Das menschliche Gehirn ist ein faszinierendes Organ, dessen Arbeitsweise seit langem Gegenstand der Forschung ist. Eine populäre Vorstellung ist die der Aufteilung in zwei Hälften, wobei jede Hälfte für bestimmte Funktionen zuständig sein soll. Insbesondere die rechte Gehirnhälfte wird oft mit Kreativität, Intuition und Emotionen in Verbindung gebracht. Dieser Artikel beleuchtet die Aufgaben der rechten Gehirnhälfte, räumt mit einigen Mythen auf und stellt die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse vor.
Die Struktur des Gehirns: Zwei Hälften, unterschiedliche Aufgaben
Auf den ersten Blick wirkt das menschliche Gehirn symmetrisch: Es besteht aus zwei Hälften, die durch Furchen und Wülste ein ähnliches Muster aufweisen. Doch dieser Eindruck täuscht. Die beiden Hirnregionen weisen subtile, aber funktionell relevante Unterschiede auf. Die beiden Hemisphären sind auf unterschiedliche Funktionen spezialisiert. So wird beispielsweise die Aufmerksamkeit bei den meisten Menschen überwiegend in der rechten Hemisphäre verarbeitet, die Sprache überwiegend in der linken. Der Grund: Die Arbeit kann besser auf beide Hälften verteilt werden - und das Aufgabenspektrum damit insgesamt erweitert.
Diese Spezialisierung, die sogenannte Lateralisation, ist jedoch von Mensch zu Mensch unterschiedlich ausgeprägt. Selbst bei Personen, bei denen die Funktionen im Gehirn prinzipiell klassisch angeordnet sind, variiert die Stärke der Asymmetrie. Frühere Studien haben gezeigt, dass sich dies wiederum auf die Fähigkeiten selbst auswirken kann. So wird beispielsweise eine zu geringe Asymmetrie der Sprachareale auf der linken Hirnseite als eine mögliche Ursache für Legasthenie vermutet. Auch bei Krankheiten wie Schizophrenie, Autismus-Spektrum-Störungen oder Hyperaktivität bei Kindern wird eine zu schwache Aufgabenteilung zwischen den beiden Hirnhälften in Zusammenhang gebracht.
Die rechte Gehirnhälfte: Mehr als nur Kreativität
Die rechte Gehirnhälfte wird oft als der Sitz von Kreativität, Intuition, bildhaftem Denken und Emotionen dargestellt. Sie soll für das Erkennen von Mustern und Gesichtern, räumliches Denken, die Verarbeitung von Bild-, Farb- und Symbolsprache sowie die Wahrnehmung komplexer Informationen zuständig sein.
Tatsächlich spielt die rechte Gehirnhälfte eine wichtige Rolle bei der Verarbeitung von Emotionen, insbesondere negativer Emotionen. Studien haben einen Zusammenhang zwischen einer Dominanz der rechten Hirnhälfte und der Verarbeitung negativer Gefühle, pessimistischer Gedanken und unkonstruktiver Denkmuster gefunden. Aktivität in der rechten Hirnhälfte ist außerdem mit Selbstreflexion verbunden, die bei depressiven Patienten häufig intensiver ist als bei gesunden Menschen. Darüber hinaus spielt die rechte Hirnhälfte eine wichtige Rolle bei der Anpassung unseres Erregungszustands, was erklären könnte, warum depressive Menschen häufig an Schlafproblemen leiden.
Lesen Sie auch: Gehirn-Zusammenarbeit
Ein weiteres wichtiges Aufgabengebiet der rechten Gehirnhälfte ist die räumliche Aufmerksamkeit. Menschen mit einer Schädigung in der rechten Hirnhälfte, meist am Scheitellappen, können einen sogenannten Neglect entwickeln. Dabei wird die linke Hälfte der Welt normal wahrgenommen, aber kaum verarbeitet und deshalb ignoriert. Die rechte Gehirnhälfte ist hauptverantwortlich für einen Großteil der Wahrnehmung von linksseitigen Sinneseindrücken und Bewegung unserer linken Körperhälfte. Daher führt eine Schädigung in der rechten Hirnhälfte zu Beeinträchtigungen in der Aufmerksamkeit für die linke Hälfte der Umwelt, genannt linksseitiger Neglect.
Die linke Gehirnhälfte: Logik und Sprache
Die linke Gehirnhälfte wird traditionell mit logischem Denken, Sprache, Lesen, Rechnen, Regeln, Gesetzen, Konzentration auf einen Punkt, Analyse, Detail, Wissenschaft, Einzelheiten und Zeitempfinden in Verbindung gebracht. Sie soll für das schrittweise Verarbeiten von Informationen, abstraktes Denken, geschriebene und gesprochene Sprache sowie konzentriertes Wahrnehmen zuständig sein.
Wichtige Zentren für die Sprachverarbeitung, wie das Broca- und das Wernicke-Areal, befinden sich bei den meisten Menschen in der linken Gehirnhälfte. Das Broca-Areal ist hauptsächlich für die Sprachproduktion verantwortlich, während das Wernicke-Areal für das Sprachverständnis zuständig ist.
Das Zusammenspiel der Gehirnhälften: Teamwork im Oberstübchen
Obwohl die beiden Gehirnhälften unterschiedliche Aufgaben haben, arbeiten sie eng zusammen und stehen in ständigem Kontakt miteinander. Sie sind in der Mitte durch einen Balken verbunden, der den Informationsaustausch ermöglicht. Viele komplexe Aufgaben gelingen nur dann, wenn sich alle Abteilungen unseres Gehirns vernetzen und ergänzen.
