Small-Fiber-Neuropathie: Ursachen, Diagnose, Behandlung und Rentenansprüche

Die Small-Fiber-Neuropathie (SFN) ist eine Erkrankung des peripheren Nervensystems, die oft erst spät erkannt wird und erhebliche Auswirkungen auf das tägliche Leben und das Berufsleben haben kann. Sie betrifft die kleinen, marklosen oder wenig myelinisierten Nervenfasern, die für die Wahrnehmung von Schmerz, Temperatur und autonomen Funktionen zuständig sind. Im Gegensatz zu den "Large Fiber Neuropathien", die die großen peripheren Nervenbahnen betreffen, manifestiert sich die SFN oft mit spezifischen Symptomen und erfordert spezielle diagnostische Verfahren.

Epidemiologie und Auftreten

Valide epidemiologische Daten zur SFN sind noch rar. Die Prävalenz wird auf 10-50/100.000 geschätzt. Meist tritt die Erkrankung ab dem 50. Lebensjahr auf.

Ursachen der Small-Fiber-Neuropathie

Die Ursachen der SFN sind vielfältig und können in verschiedene Kategorien eingeteilt werden:

  • Metabolische Ursachen:
    • Diabetes mellitus: Bei etwa jedem zweiten Patienten mit Diabetes mellitus treten im Laufe des Lebens Nervenschäden auf.
    • Gestörte Glukosetoleranz
    • Hypothyreose
  • Infektionen:
    • HIV-Infektion
    • Hepatitis C
    • Chagas-Krankheit (Erregernachweis Trypanosoma cruzi)
  • Medikamente und Substanzen:
    • Metronidazol
    • Statine
    • Nitrofurantoin
    • Chemotherapeutika
    • Alkoholmissbrauch
  • Autoimmunerkrankungen:
    • Systemischer Lupus erythematodes (SLE)
    • Sjögren-Syndrom
    • Zöliakie (Gliadin-IgG- und IgA-Antikörper, Anti-Endomysium- Antikörper (EMA-IgA))
    • Sarkoidose
  • Hereditäre Ursachen:
    • HSAN II, II, III, IV
    • Erythromelalgie
    • Natriumkanalmutationen (Eventuell genetische Diagnostik)
    • Amyloidose
    • Morbus Fabry (Alpha-Galaktosidase-Aktivität im Blut, GLA-Gentest (Trockenbluttest-insbesondere bei Frauen))
  • Malnutrition:
    • Vitamin B1 oder B12 Mangel
    • Vitamin B6- Überdosierung
  • Paraneoplastische Ursachen:
    • Multiples Myelom
  • Weitere Ursachen:
    • Nach einer Corona-Erkrankung
    • Corona Impfung (wird von einigen Immunologen als möglicher Auslöser angesehen)
    • Borrelien-Infektion (Eliza Suchtest und Western Blot können positiv sein)
    • Idiopathische Polyneuropathie (in vielen Fällen bleibt die genaue Ursache unklar)

Symptome der Small-Fiber-Neuropathie

Die Symptome der SFN können vielfältig sein und variieren von Patient zu Patient. Typische Symptome sind:

  • Schmerzen: Brennende Schmerzen, oft an den Füßen beginnend
  • Sensibilitätsstörungen:
    • Parästhesien (Kribbeln, Taubheitsgefühle) an Füßen und Händen
    • Reduziertes Temperaturempfinden
    • Überempfindlichkeit gegenüber Berührungen
  • Autonome Störungen:
    • Trockene Augen und Mund
    • Veränderungen der Herzfrequenz
    • Verdauungsstörungen
    • Schwindel
  • Erschöpfung: Chronische Erschöpfung (Fatigue-Syndrom), die sowohl die körperliche als auch die geistige Leistungsfähigkeit beeinträchtigen kann.

