Einführung
Die Parkinson-Krankheit ist eine fortschreitende neurodegenerative Erkrankung, die vor allem motorische Fähigkeiten beeinträchtigt. Epidemiologische Beobachtungen haben gezeigt, dass Raucher seltener an Parkinson erkranken als Nichtraucher. Dies hat zu der Annahme geführt, dass Nikotin, ein Hauptbestandteil von Tabak, möglicherweise einen neuroprotektiven Effekt hat oder das Fortschreiten der Krankheit verlangsamen könnte. Dieser Artikel beleuchtet aktuelle Studien und Erkenntnisse zu diesem Thema und untersucht die potenziellen Auswirkungen von Nikotin auf die Parkinson-Krankheit.
Epidemiologische Beobachtungen und Nikotin-Hypothese
Epidemiologische Studien haben konsistent gezeigt, dass Raucher ein geringeres Risiko haben, an Parkinson zu erkranken. Eine Studie aus dem Jahr 1966, in der die Krankendaten von fast 300.000 Kriegsveteranen ausgewertet wurden, bestätigte den Zusammenhang zwischen Rauchen und diversen Krebsarten sowie verkürzter Lebenserwartung. Überraschenderweise ergab die Studie jedoch auch, dass Nichtraucher dreimal so häufig an Parkinson erkranken wie Raucher.
Diese Beobachtung führte zu der Hypothese, dass Tabakqualm eine Substanz enthalten könnte, die vor dem Abbau der Gehirnmasse bei Parkinson schützt. Inzwischen deuten etliche Befunde darauf hin, dass das im Rauch enthaltene Nikotin sowohl einen Schutzeffekt als auch einen therapeutischen Nutzen bei der Erkrankung hat.
Es wird vermutet, dass die Hemmung der Monoaminoxidase (MAO) durch bestimmte Komponenten des Tabakrauchs zu diesem neuroprotektiven Effekt beiträgt. MAO ist ein Enzym, das Neurotransmitter wie Dopamin abbaut, und seine Hemmung könnte dazu beitragen, den Dopaminspiegel im Gehirn zu erhöhen.
Nikotin und seine Wirkung auf das Gehirn
Nikotin ist ein Alkaloid, das in der Tabakpflanze vorkommt und eine Wirkung auf den menschlichen Organismus hat. Es aktiviert das cholinerge System im Gehirn, das eine wichtige Rolle bei kognitiven Prozessen spielt. Nikotinrezeptoren finden sich in zahlreichen Hirnregionen wie dem Hippocampus und dem Präfrontalkortex.
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Darüber hinaus ist Nikotin an der Ausschüttung von wichtigen Botenstoffen wie Serotonin, Glutamat, Noradrenalin und vor allem Dopamin beteiligt. Dopamin ist besonders wichtig für die Steuerung von Bewegungsabläufen sowie Aufmerksamkeit, Lern- und Suchtverhalten.
Studien haben gezeigt, dass Nikotin kurzfristig die Feinmotorik, die Aufmerksamkeit, die Reaktionszeiten sowie das Kurzzeit- und das Arbeitsgedächtnis verbessern kann. Es dämpft die Aktivität des Ruhenetzwerks im Gehirn, das beim Nichtstun oder Tagträumen aktiv ist, und stimuliert gleichzeitig das Exekutivnetzwerk, das für kontrollierte und geplante Handlungen zuständig ist.
Klinische Studien mit Nikotin bei Parkinson
Trotz vielversprechender Ergebnisse aus epidemiologischen Studien und Laborexperimenten sind die Ergebnisse klinischer Studien mit Nikotin bei Parkinson bisher gemischt.
Eine Studie aus dem Jahr 2007 behandelte Maryka Quik vom Parkinson's Institute in Sunnyvale in Kalifornien parkinsonkranke Totenkopfäffchen mit Nikotin. Nach acht Wochen führten die Tiere nur noch halb so viele unwillentliche Bewegungen aus wie vor Beginn der Behandlung.
Auf Grund solcher viel versprechender Ergebnisse wurde die Methode bei einzelnen Parkinsonpatienten getestet. In der Regel bekamen sie den Stoff über Pflaster verabreicht. Tatsächlich reduzierten sich in vielen Fällen die Störungen der Bewegungsfähigkeit. Jedoch sprechen nicht alle Patienten gleichermaßen auf den Stoff an. Zudem sind die Gründe für die therapeutische Wirkung weiterhin unklar, was die Entwicklung von Medikamenten erschwert.
