Der pulssynchrone Tinnitus, auch pulsierender oder objektiver Tinnitus genannt, ist eine spezielle Form von Ohrgeräuschen, die sich durch ein rhythmisches Pochen oder Klopfen im Ohr äußern, das mit dem Herzschlag übereinstimmt. Im Gegensatz zum klassischen Tinnitus, der sich oft als Pfeifen, Klingeln oder Rauschen manifestiert, ist der pulssynchrone Tinnitus auf eine tatsächliche Schallquelle im Körper zurückzuführen, meist im Bereich der Blutgefäße.
Symptome des pulssynchronen Tinnitus
Das Hauptsymptom des pulssynchronen Tinnitus ist die Wahrnehmung eines rhythmischen Geräusches im Ohr, das mit dem Herzschlag synchronisiert ist. Betroffene beschreiben dies oft als Pochen, Klopfen, Rauschen, Knirschen, Zischen oder Pfeifen im Ohr. Die Geräusche sind in der Regel einseitig, können aber auch beidseitig auftreten. Die Intensität des Geräusches kann je nach Körperlicher Anstrengung, Stress, Blutdruck oder Körperlage variieren. Besonders in stillen Umgebungen, wie beim Einschlafen oder bei konzentrierter Arbeit, können die Ohrgeräusche als sehr belastend empfunden werden.
Ursachen des pulsierenden Tinnitus
Im Gegensatz zum nicht-pulssynchronen Tinnitus, bei dem die Ursache oft unklar ist, lässt sich beim pulssynchronen Tinnitus meist eine konkrete Ursache identifizieren. Häufig sind Veränderungen der Blutgefäße im Kopf-, Hals- oder Ohrbereich dafür verantwortlich.
Vaskuläre Ursachen:
- Arterio-venöse Fisteln (AV-Fisteln) und Malformationen (AV-Malformationen): Dies sind Kurzschlussverbindungen zwischen Arterien und Venen, die zu einem turbulenten Blutfluss führen können. Durale AV Fisteln sind Kurzschlussverbindungen zwischen einer Arterie und einer Vene an der harten Hirnhaut (Dura mater).
- Gefäßeinengungen (Stenosen): Verengungen der Arterien oder Venen, beispielsweise durch Arteriosklerose oder Gefäßwandeinrisse (Dissektionen), können den Blutfluss behindern und Geräusche verursachen.
- Krankhafte Gefäßerweiterungen (Aneurysmen): Ausbuchtungen in den Blutgefäßen können zu Turbulenzen im Blutfluss führen.
- Veränderungen der großen venösen Blutleiter: Stenosen nach Sinusthrombosen können ebenfalls pulssynchronen Tinnitus verursachen.
- Carotis-Sinus-cavernosus-Fistel (CCF): Eine spezielle Form der dAVF, eine Kurzschlussverbindung zwischen der Halsschlagader und dem Sinus cavernosus, einem venösen Geflecht an der Schädelbasis.
Nicht-vaskuläre Ursachen:
- Gefäßreiche Tumore: Tumore in der Nähe des Ohrs oder der Schädelbasis, wie Glomustumoren, können den Blutfluss beeinflussen und Geräusche verursachen.
- Nicht-tumoröse Ursachen: In seltenen Fällen können auch andere Faktoren wie Nackenverspannungen, Halswirbelsäulenbeschwerden oder ein sehr langer Knochensporn (Griffelfortsatz) an der Schädelbasis (Eagle-Syndrom) eine Rolle spielen.
- Erhöhte Durchblutung: Zustände, die mit einer erhöhten Durchblutung einhergehen, wie Schwangerschaft, Sport, Anämie oder bestimmte Medikamente, können die Wahrnehmung des Blutflusses im Ohr verstärken.
Weitere Faktoren:
- Kreislaufstörungen: Kreislaufprobleme oder Bluthochdruck können ebenfalls zu einem pulssynchronen Tinnitus führen.
- Stress: Stress kann die Blutgefäße verengen und den Blutdruck erhöhen, was die Wahrnehmung des Pulsschlags im Ohr verstärken kann.
- Lärm: Lärm, insbesondere beim Musikhören mit Kopfhörern, kann ebenfalls eine Ursache sein.
- Medikamente: Langfristige Einnahme von Arzneimitteln wie Antibiotika oder Diuretika.
- Traumen: Traumen an Kopf oder Hals.