Diagnose der Small-Fiber-Neuropathie

Die Diagnose der SFN kann eine Herausforderung darstellen, da die Symptome unspezifisch sein können und dieStandard-Nervenleitgeschwindigkeitsmessung (NLG) oft unauffällig ist. Folgende Untersuchungsmethoden können zurDiagnosestellung beitragen:

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  • Neurographie: Unauffällige motorische und sensible Nervenleitgeschwindigkeitsmessung
  • Elektromyografie: Keine Zeichen einer floriden oder chronischen Denervierung
  • Schmerz-assoziierte evozierte Potenziale: Recht hohe Sensitivität
  • Corneale konfokale Mikroskopie:
    • Automatisierte Auswertung
    • Messungen der Nervenfaserlänge, -dichte
    • Vergleichsweise hohe Sensitivität
  • Quantitative sensorische Testung: Quantitative Bestimmung der klinischen Symptomatik (Untersuchung insgesamt wenig sensitiv)
  • Quantitative sudomotor axon reflex testing (QSART): Sehr geringe Sensitivität
  • Laser-evozierte Potentiale:
    • Reizung von A-Delta und C-Fasern
    • Kortikales Potential entspricht A-Delta Faser-Aktivität
  • Hautstanzbiopsie:
    • Messung der IENFD (intraepidermal nerve fiber density)
    • Reduzierte intraepidermale Nervenfasern Dichte bei ca. 80% der Fälle
    • Biopsie am lateralen distalen Unterschenkel oberhalb des Malleolus
    • Wenn möglich Vergleich mit Hautbiopsie an einem proximalen Extremitätenabschnitt
    • Zur differenzialdiagnostischen Abklärung ob längenabhängig oder generalisierte SFN
  • Nervenbiopsie: Zur differenzialdiagnostischen Abklärung (Insbesondere bei V.a. Vaskulitis)
  • Liquordiagnostik: U.a. zur differentialdiagnostischen Abklärung
  • Laboruntersuchungen:
    • Nüchternblutzucker, HbA1c, oraler Glukosetoleranztest
    • GOT, Gamma-GT, CD-Transferrin
    • TSH
    • CRP
    • Vitamin B1 und B6 Spiegel
    • Vitamin B12 Spiegel, evtl. Holotranscobalamin
    • Hepatitis C Virus Antikörper, HIV-Test
    • Immunelektrophorese
    • ANA, RF, ds-DNA-AK, Anti-Sm-Antikörpern, Anti-Ro/SSA , Anti-La/SSB
    • Eventuell genetische Diagnostik (Bei Verdacht auf Natriumkanalmutationen)
    • Alpha-Galaktosidase-Aktivität im Blut, GLA-Gentest (Trockenblusttest-insbesondere bei Frauen)
    • Erregernachweis Trypanosoma cruzi (Blutausstrich (akute Erkrankung) , Antikörpertest (chronische Phase der Erkrankung)
    • Gliadin-IgG- und IgA-Antikörper, Anti-Endomysium- Antikörper (EMA-IgA)

Es ist wichtig zu beachten, dass ein unauffälliger Hautinnervationsstatus eine SFN nicht immer ausschließt.

Behandlung der Small-Fiber-Neuropathie

Die Behandlung der SFN zielt in erster Linie auf die Linderung der Symptome und die Behandlung der zugrunde liegenden Ursache ab.

  • Behandlung der Grunderkrankung: Bei Diabetes mellitus ist eine optimale Blutzuckereinstellung unerlässlich. Bei Alkoholismus ist eine sofortige, lebenslange Abstinenz angezeigt.
  • Medikamentöse Schmerztherapie:
    • Klassische Schmerzmittel sind bei Polyneuropathie oft nur schlecht wirksam.
    • Antidepressiva und Antikonvulsiva können neuropathische Schmerzen lindern.
    • In schweren Fällen können Opioide in Betracht gezogen werden.
    • Schmerzpflaster mit hochdosiertem Capsaicin oder Lidocain können bei lokalisierten Beschwerden helfen.
    • Medizinisches Cannabis kann bei chronischen neuropathischen Schmerzen eingesetzt werden, wird aber kontrovers diskutiert.
  • Nicht-medikamentöse Therapien:
    • Physiotherapie kann bei motorischen Einschränkungen und Gangunsicherheit helfen.
    • Transkutane Elektrostimulation (TENS) kann bei starken neuropathischen Schmerzen eingesetzt werden.
  • Weitere Maßnahmen:
    • Regelmäßige Bewegung kann neuropathische Beschwerden lindern und die Regeneration der Nerven anregen.
    • Tägliche Fußpflege ist bei Sensibilitätsstörungen unverzichtbar.
    • Geeignetes Schuhwerk tragen, um Verletzungen vorzubeugen.

