhöhen kann.

Forschung im Labor und mögliche Mechanismen

Neben Beobachtungsstudien gibt es auch Laborforschung, die mögliche Mechanismen untersucht, wie psychische Einflüsse zur Krebsentstehung beitragen könnten:

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  • Psycho-Neuro-Immunologie: Dieses Forschungsgebiet untersucht den Zusammenhang zwischen Nerven-, Immun- und Hormonsystem. Langfristiger psychischer Stress kann das Immunsystem hemmen, das normalerweise Krebszellen bekämpft. Stress bewirkt außerdem, dass das Immunsystem vermehrt entzündungsfördernde Botenstoffe ausschüttet, die im Verdacht stehen, Krebs zu fördern.
  • Weitere Mechanismen: Es gibt weitere Theorien, wie psychische Einflüsse durch Veränderungen im Körper zur Krebsentstehung beitragen könnten, z.B. durch erhöhte Stresshormone, die das Erbgut schädigen, oder durch Veränderungen im Zellzyklus. Diese Theorien sind jedoch noch weniger gut erforscht.

Die Rolle der Psyche bei der Krankheitsbewältigung

Auch wenn psychische Faktoren wahrscheinlich keine direkte Ursache für Krebs sind, spielen sie eine wichtige Rolle bei der Krankheitsbewältigung. Eine positive Einstellung kann für die Betroffenen hilfreich sein, aber auch das Zulassen von Gefühlen wie Angst, Traurigkeit oder Wut. Es gibt kein Patentrezept für den Umgang mit Krebs, und jeder Patient durchläuft verschiedene Verarbeitungsphasen.

Die Forderung nach einer positiven und kämpferischen Haltung kann Patienten auch unter Druck setzen, da ihnen damit das Gefühl suggeriert wird, den Verlauf der Erkrankung selbst in der Hand zu haben. Es ist wichtig, dass Betroffene ihren eigenen Weg der Bewältigung finden und sich nicht zu etwas zwingen, das sich für sie nicht richtig anfühlt.

Die "Krebspersönlichkeit": Ein überholtes Konzept

Die Annahme, dass es eine sogenannte "Krebspersönlichkeit" gibt, ist der Studie zufolge offenbar zum Großteil aus den Köpfen verschwunden. Als "Krebspersönlichkeit" wurde häufig ein Persönlichkeitstyp beschrieben, der zur Melancholie neigt, angepasst lebt und Gefühle schwer zum Ausdruck bringen kann. Dieses Konzept ist jedoch längst überholt, da es dafür keinen wissenschaftlichen Nachweis gibt.

Psychosoziale Unterstützung für Krebspatienten

Eine Krebserkrankung ist eine komplexe Herausforderung, für deren Bewältigung es keine einfachen Patentrezepte gibt. Um Patienten und Angehörige individuell auf ihrem Weg durch die Erkrankung zu unterstützen, gibt es professionelle psychosoziale Angebote, zum Beispiel in Krebsberatungsstellen oder Kliniken.

Psychische Belastungen, die durch die Diagnose und Behandlung von Krebs entstehen, können mit professioneller Unterstützung reduziert werden. Die Psychoonkologie bietet verschiedene Therapieansätze, wie Gesprächstherapie, Kunsttherapie, Musiktherapie oder Entspannungstechniken, um Menschen bei der Verarbeitung der Erkrankung zu unterstützen und sie zu stärken.

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Schlafstörungen und Fatigue

Neben den psychischen Belastungen leiden viele Krebspatienten auch unter Schlafstörungen und Fatigue. Schlafstörungen können durch körperliche Faktoren wie Schmerzen, Bluthochdruck oder Hormonstörungen ausgelöst werden, aber auch durch psychischen Stress. Fatigue ist ein Gefühl der Erschöpfung, das nicht im Zusammenhang mit körperlicher Betätigung steht und sich nicht durch Ausruhen oder Schlafen verbessern lässt.

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, Schlafstörungen und Fatigue zu behandeln, wie psychoonkologische Betreuung, Lichttherapie oder Medikamente. Auch eine entspannte Einstellung zum Thema Schlaf und eine gute Bett-Routine können helfen.

Sexualität und Partnerschaft

Eine Krebserkrankung kann auch Auswirkungen auf die Sexualität und Partnerschaft haben. Operationen und Behandlungen können das Aussehen und die körperlichen Funktionen verändern, was zu Unsicherheiten und Problemen in der Beziehung führen kann. Sprachlosigkeit zwischen Partnern ist hochgradig belastend, daher ist es wichtig, offen über die eigenen Gefühle und Bedürfnisse zu sprechen.

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, die Sexualität und Partnerschaft trotz Krebserkrankung zu erhalten oder wiederherzustellen, wie sanfte Berührungen, Massagen oder die Verwendung von Hilfsmitteln. Auch eine psychoonkologische Beratung kann helfen, die Herausforderungen in der Beziehung zu bewältigen.

Angst vor Rückfall

Die Angst vor einem Rückfall (Rezidivangst) ist eine normale Reaktion auf eine Krebserkrankung. Es ist wichtig, sich diese Angst einzugestehen und angstauslösende Situationen zu definieren. Wenn die Angst jedoch den Alltag beeinträchtigt und die Lebensqualität einschränkt, ist es ratsam, professionelle Hilfe aufzusuchen.

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Es gibt verschiedene Möglichkeiten, die Angst vor einem Rückfall zu bewältigen, wie Entspannungstechniken, Sport, kreative Aktivitäten oder psychoonkologische Gespräche. Auch der Austausch mit anderen Betroffenen in einer Selbsthilfegruppe kann hilfreich sein.

Krebserkrankungen im Kindesalter

Auch bei Kindern und Jugendlichen können Krebserkrankungen zu psychischen Belastungen führen. Studien zeigen, dass krebskranke Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene ein erhöhtes Risiko für depressive Störungen und schwere depressive Symptome haben. Es ist daher wichtig, auch bei jungen Patienten auf die psychische Gesundheit zu achten und ihnen Unterstützung anzubieten.

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