Diagnose des pulssynchronen Tinnitus
Bei der Diagnose des pulssynchronen Tinnitus ist eine gründliche Anamnese und körperliche Untersuchung wichtig. Der Arzt wird nach den genauen Symptomen, der Krankengeschichte und möglichen Risikofaktoren fragen.
Diagnostische Verfahren:
- Auskultation: Das Abhören des Schädels und der Halsgefäße mit einem Stethoskop kann bereits Hinweise auf die Ursache geben. Wenn der Arzt das Geräusch ebenfalls hören kann, spricht man von einem objektiven pulssynchronen Tinnitus.
- Hörtests: Um die Hörfähigkeit zu überprüfen und andere Ursachen für Ohrgeräusche auszuschließen.
- Blutuntersuchungen: Zur Abklärung von Grunderkrankungen wie Anämie oder Bluthochdruck.
- Bildgebende Verfahren:
- Ultraschalluntersuchung (Doppler-Sonographie): Zur Beurteilung der Blutgefäße im Halsbereich.
- Computertomographie (CT) und CT-Angiographie: Zur Darstellung von knöchernen Strukturen und Blutgefäßen.
- Magnetresonanztomographie (MRT) und MR-Angiographie: Zur detaillierten Darstellung von Weichteilen, Blutgefäßen und Gehirnstrukturen. Die zeitaufgelöste MR-Angiographie ist besonders wichtig, um den Blutfluss zu beurteilen.
- Angiogramm (Katheterangiographie): Eine invasive Untersuchung, bei der ein Katheter in die Blutgefäße eingeführt wird, um diese mit Kontrastmittel darzustellen. Sie dient der Diagnosesicherung und Therapieplanung.
Behandlung des pulssynchronen Tinnitus
Die Behandlung des pulssynchronen Tinnitus richtet sich nach der zugrunde liegenden Ursache. In vielen Fällen ist eine kausale Therapie möglich, die das Problem behebt oder zumindest die Symptome lindert.
Lesen Sie auch: Behandlungsmöglichkeiten bei Tinnitus
Therapeutische Möglichkeiten:
- Medikamentöse Therapie: Bei nicht-vaskulären Ursachen oder bei Begleiterkrankungen wie Bluthochdruck können Medikamente eingesetzt werden.
- Endovaskuläre Therapie: Bei vaskulären Ursachen, wie AV-Fisteln, Stenosen oder Aneurysmen, können minimalinvasive Verfahren eingesetzt werden, um die Gefäßstruktur zu korrigieren.
- Embolisation: Verschluss von Fisteln oder Aneurysmen mit Platinspiralen oder Gewebekleber.
- Stentimplantation: Erweiterung von Gefäßverengungen (Stenosen) durch Einsetzen eines Stents.
- Chirurgische Intervention: In einigen Fällen kann eine Operation erforderlich sein, um das zugrunde liegende Problem zu beheben.
- Therapie der Carotis-Sinus-cavernosus-Fistel (CCF): Die CCF kann neuroradiologisch interventionell meist durch das Einbringen von Platinspiralen und/oder mit Flüssigkleber erfolgreich behandelt werden.
- Klangtherapie: Die Klanganreicherung im Rahmen einer Klangtherapie kann helfen, die Wahrnehmung des Pochens im Ohr zu beseitigen oder deutlich zu reduzieren.
- Stressmanagement: Entspannungstechniken und Stressabbau können helfen, die Symptome zu lindern.
- Anpassung des Lebensstils: Ein gesunder Lebensstil mit ausgewogener Ernährung, ausreichend Bewegung und moderatem Konsum von Kaffee, Tee und Alkohol kann sich positiv auf den Tinnitus auswirken.
Wichtig: Die Entscheidung für eine bestimmte Therapie hängt von verschiedenen Faktoren ab, darunter die Ursache des Tinnitus, das Behandlungsrisiko, das Risiko für Komplikationen wie Hirnblutungen und der persönliche Leidensdruck des Betroffenen.
Wann sollte man einen Arzt aufsuchen?
Wenn Sie ein pulsierendes Geräusch im Ohr wahrnehmen, ist es ratsam, einen Arzt aufzusuchen, um die Ursache abzuklären. Besonders wichtig ist eine zeitnahe Untersuchung, wenn folgende Begleitsymptome auftreten:
- Kopfschmerzen
- Sehstörungen
- Schwindel
- Neurologische Ausfälle
- Rötung oder Schwellung des Auges
Lesen Sie auch: Ursachen und Prävention von Hörsturz und Schlaganfall
Lesen Sie auch: Ohrgeräusche verstehen
tags: #pulsierendes #rauschen #im #ohr #nerven