Verlauf und Prognose

Der Verlauf der SFN ist variabel und hängt von der Ursache und der Wirksamkeit der Behandlung ab. In vielen Fällen ist die SFN chronisch und begleitet die Betroffenen über einen langen Zeitraum. Eine Rückbildung ist möglich, wenn die Grunderkrankung erfolgreich behandelt werden kann. Es ist wichtig, zu beachten, dass die Diagnose im Verlauf erneut überprüft werden sollte.

Small Fiber Neuropathie und Berufsunfähigkeit

Die SFN kann erhebliche Auswirkungen auf die Berufsfähigkeit haben. Taube Füße, brennende Schmerzen und ständige Erschöpfung können den Arbeitsalltag zur Herausforderung machen. In Berufen mit körperlicher Belastung oder solchen, die ein hohes Maß an Feinmotorik erfordern, kann eine SFN zu einer Berufsunfähigkeit führen.

Wann liegt Berufsunfähigkeit vor?

Eine Berufsunfähigkeit liegt vor, wenn die betroffene Person aufgrund der SFN ihren zuletzt ausgeübten Beruf zu mindestens 50 % nicht mehr ausüben kann. Dies muss durch ärztliche Gutachten und funktionelle Tests nachgewiesen werden.

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Ansprüche bei Berufsunfähigkeit

Wenn eine Berufsunfähigkeitsversicherung abgeschlossen wurde, kann ein Anspruch auf Berufsunfähigkeitsrente bestehen. Es ist wichtig, alle Berichte und Unterlagen der behandelnden Ärzte sorgfältig aufzubewahren, um die Chancen auf eine Rentenzahlung zu erhöhen.

Herausforderungen bei der Anerkennung

Die Anerkennung einer Berufsunfähigkeit aufgrund von SFN kann schwierig sein, da die Symptome oft subjektiv sind und sich nicht immer objektiv messen lassen. Versicherungen verlangen oft klare Beweise, obwohl es für chronische Erschöpfung und Fatigue bisher keine standardisierten Test-, Labor- oder Bildgebungsverfahren gibt.

Rechtliche Unterstützung

Es ist ratsam, sich bei der Beantragung einer Berufsunfähigkeitsrente von einem auf Versicherungsrecht spezialisierten Anwalt unterstützen zu lassen. Dieser kann helfen, die medizinischen Unterlagen korrekt aufzubereiten und die Ansprüche gegenüber der Versicherung durchzusetzen.

Pflegegrad bei Small Fiber Neuropathie

Falls Betroffene feststellen, dass sie oder ihre Angehörigen im Alltag zunehmend Unterstützung benötigen, besteht möglicherweise Anspruch auf einen Pflegegrad. Damit stehen verschiedene Leistungen der Pflegeversicherung zu.

Selbsthilfe und Unterstützung

Für Menschen mit SFN gibt es verschiedene Möglichkeiten der Selbsthilfe und Unterstützung:

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  • Selbsthilfegruppen: Hier können sich Betroffene mit anderen austauschen und praktische Tipps für den Alltag erhalten.
  • Ernährung: Eine ausgewogene Ernährung kann den Körper mit allen essenziellen Vitaminen und Nährstoffen versorgen.
  • Bewegung: Regelmäßige Bewegung kann neuropathische Beschwerden lindern und die Regeneration der Nerven anregen.
  • Fußpflege: Bei Sensibilitätsstörungen ist eine tägliche Fußpflege unverzichtbar.
  • Hilfsmittel: Verschiedene Hilfsmittel können das Leben mit Polyneuropathie erleichtern.
  • Schwerbehindertenausweis: Bei erheblichen Beeinträchtigungen kann Anspruch auf einen Schwerbehindertenausweis bestehen.

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