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Eine doppelblinde, placebokontrollierte multizentrische Studie (NIC-PD-Studie) untersuchte, ob eine Therapie mit transdermalem Nikotin (Pflaster) das Fortschreiten der Parkinson-Krankheit im frühen manifesten Stadium verlangsamen kann. Die Studie umfasste 163 Teilnehmer, die vor höchstens 18 Monaten die Parkinsondiagnose erhalten hatten und sich in einem frühen Stadium der Erkrankung befanden. Die Teilnehmer erhielten entweder Nikotin (bis zu 28 mg/Tag) oder Placebo über 52 Wochen, gefolgt von einer 8-wöchigen Auswaschphase.
Der primäre Endpunkt der Studie war die Veränderung des Unified Parkinson’s Disease Rating Scale (UPDRS)-Scores nach 60 Wochen. Die Ergebnisse zeigten, dass sich der UPDRS-Score in beiden Gruppen verschlechterte, wobei die Verschlechterung in der Nikotingruppe sogar stärker war als in der Placebogruppe. Dieser Unterschied war jedoch statistisch nicht signifikant. Auch für weitere sekundäre Endpunkte wie Kognition, depressive Symptome und Schlaf wurden keine Unterschiede zwischen den Gruppen festgestellt.
Die Studienautoren kamen zu dem Schluss, dass eine transdermale Nikotintherapie über ein Jahr auch bei frühem Krankheitsbeginn die Progression der Parkinson-Erkrankung nicht verlangsamen kann.
Limitationen und zukünftige Forschung
Die bisherigen Studien zu Nikotin und Parkinson weisen einige Limitationen auf. In der NIC-PD-Studie wurde beispielsweise die Applikationsart des Nikotins durch Pflaster kritisiert. Zudem wurden weder Nikotin- noch Nikotinmetabolit-Konzentrationen im Blut noch molekulargenetische Profile oder objektive Parkinsonprogressionsmarker erfasst.
Für zukünftige Studien empfehlen die Autoren, Personen in einer prodromalen Phase der Erkrankung einzuschließen, die noch ohne Behandlung sind. Nikotin sollte in einer pulsatilen Applikationsform verabreicht werden, und zur Beurteilung des Effekts sollte der Einsatz von klinischen und objektiven prodromalen Progressionsmarkern erfolgen.
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Nikotin als Therapeutikum für andere neuropsychiatrische Erkrankungen
Neben der Parkinson-Krankheit wird Nikotin auch als Therapeutikum für andere neuropsychiatrische Erkrankungen erprobt. Studien haben gezeigt, dass Nikotin bei Patienten mit Schizophrenie, Depression, Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) oder der bipolaren Störung möglicherweise helfen kann. Viele Betroffene greifen regelmäßig zur Zigarette, was auf eine Selbstmedikation mit Nikotin hindeuten könnte.
Eine systematische Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2020 kam zu dem Schluss, dass eine einzige Dosis Nikotin ausreicht, um verschiedene kognitive und sensorische Symptome bei Schizophrenie zumindest kurzfristig zu mildern. Hierzu gehören unter anderem Verbesserungen der Aufmerksamkeit, des Arbeitsgedächtnisses und der unbewussten Früherkennung von Reizen.
Die dunkle Seite des Nikotins
Es ist wichtig zu betonen, dass Nikotin trotz seiner potenziellen therapeutischen Vorteile auch erhebliche gesundheitsschädliche Wirkungen hat. Nikotin macht abhängig und ist mitverantwortlich für die Gesundheitsschäden durch Rauchen.
Beim Rauchen gelangt das Nikotin über die Lunge in die Blutbahn und innerhalb von zehn Sekunden durch die Blut-Hirn-Schranke ins Zentralnervensystem. Dort dockt es an jene Rezeptoren an, die eigentlich für den Neurotransmitter Acetylcholin vorgesehen sind. Die Bindung bewirkt unter anderem, dass das Belohnungszentrum des Gehirns Dopamin ausschüttet und sich fast unmittelbar ein Wohlgefühl und Entspannungszustand einstellt.
Durch den regelmäßigen Konsum stumpfen die neuronalen Belohnungsschaltkreise jedoch ab, weshalb die anfangs geringe Menge an Nikotin gesteigert werden muss, damit es seine positive Wirkung entfaltet. Zudem lernt das Gehirn, dass die Droge relevant für das Wohlbefinden ist; positive Emotionen werden damit verknüpft. Diese Belohnungsmechanismen laufen bei allen Suchterkrankungen ähnlich ab und sind der Grund für die Abhängigkeit.
Die Abhängigkeit von nikotinhaltigen Tabakwaren bleibt in der Regel nicht folgenlos: Insbesondere die Lunge und Blutgefäße nehmen Schaden; das Risiko eines Schlaganfalls, Herzinfarkts oder einer Krebserkrankung steigt. Inzwischen gibt es auch Hinweise auf einen kausalen Zusammenhang zwischen Rauchen und Depression. Laut der Weltgesundheitsorganisation sterben jedes Jahr acht Millionen Menschen an den Folgen des Tabakkonsums.