Es gibt also nicht den linken und rechten Gehirntyp in Reinkultur, genauso wenig wie rein auditive oder visuelle Lerntypen. Das Zusammenspiel von rechter und linker Gehirnhälfte ist für uns von großer Bedeutung. Das rechte Zentrum lässt uns erst die volle Bedeutung von Sätzen, nicht nur das Gesagte, sondern das Gemeinte verstehen.
Lesen Sie auch: Mythos und Realität: Geschlechterunterschiede im Gehirn
Die Zusammenarbeit der beiden Gehirnhälften ist entscheidend für kreative Problemlösungen und das Lernen. Durch das Zusammenspiel beider Gehirnhälften können Informationen besser verarbeitet und abgerufen werden.
Mythen und Fakten über die rechte Gehirnhälfte
Um die Aufgaben der rechten Gehirnhälfte ranken sich viele Mythen. Besonders verbreitet ist die Theorie einer "Left-brained" versus "Right-brained" Persönlichkeit. Das meiste davon ist nicht wissenschaftlich fundiert.
Neurowissenschaftler untersuchen funktionelle Asymmetrien der Gehirnhälften, sogenannte Lateralisierungen. Sie messen die Dominanz einer Seite für eine bestimmte Funktion. Beide Gehirnhälften sind immer aktiv, und Gehirntraining von nur einer Hirnhälfte ist ein Mythos.
Es gibt jedoch Hinweise darauf, dass bestimmte Aspekte der Persönlichkeit mit der Aktivität der rechten Gehirnhälfte zusammenhängen könnten. So wurde beispielsweise ein Zusammenhang zwischen einer Dominanz der rechten Hirnhälfte und negativen Emotionen gefunden.
Wie man die Zusammenarbeit der Gehirnhälften fördern kann
Um die Zusammenarbeit und Synchronisation beider Gehirnhälften zu stärken, gibt es verschiedene Möglichkeiten:
Lesen Sie auch: Leben nach einem Schlaganfall der rechten Gehirnhälfte: Therapieansätze
- Multisensorische Aktivitäten: Durchführen von Tätigkeiten, die mehrere Sinne ansprechen und somit beide Gehirnhälften gleichzeitig aktivieren.
- Kinesiologische Übungen: Übungen, die die Koordination zwischen beiden Gehirnhälften verbessern sollen.
- Lernen durch Visualisierung und Assoziation: Verknüpfen von Informationen mit Bildern und Emotionen, um die rechte Gehirnhälfte anzusprechen.
- Mind Maps und andere visuelle Techniken: Verwenden von visuellen Hilfsmitteln, um Informationen ganzheitlich zu verarbeiten und die Zusammenarbeit der Gehirnhälften zu fördern.
- Ausgewogene Ernährung und ausreichend Schlaf: Eine gesunde Lebensweise ist wichtig für die optimale Funktion des Gehirns und die Zusammenarbeit der beiden Gehirnhälften.
Neue Erkenntnisse zur Asymmetrie des Gehirns
Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für Kognitions- und Neurowissenschaften und des Forschungszentrums Jülich haben untersucht, wie sich Asymmetrien entlang von sogenannten funktionellen Gradienten entwickeln, d. h. entlang von Achsen in der Großhirnrinde an der sich die Hirnfunktionen anordnen. Das Ergebnis: Es gibt tatsächlich feine Unterschiede darin, wie Hirnregionen unterschiedlicher Funktionen auf der linken und rechten Seite des Gehirns aufreihen. Auf der linken Seite sind es die Regionen zur Sprachverarbeitung, die sich am weitesten entfernt von denen für Sehen und Wahrnehmung liegen. Auf der rechten Seite befindet sich hingegen das Netzwerk für Aufmerksamkeit und Arbeitsgedächtnis am weitesten entfernt von den sensorischen Regionen.
Zudem zeigte sich: Die individuellen Unterschiede in dieser Anordnung sind vererbbar. Sie sind damit zum Teil genetisch bedingt. Ein Großteil dieser Asymmetrie im menschlichen Gehirn lässt sich hingegen nicht durch genetische Faktoren erklärt werden. Das könnte wiederum darauf hindeuten, dass der durch die persönliche Erfahrung einer Person, also durch Einflüsse aus ihrer Umwelt, geprägt ist.
Der Vergleich mit Makaken brachte schließlich zutage: Das Gehirn des Menschen ist asymmetrischer als das von Affen. "Vermutlich ergibt sich die Asymmetrie unseres Gehirns aus genetischen Faktoren und solchen, die sich aus persönlichen Erfahrungen ergeben", erklärt Bin Wan, Doktorand am Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften und Hauptautor der Studie, die jetzt in der Zeitschrift eLife veröffentlicht wurde. Tatsächlich beobachtete das Forschungsteam bei älteren Menschen eine geringere Rechtsasymmetrie. Das Phänomen könnte sich demnach im Laufe des Lebens verändern.
"Wir wollen verstehen, welche Rolle diese feinen Unterschiede zwischen linker und rechter Hemisphäre spielen und wie sie mit den verschiedenen Entwicklungsstörungen zusammenhängen könnten", erklärt auch Sofie Valk, Leiterin der Studie und der Forschungsgruppe Kognitive Neurogenetik am Max-Planck-Institut. "Wenn wir verstehen, wie Asymmetrie vererbt wird, lässt sich auch besser einschätzen, welche Bedeutung genetische und umweltbedingte Faktoren generell für dieses Phänomen haben. Vielleicht können wir dann herausfinden, wo etwas schiefläuft, wenn genau dieser Unterschied zwischen links und rechts gestört ist."
tags: #rechte #gehirnhalfte #aufgaben